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Wollen wir sie reinlassen?

Knapp sieben Millionen Ausländer leben in Deutschland, und mehr werden es voraussichtlich nicht. Wie denn auch: Die Bundesregierung hält die Schotten dicht. Mit fatalen Folgen.




• Es gibt Ereignisse, die in ihrer Unausweichlichkeit fatal an Weihnachten erinnern. Lange wähnt man sie in weiter Ferne. Irgendwann mal wird man sich darum kümmern. Man schiebt sie vorerst beiseite. Und plötzlich sind sie da.

Der demografische Wandel ist ein solches Phänomen. Jahrelang interessierte er bis auf Wissenschaftler kaum jemanden, schließlich spielte er scheinbar im Überübermorgen.

Jetzt ist er da. Der Arbeitgeberverband Pflege meldet 50 000 fehlende Fachbetreuer. Der Hightech-Verband Bitkom vermisst 20 000 IT-Experten. Binnen fünf Jahren, so die Autoren einer McKinsey-Studie, werde sich der Arbeitskräftemangel massiv und auf weitere Branchen ausdehnen. Wenn sich ab 2015 die ersten Babyboomer zur Ruhe setzen, werden deutsche Firmen erstmals mehr Stellen anbieten, als sie besetzen können.

Bis 2050, so das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, dürfte Deutschlands Bevölkerung um elf bis zwölf Millionen Bundesbürger schrumpfen – ein Rückgang, vergleichbar mit der Entvölkerung der zwölf größten deutschen Städte.

Das ist, global gesehen, alles andere als tragisch. Aber für die Deutschen wird es teuer und schmerzhaft. "Der demografische Wandel bedeutet einen Anpassungsprozess, wie wir ihn noch nie erlebt haben", warnt Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts. "Abwenden lässt er sich nicht mehr, höchstens noch abmildern. Und zwar durch massive Zuwanderung." Allein um zu verhindern, dass die Bevölkerung um mehr als zwölf Millionen zusammenschnurrt, müssten bis zu 200 000 Zuwanderer jährlich nach Deutschland kommen, und zwar ab sofort.

Paradoxerweise geschieht genau das Gegenteil. Das neue Zuwanderungsgesetz von 2005 hat Immigration nicht gefördert, sondern gedrosselt. Die Niederlassungserlaubnis für Hochqualifizierte etwa, die High Potentials das Kommen erleichtern sollte, haben im vorigen Jahr nur 689 (in Worten: sechshundertneunundachtzig) Ausländer genutzt. Zugleich aber haben 160 000 meist gut ausgebildete Deutsche ihrer Heimat den Rücken gekehrt. In den vergangenen zwei Jahren ist die Bundesrepublik damit zum Netto-Abwanderungsland abgestiegen: Es gehen mehr Menschen weg, als neue von draußen hinzukommen. Auch weil ihnen das Heimischwerden nach wie vor schwer gemacht wird.

"Die Angst, überrannt zu werden, ist in Deutschland einfach immer noch übergroß", sagt Klingholz. Vor zwei Jahren blockierte der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble eine Zuwanderungsinitiative der EU mit dem Hinweis, die Wirtschaft solle erst einmal unter den "drei Millionen Arbeitslosen jene Arbeitskräfte finden, die sie braucht". Und die Green-Card-Aktion der Bundesregierung von Gerhard Schröder – ein erster, zaghafter Versuch, die Grenzen einen Spaltbreit zu öffnen - kartätschte der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers mit der populistischen Parole "Kinder statt Inder" nieder.

Dummerweise liegt die durchschnittliche Geburtenrate in Deutschland seit den siebziger Jahren nahezu konstant bei 1,4 Kindern pro Frau. Das bedeutet: Ungeachtet aller Vermehrungsprämien schrumpft die Nation auf biologischem Wege weiter. Und die drei Millionen Arbeitslosen könnten nur spürbar zur Linderung des Fachkräftemangels beitragen, wenn es sich dabei um ein quantitatives und nicht um ein qualitatives Problem handelte.

Dabei hat die deutsche Einwanderungspolitik selbst dafür gesorgt, dass unter den Erwerbslosen heute überdurchschnittlich viele Ausländer sind. "Wir haben Gastarbeiter traditionell für die schlechtesten Jobs geholt – und damit per Definition die schlecht Qualifizierten", sagt Klingholz. "Ein solcher familiärer Hintergrund ist auch für die zweite und dritte Generation aufstiegshemmend." Türkische, polnische oder italienische Namen sucht man in deutschen Konzernvorständen immer noch vergeblich. Schon in deutschen Schulen tun sich Einwandererkinder schwer. Nirgendwo sonst, so der Bremer Soziologe Gunnar Heinsohn, liege das Leistungsniveau von Migrantenkindern so tief unter jenem des einheimischen Nachwuchses wie hierzulande.

Ganz anders in den USA, in Kanada oder Australien, wo seit Jahren kluge Anreize und klare Regeln für Zuzug sorgen. In Kanada zählen 99 Prozent der Einwanderer zu den Hochqualifizierten, die in ihrer neuen Heimat sichere Jobs und damit gute Chancen erhalten, schnell in die Führungsetagen aufzusteigen. Auch ihre Kinder verfügen über beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Lebensweg, liegt ihr durchschnittlicher IQ doch deutlich über dem der einheimischen jungen Kanadier.

Wie müsste eine deutsche Einwanderungspolitik gestrickt sein, die diesen Namen tatsächlich verdient? "Sie muss scharf antirassistisch sein, aber streng auf Qualifikationen achten", sagt der Soziologe Heinsohn. "Alle Hautfarben, alle Religionen und Sprachen sind willkommen. Schlechte Schulnoten hingegen werden nicht belohnt oder nur bei politischem Asyl geduldet. Zuwanderer werden also nicht anders behandelt als der eigene Nachwuchs."

Eine solche Kehrtwende wäre vernünftig. Schließlich stehen alle OECD-Staaten vor dem gleichen Problem: zu wenig Nachwuchs, zu viele offene Stellen, zu hohe Sozialausgaben, zu geringe Dynamik. Weil das so ist, suchen die meisten längst im Ausland nach guten Leuten.

Dänemark beispielsweise, das jährlich rund 100 000 Arbeitskräfte aus dem Ausland benötigt, schickt regelmäßig seinen Arbeitgeberverband auf Werbetour durch Deutschland. Einwanderer erhalten in Dänemark bis zu 75 Prozent Nachlass auf die Einkommensteuer. Die US-Regierung erwägt, künftig jedem Ausländer, der ein Studium abschließt, automatisch eine Green Card anzubieten. Selbst China, heute mit jährlich 550 000 Abwanderern noch der weltweit ergiebigste Top-Talente-Pool, wird in ein paar Jahren als Folge seiner Ein-Kind-Politik händeringend um Neubürger werben müssen.

Nur Deutschland agiert wie ein erfolgsverwöhnter Bundesligaclub, der sich den Talent-Scout spart, während andere ihm den begabten Nachwuchs abwerben. Denn für gut ausgebildete, mobile und neugierige Deutsche gibt es viele attraktive Anreize, ihre vergreisende Heimat zu verlassen. Und mit jedem Auswanderer schrumpft die Gruppe der Zurückgebliebenen, die für die Infrastruktur, das Sozialsystem und die Staatsschulden aufkommen müssen. Jene mehr als 160 000 Steuerzahler etwa, die jährlich aus Deutschland emigrieren, hinterlassen statistisch betrachtet insgesamt rund 40 Milliarden Euro Staatsschulden. Auch deshalb gehen jenen, die ausländische High Potentials für ein Leben in Deutschland gewinnen wollen, zusehends die Argumente aus.

Schon heute, das ergaben Recherchen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), leidet Deutschlands Image unter der jahrelangen Abschottungspolitik. "Die lautstark nach außen gesendeten Signale geschlossener Tore" sind zu stark, so die DIW-Forscher. Weshalb sollte sich ein chinesischer IT-Experte in Dessau, Duisburg oder Dresden mit Einwanderungsbehörden herumschlagen, wenn man ihn in Melbourne, Seattle oder Toronto mit offenen Armen empfängt? Und wieso sollte sich ein indischer Molekularbiologe in einem Land niederlassen, das seinesgleichen als Problem statt als Potenzial begreift?

"Wahrscheinlich haben wir den Zug internationaler Migration bereits verschlafen", sagt Klingholz. Jedenfalls bleibt für die sofortige Kehrtwende in der Einwanderungspolitik nicht mehr viel Zeit. Sonst geht es beim demografischen Wandel wie beim leidigen Vorweihnachtsgefühl: Ist erst der Tag der Bescherung da, tut es einem leid, sich nicht rechtzeitig gekümmert zu haben.

Neue Heimat: Top-Destinationen deutscher Auswanderer
Schweiz: 29139   
Vereinigte Staaten: 15436
Polen: 13711    
Österreich: 13336
Vereinigtes Königreich: 10706

gesamt: 82328     Statistisches Bundesamt, Zahlen für 2008
Vereinte Nationen: Ausländer in Deutschland
Türken: 1658083  
Italiener: 517474
Serben, Kosovaren und Montenegriner: 456471
Polen: 398513 
Griechen: 278063
Kroaten: 221222
EU-Staaten ohne Italien, Polen, Griechenland: 1168592
sonstige Staaten: 1996358 gesamt ca: 6694766

Statistisches Bundesamt, Stand 31.12.2009