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Das Pferd des kleinen Mannes

Segway ist der Name eines ebenso skurrilen wie praktischen Elektro-Rollers. Der musste in seiner kurzen Geschichte vor allem eines beweisen: Stehvermögen.




• Manchmal kommt es ganz unglücklich. Noch Mitte September betont Reinhold Eder, der jugendlich wirkende Deutschland-Chef von Segway, in der Firmenzentrale im bayerischen Deggendorf, dass der Elektro-Roller noch nie in einen ernsthaften Unfall verwickelt gewesen sei. Keine zwei Wochen später stürzt ausgerechnet James Heselden mit seinem Segway von einer mehr als neun Meter hohen Klippe in den Fluss Wharfe in Yorkshire und stirbt. Der Brite war Eigentümer des Unternehmens.

Für Eder ist das ein schwerer Schlag. Nachdem er sich gefasst hat, versichert der 43-Jährige, dass es für ihn wie gewohnt weitergehe, da Heselden mit dem operativen Geschäft nichts zu tun hatte. Dessen Unfall ist der vorläufige Tiefpunkt in der Firmengeschichte. Auf die Welt kam der Segway – der allein durch Verlagern des Körpergewichts gesteuert, beschleunigt und gebremst wird – 2001 mit großem Bohei. Das E-Mobil, kündigte sein Erfinder Dean Kamen damals an, werde das Auto verdrängen, so wie früher die Pferdekutsche abgelöst worden sei.

Das war stark übertrieben und hat auch mit den Hürden zu tun, die das entfernt an einen römischen Streitwagen erinnernde Fahrzeug nehmen musste. In Deutschland dauerte es allein viereinhalb Jahre bis zur bundesweiten Zulassung. Eder reiste durchs ganze Land, um bei Behörden Überzeugungsarbeit zu leisten. "Wir haben es jedem vorgeführt – ob er es wollte oder nicht." Hilfreich war die saarländische Polizei. Denn die Beamten stellten – nachdem sie sich für einen Feldversuch erst einmal auf die bis zu 20 km/h schnellen und sehr wendigen Segways gewagt hatten – fest, dass sie damit dreimal schneller patrouillieren können als zu Fuß. Dank des Podestes, auf dem sie stehen, haben sie zudem noch einen besseren Überblick. Mittlerweile nutzen auch private Sicherheitsdienste und andere gewerbliche Kunden den Roller, den jeder fahren darf, der einen Mofaführerschein hat.

Allerdings ist er nur für wenige erschwinglich. Der 45 Kilo schwere Segway mit eingebauten Kreiselinstrumenten, die hundertmal pro Sekunde die Position von Gefährt und Fahrer bestimmen und Schräglagen durch elektronisch gesteuerte Radbewegungen ausgleichen, kostet mit rund 8000 Euro so viel wie ein Kleinwagen. Statt einer Alternative zum Auto ist er eher ein Spielzeug für Leute, die es sich leisten können, etwa die TV-Moderatoren Kai Pflaume und Sonja Zietlow, wie Eder stolz berichtet.

Er setzt denn auch auf die Nische – und Multiplikatoren, die den Roller populär machen: Wer einmal darauf losdüst, will nicht so schnell wieder runter. So gibt es mittlerweile sohlenschonende Stadtführungen per Segway. Die intuitive Bedienung ohne irgendwelche Knöpfe oder Schalter lässt sich in kürzester Zeit erlernen – "auch von alten oder geheingeschränkten Menschen, die damit wieder mobil werden", wie Eder betont. Der Vollblutverkäufer rechnet noch vor, wie sparsam das E-Mobil sei: "Nur 50 Cent Stromverbrauch auf 100 Kilometer!" Ein echtes Pferd kommt im Unterhalt erheblich teurer - weshalb es mittlerweile tatsächlich schon fünf Segway-Polo-Clubs in Deutschland gibt. •

Dean Kamen, der Vater des Segway, ist eine Art Daniel Düsentrieb in natura. Der Amerikaner hält mehr als 440 Patente weltweit und erfindet am laufenden Band nützliche Dinge, unter anderem einen Rollstuhl, der Treppen erklimmen und seinen Fahrer auf Augenhöhe mit Gehenden heben kann. Die Technik dieses sogenannten iBot ist die Grundlage für den Segway. Seine Entwicklung verschlingt mehr als 100 Millionen Dollar Risikokapital und wird von Unternehmern wie dem Apple-Chef Steve Jobs unterstützt. Am 3. Dezember 2001 wird der Steh-Roller erstmals in einer US-Fernseh-Show vorgeführt und seitdem von Segway inc. in New Hamsphire produziert. Der Name ist an das italienische Wort segue angelehnt, das so viel wie "es folgt" bedeutet. Im Dezember 2009 kauft der britische Unternehmer James Heselden Segway. Nach seinem Unfalltod am 26. September dieses Jahres gibt es offenbar bereits Interesse anderer potenzieller Investoren. Der Segway ist zwar noch kein großer Markterfolg - aber allemal ein aufregendes und sogar nützliches Spielzeug. Segway Deutschland Umsatz 2009: 4,8 Millionen Euro; Mitarbeiter 19, Zahl der hier verkauften Geräte: 1000, davon Privatkunden: etwa 5 Prozent