Partner von
Partner von

Paraplüsch

Sie sollen uns unentwegt trösten - und brauchen irgendwann selbst Beistand. Ein Besuch bei Paraplüsch, der Psychiatrie für Dolly, Kroko, Lilo & Co.




- Irgendwann in den Achtzigern, auf dem Schreibtisch stand der ZX81, passierte es: Hummi drehte durch. Vielleicht war das absehbar. Die erste Computergeneration mit ihren Mini-Speichern und Kassettenrekordern strapazierte die Nerven. Hummi, die Erfindung eines Zehnjährigen - eine Plüsch-Biene, die neben dem Rechner lag und die quietschenden Signale des Datenrekorders übersetzte -, bekam einen veritablen Dachschaden. Und je länger Martin Kittsteiner in Hamburg vor dem Rechner saß, mit Hummi sprach und Hummi mit ihm, desto schlimmer wurde es.

Ein klarer Fall für die Klappse. Glücklicherweise lief es anders. Denn aus dem Jungen, der mit einem Kuscheltier redete, das die Mutter nach seinen Entwürfen gestrickt hatte, ist ein Geschäftsmann geworden, der eine einzigartige Klinik betreibt. Sie kümmert sich um jene, die keine Lobby haben. Um Geschöpfe, die ständig da sein, zuhören und lieben müssen. Wenn alles gut läuft, zwei- oder dreimal am Tag, dann kann Kittsteiner einen Patienten heilen, in einen Karton stecken und entlassen.

Er führt eine "Psychiatrie für misshandelte Kuscheltiere", ein kleiner Internet-Laden und kommerziell noch ausbaufähig. Doch Kittsteiner ist optimistisch: "Es braucht eben seine Zeit, eine neue Welt mit glaubhaften Charakteren zu erschaffen. Auf lange Sicht wird das Geschäft mit Paraplüsch immer besser laufen." Er träumt davon, eines Tages in einer Liga mit den Simpsons und anderen Merchandising-Riesen spielen zu können.

Sein Geschäft funktioniert so: Wer auf die Web-Seite parapluesch.de geht, kann dort in die Rolle des Kuscheltier-Therapeuten schlüpfen. Und lernt arme Geschöpfe kennen wie Dolly, das schizophrene Schaf, oder Kroko, das depressive Krokodil. Im Online-Shop kann man die Armen auch kaufen. Mit den Kuscheltieren verdient Kittsteiner sein Geld.

Zumindest theoretisch. "In der Praxis bin ich eher noch in der Investitionsphase", sagt der schlaksige Mittdreißiger in seinem Büro auf St. Pauli in Hamburg. Das Büro bezahlt er mit dem Geld, das die Kuscheltiere bereits abwerfen, und mit dem Honorar, das er für Aufträge als Spiele-Entwickler und Programmierer erhält. "Ich weiß, das mit der Investitionsphase klingt etwas krank. Aber das ist wirklich so."

Zwei Jahrzehnte Investitionsphase? Kittsteiner lacht, sein Lachen ist dreckig und passt so gar nicht zu dem sensiblen Kerl. Dann erklärt er: Nur eine Wurzel des Unternehmens Paraplüsch führe zurück zu Hummi, der Plüsch-Hummel mit dem Computer-Tick. Der eigentliche Beginn der Paraplüsch-Geschichte hänge mit einer Frau zusammen, die Kittsteiner während seines Studiums der Gestaltung kennenlernte. Sie machte gerade ihren Facharzt für Psychiatrie, hatte auch Kuscheltiere, "und wir hauchten ihnen gelegentlich Leben ein".

Irgendwann muss bei diesem Süßholzraspeln die Idee zu Paraplüsch entstanden sein. Schließlich widmete Kittsteiner seine Diplomarbeit dem Thema "Vermarktung psychisch kranker Kuscheltiere über das Internet". Und entwickelte dafür ein kleines Computer-Spiel, in dessen Mittelpunkt ein depressives Krokodil stand. "Ich wollte zeigen, wie sich Produkte verkaufen lassen, die nur von einer Idee leben. Eine seelische Krankheit ist natürlich zu komplex, um sie dem Kunden allein über einen Beipackzettel zu erläutern. Über das Spiel kann ich die Geschichte erzählen, die den Tieren den Charakter verleiht."

Kittsteiner ließ den Namen Paraplüsch schützen, startete aber noch nicht gleich durch, weil er hoffte, nach dem Studium für Lego arbeiten zu können. Paraplüsch lief nur nebenher, und zwar auch dann noch, als sich der Traum von Dänemark zerschlagen hatte. Schwung bekam das Geschäft dank Kroko, dem Krokodil mit der Angstneurose. Der entzückende Patient wurde im Netz so populär, dass Tausende ihn therapieren wollten. Also legte Kittsteiner nach. Er entwickelte ein verwirrtes Schaf mit Wolfs-Ich und ein autistisches Nilpferd. Auch der Online-Shop sollte endlich her. Er hielt nach einem Hersteller Ausschau, der Kroko, Dolly und Lilo nach seinen Entwürfen produzieren würde.

Und Sigikid sagte die Produktion zu. Fast über Nacht. "Vor einigen Jahrzehnten wäre es schwer möglich gewesen, Kuscheltiere für Erwachsene zu vermarkten", sagt Axel Gottstein, Geschäftsführer der Firma in Mistelbach bei Bayreuth. Er redet vom Kuscheln, als sei dies das Selbstverständlichste auf der Welt. "Sicher gab es schon früher Menschen, die ihren Teddy aufhoben. Es gab auch Teddy- und Puppensammler, Kuscheltiere gehörten in Deutschland ja früh zum Kulturgut." Er macht eine Kunstpause. "Vor etwa einem Jahrzehnt aber merkten wir, dass es auch bei Erwachsenen ein Kuschelbedürfnis gab. Das war die Reaktion auf die neuerliche Beschleunigung und Technisierung der Welt. Die eckige Welt setzt die Menschen unter Zeitdruck und hohe Erwartungen. Die weiche Welt gleicht dies aus."

Das klingt sehr nach PR, entspricht allerdings genau dem, was auch Fachleute wie der Hamburger Psychologe Michael Thiel sagen: "Kuscheltiere sind Übergangsobjekte, die Kinder vorübergehend benötigen, um sich auch ohne die Eltern sicher zu fühlen. Heute gibt es aber viele Erwachsene, die Kuscheltiere haben, manche als eine Art Medium, über das sie mit ihrem Partner kommunizieren können." Die Tiere füllten "bestimmte Lücken im Leben". Sie ständen für "Sicherheit und Kontinuität" in einer Welt, die von "Gefühlskälte und mangelnder Bindungsfähigkeit" geprägt sei. Und, so Thiel: "Ich kann alles in sie hineinprojizieren. Sie befriedigen ersatzweise mein Bedürfnis, Geborgenheit und Nähe geben und empfangen zu können."

Auch die Spielzeugindustrie hat freilich Bedürfnisse, zumal in einem Land, in dem die Familien mehr Geld für Tierfutter ausgeben als für Spielwaren. In der Zeitschrift "Media Marketing" hieß es 1998 über Sigikid und die Spielzeugbranche: "Die Bemühungen der Unternehmen um die Erwachsenen sind ein Akt der Verzweiflung. Die Konsumschwäche der Verbraucher, sinkende Geburtenzahlen und eine rapide Verkürzung des Spielalters lassen den Umsatz der Branche seit Jahren schrumpfen."

In dieser schwierigen Lage stellte sich bei der fränkischen Familienfirma Sigikid die Mode-Designerin Monika Finsterbusch mit ihren aus Stoffresten hergestellten Tieren vor. "Figuren mit Witz", sagte sie, "die berühren können." Sigikid griff zu.

So entstand die "Moonshine-Gang", die an das Kinderbuch "Kuscheltiere in geheimer Mission" anknüpfte und doch als Meilenstein auf dem Weg zu erwachsenen Kunden gilt. Bald darauf legte man mit "Beasts" wie dem zerzauselten Börsen-Guru "Black Friday" oder "Burnout Bernadette", dem undefinierbaren Häuflein Elend, nach.

Das war in den Zeiten des Internet- und Aktien-Booms. Dass es auch Kuschelzeiten waren, wollte allerdings kaum einer zugeben. Entsprechend schwer war es, die neuen Geschöpfe an den Mann zu bringen. Auf der einen Seite klemmte es im Vertrieb: "Der klassische Spielzeugladen ist auf Kinder ausgerichtet, nicht auf Erwachsene", sagt Gottstein. "Der Erwachsene wiederum denkt nicht an Spielzeuggeschäfte, wenn er nach Geschenken für andere Erwachsene sucht. Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten und neue Vertriebswege finden."

Zum Beispiel in Marketingabteilungen von Automobilherstellern, wo man bei der Vorstellung von Maskottchen, die Sigikid für Firmen wie Langenscheidt oder Hipp produziert, auf entsetztes Kopfschütteln stieß. Und noch heute will der Autor, der den Kuscheltier-Ratgeber "Plüschzone - Was Kuscheltiere denken, fühlen, brauchen" unter Pseudonym geschrieben hat, seinen wirklichen Namen nicht verraten, weil er im richtigen Leben als Autor knallharter Wirtschafts-Fachbücher bekannt ist.

Männer, die kuscheln - eines der letzten Tabus. Trotzdem entwickle sich die Markennische "phänomenal", sagt Axel Gottsteiner. Mittlerweile verkaufe man auf zehn Schnuffeltücher, die Sigikid-Klassiker, etwa ein Beast wie den Börsen-Guru. Und für die Zukunft sorge die Design-Abteilung vor: mit 80 Beasts im Programm, von denen etwa 30 im Jahr durch Neu-Entwicklungen ersetzt werden.

Kittsteiner fing vergleichsweise klein an. Ausgerüstet mit einem Kredit der Eltern, bestellte er bei Sigikid zunächst drei Tiere, jeweils zu 500 Stück. Sie tauchten zwar nicht im Sortiment der Firma auf, kamen aber anderthalb Jahre nach seiner Diplomarbeit auf den Markt - gerade noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft 2004. Zu seiner Freude orderten auch Psychologen und Ärzte. "Das tat gut", sagt er. "Ich stecke viel Zeit in die Entwicklung der Geschichten, lese Fachliteratur, lasse mich auf die Figuren ein. Da ist es schön, von den Profis Anerkennung zu bekommen."

Es taten sich allerdings auch Abgründe bei den Online-Paraplüsch-Therapeuten auf. Einer schrieb: "Servus. Des spiel ist voll lustig. Besonders das Elektroschockgerät unterm Bett gefällt mir, hehehe ... ich finde, man sollte den Tierchen immer Drogen verabreichen können." Der Umgang mit den Figuren setzt einen gewissen Humor voraus, den, wie manche verständnislose Zuschriften zeigen, nicht jeder teilen kann. Der Markt für psychisch kranke Plüschtiere hat also Grenzen.

Die Benutzerzahlen stiegen nur dann spürbar an, wenn Kittsteiner Übersetzer fand, die das Paraplüsch-Spiel in fremde Sprachen übertrugen. Oder wenn er neue Kuschel-Patienten entwickelte, eine verwirrte Schlange etwa oder eine ausgebrannte Schildkröte. "Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen", räumt Kittsteiner ein. "Es gibt nach wie vor zu wenig Spieler, die nach dem Spiel die Tiere kaufen möchten."

Zwei oder drei seiner Geschöpfe verkauft er am Tag. Da reicht es aus, sich an zwei oder drei Vormittagen in der Woche um den Versand zu kümmern. Mehr Aufwand ist nicht nötig. So hat Kittsteiner noch viel Zeit, sich um die Weiterentwicklung seines Bestiariums zu kümmern. Auf dem Tisch liegen die Bleistift-Entwürfe eines narzisstischen Raben, der Ende des Jahres ins Spiel kommen soll. An der Wand - die mit ihren penibel platzierten Zetteln aussieht wie ein Fahnenmeer - hängt das Storyboard für eine Para-plüsch-Trickfilm-Serie. Und mit einem Partner arbeitet Kittsteiner an einer Version des Spiels für iPod Co. "Wir wollen Paraplüsch nicht einfach kopieren. Mir geht es darum, auf den geschaffenen Charakteren aufzubauen, Geschichten zu erzählen und so Figuren zu schaffen, deren Träume unseren eigenen Träumen und Albträumen ganz nah sind."

Das brauche Zeit, sagt Kittsteiner, der einen ähnlich langen Atem hat wie ein Psychoanalytiker. Fünf Jahre vielleicht noch. Vielleicht zehn oder zwanzig. Egal. Nur von Hummi, der verhaltensgestörten Biene, wird auch dann kaum die Rede sein. Denn, so Kittsteiner: Für Hummis Störungen sei die Gesellschaft nicht wirklich bereit. -