Überleben ist schwer genug

Der Wert der Dinge? Die meisten Südafrikaner haben ernstere Sorgen.




- Thabo Mbeki, eine wenige Kilometer nördlich von Johannesburg gelegene Siedlung, ist eine garantiert qualitätsfreie Zone. Keine der rund 300 Hütten auf dem vier Fußballfelder großen Areal wirkt auch nur solide. Etwa die Behausung von Maria Fatuela: Ihre rostige Eingangstür hat sie irgendwo am Straßenrand gefunden, das Wellblechdach ist aus früheren Verwendungen löchrig, durch die Collage aus morschen Brettern, welche die Außenwände der mit verschlissenen Vorhängen unterteilten Hütte bilden, pfeift der Wind. "Für Qualität haben wir kein Geld", sagt die 25-Jährige, während sie ihren zwei Kindern den obligatorischen "Papp" aus Maismehl und Wasser anrührt: "Wir nehmen, was wir kriegen können."

Sie gehört zu den zwei Dritteln aller Afrikaner, die nach Erhebungen der Weltbank weniger als 2,50 US-Dollar am Tag zum Überleben haben - rund 750 Millionen Menschen. Die arbeitslose Analphabetin bezieht vom südafrikanischen Staat umgerechnet 70 Dollar Kindergeld im Monat. Ihr Freund bringt von gelegentlich ergatterten Jobs in guten Monaten weitere 100 Dollar nach Hause. Beim Einkaufen zieht die Frau stundenlang von Shop zu Shop: nicht um das Beste, sondern um das Billigste zu finden.

Für viele Afrikaner entscheide nicht Qualität, sondern Quantität, sagt der Ugander John Agwa-Ejon, der an der Universität Johannesburg Management lehrt und der Südafrikanischen Gesellschaft für Qualität angehört: "Qualität ist ein Luxus, den sich die meisten gar nicht leisten können." Sie profitieren von der Überschwemmung des Kontinents mit chinesischer Billigware: Nur so kann auch Fatuela gelegentlich ein neues T-Shirt (zwei Euro), einen Blechkochtopf (drei Euro) oder gar ein gebrauchtes Handy kaufen - an dem jedoch mehrere Tasten fehlen. Ihre Kaufentscheidung hängt nicht davon ab, wie lange die chinesischen Schnäppchen halten. Mit dem Begriff "Lebensqualität" kann sie nichts anfangen. Für sie geht es ums Überleben.

Dagegen kann sich Rosina Mello schon kleine Vorlieben erlauben - wie das Albany-Brot von Pick n Pay, das die 35-jährige Mutter zweier Kinder dem billigen Weißbrot einer Johannesburger Großbäckerei vorzieht. Sie hat ein regelmäßiges Einkommen als Haushälterin, das ihr zwar nicht die Erfüllung großer Träume, aber kleine Qualitätsentscheidungen erlaubt. Etwa, dass ihr Baby Wäsche aus Baumwolle trägt statt aus Acryl und ihre ältere Tochter eine kostenpflichtige staatliche Schule besucht, in der die Lehrer nicht betrunken zum Dienst erscheinen.

Erst von einem bestimmten Einkommen an geht es auch um den Wert der Dinge, sagt der Hochschullehrer Agwa-Ejon. Philosophen haben sich über das Verhältnis zwischen Quantität und Qualität den Kopf zerbrochen: Dem deutschen Chefidealisten Wilhelm Georg Friedrich Hegel fiel auf, dass kleine regelmäßige Fortschritte auf der Quantitätsskala plötzlich zu einem qualitativen Sprung führen können. Friedrich Engels fand in der Eigenschaft des Wassers eine naturwissenschaftliche Analogie: Während das Element bei Minusgraden die Beschaffenheit fester Eiskristalle annimmt, wird es bei null Grad plötzlich flüssig und verwandelt sich erst bei hundert Grad schlagartig in Dampf.

Bei welcher Quantität des Einkommens der Sprung in eine andere Qualität des Lebens erfolgt, ist gesellschaftlich nicht so exakt auszumachen wie in der Naturwissenschaft. Fest steht jedoch, dass die Regelmäßigkeit der Bezüge, also ein fester Arbeitsplatz, den Ausschlag gibt. Bei der Antwort darauf, was qualitativ als hochwertig gilt, kommt es zudem auf die Herkunft eines Menschen aus dem breiten Spektrum der Regenbogennation an. So finden Schwarze traditionell eher fettes Fleisch gut, dicke Hintern und wenn schon Gemüse, dann jedenfalls mit viel Mayonnaise. Ihre bleichen Landsleute ziehen mageres Fleisch, magere Mädchen und Magerjoghurt vor. Der globale Siegeszug westlicher Werte und Vorlieben hat die traditionellen afrikanischen Ideale zurückgedrängt, sagt Agwa-Ejon: "Was Qualität ist, bekommen Afrikaner zunehmend von anderen diktiert, was nicht unbedingt zu einem besseren Qualitätsbewusstsein führt."

Itta Jawitz ist von dieser Frage dagegen wie besessen. Die Mittfünfzigerin aus Johannesburg verfügt mit ihrem Ehemann über rund 5000 Euro im Monat und kauft fast ausschließlich bei der Edel-Lebensmittelkette Woolworths ein, weil es dort, zu einem gepfefferten Aufpreis, Bio-Fleisch und -Gemüse gibt. Ihre beiden Kinder besuchen eine Privatschule, weil die Ausbildung dort sehr gut ist. Und jüngst hat sie chinesische Billigprodukte des Nachwuchses wegen für tabu erklärt: Sie sollen sich keine Wegwerfmentalität angewöhnen.

Sie ist eine Weiße, doch finden sich im gehobenen Mittelstand auch immer mehr Schwarze. Die könnten sich zwar Qualität allemal leisten, sind aber an Idealen wie Natürlichkeit und Beständigkeit wenig interessiert. Für sie zählt das Branding mehr als die Beschaffenheit der Dinge. Neureiche Afrikaner behalten bei ihren Armani-Anzügen das Label am Ärmel: Damit jeder gleich den Wert des guten Stückes erkennt. Wer aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegen sei, könne so zeigen, dass er ,angekommen' ist, erklärt Universitätslehrer Agwa-Ejon: "Und wenn man sich jedes Jahr ein neues Auto leisten kann, spielt dessen Lebensdauer keine Rolle mehr." Selbst in der afrikanischen Elite hat Qualität kaum Fürsprecher. Kein Wunder, dass es kein Gütesiegel "Made in Africa" gibt.

Itta Jawitz findet das ungerecht. Für sie steht Afrika ganz oben - zumindest wenn es um das wichtigste ihrer Kriterien geht: Lebensqualität. In ihren Augen verfügt Afrika über Vorzüge wie kaum ein anderer Teil der Welt. Sie alle sind Teil der Natur - ewiger Sonnenschein, endlose Weiten und unvergessliche Safaris. Will Jawitz ihr Leben genießen, bricht sie mit dem Geländewagen in die Wildnis auf - es sind Regionen, deren Bevölkerung meist mittellos ist und ums Überleben kämpft. An Wochenenden besucht sie mit ihren Kindern gern den Johannesburger Löwenpark, wo sie Schwarzwälder Kirschtorte essen und mit Löwenbabys spielen. Der Park liegt in unmittelbarer Nähe zur Thabo-Mbeki-Siedlung. Maria Fatuela kann von ihrer Hütte aus die Löwen brüllen hören. Zur Steigerung ihrer Lebensqualität trägt das allerdings nichts bei. -