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Schweine

Es sollte eine Geschichte über Europas größte Ferkelzuchtanlage in Alt Tellin werden. Aber bald ging es gar nicht mehr um die Tiere. Sondern um seltsame Rechnungen, erstaunliche Subventionen. Und um die Frage, wer eigentlich etwas davon hat, wenn eine Region zur Sau gemacht wird.




- Die Landstraße von Alt Tellin nach Daberkow. Nach etwa zwei Kilometern die Abzweigung nach Neu-Plötz. Da steht die Ruine. Verrottete Mauern, morsche Dachstühle, ringsum Müll. Hier, Gemarkung Alt Tellin, Ortsteil Siedenbüssow, standen einmal 3600 Mastschweine in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). Hier produzierte der Arbeiter- und Bauernstaat Koteletts, die auch in den Kühltheken der Supermärkte in Westberlin landeten, im Tausch gegen Devisen. Unter den Graffiti an den verwitterten Wänden: "LPG Blühende Landschaften".

Das Ende kam mit der Wende. Doch bald soll auf dem alten LPG-Gelände in Alt Tellin, 450 Einwohner, einst schönstes Dorf Vorpommerns, Europas größte Ferkelzucht entstehen. 10 500 Muttersauen, die jährlich mindestens zweimal werfen. Macht mindestens 250 000 Ferkel, die nach vier Wochen, wenn sie etwa 30 Kilogramm wiegen und Läufer genannt werden, in die Mastanlagen kommen, um nach vier, fünf Monaten ihr Schlachtgewicht von etwa 120 Kilogramm zu erreichen. Die Investition für die Ferkelzucht inklusive einer Biogasanlage, in der die anfallende Gülle verarbeitet werden soll: 25 Millionen Euro. Der Investor ist Adrianus Maria Straathof, Niederländer, der sich in Ostdeutschland ein kleines Schweineimperium aufgebaut hat und dessen Betriebe überwiegend in Gladau, Sachsen-Anhalt, gemeldet sind.

Frank Karstädt ist Straathof schon mehrmals begegnet. Der Bürgermeister von Alt Tellin, ein großer, schwerer, melancholischer Mann, sitzt im Jagdzimmer seiner Gaststätte Storchenbar, Dorfstraße 16, und sagt: "Herr Straathof ist immer sachlich und korrekt aufgetreten." An der Wand das Fell einer Wildsau, daneben Hirschgeweihe. Karstädt spricht leise, achtet auf jedes seiner Worte. Seine Frau, die Erdbeerkuchen und Kaffee serviert, bleibt stumm. Ständig kommen Reporter, lassen sich von ihm erzählen, dass die Ferkelzucht 30 bis 45 Arbeitsplätze schaffe, der Gemeinde 20 000 Euro Gewerbesteuereinnahmen bringe.

Karstädt vermutet zusätzliche Einnahmen für Handwerker, Vermieter. "Ich muss für die Finanzierung der Gemeinde sorgen", sagt er allen, "das geht nur über die Ansiedlung von gewerbesteuerpflichtigen Betrieben." Und dann zitieren ihn die Reporter wieder nur unvollständig und schreiben Artikel mit Überschriften wie "Schweinerei im Osten" oder "Eine einzige Sauerei". Zwei Kundgebungen mit 300 Demonstranten hat die örtliche Bürgerinitiative bereits veranstaltet, noch eine braucht Karstädt nicht.

"Es muss", sagt Silvia Ey, "jetzt endlich mal ein Ende haben, sich ständig rechtfertigen zu müssen." Sie ist stellvertretende Bürgermeisterin und hat sich den Nachmittag freigenommen. Nicht hilfreich, wenn wieder Zitate von Karstädt verbreitet werden wie im Deutschlandradio: "... was da an Filteranlagen eingebaut wird in der Planung, also das ist der modernste Stand, den es eigentlich zurzeit gibt". Schon besser, wenn sie redet, eine resolute schmale Person, Diplom-Agrarökonomin und im Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern zuständig für das Referat Tierproduktion. Ey hat einen Ausdruck der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung mitgebracht und referiert. Dass Mecklenburg-Vorpommern bloß 0,4 Großvieh-Einheiten pro Hektar habe, in Deutschland liege der Schnitt bei 2,4. In der DDR standen hier 2,7 Millionen Schweine, jetzt seien es 745 000. Ey: "Wir brauchen mehr tierische Produktion, Veredelung, weil es mehr Wertschöpfung bringt." Außerdem hätte der Gemeinderat nur ablehnen können, wenn sie ein anderes Projekt für das Gelände geplant hätten. "Wir haben unsere Position dargelegt", sagt Ey. "Andersdenkende argumentieren anders, entschieden wird auf der Basis von Rechtsgrundlagen."

Draußen blauer Himmel, Vögel zwitschern, in der Ferne eine Kreissäge. Man könnte jetzt von der Storchenbar in wenigen Minuten zur Tollense laufen, dem Fluss, nach dem das Tal benannt ist, in dem Alt Tellin liegt. Sie windet sich durch Auen und Wiesen, vorbei an sanften Hügeln, Wäldern, Gehöften, Windmühlen, Gutshäusern, Schlössern. Die Mecklenburgische Schweiz ist nahe, die Ostsee nicht weit.

Im Tollensetal ahnt man, warum Mecklenburg-Vorpommern Deutschlands Nummer eins bei Natur- und Artenreichtum ist. Aber wer über Kopfsteinpflaster an baufälligen Gebäuden vorbei durch stille Orte fährt, ahnt auch, dass es ein Bundesland voller Probleme ist. Elf Prozent Arbeitslosigkeit, hohe Westabwanderung, Landflucht. Die Leute sterben hier früher und häufiger an Krebs, Diabetes, Herzinfarkt, Lebererkrankungen und Autounfällen als in den westlichen Bundesländern.

Jörg Kröger wusste von all dem wenig, als er vor einigen Jahren in einem Hotel saß und in der "Berliner Zeitung" blätterte. Kröger ist Lübecker, von Beruf Maschinenschlosser und hatte gerade seinen Anteil an einer Spielwarenfirma verkauft. In Berlin wartete er auf den Beginn einer Auktion, bei der er auf eine Immobilie bieten wollte. Da sah er die Annonce. Gut in Vorpommern. Einsame Lage, Sackgassendorf. Er fuhr nach Wietzow, sah ein zweigeschossiges Gebäude, im Kern barock, Türmchen, Risalitgiebel, um 1865 im neogotischen Stil umgestaltet. Dahinter ein englischer Landschaftspark mit Teich, umwachsen von Gingkos, Sumpfzypressen, Platanen, einige der Bäume sind 160 Jahre alt.

Kröger blieb, lernte Land, Leute und Historie kennen, und weil er schon dabei ist, holt er ein wenig aus, spricht von Heinrich dem Löwen, der 1147 den vorpommerschen Fürsten seine Lehensherrschaft aufzwang. Er spricht von Leibeigenschaft, Junkern, entmündigten Bauern in der DDR. "Den Menschen fehlt durch jahrhundertelange Erfahrung die Aufmüpfigkeit. Wer hier den Mund aufmacht, wird rasiert." Das Gutshaus kaufte er nicht. Kröger wurde langfristiger Mieter, richtete das Anwesen wieder her, wobei fünf Ferienwohnungen entstanden. Die Einnahmen teilt er sich mit dem Eigentümer. Er lebt davon, ebenso seine Frau und ein Angestellter, eine Halbtagskraft soll dazukommen. Macht dreieinhalb Existenzen. Dass 30 bis 45 Leute in der Ferkelzuchtanlage beschäftigt sein würden, hält er "für frei erfunden".

Er fragt sich, wo die 60 000 Tonnen Gülle hin sollen, durchsetzt von Ammonium, Stickstoff, Phosphor. Der Gestank werde nicht auszuhalten sein, dazu die Auspuffgase durch den Ferkel-Transport, der Lärm. Der von ihm mitgegründete Unternehmerverband habe allein im Tourismus in den vergangenen Jahren 35 Arbeitsplätze geschaffen und 20 Millionen Euro investiert. Kröger sagt: "Hier könnten noch viel mehr Menschen von sanftem Tourismus leben." Er sieht einen Wirtschaftskorridor entlang der nahe gelegenen A20, Zweitwohnsitze. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen habe das mit der A1 auch geklappt. Im Juni gewann die Vorpommersche Flusslandschaft mit dem Tollensetal den Eden-Award, der auf vielversprechende deutsche Tourismusregionen aufmerksam machen soll. "Wenn die Anlage kommt, werden all diese Chancen für die Region zerstört."

An dieser Stelle könnte die Geschichte enden. Sagt Ey nicht zu Recht, es ginge um einen Wirtschaftsbetrieb, und da gäbe es immer Für und Wider? Er verstehe die Aufregung nicht, sagt auch Tobias Woitendorf vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, der vergangenes Jahr 28,4 Millionen Übernachtungen registrierte; nur Bayern hatte mehr. Er, Woitendorf, habe keine Erkenntnisse, dass Tierproduktion dem Tourismus schade: "Landwirtschaft und Tourismus können und müssen sich bei uns vertragen. Ich würde nicht versuchen, das eine gegen das andere auszuspielen." Ein Anruf bei der Zeitschrift "Schweinezucht und Schweinemast" führt auch nicht weiter. Ein Herr Schnippe sagt: "Was wollen Sie in Mecklenburg-Vorpommern? Da passiert doch nichts." Jedes dritte deutsche Schwein stehe in Niedersachsen, und ein Gespräch mit Fachfremden über das Gewerbe lohne sich ohnehin nicht: "Das ist doch immer nur Haudrauf, unsachlich bis zum Anschlag; bei denen ist alles gleich Tierquälerei."

Immer mehr Fragen. Und immer mehr Beteiligte, die nicht antworten

Schnippe könnte die Reporter des "Stern" gemeint haben, die jüngst in einer Titelgeschichte über Fleischproduktion von "ethisch verwerflicher, tierquälerischer, unhygienischer Massentierhaltung" schrieben. Es ging darin um kupierte Schwänze und abgeschliffene Zähne, um Spaltenböden, auf denen sich die Tiere schnell verletzen. Laut Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung steht einem Mastschwein von mehr als 110 Kilogramm Gewicht ein Quadratmeter zu. Einem Lebewesen, dessen Sättigungsgefühl weggezüchtet wurde, das sich krank frisst, Arthrosen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelt. Weshalb Antibiotika zum Einsatz kommen, gut 780 Tonnen waren es 2005 allein in der deutschen Veterinärmedizin. So ergeht es Sus scrofa domestica, dem Hausschwein, exzellenter Geruchssinn, gutes Gehör, von Natur aus reinlich, sensibel, intelligent, dem Menschen in seiner Physiologie nicht unähnlich. Sein Fleisch, so das Urteil des "Stern", sei danach von minderer Qualität, getarnt unter Marken wie "Bauernglück".

Von den Tieren ist es nicht weit bis zur Umwelt, schließlich behauptet nicht nur der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (Bund), dass sich der Osten immer noch erholen muss von der Übergüllung der Massentierhaltung der DDR. Mehr noch: Ganz Deutschland ist belastet mit Nitrat. Ammoniakausdünstungen, Gülle und als Dünger ausgebrachte Gärreste aus Biogasanlagen belasten Wälder, zerstören Biotope, verschmutzen Grund- und Trinkwasser. Dass Nutztiere ebenfalls Treibhausgase produzieren und dass Methan 21- und Lachgas bis zu 300-mal schädlicher sind als CO2, auch das ist hinlänglich bekannt.

Für ein Kilogramm Fleisch werden zwischen fünf und acht Kilogramm Getreide verfüttert, zusammen etwa 40 Prozent der weltweiten Getreideernte. Längst gibt es weltweit in etwa so viele Übergewichtige wie Unterernährte. Die Spuren reichen bis in den tropischen Regenwald, der abgeholzt wird für Mais und Soja, häufig aus genverändertem Saatgut, das zu Viehfutter wird, auf Schiffen, mit Zügen und Lkw um die halbe Welt gekarrt, mit allen Konsequenzen für die CO2-Bilanz und Belastungen für Schiene und Straße.

Das wäre die Position der Kritiker industrieller Fleischproduktion. Die muss nicht unkommentiert bleiben. Also Anruf bei der Firma A.G.M. Straathof Landbouwbedrijf Holding B.V in Vuren, Provinz Gelderland, Niederlande. Eine Frau sagt nicht, wer sie ist und in welcher Position sie dort arbeitet, sie sagt nur, sie spreche nicht gut Englisch, immerhin gut genug, um zu versichern: "Wir haben kein Interesse an Medienkontakt. Wir haben in Deutschland schlechte Erfahrungen gemacht." E-Mail an die Straathof Holding GmbH in Gladau. Die Antwort: "Leider ist es Herrn Straathof so kurzfristig nicht möglich, einen Termin zu vereinbaren. Wir werden uns aber intern über das Thema Gedanken machen und ggf. später auf Sie zukommen."

Anruf bei der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN). Die Öffentlichkeitsarbeit macht eine Frau Ahnfeldt, die zuerst eine Praktikantin ausrichten lässt, man wolle nichts sagen, und dann doch noch ans Telefon kommt, um das ebenso ruppig wie deutlich zu wiederholen: "Das können Sie gerne so schreiben." Und die Sprecherin des Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz in Schwerin seufzt, als sie "Alt Tellin" hört, und bittet erst mal um ausführliche Fragen per E-Mail.

An dieser Stelle fängt die Geschichte erst an. Und es ist nur vordergründig eine Geschichte über eine Ferkelzucht. Es ist vielmehr eine Geschichte, in der es um große Agrarpolitik geht. Um Brüssel, Berlin und Ostdeutschland. Um EU-Subventionen, Entwicklungsprogramme für den ländlichen Raum und das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es geht um die Agrarindustrie und ihre globalen Verstrickungen, um ausländische Investoren, allen voran Niederländer, die in ihrem Land keinen Platz mehr haben, weil der dortige Boden maßlos überdüngt ist und die Regierung deshalb den Schweinebestand seit Ende der neunziger Jahre auf elf Millionen Tiere begrenzt hat. Und es geht, wenn man Jörg Gerke glauben darf, um Gemauschel, Korruptionsvorwürfe und die Umleitung von Steuermilliarden zugunsten von Großagrariern. Und damit um ein Kapitel der Wiedervereinigung, das Gerke das "Erbe der roten Junker" nennt: "Hier existieren sehr wohl noch Teile der DDR. Hier fehlt die Zivilgesellschaft. Das sind totalitäre Verhältnisse. Demokratie wird hier nur gespielt."

Jörg Gerke ist Doktor der Agrarwissenschaften und Dozent an der Universität Göttingen. Er hat von 1994 an einen ökologischen Betrieb in Rukieten südlich von Rostock aufgebaut. Und er hat ein brisantes Buch geschrieben, das erstaunlicherweise kein Bestseller ist: "Nehmt und euch wird gegeben." Darin erzählt er, was nach der Wende im Osten passiert ist, wo dem Bund etwa 50 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche zuvor enteigneter Bauern und Betriebe zugefallen sind. Diese Enteignungen wurden in fast allen Fällen nicht rückgängig gemacht. Bei Kleinflächen wurden die Erben meist nicht ermittelt, bei Großflächen wurde das Vermögen auf Nachfolger übertragen, denen Altschulden großzügig erlassen und Anschubhilfen gewährt wurden. Die Friedrich-Schiller-Universität Jena hat festgestellt, dass mehr als 95 Prozent der LPG-Umwandlungen so fehlerhaft waren - etwa durch manipulierte Bilanzen, die Vermögenswerte unterschlugen oder unterbewerteten oder weil die Einwilligung der Landeinbringer fehlte -, dass sie von den Registergerichten nicht hätten eingetragen werden dürfen. 750 000 LPG-Mitglieder erhielten nur einen Bruchteil der Abfindungen, die ihnen zugestanden hätten, in Thüringen waren es mitunter nur 13,5 Prozent.

Nach Gerkes Rechnung entspreche das Zuwendungen von 15 bis 20 Milliarden Euro, die an wenige Tausend Großbetriebe gingen. Die Bevorzugung halte bis heute an. Die Bodenverwertungs-und -verwaltungs GmbH, eine Nachfolgerin der Treuhand, zuständig für Verkauf und Vermietung von öffentlichem Grundbesitz, offeriere derzeit die letzten 420 000 Hektar öffentlicher Nutzfläche im Osten, überwiegend ohne Ausschreibung, zu Preisen deutlich unter Marktwert. Nutznießer: eben jene Großagrarier.

Gerke behauptet, diese Politik habe Neugründungen verhindert, sei quasi ein "Berufsverbot für bäuerliche Betriebe". Da EU-Agrarsubventionen an die Fläche gebunden sind und in Mecklenburg-Vorpommern zurzeit 310 Euro pro Hektar gezahlt werden, erhielten Betriebe mehr Subventionen, als sie Kosten verursachten.

Wer diese Voraussetzungen geschaffen hat? Laut Gerke die alten DDR-Kader, Mitglieder der linientreuen Bauernpartei, der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe und Funktionäre des Deutschen Bauernverbandes. Sie durften dabei auf Unterstützung aller im Bundestag vertretenen Parteien zählen und profitieren inzwischen nicht selten als Vorstände der LPG-Nachfolger davon.

Was man in diesem Zusammenhang verstehen muss: Landwirtschaft ist nicht gleich Landwirtschaft. Es gibt einen Unterschied zwischen bäuerlicher Landwirtschaft und industrialisierten Agrarunternehmen. Und wenn man Gerke glaubt, zielt die Politik überall im Osten schon lange auf Industrialisierung ab. So gibt es etwa in Mecklenburg-Vorpommern 5400 landwirtschaftliche Betriebe, die Hälfte davon Großagrarier mit Flächen bis zu 10 000 Hektar - in Nordrhein-Westfalen dagegen, das etwas mehr landwirtschaftliche Nutzfläche beackert, sind es 47 000 Betriebe.

Dazu passt, was Helmut Klüter, Professor an der Universität Greifswald, Institut für Geografie und Geologie, festgestellt hat. So gebe es im Landesraumentwicklungsprogramm Mecklenburg-Vorpommerns keine Bestimmung für den ländlichen Raum. Die Landesplanung drücke sich davor, bäuerliche Landwirtschaft und Agrarindustrie zu trennen. "Das wäre so, als würde man für Städte die Überlagerungsfähigkeit von Wohnen und Schwerindustrie politisch festsetzen."

Von wegen freier Markt. Der Osten wird dominiert von Monokulturen: Druschfrüchte, also Getreide, und Ölfrüchte, vor allem Raps. Der Osten ist Schauplatz von Experimenten mit Genpflanzen, hinzu kommen neuerdings Biogasanlagen, denen das EEG über den sogenannten Nawaro-Bonus satte Subventionen inklusive Güllebonus sichert, ohne die sie nicht profitabel wären. Mais ergibt rund 200 Kubikmeter Biogas pro Tonne Festmasse, Grassilage 170 Kubikmeter, Schweinegülle liegt im Vergleich bei 28 Kubikmeter. Aus Feldfrüchten werden Energiepflanzen, aus Landwirten Energieunternehmer. Dabei ist Mais eine humuszehrende Pflanze, die stickstoffreich gedüngt und mit synthetischen Herbiziden behandelt werden muss. 200 Biogasanlagen gibt es inzwischen in Mecklenburg-Vorpommern. In Güstrow und Penkun stehen derzeit die weltweit größten Anlagen, die Mais von zusammen 15 000 Hektar Anbaufläche verbrauchen. Die Substratbeschaffung reicht bis Polen. "Bedenkt man alle Emissionen", sagt Gerke, "ist das ein dummes Zeug sondergleichen." Mal abgesehen von der Vereinfachung der Fruchtfolgen, die einen Artenrückgang bei Pflanzen, Insekten und Singvögeln zur Folge hat.

Kaum Arbeitsplätze, kaum Gewinn. Dafür jede Menge Subventionen

Die industrialisierte Landwirtschaft setzt auf Technisierung und Rationalisierung. Auch deshalb sind allein in Mecklenburg-Vorpommern seit der Wende mindestens 160 000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Die verbliebenen Jobs sind schlecht bezahlt, liegen bei 800 Euro netto monatlich. Deshalb wandern die Menschen ab, sterben die Dörfer. Hermann Priebe, ehemaliger Direktor des Instituts für Ländliche Strukturforschung in Frankfurt (Main), hat schon 1985 in seinem Buch "Die subventionierte Unvernunft" festgestellt, dass das Agrarsystem der DDR wirtschaftlich ineffizient war und ökologisch verheerende Konsequenzen hatte. "Warum gerade Strukturen dieses Systems nach 1990 ... übernommen wurden", schreibt Gerke, "ist sicher auch für Priebe nicht nachvollziehbar gewesen."

So hat zum Beispiel Rheinland-Pfalz nur halb so viel landwirtschaftliche Fläche wie Mecklenburg-Vorpommern, allerdings finden dort 105 000 Menschen Arbeit, im Gegensatz zu 28 000 in Mecklenburg-Vorpommern. Landwirtschaftliche Betriebe in Bayern oder Nordrhein-Westfalen erwirtschaften 500 Euro Gewinn pro Hektar, Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern 30 bis 60 Euro. Zieht man die 310 Euro EU-Subventionen pro Hektar ab, ist das ein betriebswirtschaftliches Desaster. "Umso grotesker", so Gerke, "dass uns die Landwirtschaft im Osten als Erfolgsmodell verkauft wird, besser als der Westen."

In den vergangenen Jahren wurde im Osten, meist mit massiver öffentlicher Förderung, verstärkt Tierproduktion propagiert, die nach der Wende eingebrochen war, weil es dafür keine sogenannte Produktförderung gab. Laut Burkhard Roloff vom Bund in Schwerin sind seit 2005 in Mecklenburg-Vorpommern 27 industrielle Schweineanlagen geplant oder gebaut worden, 17 weitere sind beantragt. Daneben entstanden 17 industrielle Hühnermästereien mit mindestens 100 000 Plätzen, auch große Milch- und Rindermastbetriebe werden ausgebaut. Dafür wurden Vorschriften gelockert, und laut Bund lediglich Gülle-Abnahme-Verträge für wenige Jahre gefordert.

Offenbar passt das auch ins Konzept des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Man sagt der Ministerin Ilse Aigner nach, sie wolle Deutschland zum Fleischexportweltmeister machen. Und welches Bundesland wäre dafür besser geeignet als Mecklenburg-Vorpommern? Viel Platz, wenig Menschen, geringer Tierbestand. Die Verkaufsargumente sind stets Arbeitsplätze, neuerdings auch Biogas. Ein Bürgermeister in Sukow bei Schwerin, das erzählt Roloff vom Bund, habe seinen Bürgern gesagt: "Wollt ihr lieber höhere Steuern oder eine Biogasanlage, die nicht stinkt?"

In Alt Tellin soll es anders gelaufen sein. Die Regierung in Schwerin habe die Daberkower Landhof AG, die 10 000 Hektar in der Gegend bewirtschaftet, gefragt: Wo habt ihr Platz für Schweinezucht- und Schweinemastanlagen? Dann fand die staatliche Entwicklungsgesellschaft den Investor Straathof. Oder umgekehrt. Vielleicht war auch ein gewisser Helmut Rehhahn beteiligt, in der DDR Leiter einer Jungrinderanlage und von 1994 bis 1996 für die SPD Landwirtschaftsminister in Sachsen-Anhalt. Inzwischen arbeitet er als Agrarberater, auch für niederländische Investoren. Aber das ist eher eine Petitesse.

Interessanter wäre schon die Frage, warum eine Landesregierung so etwas macht. Da doch die Überproduktion von Schweinefleisch in Deutschland bei etwa zehn Prozent liegt, der einheimische Absatz stagniert. Da doch das Ergebnis dieser Entwicklung weitere Rationalisierung der Betriebe ist, mehr Quantität, weniger Qualität, größerer Preisdruck für den Produzenten, der am 1. Juli für das Kilo nur noch 1,33 Euro bekam. In den vergangenen zehn Jahren haben laut "Stern" 79 000 von 141 000 Schweinezüchtern in Deutschland kapituliert, wohl auch wegen Investoren wie Straathof.

Adrianus Maria Straathof. Man muss nicht mit ihm reden, um zu wissen, mit wem man es zu tun hat. Er hat laut verschiedenen Presseberichten den Ruf eines knallharten Geschäftsmanns, der Umweltauflagen und die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung sehr liberal auslegt, um es vorsichtig zu formulieren. Straathof soll häufig deutlich mehr Schweine als erlaubt halten. Sein Knorhof in Vuren, Provinz Gelderland, gilt als einer der skandalträchtigsten Agrarbetriebe in den Niederlanden. Kröger hat dort Anwohner besucht. Sie erzählten, dass man die Wäsche draußen nicht mehr aufhängen konnte. Dass man, vor allem bei Hitze und dunstigem Wetter, nicht mehr das Haus verlassen konnte. Die Behörden, so Kröger, hätten 15 Meter Akten, Resultat jahrelanger juristischer Auseinandersetzungen, die Straathof teilweise verlor: "Was aber nicht heißt, dass er seine Strafen bezahlen musste." Bürgermeister Karstädt unkt: "Man wird als drittgrößter Mäster Europas nicht Everybody's Darling." Kröger sagt über Karstädt, einen gelernten Koch: "Da schickt man die Kreisklasse zur WM. Wie sollen solche Leute gegen Straathof Recht und Ordnung durchsetzen? Die holen sich doch nur blutige Nasen."

Wieder durch Alleen, über flaches Land, schmale Straßen und Kopfsteinpflaster. Breest, Bartow, Iven und Krien heißen die Dörfer, die man passiert, bis sie auftaucht, 30 Kilometer westlich von Alt Tellin, nahe Anklam. Straathofs Mastanlage in Medow. Der Betrieb hat keine Adresse, an der Klingel "Mustermann", durchgestrichen. Hinter Gittern und Stacheldraht Erdwälle, acht flache Giebel, monströse Lüftungsrohre, Silos.

Auch hier soll Straathof mehr Tiere eingestellt haben als erlaubt. Die Anlage sei in Betrieb genommen worden, bevor sie ein Kadaverhaus hatte, berichten Anwohner. Schweineleichen hätten sich im Freien gestapelt. Es habe erbärmlich gestunken. Die Anwohner haben Geruchsprotokolle erstellt, die belegen sollen, dass auch ohne Verwesungsgeruch Auflagen nicht eingehalten wurden. Es sei auch ein illegaler Kanal vom Güllelager in ein nahe gelegenes Naturreservat gefunden worden. Ein ehemaliger Mitarbeiter berichtete der "Berliner Zeitung" von Kopfschmerzen und Ohnmachtsanfällen. Arbeitsschichten von zehn bis zwölf Stunden täglich, Überstunden seien nicht bezahlt, Fenster nicht geöffnet worden, um Strom zu sparen: "Immer waren wir unter Druck. Schweine impfen, Ferkel kastrieren, Sauen besamen."

Die Landesregierung will Öko fördern. Aber nur auf dem Papier

Die Antworten aus dem Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz in Schwerin lesen sich freundlicher als das, was einem auf dem Land begegnet. "Laut aktuellem Entwicklungsplan ... (stehen) ... dem Land Mecklenburg-Vorpommern in der Förderperiode 2007 bis 2013 für die Modernisierung landwirtschaftlicher Betriebe ... 109 Millionen Euro zur Verfügung (Stand aktueller EPLR vom 10.12.2009). Ein Teil davon fließt entsprechend der Antragsstellung in die Schweineproduktion. Der Regelfördersatz ... beträgt 25 Prozent bei einem maximalen förderfähigen Investitionsvolumen von zwei Millionen Euro. Dieses Investitionsvolumen ist für große Anlagen nicht ausreichend." Und: "Für zertifizierte Ökobetriebe kann ... der Zuschuss bis zu 35 Prozent betragen."

Soll heißen: Vorfahrt für klein und öko. Am Ende lässt die Sprecherin von Minister Till Backhaus (S PD) noch wissen: Unter der "CDU-geführten Regierung Anfang der neunziger Jahre ... wurde mit dem Thema Schweineanlagen viel offensiver umgegangen. 'Keine Förderung von Dörfern, die Schweineproduktion ablehnen' - O-Ton des damaligen Landwirtschaftsministers." Das Staatliche Amt für Umwelt und Natur (Staun) in Neubrandenburg, zuständig für die Genehmigung der Anlage in Alt Tellin, ist Backhaus' Ressort untergeordnet, die Prüfung der Genehmigung unterliegt indes dem CDU-geführten Wirtschaftsministerium. So kann es im Zweifel jeder auf den anderen schieben.

Teschow bei Teterow. Der Hof der Familie Liescher liegt zwischen Wohnhäusern mit gepflegten Vorgärten, dazwischen befindet sich ein Golfhotel. Es riecht nach Bauernhof und gemähtem Gras. Ulrike und Georg Liescher kommen ursprünglich aus Niedersachsen und sind mit der Landwirtschaft groß geworden. Ihre Eltern hatten konventionelle Betriebe im Landkreis Vechta, wo 1,4 Millionen Schweine stehen, mehr als in ganz Rheinland-Pfalz. Die Eltern zogen nach der Wende nach Teschow, sie und ihr Mann folgten wenig später.

Nun bewirtschaftet die Familie 630 Hektar, zum Ackerbau kommen 111 Mutterkühe für Fleischproduktion, 3000 Legehennen, 90 Milchkühe, 90 Schulz-König-Steinfurth-Sauen (SKS), gekreuzt mit Dänischer Landrasse, 400 Ferkel und 750 Mastschweine in ökologischer Haltung. Zwei Piétrain-Eber. Die SKS-Sau ist milchreich, fruchtbar, guter Mutterinstinkt, Piétrain gelten, wie der Fachmann sagt, als fleischbetont und stressstabil. Das Ehepaar erzählt gern davon. Erst vor sechs Wochen hatten sie Tag des offenen Hofes, 2000 Besucher, mit Ferkelrennen, 1111 Euro wurden gesammelt für krebskranke Kinder in Rostock. Ulrike Liescher sagt: "Wir haben nichts zu verbergen."

Also hinein in den Maststall, wo die Schweine grunzend durchs Stroh stapfen. Hinüber zu den Muttersauen, die weiß und prall in ihren Gitterboxen liegen, Ferkel an den Zitzen. Lieschers Schweinen wird nicht der Schwanz kupiert, werden nicht die Zähne abgeschliffen, sie haben Auslauf mit Unterstand, damit sie keinen Sonnenbrand kriegen. Jede Sau hat drei Quadratmeter Platz. Die Bestandsobergrenze liegt unter 100 Sauen. Die Eber haben noch Namen, Max und Felix. Auch hier erleben Schweine nicht wie früher den ersten Geburtstag, aber sie haben wenn schon kein langes, so doch ein gutes Leben. "Nichts gegen konventionelle Haltung, verstehen Sie mich nicht falsch", sagt Ulrike Liescher, "aber ökologische Haltung macht einfach mehr Spaß, ich könnte nicht mehr anders arbeiten."

Was also spricht für Großanlagen? Das Argument Arbeitsplätze nicht. Die Lieschers beschäftigen drei Angestellte, auf die Zahl der Schweine umgerechnet dreimal so viele wie Straathof in seiner Anlage in Medow. Bei den Lieschers entsteht keine Gülle, die Tiere stehen auf Stroh, das von den Schweinen auch gefressen wird, ihrer Verdauung zugute kommt und die Fäkalien bindet, verträglichen Dünger erzeugt. Selbst Frau Eys Argument, "die Leute wollen billiges Fleisch", kann Ulrike Liescher widerlegen. Man habe auch ihr gesagt: Ihr seid die Ersten, die bei einer Wirtschaftskrise einbrechen. "Doch Bioschwein läuft unheimlich gut, die Leute scheinen das zu wollen." Der Vertragspartner Biopark garantiert Liescher 2,90 Euro pro Kilo, das ist gut doppelt so viel wie für konventionell produziertes Schweinefleisch. Wozu auch passt, was der "Stern" jüngst feststellte: Der Konsument würde kaufen, hätte er das Angebot. Nur zwei Prozent des in Mecklenburg-Vorpommern produzierten Schweinefleisches stammt aus ökologischen Betrieben.

Am bestehenden System, glaubt Gerke, werde sich so schnell nichts ändern. Der Fleischmarkt in Deutschland werde kontrolliert von wenigen Großkonzernen wie Vion oder Tönnies. Die wollten Masse, keine Nischenware. Der Bauernverband, der Anlagen wie die von Straathof unterstützt, sei wiederum mit der Agrarindustrie verstrickt. Vorstände des Bauernverbandes säßen in deren Gremien und umgekehrt.

Wer sich über Frau Ahnfeldt wundert, die zurückhaltende Vertreterin der Interessengemeinschaft Deutscher Schweinehalter, muss nur deren Website besuchen. Dort finden sich unter der Rubrik Partner unter anderem die Firmen Bela-Pharm, Vilomix und Boehringer Ingelheim. Straathof wird offenbar vom niederländischen Futterhersteller Hendrix UTD unterstützt, der allem Anschein nach Investoren Beratung und Rechtsbeistand zur Verfügung stellt. Das seien übermächtige Strukturen, sagt Gerke, der lange im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) war, einem kleinen Konkurrenten des Bauernverbandes. Dem fällt zu Alt Tellin nur ein: "Fataler Ausdruck der Verfilzung des DBV mit Agrarindustrie und Agro-Business zulasten der bäuerlichen Schweinehalter."

Vom Schwein zur Gülle zur Biogasanlage. Der Investor hat an alles gedacht

So hat am Ende doch alles einen Sinn. Von der Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH bekämen die Investoren den Boden, erzählt Roloff vom Bund, die Landwirtschaftsberatung Mecklenburg-Vorpommern/Schleswig-Holstein GmbH liefere das Geschäftsmodell, und das zuständige Amt bewilligt es nach deutschen Umwelt- und Tierschutzstandards. "Den ostdeutschen Großagrariern werden bei der Ansiedlung neuer Großmastanlagen ... die landwirtschaftlichen Flächen belassen", schreibt Gerke in "Nehmt und euch wird gegeben", "wodurch sie ein exklusives Recht auf die jährlichen Agrarhilfen der EU behalten." Mehr noch, sie können durch die Abnahme von Gülle zusätzlich Geld verdienen.

Von der Chlostridien-Botulinum-Problematik, die auch bei Schweinen zunimmt, erfährt dabei keiner. Chlostridien sind anaerobe, sporenbildende Bakterien, die im Intestinaltrakt von Tieren und Menschen auftreten und über Fäkalien, also auch über Mist und Gülle, verbreitet werden. Durch Einspeisung in Biogasanlagen können sie sich beim Aufschluss der Gärsubstrate vermehren. Auch Tierhalter, Tierarbeiter und Tiermediziner könnten sich infizieren, stellte die Agrar- und Veterinär-Akademie kürzlich fest und erklärte: "Das gesundheitliche Risiko, das von Biogasanlagen ausgeht, muss von den politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen zur Kenntnis genommen werden. Es besteht unbedingter Handlungsbedarf!"

In Alt Tellin sitzt derweil ein Mann, der davon entweder nichts weiß oder trotz allem vorgibt, sich für die richtige Sache einzusetzen. Der hofft, dass sich der Investor an seine Versprechungen hält. Der sagt: "Wir hatten dem Herrn Straathof mitgeteilt, dass wir ihn zu solchen Bedingungen, wie er teilweise in seinen anderen Objekten gearbeitet hat, hier eigentlich nicht haben wollen."

Man kann für Frank Karstädt nur hoffen, dass nicht eintritt, was Rowdys, vermutlich aus der autonomen Szene, aufs Pflaster gesprüht haben: "Kommt die Anlage, kommt Krieg." Eine Maschinenhalle der Daberkower Landhof AG wurde bereits angezündet. Einer, der nachmittags vor einem Bier in der Storchenbar saß, sagte dem Deutschlandradio, im Ort rede man längst nicht mehr miteinander, nicht mal ein Erntefest gebe es noch. Und natürlich munkelt man, dass da etwas gelaufen sein könnte. Stand nicht ein Agrarberater vor Gericht, weil er einer ehrenamtlichen Bürgermeisterin 20 000 Euro für ihre Unterstützung geboten haben soll?

Die Abendsonne liegt über dem Park des Gutshauses, als Kröger den Reporter verabschiedet. Gescheckte Kühe auf den Weiden dahinter. Ein Bild wie für einen Reiseprospekt. Doch wenn die Schweine kommen, wird Kröger wohl gehen. Läse man ihm aus dem Entwicklungsprogramm für Mecklenburg-Vorpommern vor, Seite 74, könnte er nur müde lächeln. Dort steht über die Förderung des ländlichen Raums: "Die Ansatzpunkte sind strategisch zugespitzt auf die Stärkung des Images Mecklenburg-Vorpommerns als Tourismus- und Gesundheitsland und die Verbesserung der Wertschöpfung durch die Förderung von Innovationsprozessen."

Die Realität? Straßenbau für Güllebomber. Die A20 eine Rollbahn für die Agrarindustrie. Und weil es für den Investor günstiger ist, die Schweine nahe seiner Anlagen schlachten zu lassen, wären Schlachtzentren der nächste logische Schritt. Was das bedeutet, demonstriert Tönnies seit Jahren in Weißenfels, Sachsen-Anhalt, wo täglich 17 000 Schweine geschlachtet werden und ein Dunst von Ammoniak und Blut über dem Ort liegt. Apropos Arbeitsplätze: Jedes dritte Auto auf dem Parkplatz des Schlachthofs kommt aus Polen.

"Wissen Sie", sagt Kröger, "Straathof ist die falsche Zielscheibe, dem kann ich keinen Vorwurf machen. Wenn die Gesetze das hergeben, muss ich ihm nicht vorwerfen, dass er sie ausnutzt. Das ist alles ein einziger gesellschaftspolitischer und wirtschaftlicher Skandal." Dann macht er eine lange Pause. "An die Tiere will man gar nicht erst denken und an die armen Schweine auch nicht." Wer weiß, ob er damit nur die Tiere meint. -

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