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Der Name des Tieres

Sie werden geliebt, gehasst, vermenschlicht und missverstanden. Und wer ihnen Gutes tun will, sollte nicht von Ethik reden, sondern von Entwicklung und Markt. So gesehen ist das Tier wie wir.




Sie stritten sich beim Wein herum,
Was das nun wieder wäre;
Das mit dem Darwin wär' gar zu dumm
Und wider die menschliche Ehre.
Sie tranken manchen Humpen aus,
Sie stolperten aus den Türen,
Sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus'
Gekrochen auf allen vieren.
(Wilhelm Busch)
1. Im Unterholz: die bucklige Verwandtschaft

Wie halten wir es mit den Tieren? Was bedeuten sie für uns? Wie viel Tier ist in uns? Und wenn, welches? Eine Möglichkeit, darauf eine Antwort zu finden, ist ein altes und beliebtes Menschenspiel. Man muss nur fragen - zuerst sich selbst.

Wenn wir ein Tier wären, welches Tier wären wir? Ein stolzer Adler, ein kühner Löwe, ein schneller Hai, ein wilder Hund, eine schlaue Katze, eine listige Schlange oder vielleicht ein kluger Delfin?

Letztlich läuft dabei alles auf Lassie, Flipper und Co. hinaus. Außer man ändert die Fragestellung ein wenig. Wenn die Menschen, die uns umgeben, etwa Verwandte und Kollegen, Tiere wären, welches Tier wären sie dann? Die aus dieser Frage erwachsenden Antworten haben mit tierischen Helden selten etwas zu tun. Oder kennt jemand Tierfilme, in denen Assel, Grottenolm, Ziege oder Gans tragende Rollen spielen?

Wir sehen: Die Frage klärt sich so nicht. Sie führt uns nicht zur Wahrheit. Kein Wunder, denn die krabbelt im Unterholz des frühen Paläozäns herum, so vor 65 Millionen Jahren. Die Wahrheit sieht ein wenig aus wie Scrat, der stets vergeblich Eicheln jagende Nager aus dem Film "Ice Age".

Bevor Scrat die Bühne betrat, herrschte auf der Erde ein Milieu, das moderne Umweltschützer ausflippen ließe. Der CO2-Gehalt der Luft war viermal so hoch wie heute, die Temperaturen lagen im Schnitt bei 19 Grad Celsius - vier Grad mehr als derzeit und doppelt so hoch, wie es die Klimaschutzziele der Kanzlerin erlauben.

Der Grund: ein Meteorit mit einem Durchmesser von gut 15 Kilometern, der vor der Küste Yucatáns eingeschlagen war. Und der zusammen mit einem großen Vulkanausbruch die Welt der Saurier vernichtete. Die Säugetiere, zu denen Scrat gehört, lebten Millionen Jahre im Schatten der großen Echsen - sie bildeten das biologische Prekariat. Doch jetzt gehörte ihnen die Welt. Ihren Aufstieg sicherten sie durch fortgesetzten Nestraub. So dezimierten sie die Brut der Großechsen, die den großen Einschlag überlebt hatten. In der historischen Familienaufstellung der Säugetiere schrieb ausgerechnet ein rattiger Eierdieb das erste Kapitel - aber Dankbarkeit ist keine evolutionäre Kategorie.

Millionen Generationen nach den Eierdieben hatten die Erben durch fortgesetztes Verputzen von Proteinen vorwiegend aus tierischem Eiweiß - ihr Hirn auf eine derartige Größe gebracht, dass sie sich solche Gedanken machen konnten. Doch je weiter der menschliche Intellekt gedieh, desto weniger wollte man mit dem Viehzeug was zu tun haben. Das erfuhr schon der Vater der Evolutionstheorie, Charles Darwin, der jahrelang das Haus nicht unbehelligt verlassen konnte, nur weil er nachgewiesen hatte, dass der Ast der Entwicklung, auf dem wir sitzen, nicht aus dem Himmel gewachsen ist.

Bis heute verbrennen Kreationisten Schulbücher, in denen die Schöpfungsgeschichte so erzählt wird, wie sie war - auch wenn der kleine Säuger aus der Familie der Kloakentiere nur eine untergeordnete Rolle darin spielen darf. Dabei ist alles, was wir sind, reichlich tierisch.

Haustiere wie Hund und Katze führen ein Luxusleben, verhätschelt bis zum Anschlag. Bei Wildtieren wiederum hängt die Liebe stark von der aktuellen politischen Mode ab. Delfine, Wale und Robben, kleine Eisbären und andere niedliche Säuger sind Teil der animalischen Multikulti-Folklore. Wir zählen sie nicht - ach Gott, sind die süüüß - zur buckligen Verwandtschaft. Artenschutz ist Geschmackssache.

2. Die Ökonomie der Tiere oder: das Gewicht der Welt

Wir sind, daran kann kein Zweifel herrschen, Tiere. Aber was ist das eigentlich? Tier und Pflanze haben eine gemeinsame, einheitliche Grundlage, sie basieren auf Zellen, die zusammen einen Organismus bilden. Jede dieser Zellen ist auf eine bestimmte Aufgabe spezialisiert - im Leben herrscht also Arbeitsteilung. Während Pflanzen aber ihren Organismus durch Fotosynthese mit Energie versorgen, bedienen sich die Tiere anderer Organismen - also anderer Tiere oder Pflanzen. Sie sind Heterotrophe, sie ernähren sich "von anderen". Sie sind, um es kurz zu machen, Räuber, und zwar alle. In unserer zu einfachen Vorstellung von der Natur sind Raubtiere eben immer nur die Fleischjäger, deren Raub durch das Töten anderer Tiere uns besonders anschaulich ist. Doch was macht, aus Sicht der Karotte, ein süßes Hoppelhäschen eigentlich, wenn es eine Schneise durchs Möhrenbeet frisst? Dass wir Pflanzenfresser friedlicher finden, hat alte und gute Gründe: Sie sind für uns keine Bedrohung und keine echte Konkurrenz. Mit einer Ausnahme, dem Schwein, sind landwirtschaftliche Nutztiere, die der Mensch im Verlauf seiner Kulturgeschichte domestiziert hat, Pflanzenfresser.

Wir sind Tiere. Und weil das so ist, hat sich auch die Forschung diesen Lebewesen immer mit größerem Interesse genähert als der Welt der Pflanzen. In dem mehrfach preisgekrönten Buch "Life Counts - eine globale Bilanz des Lebens" von Michael Gleich, Dirk Maxeiner und Michael Miersch können wir die Buchhaltung der Evolution nachverfolgen: Von den 1,75 Millionen verschiedenen Arten, die Forscher bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts entdeckt und beschrieben hatten, sind fast drei Viertel Tiere, und nur ein Bruchteil, etwas mehr als 4600 Arten, gehört zu den Säugetieren. Doch das ist nur die Spitze des Eisberges. Es gibt, so wird geschätzt, wenigstens 100 Millionen, vielleicht sogar 200 Millionen verschiedene Arten. Wir haben also höchstens ein Prozent des Lebens entdeckt. Auf dieser Welt leben nach Schätzungen von Biologen zwischen einer und zehn Trillionen Lebewesen. Unser Gewicht ist kleiner, als wir denken, so oder so. Die gesamte Biomasse der Welt wiegt rund 1850 Milliarden Tonnen, alle Menschen zusammen bringen es noch nicht einmal auf 100 Millionen Tonnen Gesamtlebendgewicht.

Doch daraus lässt sich was machen. Konkret: Milliarden. Etwa mit Tierfilmen, Zoos, tierorientierten Whale-Watching-Safaris oder Tauchgängen. Allein am australischen Great Barrier Reef lag der Umsatz mit Urlaubstauchern schon vor zehn Jahren bei gut 1,6 Milliarden US-Dollar.

Und mit Haustieren erst: In westeuropäischen Wohnungen leben 47 Millionen Katzen, 41 Millionen Hunde, 35 Millionen Vögel, 102 Millionen Zierfische und 36 Millionen andere geliebte Viecher - von Vogelspinnen über Leguane bis zu Hamstern. Schon 1999, so haben die "Life Counts"-Autoren ausgerechnet, kostete eine Dose Frühstücksfleisch so viel wie die gleiche Menge Hundefutter. Noch größeres Geld wird mit den kleinsten Tierchen gemacht: In der Pharmaindustrie sind sie vom Einzeller aufwärts längst unentbehrlich, die Grundlage vieler Medikamente und als Versuchstiere Gegenstand endloser ethischer Debatten.

Was sind Tiere noch? Nutztiere natürlich, mehr als 20 Milliarden weltweit, dazu drei Billionen Bienen. Sie alle produzieren als gewaltige Biomaschine jeden Tag vor allem unsere Nahrung. Mehr als ein Drittel der Ernährung westlicher Wohlstandsmenschen besteht aus Fleisch, Fisch und Milchprodukten. Wir geben mehr als 40 Prozent unseres Budgets für tierische Lebensmittel aus. Genau genommen weit mehr.

Denn ohne Viecher wären selbst hartgesottene Veganer arm dran. Obstkorb und Gemüsekiste brauchen Bienen und Insekten. Und nur mal so nebenbei, das gilt auch für Soja. Die eiweißreiche Pflanze wird zu dem, was sie ist, nur durch die tatkräftige Mitwirkung von Knöllchenbakterien, die ihre Seitenwurzeln besiedeln. Ohne tierisch bedingte Fermentierung, Gärung und Bioreaktion gäbe es auch sonst kaum etwas, das Freude macht. Gestrichen wären, nur beispielhaft, Brot, Essig, Tabak, Bier, Wein, Kaffee, Tee, Kakao, Joghurt, Sauerkraut, Salami, Whiskey und Marihuana.

Ob "prost Mahlzeit!" oder Shangri-La - ohne Tiere schmeckt es nicht.

3. Warme Küche und die Folgen

Sie sind überall, sie sind viele - aber wir bemerken sie eigentlich nur noch am Rande. Die industrielle Revolution hat das Tier weitgehend unsichtbar gemacht. Die ersten Manufakturen bauten noch auf tierische Kraft - Pferde, Maultiere und Ochsen lieferten die Energie für Maschinen und Pumpen. Doch bald schon hatte man künstliche Tiere gebaut, die mit Dampf, später mit der Hinterlassenschaft längst abgestorbenen organischen Materials, dem fossilen Brennstoff Kohle, betrieben wurden. Es ist bei Weitem einfacher, Autos zu unterhalten als Pferde. Nur der alte Brauch, die Kraft in Pferdestärken zu messen, erinnert uns von fern daran.

Von Haustieren und vermenschelten Fernsehclowns abgesehen, treffen Mensch und Tier selten, und wenn, dann recht einseitig, aufeinander - als Belag auf dem Wurstbrot, Schnitzel oder Störfaktor im Straßenverkehr die einen, als Verbraucher die anderen. Irgendwie war das schon immer so, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Jahrmillionen war der Mensch ein Tier unter Tieren.

Den großen evolutionären Sprung verdanken wir einer bis heute nicht restlos geklärten neuen Sichtweise des Verhältnisses. Auch das hat mit gutem Appetit zu tun.

Menschen essen Fleisch. Das ist an sich noch nichts Besonderes. Auch Saurier aßen Fleisch und damit jede Menge Proteine. Das allein aber macht einen noch nicht wirklich schlauer - ein Blick in Imbissbuden kann da für Klarheit sorgen.

Was war der Wendepunkt? Wer das wissen will, muss den kleinen Ort Gesher Benot Ya'agov im Norden Israels kennen. Dort fanden Archäologen Reste einer 790 000 Jahre alten Feuerstelle, an der einschlägige Funde darauf hinweisen, dass sich unsere Vorfahren etwas Leckeres gebrutzelt haben könnten. Die Köche waren bereits aufrecht gehende Primaten aus der Unterordnung der Haplorhini, der Trockennasenaffen, und gehörten zur Familie der Menschenaffen, den Hominiden. Das Kochen und Braten von Fleisch und Pflanzen bedeutet einen enormen Schub. Das Zellgewebe wird dabei gelockert, Eiweiße gerinnen, schwer verdauliches, belastendes Bindegewebe wird weich, und gebundene Mineralstoffe werden freigesetzt. Beim Erhitzen der Nahrung werden Krankheitserreger und Parasiten abgetötet, gleichzeitig wird die Haltbarkeit der Beute erhöht. Nun kann das Tier, das sich mal Mensch nennen wird, die Zeit, in der es kein Jagdglück hat, besser überbrücken.

Ein Fortschritt ergibt den nächsten. Die immer schlauer werdenden Fleischfresser entwickeln bessere Jagdtechniken, was wiederum zu mehr und vor allen Dingen regelmäßiger hochwertiger tierischer Nahrung führt.

"Fleisch ist der große Fortschritt in der Evolution", sagt der Münchener Zoologe und Evolutionsbiologe Josef Reichholf: "Die rapide Entwicklung unseres Gehirns verdanken wir dem Fleisch, das unsere Vorfahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit verspeist haben." Zum flapsigen Slogan der neuzeitlichen Metzger - "Fleischesser sind bessere Liebhaber" - mag man stehen, wie man will. Evolutionstheoretisch ist da jedenfalls was dran: Die Reproduktionsrate verbessert sich durch fleischreiche Kost dramatisch, es kommt häufiger zu Schwangerschaften.

Vor etwas mehr als 10 000 Jahren schließlich steht der Mensch vor der Grundlage dessen, was ihn heute ausmacht: "Fleischessen ist das Fundament der Kultur", sagt Reichholf. Und dieses Fundament baut der Mensch nun, in der Neolithischen Revolution, zügig aus. Von der Inbetriebnahme der ersten nachweislichen Homo-Küche in Gesher Benot Ya'agov vergingen 690 Jahrtausende, in denen die Jagd und die Zubereitung von tierischer Nahrung immer besser gelang, so gut, dass am Ende dieser Periode die Gazellenbestände in der Levante, dem prähistorischen östlichen Mittelmeerraum, praktisch ausgerottet worden waren.

Vielleicht war es die darauffolgende Not, die erfinderisch machte. Jedenfalls begannen die Menschen, die Grundlage ihres Fortschritts und ihrer Entwicklung, die Tiere, systematisch zur Nahrungsbevorratung zu züchten.

Wenn es eine Hall of Fame für die besten Freunde der Menschheit gäbe, würden wohl die meisten Leute Hund und Katze auf die ersten Plätze wählen. Doch der richtige Vorschlag lautet, in dieser Reihenfolge:

* das Asiatische Mufflon, aus dem das Schaf wird,
* die Bezoar Ziege,
* der längst ausgestorbene Auerochse (Rind) und
* das Wildschwein sowie
* das Wildpferd.

Das sind die fünf Säugetiere, die Forscher die großen fünf nennen. Der Evolutionsbiologie Jared Diamond hat in seinem Meisterwerk "Arm und Reich" festgehalten, dass es eine überschaubare Anzahl von Tieren war, die alles veränderte: Nur diese fünf großen landbewohnenden, pflanzenfressenden Säugetiere waren die Grundlage aller weiteren Erfolge der Menschen in einem Zeitraum von nur 10 000 Jahren.

Die Domestikation war, zeigt uns Diamond, auf nur ganz wenige große Tiere beschränkt. Abgesehen von den großen fünf waren bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nur neun weitere Säugetiere hinzugekommen: Dromedar, Kamel, Lama, Esel, Rentier, Wasserbüffel, Yak, Banteng und Gaur - wobei es die neun Nachzügler im Unterschied zu den großen fünf nie in allen Weltregionen zu Ruhm brachten.

Praktisch jede Form von externer Energie, die man bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nutzte, war tierischen Ursprungs. Mit Tieren überwand man unmenschliche Distanzen, man wärmte sich an Fellen und Wolle, ging auf ihrer Haut, die man zu Lederschuhen machte, ernährte sich von ihrem Fleisch. Mit der Milch von Ziegen, Schafen, Pferden und Rindern zog man den eigenen Nachwuchs heran. Das veränderte nicht nur die Tiere, sondern auch den Menschen. Vor rund 9000 Jahren begannen sich bei heftigen Milchnutzern Enzyme zu bilden, mit denen auch Erwachsene Milch verdauen können. Drei Viertel der Weltbevölkerung, vor allem in Asien, verfügen (noch) nicht über diese Fähigkeit. Auf dem Rücken der Tiere erreicht der Mensch ein Tempo, das in der Evolution seinesgleichen sucht. Keine Bewegung, keine Wirtschaft, kein Handel, keine Kultur ohne Tier.

4. Robinson Crusoe und das große Massaker

Dankbarkeit, wir haben es schon erwähnt, ist keine evolutionäre Disziplin, und eine menschliche erst recht nicht. Am Ende des langen und erfolgreichen gemeinsamen Weges, der in der Industrialisierung mündet, wurden in Walfangstationen im südlichen Polarkreis ganze Pinguine bei lebendigem Leib in Tranöfen gestoßen und verbrannt, um frierende Walfänger zu wärmen. Im 19. Jahrhundert ist die Gier nach Brennstoffen aus tierischen Fetten enorm. Schmiere, Fette und Lampenöl werden aus Tran, dem Polaröl, gewonnen, aus dem Fettgewebe von Meeressäugern wie Walen und Robben also. Bis zu 24 Tonnen Wal-Tran kann man einem geschlachteten Wal abringen. Maschinen und Achsgestänge werden damit geschmiert, man stellt daraus Margarine her - bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Vor allem aber ist das Polaröl die wichtigste Energiequelle für die Beleuchtung im 19. Jahrhundert. Bei Robben wiederum ist neben dem Speck auch noch das Fell hochbegehrt, seit dem 16. Jahrhundert wird das Tier deswegen systematisch gejagt.

Doch was mit Tieren in der industriellen Revolution geschieht, sprengt jede Vorstellungskraft. Im Pazifik, vor der chilenischen Küste, liegen die Juan-Fernández-Inseln, ein Archipel aus drei Eilanden, die eine gewisse Prominenz genießen. Ein Grund dafür ist die Insel Más a Tierra, auf der zu Beginn des 18. Jahrhunderts der schottische Seemann Alexander Selkirk lebte, der sich mit seinem Kapitän zerstritten hatte - worauf der ihn kurzerhand auf der Insel aussetzen ließ. Selkirk wurde wenig später zu einer Berühmtheit. Der Autor Daniel Defoe wählte den renitenten Schotten als Vorbild für seinen Roman "Robinson Crusoe". Das ist eine hübsche Geschichte, aber es gibt noch eine andere, die auf den Juan-Fernández-Inseln spielt.

Im frühen 19. Jahrhundert ankerte in jedem Sommer eine Robbenjägerflotte vor den Inseln, mehr als ein Dutzend Schiffe gleichzeitig. Pro Saison erschlugen die Robbenjäger mindestens eine Viertelmillion Tiere. Übrigens diente der Säuger-Genozid nicht nur der Putzsucht der reichen Nordländer. Als das Europaparlament - übrigens erst im Mai 2009 - ein Handelsverbot für aus Robben hergestellte Produkte erließ, waren davon vor allem die Erzeuger von aus Robbenöl hergestellten Omega-3-Kapseln betroffen - ein für gesundheitswie umweltbewusste Wohlstandsbürger geradezu unverzichtbarer Stoff für ein besseres Leben.

5. Rockefeller - Kapitalist und bester Freund der Wale

Das ist symptomatisch für das ferne Umwelt- und Naturbild, das heute in der Ersten Welt gepflegt wird. Es ist kein Widerspruch, für Greenpeace zu spenden und sich kurz darauf in der Bio-Ecke mit Fitnesskapseln aus Robbenfett zu versorgen. Die Tierliebe ist romantisch, das Wissen um die Natur begrenzt, das Interesse, sich abseits von Übertreibungen und Propaganda zu informieren, gering.

Die Widersprüche sind nicht neu. Auch die Schlachterei der Wale an den Polarkreisen, die im 19. Jahrhundert betrieben wurde, hat eine zweite Seite: Das Polaröl brachte Licht in die Stuben der aufstrebenden Industrienationen, die fast alle in der dunklen nördlichen Hemisphäre lagen. Die toten Wale waren die Grundlage dafür, dass nun auch nachts und ohne zeitliche Begrenzung gearbeitet werden konnte. Die Realität hat immer zwei Seiten, und nicht selten kommen höchst überraschende, bisweilen ironische Seiten dazu. Mit dem moralischen Blick des anständigen Bürgers sehen wir auf die Grausamkeiten früherer Jahrhunderte - massenhafte Schlachtungen für Öl und Pelze. Doch kaum jemand fragt, was diese Massaker beendete. Proteste? Widerstand? Moral?

Nichts davon. Die Tranwirtschaft, die die industrielle Revolution in Schwung bringt, wird erst Ende des 19. Jahrhunderts abgelöst - und zwar wieder durch Tiere, genauer: durch deren sterbliche Überreste, die vor Jahrmillionen zu flüssigen Fossilien wurden. Erdöl, ein organischer Stoff, war schon im zweiten vorchristlichen Jahrtausend bekannt, wie Texte aus dem Kodex des babylonischen Herrschers Hammurabi belegen, die um 1875 vor Christus entstanden. Doch nur gelegentlich wusste man mit dem üblen, klebrigen Zeug etwas anzufangen. Erst die Suche nach billigem Ersatz für das Walöl, das sich dank der Massaker an den Meeressäugern bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts verknappte und deshalb verteuerte -, brachte die dunkle Schmiere voran. Der kanadische Mediziner Abraham Gesner hatte ein Verfahren zur Extraktion von Ölen aus fossilen Rohstoffen gefunden. Man nannte die Flüssigkeit Petroleum. Das war der Anfang der Ölwirtschaft, die langsam in die Gänge kam - und dies wiederum war vor allen Dingen das Verdienst des amerikanischen Unternehmers John D. Rockefeller (brand eins 12/2008).

Ende der 1850er Jahre hatte er sich, noch nicht einmal 19 Jahre alt und zu dieser Zeit noch Buchhalter, einer neuen Technik gewidmet, der systematischen Erdölförderung, die damals auf den ergiebigen Ölfeldern von Pennsylvania begann. Rockefeller finanzierte die ersten großen Erdölraffinerien und gründete 1870 die Standard Oil Company, den Inbegriff des allmächtigen kapitalistischen Konzerns. Er gilt, so heißt es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, "als reichster Mensch aller Zeiten". Und so einer soll ein guter Mensch gewesen sein, ein Freund der Wale und Robben? Einer, der uns das Erdöl eingebrockt hat, das uns heute so viele Scherereien beschert? Ja, Rockefeller, sagt der Umweltautor Michael Miersch: "Der Mann hat mehr für den Walschutz getan als Greenpeace."

6. Das Recht der Tiere zwischen Ethik und Pathologie

Ohne Rockefeller und sein Öl gäbe es heute weder Whale Watching noch Proteste gegen Walesser in Japan, Norwegen und sonstwo. Die Meeresgiganten, die schon im 19. Jahrhundert deutlich dezimiert worden waren, wären vollständig ausgerottet. Miersch erzählt das ruhig - und aus einer Provokation wird purer Pragmatismus. Er redet oft über populäre Irrtümer im Umwelt- und Tierschutz. Etwa über Tierrechte und Tierschutz.

Miersch hält es dabei mit der Ethikformel von Albert Schweitzer: "Ich bin Leben, inmitten von Leben, das leben will." Tierschutz ist keine blinde Tierliebe, bei der wehrlose Chihuahuas von randständigen Beziehungsgestörten vergewaltigt werden. "Tierschutz ist Pragmatismus. Artgerechte, sachgerechte Haltung, das Vermeiden von unnötigem Schmerz und Leid und eine ja auch ganz natürliche Empathie zu Lebewesen, die sich rechtlich klar verankern lässt", sagt Miersch. Das wird in der Praxis leicht mit einem vor allem unter Schauspielern, Models und anderen Kunstschaffenden verbreiteten Extremismus verwechselt, der nicht das Geringste mit Tierschutz zu tun hat: den Tierrechtlern. Deren Idee besteht darin, Mensch und Tier gleichzustellen, in jeder Hinsicht. Kein Tier darf - in welcher Weise auch immer - in seiner Freiheit beschränkt oder ausgebeutet werden.

Mit rund zwei Millionen Mitgliedern weltweit ist die 1980 von der amerikanischen Aktivistin Ingrid Newkirk gegründete Tierrechtsorganisation People for the Ethical Treatment of Animals (Peta) zu einer einflussreichen Kampforganisation geworden, die ihren Extremismus medial geschickt vermarktet. Mal treten nackte Models gegen Pelzwaren auf, mal werden Tiere aus Zoos und Labors befreit - was oftmals letal für die Viecher endet. Peta empfahl Teenagern, statt Milch - Ausbeutung - lieber Bier zu trinken. Die Grenze zum Pathologischen überschritten die Tierrechtler aber mit ihrer 2004 auch in Deutschland gestarteten Werbeaktion "Der Holocaust auf Ihrem Teller". Die krude Botschaft, dass jeder Mensch, der Fleisch isst, ein Nazi sei - endete in Deutschland durch das Amtsgericht Stuttgart, das die Organisation wegen Volksverhetzung verurteilte.

Was Peta macht, erscheint ganz modern: überspitzt, extrem, überzogen, durchgeknallt - und das ist es in vielerlei Hinsicht auch. Doch darauf haben die Tierrechtler keine Exklusivität. Die Vorstellung, dass der Mensch dem Tier gleichgestellt ist, hat eine alte Tradition. Was daraus wurde, kennt man aus menschlichen Beziehungen. Mal war da eine solide Basis. Dann kam die Entfremdung, die Verklärung. Und schließlich war alles ein Missverständnis.

7. Schmeißfliegen, Engel und andere Tiere

In der Nähe der südfranzösischen Kleinstadt Vallon-Pont-d'Arc entdeckten Forscher im Jahr 1994 in einer Höhle 30 000 Jahre alte Kunstwerke von einer beeindruckenden Qualität. Die mehr als 470 Malereien stellen vorwiegend Tiere dar, farbige Abbildungen von Pferden, Wollnashörnern, Rentieren, Auerochsen, Hirschen und Höhlenlöwen. Die Fundstücke aus der Chauvet-Höhle sind aber kein Unikat. Wo sich der frühe Mensch ein Bild machte, war fast immer ein Tier drauf. Tiere prägten die Welt. Sie waren Feinde, Futter, Vorbilder, Mythos. Aus all dem entstand die Kultur, die Religion, die Vorstellung von der Welt also, wie wir sie haben. Das steckt uns bis heute in den Knochen. Man ist, was man isst. Wer Fleisch verspeist, der kriegt auch gleich Seele und Geist des Tieres ab.

Die Hochkulturen Babylons und Ägyptens verehren Tiergötter. In der griechischen Mythologie wimmelt es von Viechern. Wenn Zeus auf Brautschau geht, wird er zum Schwan oder, nach Lust und Laune, auch mal zum Stier. In den Veden, den ältesten heiligen Schriften des Hinduismus, ist die Kuh die Verkörperung der Welt. Und auch die scheinbar wenig animalistischen Weltreligionen der Juden, Christen und Moslems sind ohne Tiere nicht zu denken - koscher und halal sind nicht bloß Geschmacksfragen.

Besonders delikat ist die Tierverehrung im Christentum, denn stets bemühten sich die Kleriker um maximale Distanz zu den alten antiken Konkurrenzkulten - und den tierischen Stammesriten, die in den Missionsgebieten der Spätantike und des Mittelalters Brauch waren. Doch was ist das Lamm Gottes, warum ist der Heilige Geist eine Taube, was macht die Schlange im Paradies, und weshalb sind gleich drei der vier Hauptautoren des Neuen Testaments stets als Tiere abgebildet? Markus als geflügelter Löwe, Johannes als Adler und Lukas als Stier? Und weshalb hat auch der vierte im Bunde, Matthäus, Flügel an den Schultern? Der Engel, der Cherub, das Mischwesen zwischen Tier und Mensch, ist bis heute aus Weltreligionen und Schlagertexten nicht wegzudenken. Wo das Gute tierisch ist, ist es auch das Böse. Der Evangelist Johannes gibt dem Antichristen den "Namen des Tieres". Der Teufel trägt Schwanz, Ziegenhörner und Bocksfüße.

Der ganze Zinnober, der heute auch von politischen Alarmisten bei jedem sich bietenden Katastrophenalarm verzapft wird, hat sehr menschliche Gründe, nämlich Propaganda. Das Tier, der Antichrist, muss so aussehen, weil der Teufel damit dem in der Antike so populären Gott Pan gleicht. Den leichtfüßigen, ständig geilen Flötenspieler lieben die Leute nun mal. Eine üble Konkurrenz für den neuen, aufstrebenden Glauben.

Und Pech für die Ziege, die eine der treuesten Begleiterinnen der Menschheit ist. Sie wird, des politischen Kleingelds wegen, zur armen Sau gemacht.

Ist ein Tier einmal kulturell verbrannt, kann man alles mit ihm machen. Nennt einer den anderen einen dummen Hund oder eine blöde Gans, ist das noch harmlos. Eine andere Sache ist es, wenn Menschen mit jenen Tieren gleichgesetzt werden, die uns nicht nur nichts bedeuten, sondern die in der gemeinsamen Geschichte immer wieder auch als Parasiten und Schädlinge das menschliche Wohl bedrohten. Franz Josef Strauß nannte seine politischen Gegner Ratten und Schmeißfliegen, Franz Müntefering Heuschrecken. Das sind keine gewöhnlichen Anwürfe, dahinter steckt Methode. Es geht um Diskreditierung und Vernichtung.

8. Sichtweisen oder: Genitalien und Meeresfrüchte

"Wenn es um Lebewesen geht, dann ist der Mensch genetisch Partei", erklärt Professor Reichholf und deutet dabei auf eine Kommode in seinem Arbeitszimmer, auf der eine Vase mit prächtigen Blumen steht. "Sieht hübsch aus", lächelt er, "aus unserer Sicht. Aber Biologen könnten das auch anders sehen. Was wir hier faktisch vor uns haben, sind die abgeschnittenen Genitalien von Lebewesen."

Reichholf ist nicht der Typ, der uns damit die Freude an der Dekoration nehmen will. Nur ein wenig klarmachen, wie sehr wir bei allem, was wir tun, Partei sind: "Wir können selbstverständlich so tun, als seien alle Tiere aus menschlicher Sicht gleich - aber das ist Unsinn. Eine Bazille töten wir mit Penicillin. Und Leute, die nichts essen, was sie anguckt, haben keine Probleme, rohe Muscheln zu verspeisen - das nennen sie dann auch noch euphemistisch ,Meeresfrüchte'."

Mitleid haben wir nur mit uns selbst - und allem, was uns biologisch nahe steht. "Bei höheren Säugern sind wir sensibel", spricht Reichholf aus, was jeder leicht an sich selbst beobachten kann. Das Kindchenschema der meisten Säuger rührt uns an. Wespen hingegen werden mit der Lötlampe abgefackelt. Was wir nicht niedlich finden, hat Pech gehabt. Das sei nicht nur, aber auch eine Frage der Bildung, so Reichholf. Sie täte auch dort not, wo wir selbst unsere engen Verwandten im Tierreich ignorieren, weil es uns nützt.

Wir, die wir stets von "Gerechtigkeit" reden, werden da zu geradezu boshaften Ignoranten. Eine kleine Zahl exklusiver Tiere wird weltweit von Politik, Umweltgruppen und Medien geschützt. Haustiere werden vermenschlicht. Bei jenen Viechern aber, denen wir unseren Aufstieg verdanken, sind wir auf beiden Augen blind. "Der Umgang mit Nutztieren ist vielfach skandalös", sagt Reichholf, und ganz besonders trifft es ein Tier, das ebenso intelligent ist wie die Primaten und das eine führende Rolle unter den domestizierten Tieren spielt: Sus scrofa domestica, die arme Sau.

9. Das Vieh und der Markt

Eine Milliarde Schweine gibt es nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO heute auf der Welt, davon rund 27 Millionen in Deutschland. Ihr Fleisch wird fast immer verscherbelt, für die verwöhnte Kundschaft halten selbst Discounter Schnitzel, Filet und rosafarbenes Kotelett bereit. Für 2,99 Euro das Kilo geht das Tier über den Tresen - ein Lockangebot, bei dem die meisten Supermärkte gar nichts verdienen müssen. Billigfleisch wird gern auf der ersten Seite der Prospekte prominent nach vorn geschoben. Gekauft werden eh nur die besten Stücke, der Rest geht in die Wurst - die zum Symbol für menschliche Verdrängungsleistung geworden ist. So wenig, wie einer fragt, was in der Wurst ist, fragt einer, wie das, was in der Wurst ist, gelebt hat, wenn man davon überhaupt reden kann.

Ein Schwein hat eine natürliche Lebenserwartung von 12 bis 15 Jahren. Doch das schafft keine Sau. Etwas weniger als vier Monate Trächtigkeit bedeuten zügigen Billigfleischnachschub. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Tieres liegt heute bei sechs, höchstens neun Monaten. Discounter und Fleischindustrie handeln skrupellos - im Auftrag der Verbraucher. Die wollen billiges Fleisch, drei-, viermal am Tag. Seit den siebziger Jahren gehört es zum festen Vorrecht der Sozialstaatsbewohner, Schnitzel satt fordern zu dürfen. Also Augen zu und durch.

Was kann man da machen? Weniger Schnitzel verschlingen, klar. Aber das reicht nicht. Es gibt eine bessere Lösung für Schweine und Menschen. Sie liegt nicht in Demos gegen Tierfabriken und Discounter. Die Lösung heißt Marktwirtschaft. Sie ist, sagt Reichholf, "der einzige effiziente Tierschutz. Der Hauptgrund für die systematische Tierquälerei heißt Subvention. Bauern sind heute Planwirtschaftler. Die Hälfte des EU-Budgets besteht aus Agrarsubventionen. Wir zahlen alles über Umwege: das billige Schnitzel, Unsummen für Wasser, Düngemittelsubvention, Abwasser der Schweinefarmen."

Verstünden die Bürger mehr von Wirtschaft, wären sie bereit zu rechnen, dann wäre das Resultat gut für die Sau, für den Menschen, für die Märkte. Gute Qualität brächte einen guten Preis, und als Rabatt fürs Denken gäbe es auch noch Respekt obendrauf: für Bauern, die von ihrer Arbeit leben und nicht von Sozialalmosen. Für Konsumenten, die sich etwas Gutes tun und dem Tier obendrein. So könnte man Danke sagen, mit einem fairen Preis. Respekt vor denen, die uns nach vorn gebracht haben.

Geht das jemandem auf die Nerven? Gut! Dem lesen wir gern vor, was der Autor der Tier-Menschen-Fabel "Animal Farm", George Orwell, im Nachwort seines Buches geschrieben hat:

"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen."

Tierisch richtig. -