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Das Neueste aus der Bell-Etage

Mops und Handtasche haben Wesentliches gemein: Sie schmücken die Halterin, sorgen für große Geschäfte - und gehorchen den Gesetzen der Mode. Eine Geschichte über einen haarigen Trend.




- Der Hund gilt als ältester Kumpel des Menschen, denn er begleitet ihn schon seit rund 15 000 Jahren, länger als jedes andere Tier. Das heute allgemein innige Verhältnis zu Collie, Terrier Co ist allerdings relativ neu. Über Jahrtausende liefen Vierbeiner einfach so mit, hatten entweder kein besonderes Image oder aber ein miserables. So ist der Begriff Hund in der Bibel äußerst negativ besetzt. Im christlichen Mittelalter gab es sogar die Strafe des "Hundetragens", die vornehmlich über Adlige verhängt wurde. "Sie mussten barfuß, im Büßergewand und mit Asche auf dem Haupt einen Hund durch die Stadt tragen", wie Wolfgang Wippermann und Detlef Berentzen in ihrem Buch "Die Deutschen und ihre Hunde" schreiben.

Das Verhältnis zum Hund hat sich dramatisch verbessert. Manche schleppen ihren Vierbeiner in Sorge um dessen Rücken und Gelenke täglich in die vierte Etage. Wahrscheinlich auch ein Ergebnis des unermüdlichen Werbens dieser Spezies um die Zuneigung von Herrchen und Frauchen. "Biologisch betrachtet", so die Leipziger Verhaltensforscherin Juliane Bräuer, "verhalten sich Hunde wie Parasiten, die ihren Wirt manipulieren."

Doch der wesentliche Faktor für die erstaunliche Karriere der Vierbeiner ist sozio-ökonomischer Art. Traditionell waren es Arbeitstiere, die Schafe zu hüten, Diebe abzuschrecken oder Karren zu ziehen hatten. Mit dem technischen und zivilisatorischen Fortschritt wurden sie arbeitslos - und waren frei für eine neue Rolle: die des treuen Partners, der keine Widerworte gibt.

Je unnützer, desto mehr wurden sie geliebt. Diese neue Mode begann wie so viele, sich in den höchsten Kreisen durchzusetzen, um dann von der Bourgeoisie kopiert zu werden (weshalb manche Züchter noch heute ihre Welpen mit dem Namenszusatz "von" zu adeln versuchen). Bereits im Spätmittelalter gab es bei Hofe die ersten Luxus- und Rassehunde. Mit dem Aufstieg des Bürgertums kamen die Leute allgemein auf den Hund - und dessen Look wurde immer wichtiger. In Deutschland entstanden im 19. und 20. Jahrhundert unzählige Zuchtvereine, die die Ergebnisse ihrer Bemühungen so stolz präsentierten wie Modeschöpfer ihre Kleider auf dem Laufsteg. Einer der eifrigsten Organisatoren solcher Schauen war der Engländer Charles Cruft. Er verdiente sein Geld als Vertreter von Hundefutter und schloss messerscharf, dass die Leute mehr dafür auszugeben bereit waren, wenn sie das Gefühl hatten, ihre Viecher seien wertvoll.

Mittlerweile ist rund um Schäferhund, Dackel und Pinscher ein gigantisches Geschäft entstanden, das Renate Ohr, Professorin für Wirtschaftspolitik an der Georg-August-Universität Göttingen, in einer großen Studie ("Ökonomische Gesamtbetrachtung der Hundehaltung Deutschlands") bereits 2006 auf fünf Milliarden Euro bezifferte. Demnach sorgt die Hundeliebe hierzulande für 100 000 Jobs (50 bis 60 Hunde "finanzieren" einen Arbeitsplatz). Und besonders in schwierigen Zeiten seien die Halter ein Segen für die Volkswirtschaft, weil sie weniger verreisen und ihr Geld stattdessen in der Heimat ausgeben.

Warum manche Hunderassen zu bestimmten Zeiten besonders gemocht werden, ist ein ähnliches Rätsel wie die wechselnden Rocklängen bei Damen. Einerseits haben Trendsetter wie Prominente, Filme - man denke nur an den Dalmatiner-Hype - und andere Medien sicherlich Einfluss. So machte der Bestseller "Die Sache mit dem Hund" von Heiko Gebhardt und Gert Haucke Ende der Neunziger den bis dato hierzulande kaum bekannten Border Terrier ungeheuer populär (2003 legte sich auch die damalige Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf medienwirksam einen namens Holly zu).

Andererseits kam der Psychologe Harald Herzog, als er die Schwankungen bei den amerikanischen Hunderassen-Populationen von 1946 bis 2001 untersuchte, zu dem Ergebnis, dass die wechselnden Vorlieben meist reiner Zufall seien. Und dass beliebte Rassen "nicht notwendigerweise besser oder für die Menschen ansprechender sind als andere".

Letzterem kann Udo Kopernik, Sprecher des Verbandes für das Deutsche Hundwesen (VDH), der wichtigsten Züchter-Dachorganisation, aus vollem Herzen zustimmen. "Viele Leute", so der joviale Rheinländer, "missbrauchen Hunde als modische Accessoires und sozialisieren sie falsch." So seien derzeit Hütehunde wie Border Collies bei Stadtbewohnern sehr beliebt, "obwohl es dort für sie keine Beschäftigung gibt". Deshalb seien diese Tiere "frustriert und keine Freude für ihre Halter".

Auch für diese Mode gilt: Schönheit und Leid liegen eng beieinander. Hier ein Überblick über ihre Protagonisten.

Der Klassiker

Für die Trendforschung gilt in besonderem Maße: Vorsicht vor einem zu engem Blickwinkel! Wer seine Feldforschung auf München-Schwabing oder Hamburg-Eppendorf beschränkt, könnte dem Fehlschluss erliegen, Golden Retriever oder Handtaschenhunde wie Chihuahuas seien die häufigsten Rassen. In Wahrheit ist es aber laut VDH-Welpenstatistik trotz rückläufiger Geburtenraten dieser Population nach wie vor der gute alte Deutsche Schäferhund. Kopernik nennt ihn "den 4711 unter den Hunden" - nicht hip und gerade deshalb beliebt.

Er war einer der ersten Vierbeiner, der quasi am Reißbrett gezüchtet wurde mit dem Ziel, ein möglichst wolfsähnliches Tier zu erschaffen. Das mit Abstand bekannteste Exemplar ist Hitlers Schäferhündin Blondi. Noch heute gilt der Schäferhund als deutschester aller Hunde und ist mittlerweile im Ausland beliebter als bei uns (ähnlich wie die Teuto-Rockband Rammstein). Besonders mögen ihn die Chinesen. Im Reich der Mitte werden trotz restriktiver Bestimmungen - dort sind Hunde in Städten verboten - mit 500 000 Deutschen Schäferhunden mehr als doppelt so viele gehalten wie hierzulande.

Für diese Tiere gilt übrigens dasselbe wie für alle Klassiker: Sie überzeugen nicht nur durch Äußerlichkeiten. "Der Schäferhund hat", so Kopernik, "keine herausragenden Eigenschaften, ist aber sehr vielseitig und ein super Familienhund."

Der Shootingstar

Wer beispielsweise einige Jahre auf Expedition im Urwald war und wieder nach Hause kommt, reibt sich die Augen und fragt sich: Warum sind plötzlich alle Mädchen verrückt nach Babydoll-Oberteilen, Stiefeln zu Jeans - oder dem Labrador? Der gutmütige Kerl kam Ende der neunziger Jahre plötzlich in Mode, obwohl er gar nicht so hübsch ist wie der Golden Retriever - und bösen Stimmen zufolge sogar leberwurstartig aussieht.

Wie kam es zu dem Boom, der sich auch in Koperniks Statistik widerspiegelt? Dessen Antwort: Mitleid. Damals setzte man in den USA Bill Clinton wegen seiner Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky ungemein zu. Der zeigte sich in der Folge aus PR-Gründen gern mit seinem schokoladenbraunen Labrador Buddy, nach dem Motto: Wer seinen Hund liebt, muss auch ein guter Familienvater sein. Und wer von einem Hund zurückgeliebt wird, kann kein schlechter Mensch sein. In Deutschland verfing diese Kampagne offenbar. Der Labrador gehört hier seitdem zu den beliebtesten Rassen. Ob er das Zeug zum Klassiker hat, wird sich zeigen.

Der aus der Zeit Gefallene

Kein Hund ist so stark mit einer Epoche verbunden wie der Pudel mit den Fünfzigern. Er passt zu Petticoat, Nierentisch, Dauerwelle - und dem damals verbreiteten Wunsch der Deutschen, gemütlich statt martialisch daherzukommen. Tempi passati: Die Geburtenrate der Gelockten hat sich innerhalb von 15 Jahren fast halbiert, sie gelten als mega-out und provinziell. Das sei sehr schade, findet Kopernik. Denn der Pudel sei schlau und gut für Familien geeignet, weil er "den Menschen als Sozialpartner mehr schätzt als seine Artgenossen. Es gibt ihn in verschiedenen Größen - und er ist optisch durchaus wandlungsfähig, muss also nicht unbedingt aussehen wie bei den Jacob Sisters."

Ähnlich erging es dem Dackel, einem der ersten Modehunde für den kleinen Mann. Populär gemacht hat ihn Kaiser Wilhelm II., der mehrere Dachshunde hielt (einer hieß Erdmann und ist im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel begraben); Hunderttausende Untertanen eiferten dem Herrscher nach. Einen neuen Popularitätsschub bekam der Kurzbeiner durch die Olympischen Spiele in München 1972, wo er als Maskottchen Dienst tat. Heute gilt er als hoffnungslos gestrig. Aber das kann sich leicht ändern, denn auch für die Hundemode gilt: Alles kommt wieder.

Der Wiedergänger

Eines der erstaunlichsten Revivals ist das des Mopses, der heute vielerorts sein Charaktergesicht zeigt. Über den Schoßhund heißt es bereits 1895 in einem Fachbuch: "Seine Intelligenz ist vielleicht nicht so bedeutend, allein sein drolliges Wesen, seine Reinlichkeit und sein glatt und weich behaartes, von üblen Ausdünstungen freies Fell haben diese Hunderasse länger als viele andere in ihrer Stellung als Luxus- und Damenhunde erhalten."

Unter modernen Menschen galt er lange als Inbegriff des Spießertums. Seine neue Beliebtheit könnte damit zu tun haben, dass man heute wieder gern konservativ trägt. Und dass Möpse als Individualisten gelten - einen Charakter, den auch viele ihrer Besitzer gern hätten. Dummerweise ist das massenhafte Streben von Mops-Haltern nach Einzigartigkeit auch konformistisch und führt zu Problemen, auf die der Fachmann Kopernik hinweist. Wenn nämlich die Nachfrage nach einer kleinen Population wie beim Mops rasch steigt, sind seriöse Züchter überfordert. "Die Lücke wird dann von unseriösen Züchtern gefüllt. Sie lassen alles, was entfernt an einen Mops erinnert, so oft decken wie möglich. Mit der Folge, dass die Welpen krank zur Welt kommen oder bestimmte problematische Merkmale übermäßig stark ausgeprägt sind, beim Mops etwa Atemnot."

Weshalb mittlerweile sogar der große Mops-Fan Loriot ("Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber nicht sinnvoll") vor dieser Mode warnte.

Der Multikulturelle

Wer wirklich Wert auf Individualität legt, sollte sich eine Promenadenmischung zulegen - die ist garantiert einmalig. Überzeugte Nonkonformisten holen sie aus dem Tierheim, legen ihr statt eines Halsbandes ein rotes Halstuch um und lassen ihr - mit Ausnahme der vegetarischen Ernährung - sonst alle Freiheiten. Die Tatsache, dass Mischlinge mittlerweile die mit Abstand größte Population stellen, zeigt, dass die multikulturelle beziehungsweise "durchrasste" (Edmund Stoiber) Gesellschaft in Hunde-Deutschland schon Wirklichkeit geworden ist.

Der Eintagshund

Er ist ein klassischer Fall für die Rubrik: "Was macht eigentlich ...?" So war der langohrige und kurzbeinige Basset Hound wegen der Hush-Puppies-Reklame mal kurzzeitig in, um dann sang- und klanglos wieder aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Ähnliches gilt für den aus der Cesar-Hundefutter-Werbung bekannten knuffigen West Highland Terrier. Eintagshunde passen gut in die heutige Zeit der Augenblicksberühmtheiten, die nur kurz am öffentlichen Firmament aufscheinen und rasch verglühen. Im Gegensatz zu C- und D-Promis leiden diese Hunde aber nicht unter ihrem Schicksal. Manche gehen sogar einem ehrlichen Beruf nach, wie der Basset Hound, der sich gut für die Jagd eignet.

Das Bad-Boy-Accessoire

Der eine zieht sich was Hübsches an, um die Mitmenschen zu beeindrucken, der andere was Hässliches, um einen ähnlichen Effekt zu erreichen. In letztere Kategorie fallen Bullterrier aller Art, die in den Neunzigern bei harten Jungs und solchen, die dafür gehalten werden wollten, schwer in Mode kamen. Das Schöne an Pitbull Co: Man sieht auf den ersten Blick, dass mit ihnen nicht gut Kirschen essen ist.

Reißerische Medienberichte über sogenannte Kampfhunde machten sie in bestimmten Kreisen nur noch beliebter. Heute sieht man wegen behördlicher Einschränkungen und weil die Tierchen auch für ihre Halter auf Dauer anstrengend werden können, weniger böse Buben mit ihnen Gassi gehen. Falls ihre Schwestern, Eltern oder Großeltern nicht einspringen, landen sie im Tierheim und fallen dem Steuerzahler zur Last. Weil die Bullterrier - wie übrigens alle Hunde - selbstverständlich nichts dafür können, haben sie Trost und Zuwendung verdient. Das findet jedenfalls der Verein Bullterrier in Not (www.bullterrier-in-not.de). -

Literatur-Tipp: Wolfgang Wippermann und Detlef Berentzen: "Die Deutschen und ihre Hunde - Ein Sonderweg der Mentalitätsgeschichte?", Siedler, 1999. Nur noch antiquarisch erhältlich