Update für eine Ikone

Fast hundert Jahre lang war Leica in der Fotografie eine Klasse für sich. Dann machte die Firma fast nur noch mit Führungsquerelen und Fastpleiten von sich reden. Unruhig ist es an der Spitze immer noch - darunter aber hat Deutschlands älteste Kameramarke ihre alten Stärken wiederentdeckt.




- Sie ist ein schwarz lackierter Winzling mit einer metallenen Narbe im Kopf. Die steckt im Verschlusszeitenrädchen jeder Leica X1, misst nur drei Millimeter Durchmesser und fällt den meisten gar nicht auf. Dem Kenner aber doch, und auf den - und nur auf den - kommt es an. "'Ne Schlitzschraube!", ruft Bernd Müller, ein Hüne mit weißem Schutzhäubchen auf dem Kopf und einem zarten Metallgehäuse in der Preisboxer-Pranke. Er kennt den schwarzen Winzling seit Ewigkeiten, aber vor Besuchern begeistert er sich, als habe er ihn soeben erst entdeckt. "Gucken Sie mal hier: Wo sieht man denn heutzutage noch eine Schlitzschraube? Alle anderen haben längst Kreuzschlitz!"

Folgt man dem 61-Jährigen zu seinem Arbeitsplatz, wird man ständig auf solche unscheinbaren wie bedeutsamen Details gestoßen. Die Genauigkeit von hundertstel Millimetern beispielsweise, mit der Müllers Mitarbeiter digitale Sensoren in Kameragehäuse montieren. Die gläsernen Objektivlinsen, deren Rand einzeln und von Hand mit schwarzem Lack gegen Streulicht versiegelt werden. Der finale Akustiktest, bei dem jeder einzelne Kameramotor noch einmal an ein besonders geschultes Ohr gehalten und bei diversen Verschlusszeiten auf das unverwechselbare, leise "Klack" geprüft wird. "Da haben selbst die japanischen Sammler nichts mehr zu meckern", sagt Müller. Schließlich die Schlitzschraube, die zwar keinerlei funktionalen Mehrwert erfüllt, aber unmissverständlich signalisiert: Hier lässt sich ein Hersteller nicht durch modischen Schnickschnack von handwerklicher Tradition abbringen, nicht einmal durch eine Erfindung wie die Kreuzschlitzschraube.

Im Reinraum der Leica Camera AG liegt das Herz der Manufaktur. Zwei Dutzend Feinmechaniker in Schutzhäubchen und Kitteln montieren hier die Ikone der Kamerawelt. Von Müllers wenigen Erklärungen für den Besucher abgesehen, herrscht professionelle Stille. Und emsige Geschäftigkeit.

Denn für jedes Gehäuse, das hier verschraubt und getestet wird, steht irgendwo auf der Welt schon ein Käufer bereit. Die meisten warten seit Wochen, manche schon Monate auf ihre neue Leica. Seit die Firma vergangenen Herbst drei neue Modelle auf den Markt gebracht hat, muss die Reinraumfertigung Sonderschichten einlegen.

Besonders begehrt ist die digitale Leica M9, das neueste Modell jener legendären Messsucherkameras, denen die Serie ihr Kürzel und Leica den Weltruhm verdankt. Sie hatten bei Leica gehofft, in den nächsten zwei Jahren rund 14 000 Stück dieser 5495 Euro teuren Preziose verkaufen zu können. Tatsächlich nahm die M9 diese Zielmarke bereits nach zehn Monaten.

Auch das neu entwickelte Profisystem Leica S2 (Stückpreis: 18 600 Euro plus Objektive) und die handliche Reportagekamera X1 verkaufen sich nach Unternehmensangaben prächtig, sodass Müller, der jeden Morgen um 5.45 Uhr den Arbeitskittel im Reinraum überstreift, ihn selten vor 18 Uhr wieder in den Spind hängt. Sein Arbeitgeber hat nach 5,2 Millionen Euro Verlust im Geschäftsjahr 2008/2009 das vorige Geschäftsjahr mit Gewinn abgeschlossen. Im ersten Quartal des neuen erreichte der Umsatz 56 Millionen Euro - fast eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr.

Das ist, nach rund zwei Jahrzehnten der Eigentümer- und Vorstandswechsel, des Personalabbaus und mehrfacher Nahezupleiten, eine erstaunliche Wende. Noch im Frühjahr 2009 taumelte das 1080-Mitarbei-ter-Unternehmen durch eine existenzgefährdende Phase. Während die überfällige Entwicklung neuer Modelle Millionen verschlang, ließen ein veraltetes Sortiment plus Finanzkrise den Absatz gefährlich einbrechen. Im hessischen Solms, wo die Firma in den niedrigen Hallen einer früheren Möbelfabrik ansässig ist, wurde die Stammbelegschaft in Kurzarbeit geschickt, ein Sparprogramm aufgelegt, auf Sponsoring verzichtet. Eigene Feinmechaniker hatte die Marke schon seit Jahren nicht mehr ausgebildet. Es schien, als wäre mit Leica eine weitere deutsche Traditionsmarke am Ende. Und damit ein Markenmythos, der bis 1914 zurückreicht.

Damals ersann in den Wetzlarer Ernst Leitz Werken ein Ingenieur namens Oskar Barnack eine kleine Kamera, die statt klobiger Platten einen Rollfilm brauchte. Diese Ur-Leica, die heute in einem Banksafe ruht und auf zwei Millionen Euro versichert ist, war viel leichter, handlicher und praktischer als jene Plattenkameras, die Fotografen damals herumschleppten. Als sie 1925 in Serie ging, avancierte die "Leitzsche Camera" (kurz: Leica) zum Fotoapparat schlechthin, ihr Kleinbildformat zum Weltstandard. Weil sie einfach in der Bedienung, unauffällig im Einsatz und kompromisslos in der Qualität war, lernten Fotoreporter die edle Kiste schnell zu schätzen.

Stars wie Elliot Erwitt, Josef Koudelka, Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, wie überhaupt die Reporter der legendären Agentur Magnum, gingen mit Kameras aus Wetzlar auf Bilderjagd. Inge Moraths Marilyn-Monroe-Porträts, Alfred Eisenstaedts küssender Matrose am "V-Day" oder Henri Cartier-Bressons Foto vom Jungen mit Weinflaschen im Arm: Ikonen aus der Leica. Wer sich das vorige Jahrhundert in Fotodokumenten vergegenwärtigt, sieht Aufnahmen mit der Leica.

Ob es Selbstgefälligkeit, die aufkommende Konkurrenz japanischer Hersteller oder eine Kombination aus beidem war, die die Weltmarke schließlich ins Wanken brachte, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass Leica der großen Nachfrage nach Spiegelreflexkameras in den sechziger und siebziger Jahren lange einfach nur zusah. Die Einführung des Autofokus in den Achtzigern habe man "bewusst" ignoriert, so der Marketingleiter Johannes Fischer, "weil Autofokus nicht unserer Philosophie des Fotografierens entspricht". Die digitale Revolution in den Neunzigern wurde erst negiert, dann auf Leica-typische Art nachgeholt: Mit einem 38 000 Mark teuren Meisterstück, das perfekte Digitalbilder lieferte, aber außerhalb eines Fotostudios nicht zu gebrauchen war.

Nach diesem Misserfolg vollführte das Unternehmen eine ku-ri ose Kehrtwende. Auf der "Photokina" 2004 stellten die Hessen fast nur Analogmodelle aus - etwa so wie ein TV-Gerätehersteller, der ausschließlich auf High-End-Röhrenfernseher setzte. "Digitaltechnik", behauptete der damalige Leica-Vorstandschef in einem "Spiegel"-Interview, "ist nur ein Intermezzo."

Leica litt an akuter Manufactumisierung. Die älteste Kameramarke der Welt drohte in Schönheit zu sterben.

Stefan Daniel hat all die Kapriolen aus nächster Nähe mitbekommen und in den vergangenen sechs Jahren sechs Vorstandschefs kommen und gehen sehen. Der 42-Jährige, ein gelassener Technikfreak, hat 1984 als Feinmechanikerlehrling beim "sehr traditionellen und eingefahrenen Technologieunternehmen" begonnen. Heute ist er Leicas verantwortlicher Produktmanager. "Was viele übersehen", sagt Daniel, "ist die Tatsache, dass Leica zwar ein großer Name, aber eine kleine Firma ist. Die digitale Wende in der Fotografie war so mächtig, dass sie weitaus größere Unternehmen als uns aus der Bahn getragen hat. Konica und Agfa sind vom Markt verschwunden, Kodak ist massiv geschrumpft. Wir mussten uns den Zugang zu digitalen Sensortechnologien und Bildverarbeitungssoftware erst mühsam erarbeiten. Und wenn wir etwas machen, dann tun wir es perfekt. Deshalb heißt es heute immer, wir hätten die digitale Revolution verschlafen."

Mehr als einmal fürchtete Daniel damals, sich "bald einen neuen Job suchen zu müssen". Dass er sich mittlerweile vorstellen kann, bis zum Ruhestand für Leica zu arbeiten, und dass es diese Firma überhaupt noch gibt, ist Andreas Kaufmann zuzuschreiben. Der war mal Deutschlehrer an einer Waldorfschule. Seit Dezember 2006 ist der Millionenerbe eines österreichischen Zellstoffkonzerns mit 93 Prozent Hauptanteilseigner von Leica.

Wenn man an diesem Tag seine Handynummer wählt, erreicht man ihn in einem Tokioter Café. Man erfährt, dass er zwei Tage zuvor in Dublin einem jungen Fotografen den Leica-Fotopreis verliehen und am Vorabend in der Tokioter Leica-Galerie eine Ausstellung der Fotografenlegende Nobuyoshi Araki eröffnet hat. Morgen soll es über Hongkong weiter nach Amsterdam gehen. "Es läuft gerade wirklich gut für Leica", sagt Kaufmann.

Heißt das, die Marke ist über den Berg? "Lassen Sie nur mal ein paar Flugzeuge in Hochhäuser fliegen", erwidert Kaufmann, "dann sind plötzlich alle unterm Berg. Was uns selbst betrifft und die Faktoren, die wir in der Hand haben: Da hat Leica es jetzt definitiv geschafft." Es sei nicht entscheidend für ihn, sagt der Investor, aber doch ein Indikator für den Aufwärtstrend: Zum Zeitpunkt seines Einstiegs habe Leicas Marktkapitalisierung bei 25 Millionen Euro gelegen. Heute betrage sie rund 200 Millionen Euro. Die Hoffnung, dass es sich dabei um mehr als ein innovationsgetriebenes Zwischenhoch handeln könnte, ruht auf zwei Tatsachen: einer veränderten Markenstrategie - und vorsichtigen Kompromissen.

Jene gnadenlose Perfektion, die Leica den Ruf einer deutschen Kultmarke eingebracht hat, ist nämlich nur noch die eine Seite. Die Kameragehäuse der M-Serie kommen bereits seit Jahren aus dem Leica-Zweigwerk im portugiesischen Famalicão, das mit rund 500 Mitarbeitern gut ein Drittel größer ist als das Solmser Stammwerk. Die Bildprozessoren der S2 werden zusammen mit Fujitsu entwickelt, alle wichtigen Baugruppen der X1 von Sanyo zugeliefert. Beim Kompaktmodell D-Lux stammen lediglich Design und Logo noch von Leica selbst. Entwickelt, gebaut und montiert wird die Kamera vom japanischen Großkonzern Panasonic.

"Wir gehen damit ganz offen um", sagt der Produktmanager Daniel. "Aus eigener Fertigung könnten wir solche vergleichsweise günstigen Einsteigermodelle nun einmal nicht anbieten." Für Leica sind die fotografischen Einstiegsdrogen auch deshalb unverzichtbar, weil sie zusätzliche Kundschaft in die eigenen Läden locken. Die Kette von elf Marken-Stores und zwölf Boutiquen, die sich Leica als weltweit einzige Kameramarke leistet, wird eilig ausgebaut. Bis März 2011 sollen in Chengdu, Macao, Kuala Lumpur, Singapur und 23 weiteren Städten neue Niederlassungen eröffnen - im Idealfall mit angeschlossenem Mietstudio und High-End-Labor für die Profis sowie Fotogalerie und Café für die Liebhaber. In Wetzlar, wo Kaufmanns Socrates Holding GmbH kommendes Frühjahr den Grundstein für ein neues Werk legen will, ist eine Leica-Welt mit Museum, Fotogalerie und Markenstore geplant.

Was fehlt: eine Führung mit ruhiger Hand

Es gehe darum, die Marke Leica "erlebbar zu machen", sagt der Marketingmanager Fischer. "Wir bewegen uns zunehmend aus dem klassischen Fotofachhandel heraus. Denn neben fotografieaffinen Kunden braucht Leica auch jene, die sich zunächst einmal nur für schöne Premiummarken interessieren." So erhält heute in China jeder Käufer eines 7er-BMW eine Leica X1 obendrauf. Zusammen mit Hermès haben die Solmser eine Sonderedition der M8 in luxuriösem Lederfutteral aufgelegt.

Fischers Fantasie ist damit längst nicht erschöpft. "Eine Art Leica finden Sie doch in jeder Nische des Premiumsegments: die IWC bei den Uhren. Montblanc bei den Schreibgeräten. Oder nehmen Sie die Premiummarken unter den Autoherstellern - überall ließen sich doch Kooperationen schließen und limitierte Editionen auflegen." So könne die Marke ihren Umsatz in den nächsten fünf bis zehn Jahren durchaus verdoppeln, sagt Fischer.

Eine Voraussetzung wäre, dass im Unternehmen selbst wirklich einmal Ruhe einkehrt. Mitte August hat in Solms wieder einmal ein Vorstandschef seine Sachen gepackt - nach nur 15 Monaten Dienstzeit. "Wegen Meinungsverschiedenheiten über den Führungsstil", wie Hauptaktionär Kaufmann sagt, "wobei ,Meinungsverschiedenheiten' noch eine euphemistische Umschreibung ist." Mit Steven Lee, Vorstandschef Nummer zwei unter Kaufmann, hakelte sich die Firma bis vor Kurzem noch vor Gericht. Allein im vergangenen Jahr wechselte zweimal der Chef des Aufsichtsrats. Jene ruhige Hand, die man zum Fotografieren braucht, fehlt Leica bei der Unternehmensführung offenbar noch.

Die Turbulenzen in Solms lenkten allzu lange vom Wesentlichen ab. Die Unstetigkeit an der Spitze trug immer wieder zu Verzögerungen bei überfälligen Modellwechseln bei - gerade auf dem technikgetriebenen Kameramarkt ein kapitales Versäumnis. Wie überlebenswichtig regelmäßige Neuheiten sind, lässt sich daran ablesen, dass die Leica Camera AG aktuell etwa die Hälfte ihres Umsatzes allein den Innovationen des vergangenen Jahres verdankt. Zur diesjährigen "Photokina" hat Daniels Entwicklungsabteilung deshalb gleich mehrere neue Modelle nachgelegt. "Wir haben", sagt er, "alles dafür getan, nicht noch einmal in ein Loch zu fallen."

Eine analoge Kamera übrigens ist nicht mehr dabei. -