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"Haben wir vielleicht ein Knöchi?"

Die Verwandlung eines Mannes in ein Herrchen und einen Sportskameraden.




- Ich sah ES einen Sekundenbruchteil zu spät. ES war das Resultat der Darmtätigkeit eines Menschen und lag breit und sämig am Wegesrand. Clara hatte längst Witterung aufgenommen, war zielgerichtet auf die Stelle der Verrichtung zugetrabt - mein donnerndes, von übler Vorahnung erfülltes NEIN! schien ihre Schritte noch zu beschleunigen -, hatte ihre lange Schnauze in die braune Masse gesteckt und begann sofort, sie herunterzuschlingen. Irgendwie gelang es mir, ihr einen Teil der Beute gegen ihren erbitterten Widerstand aus dem Maul zu pulen. Eine kurze Riechprobe bestätigte den Verdacht: Menschenkacke.

Als Halter eines Hundes mit einer gewissen Passion für die Ausscheidungen anderer Lebewesen lernt man schnell zu unterscheiden: Mensch, Wildschwein, Hund, Katze, in der Reihenfolge der Beliebtheit. Nein, ich hatte kein Taschentuch dabei, und das war in zweifacher Hinsicht ein grober Fehler. Ein Sandkorn flog mir nämlich ins linke Auge, das sofort zu tränen begann. Wie sollte ich es rauswischen, mit besudelten Händen? Ich ging weiter meines Weges, mit Triefauge und bestialisch stinkenden, weit vom Körper abgespreizten Händen. Es war noch ein weiter Weg nach Hause, und mir kamen viele Spaziergänger entgegen an diesem sonnigen Nachmittag.

Es sind Momente wie dieser, in denen ich bereue, jemals in Buckow gewesen zu sein.

Meine Frau und ich waren nach Buckow gefahren, um uns Hundewelpen "anzusehen". Das Städtchen nordöstlich von Berlin kannte ich bis dato nur von Brecht. In der Schule, vor gut 30 Jahren, musste ich einmal ein Gedicht aus seinen "Buckower Elegien" interpretieren. Es war einer meiner schlechtesten Deutsch-Aufsätze. Das hätte mir zu denken geben sollen. Aber vielleicht haben wir tatsächlich geglaubt, dass das möglich ist: hinfahren, ansehen, niedlich finden, ohne Hund zurückfahren. Genau genommen war es ja auch möglich. Wir haben Clara, Resultat einer Kreuzung aus Landedelmann und Bauernmagd, erst zwei Wochen später abgeholt.

Die Familie

In den zurückliegenden 15 Monaten sind vielfältige, größtenteils irreversible Veränderungen vor sich gegangen. Aus dem knuddeligen Welpen ist ein großer, schwarzer, alles Fressbare inhalierender Hund auf unglaublich langen dünnen Beinen geworden. "Die sieht aus wie du, und die guckt wie du", sagt meine Frau.

"Das gleiche Profil, nur dass du keine Schnauze hast." Abends sitzen wir jetzt zu dritt auf dem Sofa. Meist schaffen meine Frau und ich es, uns knapp die Hälfte des Möbelstücks zu erkämpfen. Ich muss gestehen, dass es mir lieber ist, wenn meine Frau Clara zur Seite schiebt. Natürlich war abgemacht, dass sie auf gar keinen Fall jemals aufs Sofa darf.

Der Tag hat eine neue Struktur bekommen, man könnte auch sagen: Der Hund hat ihm die Struktur seiner Bedürfnisse aufgezwungen. Bevor morgens irgendeines unserer Kinder geweckt wird, führe ich den Hund raus, damit er sein Morgengeschäft erledigen kann. Der Hund bekommt dafür auch das erste Lob des Tages: "Braves Hundemädchen!" Ich greife leicht angewidert zum Spaten. Frühstücksglück sieht anders aus. Sobald ich dann zum Bäcker gehe, rennt Clara die Treppe hoch in das Zimmer unseres 16-Jährigen, springt auf sein Bett, stellt sich mit den Hinterpfoten auf sein Gesicht, Vorderbeine aufs Fensterbrett und schaut mir nach, wie ich über die Straße gehe. Ich winke ihr von unten zu und hoffe insgeheim, dass sie eines Tages zurückwinkt.

Die Rolle des Leitwolfs habe ich bereitwillig an meine Frau abgetreten. "Diskutiert der Chef des Rudels etwa mit den anderen Hunden?", fragt sie. Natürlich hat sie recht. Es geht um Befehl und Gehorsam. Aber ich bin nun mal kein Freund von Befehl und Gehorsam. Wenn ich Clara zutexte, legt sie ihr Köpfchen schief, schaut mich an und denkt vermutlich: "Tolles Herrchen, kluges Herrchen. Aber wann sagst du endlich Dinge, die ich verstehe? Zum Beispiel: Haben wir vielleicht ein Knöchi?" Wobei sowohl Fragesteller als auch Hund wissen, dass die Plastikbox im Flur voller Knöchi ist; Pansenstreifen, getrocknete Schweineohren, Hühnerfüße, Rinderkopfhaut, Ochsenpenis-Stücke.

Meine Frau beschwert sich manchmal - und auch da hat sie formal natürlich recht -, dass zuerst der Hund und nicht sie begrüßt wird, wenn ich nach Hause komme. Was soll ich sagen: Springst du freudig an mir hoch? Leckst du mir das Gesicht? Liegst du etwa auf dem Rücken da, alle viere von dir gestreckt, und zeigst mir dein Babybäuchibäuchi? Auch mit der Sprache geschehen Dinge, die nicht erklärbar sind.

Nein, die Welt ist nicht gerecht. Kommt Clara freudig angelaufen, ist Herrchen glücklich. Kommt eines der Kinder freudig angelaufen - was sie normalerweise nicht tun -, ist Herrchen noch lange nicht glücklich. Dazu braucht es mehr: gute Schulnoten, ein ordentliches Zimmer, ein ausgeräumter Geschirrspüler. Und selbst dann kriegen sie von mir keinen Schmatzer auf die Nase - von der ich im Falle Clara nicht wissen möchte, wo sie im Laufe des Tages schon überall dringesteckt hat. Andererseits wird Clara mir wohl nie das Glücksgefühl bescheren, in einem voll besetzten Bus mit massivem Einsatz der Zunge zwischen den Vorderzähnen lauthals Brechts Einheitsfrontlied ("Drum links zwo drei, drum links zwo drei, wo dein Platz, Genosse, ist!") zu schmettern, wie es meiner Erstgeborenen mit vier Jahren eines Morgens spontan einfiel. Meiner Passion für alte Arbeiterlieder folgend, hatte ich ihr das Lied am Abend zuvor zum Einschlafen vorgesungen.

Der Hundeernährungsberaterin auf dem letztjährigen Christkindlmarkt in unserem Stadtteil genügte ein Blick: Wer 150 Euro für eine Leine und ein Halsband aus Elchleder ausgibt, wird auch teures Premiumfutter kaufen. "Ihr Hund hat aber Schuppen!", sagte sie vorwurfsvoll. "Und ein ganz stumpfes Fell." Ein paar Tage später saß sie mit ihren Futterproben an unserem Wohnzimmertisch. Die von der Beraterin vertretenen Produkte kommen aus dem Allgäu. Allgäu klingt gut, klingt gesund, nach saftig-grünen Wiesen. Da meine Frau nicht zu Hause war, konnte sich ein längeres Gespräch über Blähungen entwickeln. Hundeblähungen sind die Hölle. Ich bestellte schließlich das teuerste Futter aus dem Sortiment (ein ALG-II-Empfänger könnte es sich gerade eben noch leisten, seine Familie damit zu ernähren) und dazu ein Ergänzungspulver aus Meeresalgen. Es soll vorbeugend gegen Cellulite wirken.

Eigentlich könnten wir das Füttern auch einstellen. Clara arbeitet mit Hochdruck daran, sich komplett selbst zu versorgen. Ausgestattet mit enormer Sprungkraft, schnell zupackender Schnauze und unersättlichem Appetit, erbeutet sie alles, was für einen Moment der Aufmerksamkeit ihrer menschlichen Mitbewohner entgeht: Pizza, Popcorn, Lasagne, Eierkuchen, Schnitzel, Brot, eine Schachtel klebrig-süßer Erfrischungsstäbchen. Vor ein paar Tagen vernichtete sie binnen weniger Sekunden 200 Gramm alten Parmesan aus dem Feinkostladen. Ich musste dann den von Aldi nehmen. Der Ablauf ist immer gleich: Man kommt in die Küche und denkt kurz: "Wo ist denn nur ..." Und sieht aus dem Augenwinkel einen großen Hund, der sich zu einem ganz kleinen Hündchen macht, von dannen schlurft, mit gesenktem Kopf und Ohren, die tiefer nicht hängen können. Manchmal leckt sie sich dummerweise noch mit der Zunge über die Schnauze. Dann ist alles klar. Oder sie setzt sich schuldbewusst vor mich hin und rülpst mich an. Dann ist auch alles klar.

Als meine Frau und ich voriges Jahr geheiratet haben, wusste das niemand. Nicht die Eltern, nicht die Kinder. Einziger Trauzeuge im historischen Saal des Rathauses von Tangermünde war das kleine Hündchen. Während der Standesbeamte sagte, was in solchen Fällen zu sagen ist, und dazu ein wirklich wunderschönes Lied von Van Morrison lief, lag es unter dem Tisch und knackte genüsslich ein getrocknetes Schweineohr.

Das Rudel

Letztens hat Frau Olefinn Herrn Luna schwer gekränkt. Er hatte seinem Hund eine zackige Sommer-Schur verpassen lassen. "Nee, sieht das scheiße aus!", rief Frau Olefinn völlig entrüstet, beugte sich zu dem Hund herab und fragte mitleidsvoll: "Sternchen, was haben sie denn mit dir gemacht?" Dann wollte sie von mir wissen, ob ich nicht auch fände, dass der Hund völlig verunstaltet sei. Ich war feige und sagte: "Na ja, wächst doch wieder nach." Herr Luna ging seines Weges und wurde seitdem im Rudel nicht mehr gesehen.

Das Rudel. Jeden Morgen rotten sich in einem nahe gelegenen Wäldchen zwischen fünf und fünfzehn Herrchen und Frauchen mit ihren Hunden zusammen, um anschließend etwa eine Stunde lang gemeinsam die wenigen Wege abzuschreiten. Auch wenn immer einige Männer dabei sind, nennen meine Frau und ich das Rudel "die Damen des Waldes". Der Hundewald ist ein Auslaufgebiet; hier können Hunde ohne Leine laufen und ihr Geschäft verrichten. Wo Hunde sind, sind ihre Hinterlassenschaften nicht weit. Dieser Zusammenhang, vermutlich in einer mathematischen Funktion darstellbar, wurde im Frühjahr auf beeindruckende Weise deutlich, als nach acht Wochen Dauerfrost auf einer Fläche von etwa 300 mal 500 Metern geschätzte 5000 Hundehaufen, überwiegend am Wegesrand platziert, auf einmal auftauten und ihren Geruch verbreiteten.

Das Rudel wird geführt von den älteren Rüden (Hunde) und von Frau Olefinn (Menschen). Frau Olefinn, unendlich liebevoll zu Hunden, die sie mag, aber durchaus in der Lage, mit scharfer Verbalmunition zurückzuschießen, wenn jemand sich abfällig über ihre beiden Vierbeiner äußert ("Halt die Fresse, Alte", inklusive hochgereckter Mittelfinger) heißt natürlich nicht Frau Olefinn, aber es gehört zu den Besonderheiten dieses Auslaufgebietes, dass die Hundehalter sich fast alle mit den Namen der Hunde anreden und auch so über sie sprechen: "Herrn Debbie hab' ich schon drei Tage nicht gesehen. Muss man sich Sorgen machen?" Ich bin also Herr Clara. Klingt nicht spektakulär, aber immer noch besser als Frau Mopsi.

Frau Olefinn heißt so, weil ihre Hunde, zwei zottige Bearded Collies, Ole und Finn heißen. Ich habe mich in das von ihr mit natürlicher Autorität geleitete Rudel langjähriger Hundehalter eingeordnet, als Neuling erst mal ganz unten. Man merkt übrigens sehr schnell, ob man willkommen ist oder nicht.

Ich muss gestehen, dass mir Frau Olefinns Rudel anfangs suspekt war. Was ist von Menschen zu halten, die ihre Hunde mit selbst gebackenen Plätzchen erfreuen? Deren Hund das Frauchen an den Beinen leckt, wenn es auf dem Klo sitzt? Die nach erledigtem Geschäft das Hinterteil ihres Vierbeiners ausgiebig, auch mit der Nase, inspizieren? Frau Olefinn erzählte kürzlich in allen Einzelheiten, wie ihr Finn im Hausflur onaniert hat. Das gehört mit Sicherheit zu den Dingen, von denen ich weniger wissen möchte.

In der Zwischenzeit habe ich ein gewisses Verständnis, ja eine heimliche Sympathie für die Damen des Waldes entwickelt, nicht zuletzt für Frau Olefinn. "Frau Olefinn hat gesagt ...", fange ich daheim so manche Erzählung an. Dass ihr Mann sich nichts von den Nudeln mit Gulasch nehmen durfte ("Das ist für die Hunde!"), als er abends nach Hause kam, und sich eine Käsestulle machen musste, finde ich nach wie vor übertrieben hart. Aber als ich meinen Hund einmal gegen die Attacken der ständig schurigelnden Mopsi verteidigte und ihr eine Leine ins Kreuz schmiss, sagte Frau Olefinn zu Clara: "Du hast ein ganz tolles Herrchen. Dein Herrchen verteidigt dich." Da hatte Frau Olefinn bei mir gewonnen. Ich bemerkte auch, dass die Damen des Waldes Kochrezepte und Bücher austauschen, manchmal füreinander einkaufen und sich gegenseitig mit selbst gestrickten Socken beschenken. Warum sollte man keine Hundeplätzchen backen? Mit Befremden stelle ich fest, dass ich mit den Damen des Waldes mittlerweile vermutlich mehr freie Zeit verbringe als mit meiner Frau. Manchmal trifft man sich eben auch nachmittags.

An mir selbst wiederum stellte ich bald eine äußerst nachteilige Veränderung fest, eine Begleiterscheinung der Metamorphose des Mannes zum Herrchen. Morgens betrete ich den Hundewald in einem optischen Zustand, der nur als völlig inakzeptabel zu bezeichnen ist. Der noch unschamponierte Rest von Frisur (in meiner rheinischen Heimat sagt man freundlich "Klätschköppche") wird durch eine abgewetzte Tweedkappe (ich habe kein Kappengesicht) gnädig verdeckt, die Taschen der Entenjägerweste sind fettdurchtränkt, weil ich stets einen größeren Vorrat Wurst-Belohnungsstückchen bei mir trage. Die fleischwurstfettigen Finger wische ich zwischendurch an den Jeans ab, genau wie den Sabber der Hunde, die bei mir nach Wurst anstehen. Nach Ansicht von Frau Olefinn macht der Sabber die Haut besonders zart. Die Tchibo-Regenjacke erinnert an jene, die Ulrich Mühe als Stasi-Hauptmann in "Das Leben der Anderen" trug: mausgrau und aus Kunstfaser. Gegen starken Regen habe ich mir einen amerikanischen Wetterhut gekauft. Ich muss sagen, dass ich nicht nur kein Kappengesicht habe, sondern auch kein Hutgesicht.

Man schlendert und erzählt. Es geht immer um die Hunde. Um die eigenen, um die anderen, um deren Herrchen und Frauchen, um Hunde an und für sich. Mindestens auf dem Niveau eines Ethikseminars über Sterbehilfe wird debattiert, als ein älteres Ehepaar ihren todgeweihten Hund wochenlang mit einem offenen Schädeltumor durch den Wald schleppt. Man zählt auf, welche Hundehalter des Ortes (natürlich niemand aus dem Rudel!) saufen. Es gibt etliche, die nachmittags bedenklich schwankend ihre Runde absolvieren. Und was kann man gegen den programmierten Ärger zu Schuljahresbeginn tun? Eine Grundschule liegt am Rande des Hundewaldes, der Schulweg führt geradewegs durchs Auslaufgebiet. Die Mütter sind das Problem, sagt Frau Olefinn. Sie sehen die Hunde, reißen ihre Kinder an sich und brüllen von Weitem: "Nehmen Sie die Hunde an die Leine!" Weil die Mütter brüllen, fangen die Kinder an zu weinen, worauf die Mütter rufen: "Sie sehen doch, dass mein Kind Angst hat!" In der Schule werden die Mütter sich zu einer Anti-Hundewald-Fraktion formieren, die Eingaben an die Abgeordneten und die Bezirksverwaltung schreibt und Leinenzwang fordert.

Vor allem aber bringt man sich gegenseitig auf den neuesten Stand, was die eigenen Hunde betrifft. Finn, der völlig autonom entscheidet, ob er auf Frau Olefinns Rufe reagiert oder nicht (wenn ja, tut er es mit provozierender Langsamkeit), nimmt seit ein paar Tagen wieder Tranquilizer, weil er auf Knallgeräusche völlig panisch reagiert und sofort nach Hause rennt. Die Erwartung von Siegesböllern nach WM-Spielen ließ Frau Olefinn keine andere Option. Am Tag nach der Bundespräsidentenwahl fällt im Wald kein Wort über Wulff oder Gauck. Aber Morrie hat sich tags zuvor an der Bushaltestelle hingesetzt, einfach so - und als ein Bus hielt, wollte er tatsächlich einsteigen. Großartig! Was zählt dagegen die Wahl des Staatsoberhauptes?

Das Auslaufgebiet ist wie ein großer, bewaldeter Kinderspielplatz. Die Damen des Waldes sind die Mütter, die auf der Bank sitzen und sich über ihre Kinder austauschen: Wie groß, wie schwer war es bei der Geburt? Hatte es Haare? Seit wann schläft es nachts durch? Seit wann krabbelt, brabbelt, läuft es? Kann es auf einem Bein hüpfen? Nicht? Dann wird es am Ende womöglich ein kleiner Phlegmatiker, klatschfett und dumm. Der Chor der Damen des Waldes lächelt milde.

Der Verein

"Wie alt ist denn der kleine Scheißer?", fragte die Hundetrainerin, Heidrun hieß sie, am anderen Ende der Leitung. "Fünf Monate", sagte ich, "ich weiß, es ist vielleicht noch zu früh." - "Fünf Monate!", donnerte es mir entgegen. "Warum kommt ihr denn jetzt erst?" Hatten wir jetzt alles schon verpasst? Würde unsere Clara ein kleines Dummchen bleiben? "Investitionen in die vorschulische und Grundschulbildung lösen einen Multiplikatoreffekt aus, der die Produktivität späterer Bildungsinvestments signifikant erhöht" - das habe ich selbst einmal geschrieben.

Schon am nächsten Sonntag traten wir reuig auf dem Hundeübungsplatz an. "Wir sind keine Hundeschule, wir sind ein Hundesportverein!", stellte Heidrun klar, sozusagen zur Begrüßung, als würde sie den Unterschied zwischen einem Freizeitjogger und Haile Gebrselassie erklären. Bei dem Wort "Verein" zuckten meine Frau und ich zusammen. Wir würden ein paar Trainingsstunden mitmachen, zehn oder vielleicht auch zwanzig, als Gäste, aber auf keinen Fall in den Verein eintreten. Wir waren nicht auf der Suche nach neuen Bekannten, erst recht nicht nach Vereinskameradie. Vorstand, Schriftführer, Kassierer, Jahreshauptversammlung, Anträge zur Geschäftsordnung - grausam all dies. "Die hören bestimmt Wolfgang Petry", sagten wir uns.

Seit Anfang des Jahres bin ich Mitglied im Hundesportverein Gatow-Kladow e. V. Ich bin jetzt der Sportskamerad Molitor. Ich hätte nie geglaubt, dass mich mal jemand ungestraft so anreden darf. Zum Geburtstag skandiert der Chor der Sportskameraden ein dreifaches "Hundehütte, Hundehütte, wau-wau-wau!" Wer bei einer Übung mit Helfergruppe am Schluss vergisst zu sagen "Danke die Gruppe!", muss eine Flasche Prosecco ausgeben. Ich habe einen Mitgliedsausweis, beziehe die Verbandszeitschrift, trage beim Training ein T-Shirt mit der Aufschrift des Vereins und manchmal ein Käppi mit LED-Lampen, auf dem "Sporthund" steht. Beim "Tag des Hundes" habe ich am Grill geschwitzt und außerdem im Hundeauslaufgebiet kräftig neue Sportskameraden geworben. Die Junghundegruppe des Vereins rekrutiert sich fast komplett aus meinen Vermittlungsbemühungen.

Die Sportskameraden, das sind durch die Bank herzliche, grundanständige Menschen, die, wenn es beispielsweise in der Familie brennt, geduldiger zuhören als manche Freunde. Einige verbringen fast ihre gesamte Freizeit auf dem Übungsplatz. Sie mähen den Rasen, bauen einen Unterstand für Schlechtwetter, backen Kuchen, fahren am Wochenende zu Turnieren und kommen sonntags drauf mit einem Poloshirt der Veranstaltung zum Training, damit jeder sieht: Ich war auf der WM der Belgischen Schäferhunde in Cottbus.

"Ein Hund muss arbeiten", sagt Heidrun. Ein Hund, der nicht arbeitet, das ist wie ein Sozialhilfeempfänger, der bis mittags im Bett liegt und die Stütze versäuft. Also muss Clara arbeiten. Vermutlich will sie das sogar. Wie auch immer: Ich will es. Ich setze einiges in Bewegung, damit sie keine sonntägliche Trainingsstunde versäumt. Meine Frau und unser kleiner Sohn sind darüber nicht immer glücklich, gerade jetzt nicht, da die Badeseen sich so angenehm erwärmt haben.

Ein Hundesportverein ist keine Spielstätte der Demokratie, o nein, sondern im schlechtesten Fall eine Tyrannis, im besten eine gütige Monarchie. Oder eine Kompanie mit einem Spieß, der streng ist, aber gerecht.

Ich habe nicht gedient, alles Militärische ist mir fremd geblieben. Mit 20 stand ich in der Fußgängerzone meiner kleinen Heimatstadt mit anderen Friedensfreunden im Kreis; wir fassten uns bei den Händen und skandierten "Hopp-hopp-hopp, Atomraketenstopp!" Vielleicht erklärt eine nicht gestillte Sehnsucht nach Feldwebeln meine freiwillige Unterordnung unter das Kommando einer Hundetrainerin. Sobald wir Rekruten den Übungsplatz betreten, ist Heidruns Wort Gesetz, ein Anflug von gegenteiliger Meinung grenzt an Hochverrat. Streng ist sie, hoho!, aber nicht zu den Hunden, sondern zu den Herrchen und Frauchen. Nicht die Tiere stellen sich dämlich an, sondern die Sportskameraden, nicht Clara, sondern ich. "Wieso gibst du ihr denn jetzt ein Leckerli, was soll denn das, die kleine Mistbratze hat die Übung doch nicht richtig gemacht!" Ich ringe noch um eine Antwort, da donnert es mir schon entgegen: "Nun spar' dir die ganzen Männerausreden! Noch mal die Übung!"

Noch eine Übung. Und noch eine. Wir laufen bei Fuß in sengender Sonne, laufen rechte Winkel bei minus 15 Grad, machen schnelle Kehrtwendungen im strömenden Regen. Clara muss liegen bleiben, während ich 20 Meter entfernt mit dem Rücken zu ihr stehe, auch wenn andere Hunde ganz dicht an ihr vorbeilaufen oder ein Sportskamerad seinen Hund mit knarrendem "Hier!" heranruft; sie muss heranpreschen und genau vor mir sitzen bleiben, wenn ich sie rufe, sie muss über Schrägwände klettern, einen Hindernis-Parcours bewältigen. Wie bei unseren Kindern werde ich zornig, wenn Clara sich dusselig anstellt, werde grob und scharf im Ton. Hinterher tut es mir dann leid. Aber wenn sie den Sla-lom-Parcours als Schnellste bewältigt, bin ich mächtig stolz.

Nach dem Training gibt es Würstchen und Nackensteaks vom Grill, jemand hat Kuchen gebacken, es läuft Wolfgang Petry, man trinkt ein Bierchen oder auch zwei. Auch ich nehme noch eines. Eigentlich wollte ich mit meiner Frau und unserem Jüngsten an den Badesee. Lohnt sich wohl nicht mehr. -