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Fressen und gefressen werden

Wissenswertes über eine unterschätzte Spezies: die Heuschrecke




Ernährung - Eine erwachsene Wüstenheuschrecke nimmt täglich rund zwei Gramm Nahrung zu sich, also etwa so viel, wie sie wiegt. Eine Tonne Heuschrecke (das ist nur ein kleiner Teil eines durchschnittlichen Schwarms) verbraucht täglich so viel Nahrung wie 10 Elefanten, 25 Kamele oder 2500 Menschen. Heuschrecken und Menschen sind Nahrungskonkurrenten. Quelle: FAO Schwarmintelligenz - "Ein Heuschrecken-Schwarm hat keine Königin, keinen Führer - wie bewegt er sich? Durch einfache Regeln: Minimalabstand halten, etwa in dieselbe Richtung bewegen wie der Nachbar, und wenn man am Rand ist, wieder in den Schwarm hineinbewegen. Ganz richtungslos agieren die Heuschrecken aber in ihren Schwärmen nicht. Sie können zum Beispiel am polarisierten Licht erkennen, ob sie sich über dem Meer befinden, und drehen dann wieder auf das Land ab - wenn es die Winde zulassen. Richtungsänderungen treten ein, wenn eine große Zahl an Individuen diese anhand der wahrgenommenen Informationen einleitet." Jörg Samietz, Insektenforscher an der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil (ACW) in der Schweiz Schwarmgröße - Sie reicht von weniger als einem Quadratkilometer bis zu mehreren 100 Quadratkilometern. Jeder Quadratkilometer eines Schwarms besteht aus 40 bis 80 Millionen erwachsenen Heuschrecken. Quelle: FAO Überlebenskünstler - "Heuschrecken können Umweltbedingungen aushalten, die wir Menschen kaum ertragen. Wüstenheuschrecken halten sich am liebsten jenseits der 40 Grad Celsius auf und kommen vollständig ohne flüssiges Wasser aus. Die Feuchtigkeit aus der Nahrung, zum Beispiel fast trockenem Gras, reicht ihnen. Ihr Körper ist mit speziellen Fetten gegen den Verlust von Wasser geschützt. Dabei lernen sie in ihrem Leben fast nichts. Fast alles, was sie tun, ist ihnen als Programm im Nervensystem eingeschrieben. Die meisten Insekten lernen in evolutionären Zeiträumen: Ändert sich die Umwelt, so ändert sich über natürliche Selektion mit der Zeit ihr Programm. Das klingt unromantisch, macht sie aber sehr robust in ihren Reaktionen gegenüber der Umwelt und den Artgenossen. Und diese Reaktionen sind äußerst komplex - wenn man die Thermoregulation, die Paarung oder die Schwarmbildung bei den Wanderheuschrecken betrachtet. Dabei sind sie nur mit dem ausgestattet, was sie unbedingt haben müssen, und die Körperteile reagieren weitgehend unabhängig. Theoretisch könnten sie sogar ohne Kopf fliegen oder den Paarungsakt zu Ende bringen - außer sie verhungern vorher. Mindestens vier von fünf, wahrscheinlich 19 von 20 Tierarten auf der Erde sind Insekten. Sieht man vom Meer ab, haben sie die Evolution überall gewonnen. Insekten haben schon die Dinosaurier überlebt und sowohl den Menschen als auch die Klimaerwärmung bisher gut überstanden - nur der Lebensraumverlust insbesondere in den tropischen Wäldern macht ihnen zu schaffen und löscht Tausende Arten aus (viele, ohne dass sie jemals wissenschaftlich beschrieben wurden)." Jörg Samietz Das Tier der Apokalypse - "Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde, und ihnen wurde Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben. Und es wurde ihnen gesagt, sie sollten nicht Schaden tun dem Gras auf Erden noch allem Grünen noch irgendeinem Baum, sondern allein den Menschen, die nicht das Siegel Gottes haben an ihren Stirnen. Und ihnen wurde Macht gegeben, nicht dass sie sie töteten, sondern sie quälten fünf Monate lang. Und in jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen und nicht finden. Sie werden begehren zu sterben, und der Tod wird vor ihnen fliehen." Bibel, Offenbarung des Johannes 9, 3-6 Somalia - "Eines Tages in der Koranschule, in Somalia, ich war damals sieben Jahre alt. Der Lehrer war sehr nervös, er sagte, dass die Heuschrecken kommen. Draußen wurde der Himmel dunkel. Wir hatten Angst, man konnte nichts mehr sehen. Der Lehrer hat gesagt, wir sollen beten und schreien, um die Tiere aufzuscheuchen und zu vertreiben. Das hat meistens nichts gebracht. Die Heuschrecken sind erst wieder weitergezogen, wenn nichts mehr zu fressen übrig war. Dann sah man nur noch den Menschen, der weint. Bei uns an der Küste gab es Fische, und so konnten wir überleben. Aber weiter im Landesinnern, wo die Menschen von ihren Feldern leben, breitete sich der Hunger aus." Zakaria Farah aus Somalia. Heute arbeitet der Chemiker am Institut für Lebensmittelwissenschaften, Ernährung und Gesundheit der ETH Zürich. Schauspieler - "Ich verstehe nicht, weshalb im Theater immer nur Menschen auf der Bühne stehen. Heuschrecken sind mindestens so interessante Darsteller wie Menschen. Heuschrecken gehen so asozial miteinander um wie Shakespeare-Figuren. Sie beißen sich mit größter Selbstverständlichkeit den Kopf ab." Stefan Kaegi, Theaterregisseur. Die Hauptdarsteller seines Stückes "Heuschrecken" am Schauspielhaus Zürich waren 10 000 Heuschrecken. Lebenszeit - "Wanderheuschrecken leben zwei bis fünf Monate. Bei hohen Temperaturen entwickeln sie sich schnell und sterben früh, bei Kälte friert das Leben ein wie im Winterschlaf. Das Phänomen nennt man physiologische Zeit. Wenn sie die Wahl zwischen warmen und kühlen Plätzen haben, gehen sie dennoch lieber dahin, wo es warm ist. Sie sonnen sich regelrecht. Warum heizen sich die Tiere so auf, wenn sie dann doch früher sterben? Einerseits können sie sich dadurch von Infektionen kurieren wie wir Säugetiere mit Fieber, andererseits entwickeln sie sich aufgeheizt schneller und sind dann die Ersten, die sich paaren und unter den besten Partnern auswählen können. Man könnte sagen, ihr Motto ist: Live fast - die young." Jörg Samietz Überbevölkerung und Schwarmbildung - "Über Jahre hinweg leben Heuschrecken einzeln, das Sozialverhalten besteht eigentlich nur aus Sex. Die Schwarmbildung stellt eine ganz besondere Anpassung des Sozialverhaltens dar, ohne dass sich die Tiere als soziale Gemeinschaft wahrnehmen. Verschlechtern sich die Bedingungen für ihr Überleben, wandern sie nicht wie viele andere Insekten allein und ungesteuert irgendwohin, sondern bleiben über gigantische Distanzen zusammen. So stellen sie sicher, dass sie im neuen Lebensraum einen Partner finden und sich vermehren können. Der Mechanismus, der dann abläuft, ist bei den verschiedenen Wanderheuschrecken sehr ähnlich: Wenn die Larven sehr dicht aufeinanderleben, begegnen sie sich oft, riechen und berühren sich oft, geben Stresssignale ab, sodass andere Gene aktiviert werden; sie ändern ihr Aussehen, ihre Physiologie, ihr Verhalten. Einzeln lebende Wüstenheuschrecken sind beispielsweise braun, im Schwarm gelblich. Bis 1921 dachte man, es handele sich um zwei verschiedene Arten." Jörg Samietz Sozialwesen - "Man kann keine Politik erkennen, mit der irgendwelche sozialen Zustände aufrechterhalten würden. Man kann keine Wirtschaft erkennen, in der gemeinsame Anstrengungen, sich mit Nahrung zu versorgen, sichergestellt würden. Man erkennt keine Religion. Es werden offensichtlich keine Götter angebetet. Sport machen sie auch nicht. Freizeit haben sie eigentlich auch nicht. Im Grunde genommen sehe ich das, was ich immer sehen möchte, wenn ich auf Menschen schaue, nämlich den puren freien Willen, weil nichts Sichtbares sie kontrolliert: weder die Moral noch die Ethik." Dirk Baecker, Soziologe an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen Feindbeobachtung - Die Welternährungsorganisation FAO unterhält eine spezielle Einheit, die Heuschreckenschwärme überwacht, um sie frühzeitig bekämpfen zu können. In einem Bulletin wird regelmäßig eine Schwarm-Prognose publiziert. Paarung - "Die Weibchen der Wanderheuschrecken wählen ihren Geschlechtspartner nach Größe, Verhalten, nach dem Gesang und der Symmetrie des Körpers. Das signalisiert gute Gene. Von "mate guarding" spricht man bei Insekten, wenn das Männchen nach dem Paarungsakt auf dem Weibchen stunden-, manchmal tagelang sitzen bleibt. Wer das Weibchen zuletzt befruchtet, zeugt die meisten Nachkommen. Um Konkurrenten fernzuhalten, bleiben die Heuschreckenmännchen auf dem Weibchen, manchmal bis zur Eiablage." Jörg Samietz Kannibalismus - Lebende Heuschrecken werden von Artgenossen an den Flügeln angenagt. Tote oder solche, die sich nicht mehr wehren, werden bis auf den Kopf und faule Teile gefressen. Kannibalismus ist in der Natur die Ausnahme und kommt vor allem vor, wenn man in der Zucht künstlich eine hohe Dichte erzeugt. Nahrungsmittel - Die Welternährungsorganisation FAO schlägt den Verzehr von Heuschrecken ausdrücklich als Beitrag zur Lösung des Hungerproblems vor. Proteingehalt und Nährwert sind hoch. Von 200 Heuschrecken kann ein Mensch einen Tag leben. In Teilen Asiens, Südamerikas und Afrikas gelten sie als Delikatesse. Aber Ernährungsgewohnheiten lassen sich schlecht übertragen. Versuche der FAO, afrikanischen Völkern Heuschrecken schmackhaft zu machen, die sie bisher nur als Bedrohung kennen, scheiterten. Ein weiteres Problem ergibt sich aus dem schlecht vorhersagbaren Auftreten großer Schwärme. Die Verfügbarkeit großer Mengen von Wanderheuschrecken als Nahrungsmittel ist extrem unzuverlässig. FAO, Zakaria Farah, Jörg Samietz Heuschrecken-Rezepte aus aller Welt - Flügel und Hinterteile der Heuschrecken entfernen und sie in Wasser kochen, bis sie weich sind. Salzen und in etwas Öl braten, bis sie braun sind. Botswana, südliches Afrika Einigen Dutzend erwachsenen Heuschrecken, am besten Weibchen, den Unterleib der Länge nach aufschlitzen und mit jeweils einer Erdnuss füllen. Die Heuschrecken in einem Wok mit etwas Öl und Salz leicht anbraten. Kambodscha 40 Heuschrecken zehn Minuten bei 180oC rösten. Anschließend Flügel, Beine und Köpfe entfernen. Mit dem Saft einer Zitrone beträufeln, mit Salz und Knoblauch abschmecken. Zwei Avocados zerdrücken und über sechs Tortillas streichen. Geröstete Heuschrecken auf die Avocado-Tortillas legen. Mexiko Die Rezepte stammen aus dem Buch: Peter Menzel Faith D'Aluisio: Man Eating Bugs - The Art and Science of Eating Insects.