Von toten und anderen Hosen

Warum sind Diskussionen über das Gute, Wahre und Schöne mit den eigenen Kindern so mühselig? Ein Erfahrungsbericht.




- Es ist begrüßenswert, wenn 17-jährige Jugendliche männlichen Geschlechts regelmäßig duschen. So denke ich, als ich in meinem Arbeitszimmer sitze und das gleichförmige Rauschen aus dem Bad nebenan höre. Aber dann wird sowohl das Rauschen als auch der aus meinen Lautsprechern knödelnde Bob Dylan übertönt von etwas Wohlbekanntem, aber im Laufe zweier Jahrzehnte fast Verdrängtem: "I've been looking for freedom!" grölt unser Toby - er singt tatsächlich jenes grausliche Hau-ruck-Lied, mit dem David Hasselhoff seinerzeit auf der Mauerfall-Welle ritt (obwohl das Lied nicht das Geringste mit dem Mauerfall zu tun hatte und auch sonst bar jeglicher politischen Botschaft war). Ich habe es damals gehasst, dieses Lied.

Ich springe hoch, reiße die Badezimmertür auf und brülle den fröhlich Schmetternden an: "Aufhören, das ist peinlich! Das Lied geht gar nicht!" Das Singen erstirbt. Zufrieden verlasse ich das Bad, erfüllt von der festen Überzeugung, dass es doch Kriterien geben muss, gute und schlechte Musik zu unterscheiden. Objektive Qualitätskriterien, jenseits des Geschmacksurteils. "Wieso", frage ich mich, "kann er nicht wenigstens was von den Toten Hosen singen?"

Zurück im Arbeitszimmer, drehe ich Dylan lauter und denke nach. Ich erinnere mich, wie ich - etwa in Tobys Alter - im Partykeller meiner Eltern saß und immer wieder eine Live-Platte der Doors hörte, nein zelebrierte. Jim Morrison, der Sänger der Band, hielt darauf wunderbar volltrunkene Dialoge mit dem Publikum. Einer gipfelte in dem Aufruf: "We want the world and we want it NOW!!!!" Natürlich skandierte ich mit, natürlich stand entweder mein Vater oder meine Mutter oben an der Kellertreppe und brüllte, ich solle diesen entsetzlichen Krach sofort leiser stellen. Oben lief Derrick. "Bist du jetzt wie deine Eltern?", frage ich mich 30 Jahre später. "Fängst du an, zwischen anständiger und unanständiger Musik zu unterscheiden?" Natürlich kriege ich das Grausen, weil ausgerechnet "Ohrbassmus" von Akustikrausch augenblicklich zu Tobys Lieblingssongs zählt: "Das ist die geile Moni, Moni ist nymphoman / Stadtbekannte Hobbyhure, jeder durfte schon mal ran." Aber war es nicht für meine (streng katholischen) Eltern eine genauso dreiste Provokation, wenn ich ihnen aus dem Keller Jim Morrisons Albtraum-Lyrik entgegenschleuderte: "Father? - Yes, son? - I want to kill you.

Mother! I want to fuck you!" Wobei meine Eltern zum Glück nicht gut genug in Englisch waren, um das Unfassbare zu verstehen. Hat all dies etwas mit der Qualität von Musik zu tun? Oder geht es ausschließlich um Aufmerksamkeit, um Provokation? Verunsichert nehme ich Bob Dylan aus dem CD-Player und lege die Toten Hosen auf. Vielleicht hilft es ja.

"Ist da Fisch drin?"

Ich komme aus einem Elternhaus, in dem man viel Wert auf Qualität legte - oder auf das, was man dafür hielt. Ich höre es noch, dieses "Was nichts kostet, ist auch nichts". Qualität und Marke waren eins. Der Fernseher war von Grundig, der Mixer von Krups, die Waschmaschine von Miele, die Marmelade von Schwartau, die Erbsen von Bassermann. Gewaschen wurde mit Persil. Wenn es sonntags Gulasch gab, nahm meine Mutter nie Fleisch von der Schulter, sondern die teure Rinderhüfte. Und beim freitäglichen Einkauf gab sie mir, wenn Alufolie, Zucker oder Joghurt auf dem Zettel standen, stets mit auf den Weg, "nichts von Ja!" zu kaufen. Ja! war damals die erste Discountmarke von Rewe. Wer es zu einem frei stehenden Einfamilienhaus gebracht hat, kauft nichts von Ja!. Mein Vater war schließlich Beamter im gehobenen Dienst. Hätten meine Eltern ein Auto gehabt (sie hatten beide keinen Führerschein), wäre es vermutlich ein Opel Rekord gewesen oder ein Ford Taunus.

Unter den Qualitätsvorstellungen meiner Eltern habe ich jahrelang gelitten. Die gesamte Grundschulzeit und auch die ersten zwei, drei Jahre auf dem Gymnasium wurde ich von Kopf bis Fuß im einzigen Kinderkonfektionsgeschäft unserer Kleinstadt eingekleidet. Besonders die Hosen sind mir in Erinnerung geblieben. Wenn ich Glück hatte, bekam ich mal eine aus Cord, eine "Mangschesterhose", meist aber waren sie aus Wolle, ich glaube, es war Tweed. Sie waren auf jeden Fall teuer, kratzten und hatten Bügelfalten. Ich sollte aussehen wie ein kleiner Dressman. Meine Klassenkameraden hatten längst Jeans. Einige, bei denen zu Hause das Geld knapp war, trugen regelmäßig die Sachen ihrer älteren Geschwister auf. Auf dem Schulhof fiel ich genauso oft hin wie sie, gefühlt sogar dreimal so oft, und jedes Mal hatte die feine Hose ein Loch im Knie. Ich ging dann weinend nach Hause. Auch geriet ich beim Radfahren mit dem Schlag immer wieder zwischen Kette und Zahnrad. Ich musste absteigen, die Pedale ganz langsam weiterdrehen, bis die Hose unten wieder rauskam, ölverschmiert war sie immer, und meist hatte das Ritzel wieder ein paar gemeine Löcher reingebohrt. Manchmal gab es auch einen Riss, und dann half nur noch Tesafilm, von innen gegen den Stoff geklebt. Die Mutter hat's natürlich sofort gesehen.

Mein Hosen-Trauma führte zumindest dazu, dass ich mir bei unseren Kindern bis heute jede Einmischung und Bevormundung bei der Wahl ihrer Konfektion verbiete. Mit der Zeit reifte auch die Einsicht in das Naturgesetz, dass die orthopädisch wertvollsten Sandalen in der Regel die hässlichsten sind, mit denen man sich als Kind nur blamiert. Auch gehören meine Frau und ich nicht zu den Verfechtern von pädagogisch wertvollem Holzspielzeug. Ich glaube, wir haben keines jener Spiele gekauft, bei denen es entweder keine Sieger gibt oder alle gewinnen. Mit 15 durfte Toby World of Warcraft spielen, wenn auch zeitlich limitiert. Ich habe selbst jahrelang fast ausschließlich mit Kriegsspielzeug gespielt, mit originalgetreuen Modellen von Panzern, Schlachtschiffen und Stukas, die ich aus Plastikbausätzen zusammenklebte und lackierte. Damit spielte ich Wehrmacht gegen Rote Armee. Nachdem ich mit 14 "Im Westen nichts Neues" gelesen hatte, donnerte ich mein gesamtes Waffenarsenal so lange gegen die Wand, bis nur noch Plastiksplitter übrig waren.

Natürlich böte die ökologische oder soziale Qualität von Produkten reichlich Anlass zur Diskussion. Allerdings interessieren sich unsere Jugendlichen - Toby und die 19-jährige Alicia - überhaupt nicht dafür, wer ihre Shirts zu welchen Löhnen in Bangladesch zusammengenäht hat. Vermutlich wissen sie nicht einmal, wo Bangladesch liegt. Eine Debatte darüber würde an ihnen abperlen wie Wasser an einem Duschvorhang. Sie wäre aber auch schwierig zu führen. Schließlich kleiden meine Frau und ich uns auch nicht aus dem Manufactum-Katalog ein.

Auch mein Aufruf, keine Nokia-Handys zu kaufen, weil der Konzern ein hoch subventioniertes Werk in Bochum kaltherzig geschlossen hatte, wurde nicht erhört. Allerdings wurde mir die Fragwürdigkeit meines Ansinnens auch schnell bewusst. Sollten auch Samsung-Produkte, Dell-Computer, AEG-Waschmaschinen, Müller-Joghurtecken und Produkte aller Hersteller, die sich nicht fair, aber systemkonform verhalten, aus unserem Patchwork-Familien-Haushalt verbannt werden? Bei Joghurts des Milchbarons Theo Müller, der seine Manager reihenweise schasste und sich für ein steueroptimierendes Wohndomizil in der Schweiz entschied, bin ich jedenfalls grandios gescheitert. Mit dem unschlagbaren Argument "Die schmecken einfach besser" finden sie immer wieder den Weg in unseren Kühlschrank. Ich bin der Einzige, der sie boykottiert.

Unsere Küche ist das Hauptschlachtfeld der familieninternen Qualitätsfehde. Dort liegen die Waffen säuberlich aufgereiht: Tiger Prawns neben Salami-Pizza-Baguettes, Koriandersamen neben Päckchen-Rahmsoße, Risottoreis neben Miracoli. Besonders Alicia empfindet nahezu alles als Zumutung, was ich, häufig inspiriert durch Rezepthefte und Kochbücher, zubereite. "Ist das wieder so was Ausgedachtes?", fragt sie beim Betreten der Küche, schaut kurz angewidert in die Töpfe, um sich dann demonstrativ eine Schale mit Cornflakes zu füllen. Ganz wichtig sind auch Fragen wie "Ist da Fisch drin?" und "Sind da Bananen drin?".

Sie, die sich problemlos ausschließlich von Eierkuchen, Tiefkühlpizza, Tütensuppen, Burgern und Süßigkeiten ernähren könnte, will nicht wissen, ob der moderne Grieche sein Stifado mit Fenchel und einem Schuss Ouzo isst. Sie isst es weder mit noch ohne Fenchel und Ouzo. Toby wiederum isst zwar fast alles, ihm geht's ums Sattwerden. Er schüttet sich aber, ohne vorher zu kosten, wahlweise Salz, Tabasco, Ketchup oder Chilipulver oder auch alles zugleich über jedes Gericht - was ich als ähnlich ehrabschneidend empfinde wie die komplette Verweigerung. Einmal tat ich, wie ich glaubte, einen besonders kühnen Griff und servierte selbst gemachte Burger. Unsere Jugendlichen mümmelten daran herum und meinten schließlich, dass die von McDonald's besser schmecken. Nie wieder habe ich Burger gemacht.

Es war ein langer Kampf, der jetzt in seine letzte Phase geht. Sein Verlauf erinnert mich daran, was ich über das Auf und Ab nach der Diagnose, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden, gelesen habe: vom Nichtwahrhabenwollen über den Zorn und die Depression zur Akzeptanz. Ich habe das alles hinter mir, etwa die Ansage "Wenn ich koche, bleiben eure Finger aus dem Tiefkühlfach!". Und am nächsten Morgen fand ich wieder eine Pizzapackung im Altpapier. Jetzt habe ich meinen Frieden gemacht oder zumindest Waffenstillstand geschlossen. Man könnte es aber auch als Kapitulation bezeichnen. Ich sorge stets für einen ausreichenden Vorrat an Tiefkühlgerichten, Miracoli, Ravioli und Tütensuppen. Es gibt einen gewissen Bereich des Common Sense - Gerichte, die wir alle essen. Spinat mit Kartoffeln und Rührei. Schnitzel mit Möhren und Kartoffelpüree. Chili con carne. Spaghetti Aglio e olio. Alles andere koche ich nur für meine Frau und mich.

Es ist ein weiter Weg von Chili con carne zu Aristoteles, ich weiß. Aber es kann doch beim Thema Qualität nicht nur ums Essen gehen oder um die Frage, ob man sich lieber drei Shirts bei H&M kauft oder eines von Lacoste. Und da fiel mir Aristoteles ein. Genauer gesagt sein Werk "Politik", das ich mit 18 oder 19 gelesen habe, nun ja, in Auszügen, genau wie Lenins "Gesammelte Werke", Band 2. Es ist dort auch vom Genuss die Rede - da ist die inhaltliche Tangente an das Chili con carne -, allerdings geht es Aristoteles um das Leben als Ganzes. Das pure Leben im Genuss, schreibt er, ist von allen Formen der menschlichen Existenz die am wenigsten geglückte. Weit erstrebenswerter sei doch das Leben für die Polis und erst recht die kontemplative Versenkung in die Philosophie.

Beschreibungen in Romanen? "Total überflüssig"

Wieder gehen meine Gedanken zurück in die eigene Jugendzeit. Angeleitet vermutlich eher durch Lenin als durch Aristoteles, haben wir damals darüber gestritten, ob es legitim ist, Strommasten umzusägen (eine Frage, die sich aktuell vermutlich wieder stellt), ob eine soziale Verteidigung ganz ohne Waffen funktionieren kann, ob eine Räterepublik demokratischer ist als unser Parlamentarismus und ob man tatsächlich einen Misthaufen vor die örtliche Geschäftsstelle der Nachrüstungspartei CDU kippen sollte (ich war dagegen!). Vieles war sicherlich grober Unfug, und ich bin heute froh, dass beispielsweise meine Konzepte zu atomwaffenfreien Zonen von keinem Politiker je aufgegriffen wurden. Aber ist es altväterlich, stolz darauf zu sein, dass man beseelt war, begeistert von etwas, das eine Zeitlang größer und wichtiger schien als die eigene Existenz, die Beschaulichkeit eines finanziell abgesicherten Daseins (das ich heute durchaus zu schätzen weiß)?

Damals habe ich jene Mitschüler regelrecht verachtet, die nur so in den Tag lebten, die um die Eins minus feilschten und deren größtes Wochenereignis der samstägliche Discobesuch war. Und jetzt registriere ich ratlos, dass unsere Jugendlichen kaum anders sind. Die Große träumt davon, nach dem Abitur einen Job zu ergattern, der gut bezahlt ist, in dem sie aber weder allzu große Verantwortung trägt, noch sich besonders anstrengen muss. Aber hübsch gekleidet möchte sie sein, das ist wichtig. Warum, frage ich mich, richtet sich ihr Interesse ausschließlich auf sich selbst? Warum beantworten unsere Jugendlichen beispielsweise die Frage, was Qualität in der Bildung sein könnte, rein utilitaristisch: "Was mir nichts nützt, ist überflüssig, also muss ich es auch nicht wissen." Ein selbst gegebener Ratschlag, den sie treu befolgen. "Diese ganzen ausführlichen Beschreibungen in Romanen", sagte letztens unsere Große, "die sind total überflüssig, das kann man alles weglassen." Eine mutige Aussage für eine Zwölftklässlerin, die sich für einen Deutsch-Leistungskurs entschieden hat. Natürlich "nützt" es nichts zu wissen, dass die Jungen vom Schwein Ferkel heißen. Na und, dann sind es halt "die Kälbchen von der Sau", dann ist das Reh der weibliche Hirsch und der Urlaubsort auf Mallorca, nun ja, wo lag er doch gleich: "Am Rand." Und Sarrazin? Wer, bitte schön, ist denn Sarrazin?

"Man lebt schließlich nur einmal", meinte unser Toby vor ein paar Tagen auf meine Frage, was er denn anzustellen gedenke mit seinem Leben. "Ich will's so richtig krachen lassen, das ist die Hauptsache." An solchen Abenden mache ich eine Flasche Rotwein auf. -