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Der Rettungsschwimmer

Schon oft hörte man von Delfinen, die Ertrinkende sicher an Land geleiteten. Selten sind dagegen solche, die gleich einen ganzen Ort vor dem wirtschaftlichen Untergang bewahren.




- Dynamisch, meistens unter 30 Jahre alt, stets gut gelaunt. Kurzum: Der Delfin ist ein Arbeitnehmer, wie Chefs ihn sich wünschen. Gern wird er in einer Art Festanstellung langfristig gebunden, etwa in Zoos, Ozeanarien oder im Filmgeschäft. So muss es die Bewohner des Ortes Dingle an der irischen Westküsteüberrascht haben, als Anfang der achtziger Jahre ein Tümmler in ihrer Bucht auftauchte, sich offenkundig wohlfühlte und fortan regelmäßig seine Kunststückchen vorführte.

Er sprang in wie mit dem Zirkel gezogenen Halbkreisen durch die Luft oder schoss so kühn aus dem Wasser, als wäre er kein Säugetier, sondern ein fliegender Fisch. Was die Bewohner wohl noch mehr verwunderte, war aber: Der Delfin zog nicht weiter, sondern er blieb. Das, obwohl doch zu dieser Zeit in Irland jeder nur auf eine Gelegenheit wartete, die Insel zu verlassen. Warum an einem Ort leben, der kaum mehr zu bieten hatte als hohe Arbeitslosigkeit, horrende Zinsen für Kredite und wo es einem alten Sprichwort zufolge im Jahr ohne-hin nur zwei Tage gab, die man in diesem Regenreich genießen kann: Weihnachten und den Sommer?

Tausende Iren waren zu jener Zeit bereits in die USA, nach Großbritannien oder Australien ausgewandert, und auch in Dingle standen die unter den Fangquoten der Europäischen Gemeinschaft (EG) und ausländischer Konkurrenz leidenden Fischer immer häufiger mit verschränkten Armen an der Mole des veralteten Hafengeländes als auf dem Deck ihrer Boote.

Dann also kam der Delfin, den der Leuchtturmwärter Paddy Ferriter als Erster entdeckte, und kehrte - aus Gründen, die bis heute nur er selbst kennt - nicht mehr ins offene Meer zurück. Stattdessen begleitete er Schiffe in deren Bugwellen hinaus in die See und hieß sie bei ihrer Rückkehr mit Sprüngen willkommen. So ging das über Tage, Wochen, Monate.

Schließlich erkannten die Offiziellen der Stadt den Tümmler gar als Neubürger mit ständigem Wohnsitz in Dingle Bay an und führten ihn fortan unter dem Namen Fungie, den er angeblich einem Fischer mit pilzartigem Bartwuchs verdankt; "Fungie Face" hieß der bei seinen Kollegen. Rasch wurde der Delfin zur Attraktion des Ortes, dessen Sehenswürdigkeit sich bis dahin vorwiegend auf einen Felsbrocken in der Goat Street beschränkte, in dem nur Experten für gälische Geschichte kein Verkehrshindernis, sondern einen heiligen Stein sahen. Zeitungen berichteten, Kamerateams filmten. So konnte sich die Dingle-Halbinsel bereits nach kurzer Zeit mit einer zweiten Berühmtheit schmücken. Die erste ist ein abgeschieden gelegenes Haus, das Heinrich Böll hier schon seit Jahren besaß. In diesem lebte und arbeitete der Schriftsteller aber lieber zurückgezogen und ließ sich weder zu tollkühnen Luftsprüngen vor Publikum noch kicherähnlichen Lauten aus einem 80 Zähne fassenden Gebiss hinreißen.

So zogen die Menschen bevorzugt zur Bucht hinaus, die ein rund vier Meter langer Entertainer nun täglich zu seiner Bühne machte. Sieben Tage in der Woche, mit Aufführungen selbst an Sonn- und Feiertagen.

Schließlich betrachteten auch die größten Skeptiker Fungie nicht mehr als flüchtiges Phänomen, sondern als Gemeindemitglied, den seine Ortsverbundenheit gar zum verlässlichen Geschäftpartner machte. Der alte Flannery, zum Beispiel, war einer der Ersten, der seinen Kutter verkaufte. Und seine Lizenz zum Fischen dazu. Das Geld steckte er in ein kleines Passagierschiff, mit dem er Neugierige auf einer einstündigen Tour hinaus zu Fungie fuhr. So, wie es danach auch sein Sohn tat. "Und mittlerweile auch sein 20-jähriger Enkel", sagt die Schwiegertochter nicht ohne Stolz, die sich am Schalter um die Kunden kümmert und selbst nach der Arbeit auf ihrem Boot zu Fungie fährt. Fast jeden Abend.

Mit acht ehemaligen Fischern haben sich die Flannerys inzwischen zur Dingle Boatmen's Association zusammengeschlossen, die mit dem einen frei lebenden Meeresbewohner mittlerweile wohl weitaus mehr verdienen als mit dem Auswerfen von Netzen. Zumal vor wenigen Jahren auch noch der Fang von Lachs verboten wurde, der bis dahin zu den Fischen mit den einträglichsten Quoten zählte.

Bis zu 1000 Gäste fährt die Fungie-Flotte an sonnigen Sommertagen zum Ziel hinaus, das sich schon von Weitem ausmachen lässt: Es liegt dort, wo sich die Kajak-Fahrer mit den gemieteten Booten und die Schwimmer versammeln, die bei Brosnan's Wetsuit Hire einen Neoprenanzug geliehen haben. Vom Delfin profitiert jeder. Und jeder auf seine Art. Ob Schwimmen mit Fungie auch chronische Depressionen heile könne, heißt eine der Fragen auf der Seite www.irishdolphins.com. Das sei nicht bewiesen, lautet die Antwort. Aber Schwimmen sei ja immer gut.

16 Euro kostet ein Trip hinaus zum Tier, die aber nur zahlen muss, wer den Delfin gesehen hat. Um den Fahrpreis ist aber kaum ein Passagier je herumgekommen. Und wer Fungie wirklich einmal nicht im Meer sehen sollte, dem springt er spätestens an Land ins Auge: von den Hausfassaden und den Pub-Schildern, von Postkarten, Tassen und T-Shirts, als Glas-Skulptur und Hauptdarsteller in Kinderbüchern. Etwa 80 Prozent der rund 2500 Einwohner leben inzwischen direkt oder indirekt vom Tourismus, so schätzt Claire Galvin von Dingle Peninsula Tourism. Und der Delfin, wie soll man es anders sagen, ist zweifellos sein Zugpferd.

Doch wie sieht die Zukunft aus? Auch wenn er als Bronzestatue in der Hauptstraße längst unsterblich ist, wird er ab einem ungewissen Tag sein Publikum für immer vergeblich warten lassen. Sieben, vielleicht acht Jahre alt, mag der Delfin gewesen sein, als er vor 27 Jahren nach Dingle kam. Bei etwas mehr als 35 Jahren, schätzen Meeresbiologen, liegt die Lebenserwartung für Tursiops truncatus, den Großen Tümmler.

Ob es eventuell ein Double gebe, das notfalls für Fungie einspringen könnte? Nein, sagt Claire Galvin, außer einem aufblasbaren Delfin irgendwo im Lager sei kein Ersatz in Sicht. Daher hätten einige Tour-Anbieter in trauriger Vorahnung ihr Programm erweitert. Sie bringen Touristen nicht mehr nur zu Fungie, sondern machen auch Fahrten, auf denen die Passagiere etwas über die Vögel und Pflanzen der vorgelagerten Inseln lernen können. Aber noch ist der Zeitpunkt, vor dem sich alle fürchten, fern. Und wer etwas anderes behauptet, der ist nicht nur geschäftsschädigend, sondern unsensibel und kriegt was auf die Flossen. -