Tick, tack

Die Leidenschaft für kostbare Schweizer Uhren ist ungebrochen. Dass die Industrie dennoch in ernsten Schwierigkeiten steckt, hat sie sich selbst zuzuschreiben: Sie hat zu wenig auf ihre Kunden und die Zeit geachtet. Ein Report über eine Branche auf der Kippe.




- Uhrenland Schweiz: Weiße Gipfel, einsame Täler, handgefertigte Zeitmesser in Gold, Silber, Platin - jedes Frühjahr wiederholt sich in Basel dieses glitzernd-romantische Märchen. Knapp hunderttausend Menschen pilgern dann zur weltgrößten Uhrenmesse Baselworld, mehr als 300 Firmen stellen rund 200 000 verschiedene Modelle aus. Nirgendwo sonst zelebriert sich die Industrie mit derart viel Glanz und Glamour.

Die Manufaktur Blancpain etwa residiert in einem mehrstöckigen Schweizer Chalet. Rolex präsentiert die edle Kollektion in einer zehn Meter hohen Trutzburg mit integrierter Brücke zum Privatkino im noch einmal so großen Nebengebäude. Breitling sitzt in einem vier Decks hohen Schiffsaufbau, über dem ein mehr als 28 Tonnen schweres Aquarium mit 3400 Fischen thront. Patek Philippe nutzt einen weißen Glaspalast, gestaltet vom Londoner Designbüro Virgile and Stone, in dem allein das Foyer drei Stockwerke hoch ist.

Hans Erb wirkt angespannt, als er sich zwischen Hostessen in Designerroben und Juwelieren in dunklen Maßanzügen einen Weg bahnt. Mit seinen Augen fixiert er die Vitrinen mit den Preziosen. Kein Zweifel: Wohl fühlt sich der untersetzte Schweizer mit dem strubblig-schwarzen Haar nicht in dieser Welt. "Hier geht's ja nicht mehr um die Uhr", sagt er.

Derweil posaunen die Firmen ihre gute Nachricht heraus: Die Krise ist überwunden! Wo die Hersteller vergangenes Jahr noch unter Exporteinbußen von bis zu 25 Prozent stöhnten, überschlagen sich nun die Erfolgsmeldungen. Der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie verkündet für den Februar ein Exportplus von 14,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das bedeutet: Zeitmesser im Wert von 1,2 Milliarden Franken wurden allein in jenem Monat ins Ausland verkauft. Der Aufschwung hat sich mittlerweile noch verstärkt. Im Juli lag der Exportabsatz schon bei 1,4 Milliarden Franken, ein Plus von knapp 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Für Erb ist das kein Grund zu frohlocken: "Es ist gefährlich, wenn es zu schnell wieder gut läuft", mahnt er. Das hört man nicht gern in der Branche. Aber der 48-Jährige, der ein Uhrengeschäft in Bern führt, ist bekannt dafür, dass er auch unbequeme Ansichten ausspricht. Als ehemaliger Fotoreporter und Webdesigner ist er ein Quereinsteiger und eigensinniger Individualist - was ihn bei einigen in der Branche zu einem gefragten Gesprächspartner macht.

Auch jetzt hält er mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: Die Branche habe zu viele Probleme, allen voran - und das klingt in der Luxusbranche unglaublich - bei der Qualität ihrer Produkte. Die nämlich habe stark gelitten, seit die Uhrenfirmen in den Boomjahren überproportional gewachsen seien. Da habe zum Beispiel ein Luxushersteller Geld an der sogenannten Sperrklinke sparen wollen. Dahinter verbirgt sich eine Vorrichtung, die das Rückwärtsdrehen des Aufzugssystems verhindert. Der Produzent ließ das winzige Werkteil nicht mehr wie üblich aus dem Vollen fräsen, sondern durch Sinterung herstellen - dabei wird Metallpulver unter Hochdruck in Form gepresst. Das Resultat, so Erb: "Bei der ersten Serie ist ein Großteil der Sperrklinken gebrochen. Bei einer 7700 Franken teuren Mechanikuhr ist das ein Desaster vom Ausmaß der Gaspedal-Rückrufaktion von Toyota, eine Zerstörung des Kundenvertrauens." Und das bei einem Produkt, für das es kein anderes Kaufargument gibt als Leidenschaft.

Dabei sind die Schweizer Uhren vor allem durch ihre Qualität weltweit berühmt geworden. Und es werde Folgen haben, mahnt Erb, dass bei drastischen Produktionssteigerungen viele Hersteller in den vergangenen Jahren gerade da geschludert haben. "Da tickt eine Zeitbombe in der Uhrenindustrie: Schlechte Qualität und ein miserabler Nachverkaufsservice haben schon viele Kunden vergrätzt."

Tatsächlich kursieren Hiobsbotschaften über neue Luxusuhren, die stehen bleiben, über schlampig ausgeführte Reparaturen und monatelang verschleppten Service. Sogar einige Firmenchefs geben zögerlich zu, dass da etwas gewaltig falsch läuft. Karl-Friedrich Scheufele, Chef des Schmuck- und Uhrenherstellers Chopard, sagt: "Es sollte ein Teil des Luxuserlebnisses sein, dass man seine Uhr bei einer Reparatur schnell zurückbekommt. Da hat die Uhrenindustrie ein bisschen was versäumt." Und Matthias Schuler, seit 2008 Chef der Manufaktur Roger Dubuis in Genf, prangert sogar offen die Arroganz seines Vorgängers an: Früher habe es nicht einmal Bedienungsanleitungen für die kostspieligen Uhren gegeben, "und der Kontakt des Kunden mit der Marke war nicht einfach in Ermangelung eines globalen Kundendienstes".

Diese Mentalität entspringt zum großen Teil einer Glorifizierung der eigenen Vergangenheit, wie man sie in kaum einer anderen Branche findet. Seit der sogenannten Mechanik-Renaissance Anfang der neunziger Jahre bewerben die Schweizer Luxushersteller ihre Produkte mit Ideen, die sich auf zwei einfache Regeln reduzieren lassen: Je älter die Marke, desto begehrenswerter; und wer früher viele Patente angemeldet hat, muss wohl auch heute noch originell und technisch versiert sein.

Aber so viel Aufmerksamkeit für die eigene Geschichte kann leicht den Blick auf Gegenwart und Zukunft verstellen; und gerade die Luxusuhrenbranche lebt vom guten Ruf ihrer Produkte. In diesem Geschäft geht es wie in kaum einem anderen um Emotionen - eine mechanische Uhr, die pro Tag bis zu zehn Sekunden vor- oder nachgeht, braucht heute eigentlich niemand mehr. Dass trotzdem so viele die Ticker von Rolex, TAG Heuer, Patek Philippe oder Omega kaufen, liegt an den teuren Kampagnen und weltbekannten Stars als Werbebotschafter, mit denen sich die Marken einen Nimbus aufgebaut haben, den viele Kunden unwiderstehlich finden.

Die Fans werden zuverlässig bedient. Jedes Jahr mit ausgefallenen Innovationen - etwa aufwendigen mechanischen Zusatzfunktionen wie Kalendern oder Schlagwerken -, die zum Teil noch als Prototypen vorgestellt werden, um durch Schlagzeilen in der Presse die Begehrlichkeit anzuheizen. Ob die Ideen allerdings tatsächlich realisierbar sind und wann sie, wenn überhaupt, in den Laden kommen, ist häufig ungewiss.

Zudem mokiert sich Erb vor allem darüber, dass die Unternehmen immer noch mit dem weißhaarigen Uhrmacher werben, der an der wurmstichigen Werkbank irgendwo in den Bergen der Westschweiz sitzt und seine Uhren von Hand zusammenschraubt. "Ich finde es schlicht unehrlich, wenn die Firmen solche Klischees bedienen." Es gebe doch auch außerhalb von Gesichtern und Geschichte genug Spannendes über die Welt der mechanischen Uhren zu erzählen, sagt der Mann, der für seine Kunden eine eigene Zeitschrift herausgibt.

Die Magie der Sinnfreiheit

Dementsprechend hat er sein Geschäft auch völlig anders gestaltet als die großen Juweliere auf der Zürcher Bahnhofstraße oder am Hamburger Jungfernstieg. Der "Uhrsachen" genannte Laden liegt versteckt unter den verwinkelten Arkaden der Berner Altstadt. Vor dem Schaufenster stehen die Bistrotische des Nachbarcafés. In der Auslage sieht man auf den dunklen Holzregalen weder Markendisplays noch Poster oder andere Dekorationen hier gibt es nur Armbanduhren anzuschauen. Und fast alle sind von kleinen Herstellern wie Junghans, Nomos, Vulcain oder Speake-Marin. Von Firmen also, die bei großen Geschäften wie Wempe, Beyeler oder Bucherer allenfalls ein Nischendasein fristen. "Genau das sind die Marken, die mich interessieren", sagt Erb. Auf eine Rolex- oder Breitling-Konzession habe er keine Lust, denn deren Uhren würden sich ja von selbst verkaufen.

Er ist ein Mann mit einer Mission: Er will seinen Kunden die Liebe zu Uhren vermitteln, die er selbst empfindet - jenseits von Werbung und Weltstars. "Für mich ist es ein Erfolg, wenn einer wie am vergangenen Samstag eine frisch revidierte alte Minerva kauft, weil er sich zum Studienabschluss eine richtig schöne Uhr gönnen will - und nicht die Portugieser von IWC, die der Vater ihm empfiehlt."

Vor allem die Mechanik fasziniert ihn: "Wenn ich unserem Uhrmacher zuschaue, wie der aus einem Berg von Teilen ein Werk zusammensetzt, das mechanisch den Lauf der Tage und eigentlich auch des Universums abbilden kann - das hat Magie." Wer ihm zuhört, bekommt eine Ahnung davon, warum viele Kunden den Herstellern auch grobe technische Fehler verzeihen - womöglich sogar, dass eine Uhr nicht funktioniert: "Letztendlich ist es wahrscheinlich die Bewunderung der Kreativität, die es braucht, so etwas Sinnfreies zu bauen und damit eine Uhr in ein Stück Poesie zu verwandeln."

Er kann so schwärmen, weil er auch nach seinem Einstieg in die Branche ein Uhrenfan geblieben ist. Angefangen mit der alten Jaeger-LeCoultre seines Großvaters hat er sich über die Jahre eine eigene Sammlung aufgebaut - "natürlich mit Armbanduhren, die kaum jemand sammelt". Der gelernte Fotograf führte zuvor zehn Jahre lang eine Internet-Werbefirma, mit der er auch Uhrenfirmen bediente. Ursprünglich wollte er für die damalige Besitzerin von Uhrsachen in Bern einen Online-Shop etablieren. Als die den Laden aber plötzlich verkaufen wollte, überlegten er und seine Frau nicht lange: "Wir hatten schon zu viel Zeit, Geld und Herzblut investiert."

In seinen mittlerweile acht Jahren als Händler habe er sich einiges erlaubt, was bei Branchenkollegen als Harakiri gilt: "Vor zwei Jahren haben wir beschlossen, nicht mehr mit Herstellern zusammenzuarbeiten, die uns mit zu vielen Vorschriften und schwierigem Umgang das Leben schwer machen." Nach diesem Prinzip haben die Erbs ihr Sortiment ausgesucht: kleine Marken, bei denen sie einen guten Draht zum Unternehmen haben - und die auch an ihren Erfahrungen als Verkäufer interessiert sind. Vor allem aber Hersteller, die "Uhren bauen, die seriös gemacht sind und mit viel Liebe zum Detail umgesetzt werden". Denn das sei es ja, worum es eigentlich gehe.

Von den Marken der großen Unternehmensgruppen wie LVM H, Richemont und der Swatch Group hat er sich getrennt. Die Zusammenarbeit war für ihn zu stark reglementiert. Es gab Regeln, wie er sein Schaufenster zu dekorieren habe, wie viele Uhren er abnehmen müsse und wann er welche Anzeigen in den Zeitungen zu schalten habe. "Dabei weiß ich doch selbst am besten, wie ich meine Ware verkaufen kann. Wieso soll ich mir da Vorschriften machen lassen?"

Den Versuch der Knebelung durch die Konzerne erklärt sich Erb damit, dass es da weniger um Uhren gehe als "um Controlling und Quartalszahlen". Um auf das Beispiel von den gebrochenen Sperrklinken zurückzukommen: Bei Investoren sei es vermutlich nicht populär, erst einmal eine Million Franken in eine Fräsmaschine zu investieren, wenn es auch billiger gehe.

Was sich da zeigt, ist gerade für die Uhrenindustrie verwunderlich. Schließlich ist die Branche traditionell eher langfristig orientiert, und die Bindungen an die Zulieferer sind eng. Über Jahrhunderte entwickelte sich die Zusammenarbeit von Herstellern mit den immer gleichen Lieferanten von Zahnrädern, Zeigern oder Gehäusen aus der Umgebung - meist kleinen Familienbetrieben. In den Dörfern und Städtchen der Westschweiz ist dadurch ein Beziehungsgeflecht entstanden, das für Neulinge kaum zu überschauen ist.

Die Wirtschaftskrise führte allerdings zu einem Kahlschlag, der in keiner Statistik über die Branche auftaucht. "Wenn Sie heute durch Biel fahren, wo früher in jeder Hinterhofgarage für die Uhrenindustrie gewerkelt wurde, finden Sie viele leere Räume", sagt Erb. "Die Marken selbst drosseln ihre Produktion, um die Krise auszusitzen. Aber viele Zulieferer, die durch die gigantischen Nachfragen der vergangenen Jahre rasant gewachsen sind, müssen ihre Belegschaften entlassen, weil zu viele Aufträge storniert wurden." Auf jeden Arbeitslosen in der Branchenstatistik komme mindestens ein weiterer bei den Zulieferbetrieben, schätzt er.

Immer mehr Schweizer Uhrenbauer vergeben inzwischen ihre Aufträge an Zulieferer im Fernen Osten, weil sie dort billig und flexibel bedient werden. Eine Abkehr vom "Swiss Made" bei den Schweizer Unternehmen? Von wegen: Sie profitieren trotzdem vom hohen Ansehen des Qualitätssiegels. Denn wo das Gütesiegel draufsteht, muss nicht zu 100 Prozent Schweizer Mechanik drin sein. Laut Verordnung braucht nur die Hälfte des Werts eines Uhrwerks aus Schweizer Fabrikation zu stammen. Die andere Hälfte kann also billig importiert werden. Und unter diese Auflage fällt nur das Uhrwerk - woher die Zifferblätter und Gehäuse kommen, wird gar nicht reglementiert.

Die großen Hersteller wie Rolex und die Swatch Group fürchten schon länger eine Verwässerung der Marke, von der alle profitieren. Der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie, in dem diese Konzerne eine starke Stimme haben, hat deshalb einen entsprechenden Gesetzesvorschlag beim Schweizer Bundesrat eingereicht: Danach sollen die Bestandteile aus Schweizer Fabrikation in einem mechanischen Werk mindestens 80 Prozent des Werts ausmachen. Zusätzlich müssen Konstruktion und Prototypenbau im Land erfolgen. Das Gleiche gilt für die Fabrikationskosten:

80 Prozent müssen auf Operationen in der Schweiz entfallen. Die Abschottung gegenüber dem Ausland soll also die Zukunft der mechanischen Uhren in der Schweiz sichern.

Hayeks Vermächtnis

Erb hält das nicht für sinnvoll. Für ihn kommt es darauf an, welcher Zulieferer in Zukunft ein solides mechanisches Uhrwerk anbieten kann. Nur so ließen sich die von den meisten Firmen verwendeten sogenannten Eta-Werke ersetzen, die es bald nicht mehr geben wird.

Damit spielt der Unternehmer auf einen Streit an, der die Uhrenbranche in ihren Grundfesten erschüttert hat: Die Eta SA Manufacture Horlogère Suisse, eine Swatch-Tochter, produziert jährlich mehr als 50 Millionen mechanische und quarzgesteuerte Uhrwerke, die sie komplett oder als Bausatz an Kunden von Breitling bis TAG Heuer oder Junghans verkauft. Sie versorgt aus einer Beinahemonopolstellung heraus bislang rund 90 Prozent aller Schweizer Hersteller.

Aber schon 2002 hat der Ende Juni verstorbene Swatch-Gründer und Verwaltungsratspräsident Nicolas G. Hayek mit einer Ankündigung der Branche einen größeren Schlag versetzt, als es die jüngste Weltwirtschaftskrise vermochte. Damals erklärte er, dass die Eta ab 2006 keine Uhrwerkbausätze mehr an konzernfremde Firmen liefern werde, sondern nur noch komplett gefertigte Werke. Die Wertschöpfung aus den eigenen Werken solle zukünftig in der Swatch Group bleiben - das klang unternehmerisch plausibel, bedeutete allerdings für die Abnehmer, dass sie die Werke erst aufwendig und kostenintensiv auseinandernehmen müssen, wenn sie individuell verändert werden sollen.

Auf Betreiben betroffener Firmen intervenierte die Schweizer Wettbewerbskommission Weko. Die Eta sei ein Monopolist und müsse den Unternehmen mehr Zeit geben, nach Alternativen zu suchen. Der Verkaufsstopp wurde daraufhin auf Ende 2010 verschoben. Hayek reagierte ungehalten: Seine Eta werde zukünftig überhaupt niemanden mehr beliefern, weder mit Werken noch mit Bausätzen; vielmehr benötige die Swatch Group das gesamte Kontingent selbst.

"Das war sicherlich eine emotionale Entscheidung, aber eine verständliche", sagt Hans Erb. "Hayek sah ja, wer da alles mit seinen Werken Geschäfte machte. Da kam ein Branchenneuling und veranstaltete auf der Baselworld ein riesiges Werbegetöse mit Uhren, in denen Hayeks Werke tickten. Und auf einmal verklagt der Neuling Hayek dann auch noch, weil er nicht genügend liefert."

Seither sind viele Unternehmen auf Einkaufstour. Neue Werkhersteller müssen her, und viele, die bis dahin gezögert hatten, investieren nun Millionen Franken, um den Sprung zur Manufaktur zu schaffen. Allen voran Breitling, aber auch Eterna, Hublot und sogar das kleine Unternehmen Bucherer haben angefangen, eigene Werke zu entwickeln. Außerdem haben Zulieferer wie die Firma Sellita mit der Kopie von Eta-Werken begonnen, deren Patentschutz abgelaufen ist.

So groß ist der Druck, dass manche Firmen einen nicht ganz einwandfreien Weg aus der Misere wählen - wie die Sportuhrenfirma TAG Heuer. Im Dezember stellte Vorstandschef Jean-Christophe Babin das erste firmeneigene Uhrwerk vor. Schnell kam jedoch heraus, dass dieses Werk in Wirklichkeit auf einer Konstruktion des japanischen Konzerns Seiko basiert. Trotzdem schrieb TAG Heuer Swiss Made auf die Uhr. Das war zwar legal durch den Einbau eines Schweizer Hemmungssystems. Auch das aber stammte nicht von TAG Heuer - sondern von einer Tochter der Swatch Group. "Wir hätten tatsächlich kommunizieren sollen, dass das neue Kaliber 1887 auf einem Seiko-Patent basiert", gibt Babin zu.

Auch wenn sich auf der Uhrenmesse in Basel niemand mehr Sorgen über das Qualitätsbewusstsein und die Zukunft der Branche zu machen schien: Gerettet wurden die Schweizer nur durch den aufblühenden Markt in China und Indien. "Dort funktioniert die Gleichung 'Schweizer Uhr gleich höchste Qualität' noch ohne Probleme", sagt Erb. " Jeder, der sich irgendwie belohnen will, kauft sich einen Schweizer Zeitmesser." Der Uhrenverband verzeichnete Mitte des Jahres ein Plus von 90,6 Prozent für die Exporte nach China, jene nach Deutschland gingen dagegen um gut fünf Prozent zurück.

Ein großer Juwelier an der Zürcher Bahnhofstraße habe ihm verraten, dass er die Krise nur wegen stark angewachsener Nachfrage aus China überstanden habe. Auch in Erbs Geschäft schauen immer mehr Interessenten aus Asien herein. "Aber die werden bei mir selten fündig. Ich habe eben nicht die Mainstream-Marken, die für solche Kunden interessant sind."

Erb geht einen ganz eigenen Weg, um den Mythos Schweizer Uhr zu retten. Zusammen mit einigen findigen Uhrmachern betreibt er das Projekt Open Movement. Ähnlich wie bei einer Open-Source-Software sollen dabei die Teile für ein neues Standarduhrwerk für jeden Interessenten zum Selbstkostenpreis bei den Lieferanten abrufbar sein.

Das Projekt steckt zwar noch in den Kinderschuhen. Die Macher sind auf der Suche nach geeigneten Produzenten. Es zeigt aber, wie anpassungsfähig diese jahrhundertealte Industrie immer noch ist. Wenn es nach Erb geht, stehen die Chancen gut, dass das Baseler Märchen nicht endet. -