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Daten für die Ewigkeit

Das Internet vergisst nie. Bits and Bytes sind für immer. Irrtum! Papier ist haltbarer als jede Festplatte - aber leider unhandlich.




- Papier ist geduldig, so sagt man zu Recht. Ein Blatt hält 70 bis 100 Jahre, ist es säurefrei, sogar mehrere Hundert Jahre. Es ist jederzeit lesbar, ganz ohne Hilfsmittel - wenn man es findet.

Wie aber ist es mit digitalen Daten? Die durchschnittliche Lebensdauer einer selbst gebrannten CD beträgt fünf bis zehn Jahre. Die meisten Disketten haben bereits nach ein bis zwei Jahren erste Lesefehler; Festplatten halten zwei bis zehn Jahre lang. Wer digitale Daten erhalten will, muss sie regelmäßig auf neue Speichermedien umkopieren. Und er muss dafür sorgen, dass die Datenformate noch lesbar sind. Sonst ergeht es dem Computerspiel für den Commodore 64 oder der Seminararbeit auf dem Atari-Computer ebenso wie der Musikkassette oder dem Lieblingsfilm auf VHS: Sie sind Relikte aus einer anderen Epoche.

Systemwechsel bedeuten Informationsverlust. Das war schon immer so. Ab dem vierten Jahrhundert wurde das Medium Papyrus, das in Rollen beschrieben wurde, vom Pergament abgelöst. Mönche kopierten die Papyrus-Rollen auf sogenannte Pergamentkodices - die Vorläufer des modernen Buches. Was nicht übertragen wurde, ging verloren. Große Teile des Wissens der griechischen und römischen Antike blieben so auf der Strecke.

Heute ändern sich Speichermedien viel schneller und stellen beispielsweise Unternehmer vor Probleme, die verpflichtet sind, ihre Geschäftsunterlagen zehn Jahre lang aufzubewahren. Die Dokumente müssen unverfälscht, unveränderbar und lesbar vorliegen. So steht es im Handelsgesetzbuch. Liegen Rechnungen in digitaler Form vor, müssen sie auch nach zehn Jahren noch maschinell les-, sortier- und selektierbar sein. Daneben gibt es spezielle Aufbewahrungspflichten für die öffentliche Verwaltung, Pharmaforschung oder Krankenhäuser. Patientenakten müssen unter Umständen bis zu 30 Jahre aufbewahrt werden. Manche Firmen sammeln ihre Daten sogar noch länger. Banken und Versicherungen sind darauf angewiesen, ihre Daten über viele Jahrzehnte verfügbar zu halten.

Die Firma Dataport (rund 1600 Mitarbeiter, 270 Millionen Euro Umsatz) ist ein Dienstleister für Behörden in Norddeutschland. Sie bearbeitet die unterschiedlichen Daten so, dass sie langfristig gesichert werden können. Allein das wöchentliche Back-up aller Haushaltsdaten der Stadt Hamburg dauert 17 Stunden. Dazu werden sämtliche Informationen auf Magnetbänder geschrieben. Und dies zur Sicherheit gleich doppelt.

Während Dataport mit neuester Software arbeitet, stecken in manchem Behörden-Rechner noch Programmteile, die in Cobol geschrieben wurden - einer Programmiersprache aus den sechziger Jahren. "Einzelne Programmteile verändern sich oft nicht", sagt Holger Förster, Sprecher bei Dataport. "Also belässt man sie aus wirtschaftlichen Gründen so, wie sie sind." Alles kein Problem, solange man im Fall des Falles einen altgedienten Programmierer findet, der die alte Sprache noch beherrscht.

Auch in der Hamburger Verwaltung spielt Cobol noch eine Rolle, wenn auch eine "sehr untergeordnete", wie Jörn Riedel, Abteilungsleiter E-Government und IT-Steuerung, betont. "Die Anwendungen, die noch größere Cobol-Teile haben, werden in den nächsten Jahren abgelöst. Die absehbaren Personalengpässe sind zwar nicht der Grund dafür, aber es ist ein willkommener Nebenaspekt, dass wir damit auch dieses Problem lösen."

Bei Riedel werden die Daten auf speziellen Festplattensystemen gespeichert - in zwei identischen, voneinander durch Brandschutzmauern getrennten Räumen, die Hochofentemperaturen widerstehen können. Um sich zusätzlich vor dem Risiko der Zerstörung des gesamten Gebäudes zu schützen, werden die Daten je nach Wichtigkeit in regelmäßigen Abständen auf Magnetbändern gesichert und anderswo gelagert.

Alle Schreiben, die Behörden bekommen, müssen schon aus rechtlichen Gründen auch weiterhin archiviert werden. Der Nachteil von Papier: Es kann leicht durch Feuer oder Wasser vernichtet werden, und es ist unauffindbar, wenn es nicht dort abgelegt wird, wo es hingehört. "Die Akte ist dann zwar da", sagt Riedel, "aber zwischen einigen Hunderttausend anderen Akten nicht mehr auffindbar. Man kann über Regale eben keine Volltextsuche machen."

Der Nasa-Effekt

Der amerikanische Astronom Clifford Stoll beschrieb ähnliche Erfahrungen 1996 in seinem Buch "Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der Datenautobahn". Mitte der Neunziger waren bei der Nasa rund 1,2 Millionen Magnetbänder aus 30 Jahren Raumfahrt nicht mehr benutzbar. Entweder fehlten die Lesegeräte oder die Beschriftung der Bänder war so mangelhaft, dass sich die Daten nicht mehr zuordnen ließen. Seitdem wird diese Form der Amnesie als Nasa-Effekt bezeichnet.

Wer Daten sichern will, muss penibel mit ihnen umgehen. Spätestens alle fünf Jahre müssen sie umkopiert und an neue Systeme angepasst werden. Das passiert in den Rechenzentren der Großunternehmen vollautomatisch. In diese Daten-Biotope dringt kein Sonnenlicht, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 35 bis 45 Prozent, die Raumtemperatur bei 17 Grad. Kein Mensch ist zu sehen. Stattdessen Roboter und Regale mit Magnetbändern.

Im Rechenzentrum der Munich Re (früher Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft) kennen die Roboter jedes Band. Sie wissen, wann es erstellt wurde und welchen Datenumfang es hat. Normalerweise hält eines rund 30 Jahre. Enthält es aber sensible Daten und ist älter als ein halbes Jahr, wird es vorsorglich ausgetauscht. Der Roboter kopiert sie in einem Laufwerk, vergibt eine neue Registriernummer und speichert das Erstellungsdatum, bevor er das neue Band zurück ins Regal stellt.

Jede einzelne Information ist auf drei Magnetbändern und zwei Festplatten gespeichert. Die gesamte Datenmenge beträgt netto - also ohne die Sicherungskopien - 1,2 Petabyte. Dazu gehören auch Daten, die weit vor der Digitalisierung gesammelt wurden. Bis ins Jahr 1917 reichen die Archive zurück. Alte Dokumente werden gescannt, und ihr Inhalt wird mit spezieller Software auslesbar und damit indexierbar gemacht.

Herr über die Roboter ist Andreas Thomé, IT-Leiter bei Munich Re. Die Großrechner hat er im Jahr 2000 abgeschafft: zu groß, zu teuer, zu unflexibel. Stattdessen setzt er auf viele kleine, standardisierte Server und auf Papier - wenn auch nur im Tagesbetrieb. "Das papierlose Büro gibt es in der Praxis nicht", sagt er. Noch nicht.

Auch bei der Allianz spielt Papier noch eine gewaltige Rolle. Rund 500 Millionen Blatt verschickt der Konzern pro Jahr allein an seine deutschen Kunden. Denn viele Unterlagen, zum Beispiel Versicherungspolicen, sind per Gesetz noch an die Papierform gebunden. Daneben betreibt das Unternehmen in der Nähe Münchens eines der größten Rechenzentren Europas. Verantwortlich für diesen unterirdischen Hochsicherheitstrakt ist Martin Elspermann. Der hat es "mit jedem erdenklichen Dateiformat zu tun, welches Sie sich nur vorstellen können". Angefangen von normalen Office-Dateien bis hin zu Spezialformaten. "Nur Tonscherben finden Sie bei uns nicht."

Informationen über Kunden, die von den Mitarbeitern ständig nachgefragt werden, sind auf schnellen, internen Festplatten jederzeit abrufbar. Weniger gefragte werden auf langsamere, externe Plattensysteme exportiert. Und solche, für die sich schon sehr lange niemand mehr interessiert hat, werden auf Magnetbändern gespeichert und ausgelagert. Druckte man die gesamte Datenmenge aus, könnte man "locker die Bayerische Staatsbibliothek in München damit füllen", sagt Elspermann.

Was der ganze Aufwand kostet, will er nicht verraten. Auch nicht den genauen Standort des einstigen Atombunkers, in dem die Allianz ihre Sicherungskopien verwahrt.

Einen für ein fernes Zeitalter bestimmten Datenspeicher legte die "New York Times" an. Zur Jahrtausendwende wurde die "Zeitkapsel" verschlossen. Sie steht im American Museum of Natural History und soll erst im Jahr 3000 wieder geöffnet werden. In ihr befinden sich unter anderem die Millenniumsausgaben des "New York Times Magazine".

Eigentlich wollte man die Hefte auf CD und Mikrochip hinterlegen, entschied sich aufgrund der kurzen Lebensdauer dieser Speichermedien aber für eine sogenannte HD-Rosetta-Diskette. Das ist eine Nickelplatte, in die Informationen mit einem Ionenstrahl geritzt werden. 90 000 Text- und Bildseiten passen auf eine einzige Platte von der Größe eines Weihnachtsplätzchens. Mit einem einfachen Mikroskop soll die Information lesbar sein.

Aber selbst hier gibt es eine Sicherungskopie fast wie zu Gutenbergs Zeiten: einen Sonderdruck auf säurefreiem Papier.-