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Zwölf Uhr nachts

Alles, was einen Wert hat, wird gestohlen. Auch Pferde. Aber von wem? Eine Spurensuche.




"Merkwürdig. Wenn Ihr rotes Haar hättet, würde ich sagen, Ihr seid der Pferdedieb Stealing Fox. Aber der wurde ja erwischt und gehängt." Old Surehand in dem Film "Unter Geiern" (Karl May) Der Pferdedieb von heute

Es ist eine helle Mondnacht Ende Mai. Im schwäbischen Gruibingen hält ein Fahrzeug mit Pferdeanhänger hinter einem alten Geräteschuppen, sodass es von der nahen A8 München-Stuttgart nicht zu sehen ist. Mit der Zange durchtrennt jemand den Draht der Pferdekoppel und führt die Kaltblüter Alfred und Donja durch das hohe Gras zu dem Wagen. Kurz darauf biegt das Fahrzeug auf die Landesstraße 1213.

Tatzeit, laut Polizei: zwischen 18.45 Uhr und 7.30 Uhr. Eine der wenigen Spuren ist eine Eisenstange des Anhängers, welche der oder die Täter haben liegen lassen. "Sie waren wohl sehr nervös", sagt Elmar Schulz, der Eigner der Pferde.

Weitere Anhaltspunkte? "Auf jeden Fall jemand, der sich auskennt", sagt Rudi Bauer von der zuständigen Polizeidirektion Göppingen. Mann oder Frau? "In dem Fall muss ich passen. Es kann ein Mann oder eine Frau gewesen sein."

Pferdediebe. Früher stahlen sie den wichtigsten Helfer des Landwirts. Im Wilden Westen wurden sie, der Legende nach, sofort am nächsten Baum aufgehängt, wie Stealing Fox in Karl Mays Romanverfilmung "Unter Geiern". Heute herrschen zwar Gesetz und Ordnung, doch für Pferdediebstahl drohen immer noch empfindliche Strafen. Die Täter klauen die Tiere meistens, um sie zu verkaufen - entweder an Reiter oder an Metzger. 351 Fälle von "Großviehdiebstahl" verzeichnete das Bundeskriminalamt im Jahr 2008. Darunter fallen Rinder und Pferde. Wie hoch die Schadenssumme ist, rechnet der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft nicht aus. Aber eine Frage bleibt: Wer stiehlt Pferde?

Der Pferdedieb ist ein Landbursche

Wer in Hamburg, Berlin oder Frankfurt lebt, kommt kaum auf die Idee, ein Pferd zu stehlen. Er müsste die Stadt nämlich verlassen, um überhaupt eines zu finden. Und hätte er es erfolgreich von der Koppel gelockt, wüsste er nicht, wohin damit. Im Stadtpark kann kein Pferd lange unentdeckt grasen. Damit ist klar: Der Pferdedieb lebt auf dem Land. Nach erfolgreichem Raubzug hat er einen Ort, wo er das Ross unterstellen kann. Im Falle der Kaltblüter Alfred und Donja kann das nur ein Bauernhof sein.

Gleich nachdem er den Diebstahl bemerkt hatte, wurde Elmar Schulz aktiv. Er schaltete Anzeigen in der "Nürtinger Zeitung", im "Teckboten", in der "Eßlinger Zeitung", in der "Pferdebörse", im Internet. Gut 30 Anrufe mit Hinweisen erhielt er daraufhin, aber niemand hatte die Pferde gesehen. Sollten die Tiere in einem Reitstall auftauchen, würden sie sofort erkannt. Also müssten sie auf einem Bauernhof oder in einer abgelegenen Scheune versteckt sein. Einen Bauern, der zwei gestohlene Pferde ohne viel zu fragen in Pension nimmt, muss man allerdings erst einmal finden. Oder man muss der Bauer selbst sein.

Der Pferdedieb kann mit Tieren umgehen

Das Pferd ist ein ängstliches Tier. Zwar ist es sehr groß, Alfred und Donja haben ein Stockmaß von 168 und 165 Zentimeter, aber trotzdem hat das Pferd gehörigen Respekt vor Menschen. Klettert ein Fremder über den Zaun seiner Weide, kann es durchaus sein, dass es stehen bleibt. Weder verteidigt es sein Revier, noch flüchtet es. "So was muss man wissen", sagt Rudi Bauer von der Polizeidirektion Göppingen. Nur das Halfter lassen sich die Tiere nicht immer ganz freiwillig umlegen. Dazu braucht der Pferdedieb Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Noch unwilliger sind die Tiere, wenn sie in den Anhänger getrieben werden. Das schafft ein Mensch nur schwer allein, weshalb der Verdacht naheliegt, dass mindestens zwei Diebe sich Alfred und Donja geholt haben.

Ist das Pferd erst einmal verladen, fängt der Ärger für die Diebe richtig an. "Ich muss mir gut überlegt haben: Was will ich mit dem Tier tun, wenn ich es habe?", sagt der Polizist Bauer. "War es eine Vorbestellung? Oder muss ich noch einen Käufer suchen?" Doch schon an der Auswahl der Tiere zeigt sich, dass der Dieb ein Pferdenarr sein muss. Er weiß genau, welches Tier zu stehlen sich lohnt.

Deshalb steigt er auch nicht in eine Lagerhalle oder Fabrikantenvilla ein. Der Pferdedieb lebt auf dem Land, und auf dem Land gibt es - Pferde. Er kann mit ihnen umgehen, er kennt ihren Wert, und er kennt Käufer. Eine Lastwagenladung Flachbildschirme mag einen höheren Verkaufswert bei Hehlern haben. Aber wo soll er sie herkriegen? Und dann auch noch loswerden? "So jemand macht eben das, was er kann", sagt der Polizist Bauer. Und das ist nicht viel: einen Zaun durchschneiden, ein Pferd verladen - und Auto fahren.

Der Pferdedieb hat einen Führerschein

Und nicht nur das. "Ist er jünger, hat er auch einen Führerschein für Anhänger", klärt die Polizei auf. Selbstverständlich kann er auch ohne Führerschein fahren. Aber das würde sein Risiko erhöhen. In der Tatnacht, als Alfred und Donja gestohlen wurden, sah ein Zeuge einen roten VW-Bus mit Esslinger Kennzeichen und Pferdeanhänger auf der Landesstraße 1213, in der Nähe des Tatortes. Der Wagen fiel dem Zeugen auf, da in dem Anhänger Licht brannte und das Gespann an einer Stelle, wo 70 km/h erlaubt waren, nur 40 fuhr. Womöglich hat er sich über den Trödler geärgert. Aber seltsam kam es ihm doch vor: "Was macht ein Esslinger mit Pferdeanhänger hier mitten in der Nacht?", dachte sich der Mann. Als der Zeuge Tage später die von Schulz geschalteten Anzeigen in der Zeitung sah, war er sich sicher: Mit dem VW-Bus war etwas faul. Die "Geislinger Zeitung" titelte: "Erste Spur führt in Kreis Esslingen." Aber es muss eingewandt werden: Nur weil jemand auf einer Landstraße dahinschleicht, ist er noch lange kein Pferdedieb.

Auch der Besitz eines Anhängers ist noch kein Indiz, dass er für gesetzeswidrige Ausfahrten genutzt wird. Aber: ohne Anhänger kein Diebstahl. Der Übeltäter muss also wissen, wo er ein Fahrzeug mit Anhängerkupplung findet, das ausreichend motorisiert ist, um ein Gespann mit zwei Tieren zu ziehen, die zusammen gut anderthalb Tonnen wiegen. Wenn er einen solchen Lastzug einmal hat, muss er es nicht bei Pferden belassen.

Der Pferdedieb klaut alles, was vier Beine hat

Zurzeit gehen vor allem Schafe. Im Landkreis Oldenburg wurden im Jahr 2010 bislang zwei Pferde und eine Kuh gestohlen. Zwischen Februar und November 2009 aber 107 Schafe. "Und alle im Nordbereich, weshalb wir davon ausgehen, dass es sich bei dieser Serie um organisierten Diebstahl handelt", heißt es bei der dortigen Polizei. Immer wieder haben die Räuber zugeschlagen. Haben sich mal 25, mal 13, mal 3, mal 44, mal 14 Schafe geschnappt. In Ingolstadt wurden im Ortsteil Oberhaunstadt im Oktober vergangenen Jahres ebenfalls 25 Schafe entwendet. "Vielleicht bringt er sie zum Metzger. Vielleicht steckt er sie in seine eigene Herde. Wir können da nur spekulieren", heißt es bei der Polizei. Der Schaden ist überschaubar, er beläuft sich auf 4800 Euro für die 25 Tiere.

Der Pferdedieb kann nicht rechnen

Was beim Schafsdieb offensichtlich ist, gilt auch für den Pferdedieb: Seine Tätigkeit lohnt sich nicht. Elmar Schulz erhielt einen Hinweis, dass in Duisburg-Rheinhausen zwei schwarze Kaltblüter zum Verkauf angeboten wurden. Sollte es sich dabei um Alfred und Donja handeln, wäre der Dieb 465 Kilometer weit gefahren. Das kostet Sprit und Zeit. Die beiden Pferde von Schulz sind zusammen zwischen 10 000 und 15 000 Euro wert. Verkaufen kann man sie ohne den Pferdepass, den jedes Tier hat, aber höchstens für 5000 Euro. Macht bei zwei Tätern 2500 Euro pro Kopf, abzüglich Spesen. Doch das Risiko, erwischt zu werden, ist hoch. Pferdefreunde sind eine verschworene Gemeinde, der es sofort auffällt, wenn ein Tier, das in der "Pferdebörse" als gestohlen inseriert wurde, in einem Stall auftaucht. Die vielen Anzeigen von Schulz machen Alfred und Donja praktisch unverkäuflich.

Bleibt also nur noch: der Metzger. Und der ist nicht gerade großzügig. 800 Kilo wiegt ein Pferd, das Kilo Lebendfleisch wird mit 2,50 Euro gehandelt. Macht zusammen maximal 4000 Euro, was mit Alfred und Donja nicht zu erzielen sein wird: Sie sind schon 13 Jahre alt und damit keine Delikatesse mehr. Erschwerend kommt hinzu, dass sich der Metzger strafbar machen würde, wenn er Alfred und Donja zu Salami verwurstete. Ein Schlachtpferd muss in seinem Pass den Eintrag haben: "Zur Schlachtung freigegeben." Fehlen Pass oder Stempel, darf der Metzger nicht das Messer wetzen. Tut er es trotzdem, handelt er grob fahrlässig, da er nicht weiß, was für Impfungen oder Medikamente das Pferd verabreicht bekommen hat. Im schlimmsten Fall vergiftet er seine Kunden. Ist er seriös, meldet er daher jeden, der ihm ein Pferd ohne Papiere anbietet, der Polizei.

Der Pferdedieb lebt riskant

Zwar droht dem Pferdedieb heutzutage nicht mehr der Strick, wie Stealing Fox. Aber er hinterlässt Spuren. Hinter dem Schuppen an der Koppel von Elmar Schulz fand die Polizei Reifenabdrücke. Zeugen, die glauben, etwas gesehen zu haben, meldeten sich. Bei der Polizei rief eine Frau an, die ihren Namen nicht nannte, aber Tipps zu den Pferden gab. Doch der wachhabende Beamte war wohl in Gedanken gerade sehr weit weg, als er zum Hörer griff. Daher druckte anderntags die "Geislinger Zeitung" unter der Überschrift "Bitte noch einmal melden" folgende Meldung: "Die Polizei in Geislingen bittet unabhängig vom allgemeinen Zeugenaufruf darum, dass sich eine junge Frau noch einmal meldet. Gegen elf Uhr hatte sich die Anruferin gestern telefonisch, aber anonym beim Polizeiposten in Altenstadt gemeldet und mit weinerlicher Stimme einen Hinweis zum Pferdediebstahl gegeben. Ihr erster Hinweis hat nicht richtig weitergeholfen."

Der Pferdedieb entwischt trotzdem

Selbst bei hellwachen Wachtmeistern hat der Pferdedieb eine gute Chance, davonzukommen. Denn sein Metier wird von den Beamten nicht wirklich als Bedrohung für die Allgemeinheit wahrgenommen. Keine Sonderkomission heftet sich einem Pferdedieb an die Fersen. Es sind in der Regel die Beamten der lokalen Polizeistation, die in solchen Fällen ermitteln. Und auf deren Schreibtischen stapeln sich die Fälle: Wohnungseinbruch, Autounfall, Geschwindigkeitsübertretung. Irgendwo in dem Stapel findet sich dann auch die Akte von Alfred und Donja. Daher helfen auch die Reifenspuren hinter dem Geräteschuppen nicht weiter. Reifen werden in Serie zu Tausenden hergestellt. Die Beamten können kaum jedes Fahrzeug, das einen bestimmten Reifen aufgezogen hat, anhalten, weil ein Pferd gestohlen wurde.

Am Ende ist ein Pferdediebstahl für die Polizei eine Lappalie: weil die Beamten in Urlaub fahren. Weil sie während der Fußball-Weltmeisterschaft beim Public Viewing alle Hände voll zu tun haben. Weil es schwerere Straftaten aufzuklären gilt. Etwa Traktor- und Maschinendiebstahl.

Auch solche Dinge werden gestohlen. In Niedersachsen sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres schon neun Schlepper und 54 landwirtschaftliche Maschinen verschwunden. Der Schaden geht in die Millionen. Die Polizei ermittelt. Und fahndet nach dem Traktordieb. -