Partner von
Partner von

Der siebte Sinn

Eine Krise im Tierreich kann das Überleben der Art gefährden. Deswegen haben auch Tiere Notstandsprogramme. Sechs Verhaltensregeln.




1. Zieh in die Stadt!

Das Landleben ist für Tiere längst keine Idylle mehr. In der freien Wildbahn gibt es für viele weder ausreichend Platz noch Futter. Ein Problem, das sich noch zuspitzen wird: Immer mehr Wälder werden abgeholzt, mit Monokulturen bepflanzt oder von Betonbauten versiegelt. Auf dem Land bleibt nur, wer unbedingt muss. Wer flexibel ist, zieht in die Stadt. Dort gibt es Parks mit Teichen, Schrebergärten und Siedlungen mit prall gefüllten Mülltonnen; das Nahrungsangebot schwankt nicht mit den Jahreszeiten.

Diese Vorzüge der Urbanität machen sich zum Beispiel kalifornische Schwarzbären zunutze. Vor allem in den Sommermonaten zieht es sie in Orte. In Swimmingpools kühlen sie sich ab, in Gärten finden sie frisches Obst und in Mülltonnen, wonach ihnen sonst noch der Sinn steht. Derlei Annehmlichkeiten haben Afrikanische Pinguine schon vor 25 Jahren entdeckt. In den Gärten der Häuser von Simon's Town, nahe Kapstadt, fanden sie perfekte Nistgelegenheiten. Als sich die Menschen darüber beschwerten, dass die Pinguine ihre Blumenbete zertrampelten, errichtete die Stadtverwaltung einen Zaun, um die 2500 Tiere vom Zentrum fernzuhalten - mit wenig Nutzen. "Manche Vögel nehmen außerordentlich lange Umwege auf sich, um dieses Hindernis zu umgehen", sagt der Kapstadter Biologe Peter Ryan.

2. Zeig Mitgefühl!

Elefanten sind Herdentiere und halten auch im Samburu-Nationalpark in Kenia zusammen. Als die Elefantenkuh Eleanor eines Tages umkippte, wich ein anderes Tier nicht von ihrer Seite, obwohl die Herde schon weitergezogen war. Mit ihrem Rüssel betastete sie die sterbende Freundin, selbst nachdem es schon dunkel geworden war. Als Eleanor am nächsten Morgen starb, kamen auch die anderen Elefanten. Sie standen still um den Kadaver herum, wälzten ihn von einer Seite auf die andere. Eine Woche lang hielten sie Totenwache, Herdenmitglieder ebenso wie Tiere aus anderen Gruppen.

Ob sie um Eleanor trauerten, ist ungewiss. Beobachten kann der Mensch nur, was ein Tier tut, nicht, was es empfindet. Doch von Elefanten ist bekannt, dass sie ein "Interesse an sterbenden und toten Artgenossen zeigen, auch wenn es sich nicht um Verwandte handelt", sagt der Zoologe Ian Douglas-Hamilton. "Elefanten können wie Menschen Mitgefühl gegenüber leidenden Artgenossen zeigen."

Sie sind nicht die einzigen Tiere, die sich um ihre Artgenossen kümmern. Sogar Einzelgänger lassen sich durch den Tod eines nahen Verwandten zu ungewöhnlichem Verhalten hinreißen. Eichhörnchen etwa, die sich normalerweise nicht um das Schicksal anderer scheren, adoptieren hin und wieder verwaiste Jungtiere. Allerdings unter einer Bedingung: Der Verstorbene muss mit der Stiefmutter verwandt sein. Uneigennützig ist die Adoption also nicht, denn die Ziehmutter rettet dadurch wenigstens einen Teil ihrer Gene in die nächste Generation (vgl. auch Seite 68).

3. Höre auf dein Inneres!

Im Frühjahr 2009 wunderte sich die britische Zoologin Rachel Grant darüber, wo all die Kröten geblieben waren, die sie in den Laichseen in den Abruzzen beobachtet hatte. Normalerweise lassen sich die Tiere in der Laichsaison nicht stören. Doch plötzlich waren sie verschwunden, als hätten sie geahnt, dass am 6. April ein Erdbeben mit der Stärke 6,3 die Häuser in der Stadt L'Aquila erschüttern würde und dabei 300 Menschen ums Leben kommen würden.

Hatten die Kröten Änderungen des Erdmagnetfeldes gespürt, die vor Beben auftreten können? Oder wurden sie durch elektrisch geladene Teilchen oder Gase, die im Vorfeld der Stöße ausströmten, zur Flucht animiert? Auf Sri Lanka sollen sich Wasserbüffel, Affen und Vögel Stunden vor dem Tsunami im Jahr 2004 ins Landesinnere aufgemacht haben.

Es ist unklar, ob ein sich ankündigendes Naturereignis die direkte Ursache für das Verhalten der Tiere ist. Plausibel klingt jedoch die Erklärung, dass Tiere mit ihren empfindlichen Sinnesorganen Veränderungen in der Natur wahrnehmen, die der Mensch erst bemerkt, wenn sie über ihn hereinbrechen. Möglicherweise hören manche Tiere Infraschallwellen, verursacht durch einen nahenden Tsunami, oder sie spüren winzige Erdstöße, die auch sensible Messgeräte nicht wahrnehmen.

4. Nutze die Chancen!

Bei Naturereignissen, die das gesamte Leben auf der Erde verändern, hilft keine Flucht. Stattdessen reagiert die Natur mit einem rasanten Neustart. Schnell entwickelt sich eine Vielzahl neuer Lebensformen, welche den auf einen Schlag entvölkerten Planeten für sich erobern. So löschte ein gewaltiger Vulkanausbruch vor 250 Millionen Jahren den Großteil aller Lebewesen auf der Erde aus. Wo sich vorher in Meeren und Urwäldern verschiedene Kreaturen getummelt hatten, erschien der in eine Sandwüste verwandelte Urkontinent Pangaea nun wie tot. Bis die Entwicklung neuen Lebens kurz darauf Anlauf nahm und komplexere Organismen hervorbrachte, als jemals auf der Erde gelebt hatten. Und dass vor 65 Millionen Jahren die Säugetiere die Chance bekamen, zu den höchstentwickelten Lebewesen aufzusteigen, verdanken sie vermutlich einem Meteoriteneinschlag, vielleicht auch einem Vulkanausbruch oder beiden Naturkatastrophen zusammen.

5. Hoffe auf den Menschen!

Als in den siebziger Jahren in amerikanischen Karpfen-Teichen die Algen nur so wucherten, setzten die Züchter Asiatische Karpfen in den Becken aus. Doch 20 Jahre später entkamen einige in den Mississippi, schwammen nordwärts und vermehrten sich stark. Den einheimischen Fischen blieb so immer weniger Platz und immer weniger Nahrung. Gewichtsmäßig machen die Asiaten mittlerweile 90 Prozent aller Fische im Illinois River aus.

Fast immer sind einheimische Tiere machtlos, wenn Arten aus anderen Erdteilen einwandern. Die einzige Rettung ist dann der Mensch, der in die Natur eingreift. In den USA soll nun eine im Wasser installierte elektrische Barriere die Asiatischen Karpfen daran hindern, sich in den Großen Seen auszubreiten.

6. Pass! Dich! An!

Sollte der Mensch doch nicht helfen und ein Tier auf der Flucht vor Eindringlingen auf einer einsamen Insel stranden, heißt es: Bange machen gilt nicht! Falls mindestens ein Artgenosse des anderen Geschlechts ebenfalls auf der Insel gelandet ist, stehen die Überlebenschancen langfristig gut. Erstsiedler sollten aber penibel darauf achten, Energie zu sparen. Denn auf einer Insel gibt es weniger Nahrung als auf dem Festland. Ein Vogel sollte also auf exzentrisches Verhalten verzichten, und es wäre eine Überlegung wert, das Fliegen ganz einzustellen, so es keine Feinde gibt, die ihn fressen wollen: Der Kakapo, ein Papagei, der nicht fliegen kann, kommt in Neuseeland vergleichsweise gut zurecht.

Und weil es auf der Insel Borneo weniger Nahrung gibt als auf dem Festland, ist der Borneo-Elefant einfach geschrumpft und wird nur etwa zweieinhalb Meter groß - sonst müsste der Pflanzenfresser womöglich Hunger leiden. Genau die andere Entwicklung hat die Riesenmaus auf der Gough-Insel im Südatlantik gemacht. Weil sie zu klein war, um sich ihre Nahrung zu erobern, ist sie von Generation zu Generation größer geworden. Inzwischen ist sie so wuchtig, dass sie sogar Albatrosküken angreifen kann. Wichtig für das Überleben der Maus war auch, dass sie ihren Appetit verändert hat und von einer Vegetarierin zur Allesfresserin wurde, sonst wäre sie nie satt geworden. -