Leichter Nachgeschmack, bitter und kratzig

Qualität gilt in Russland als sehr flüchtiges Glück.




• Russland produziert durchaus Qualität, oft sogar ganz erstaunliche. Beim Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 erlebten die Kanoniere und Panzerschützen der deutschen Wehrmacht mit Entsetzen, dass ihre Geschosse den russischen T-34-Panzern nichts anhaben konnten. Die erwiesen sich als überraschend robust, beweglich, geländegängig und in ihrer Masse und Feuerkraft als überlegen. Ein Geniestreich der Konstrukteure, der bis Kriegsende in fast 55 000 Exemplaren zum Einsatz an die Front kam.

Nicht erst seit dem T 34 sind die Russen davon überzeugt, dass sich ihre wahren Qualitäten erst in höchster Not offenbaren, wenn es um Leben oder Tod geht. Oder wie der russische Volksmund sagt: „Im Krieg und in der Taiga zeigt ein Mann, was er wert ist.“

Im Zivilleben dagegen, auch Alltag genannt, tun sich die Russen schwer, etwas Solides zu erschaffen. Nicht, dass sie nicht wüssten wie. Der russische Kamaz-Truck gewinnt die Rallye Paris-Dakar in Serie. Ein Extremsportler, der Sanddünen ebenso meistert wie sibirische Schneewehen. Auf der Straße aber steigen immer mehr russische Fernfahrer in Zugmaschinen aus den USA oder Europa um. Die sind sparsamer, bequemer, mit stabileren Einzelteilen.

Die eigene Autoindustrie gilt den Russen inzwischen als nationale Schande. Experten warnen sogar vor ausländischen Modellen, die in Russland montiert wurden. Und weitverbreitet ist die Sorge, beim Autokauf einen Montagswagen zu erwischen: ein Exemplar, das verkaterte Arbeiter nach einem wodkaseligen Wochenende mehr schlecht als recht zusammengeschustert haben. Der Montagswagen mag ein Mythos sein, um die Häufigkeit der Pannen zu erklären, durch die sich vaterländische Serienprodukte in Ausschussware verwandeln. Denn Qualität gilt in Russland überhaupt als sehr flüchtiges Glück.

Die Russen können gutes Bier brauen. Mit Lust stemmen sie neue Biersorten wie Baltika, Drei Bären oder Alter Müller, die frisch und süffig auf den Markt kommen. Aber die Begeisterung vergeht rasch. Einmal in Mode, ändert sich das Gebräu, hinterlässt bald einen leichten Nachgeschmack, wird bitter und kratzig. Das wiederholt sich beim Wodka. Seit Jahren trinken meine russischen Bekannten nicht die „beste“, sondern die neueste Wodkamarke. „Weil sie die noch nicht verdorben haben“, wie ein Petersburger Kenner sagt.

Das Fremdwort „Qualität“ ist nie bis Russland gekommen. Die Russen nennen es „katschestwo“, was der deutschen „Eigenschaft“ entspricht. „Deutsche Eigenschaft“ gebrauchen die Russen übrigens – mit Hochachtung – als stehende Redewendung. Und erklären sie durch ebenso sprichwörtliche „deutsche Pedanterie“. Auch das nicht ohne Hochachtung und durchaus zu Recht. Zumindest, wenn man unter Pedanterie einen gewissen Fanatismus, den letzten Biss bei der Bewältigung des Alltags, der Arbeit, der Routine versteht. Keine unbedingt russische Qualität.

Einheimische Patrioten predigen, die russischste aller Eigenschaften sei Begabung. Millionen russischer Mütter halten ihre Söhne für Genies und verhätscheln sie entsprechend. Auch die Helden russischer Märchen liegen sieben Jahre faulenzend auf der Ofenbank, bevor sie jene Großtat vollbringen, die ihnen die Tochter und das Reich des Zaren einbringt. Oder sie begegnen einer Froschkönigin, die sich jede Nacht im Bett in eine Sexbombe verwandelt und ihnen ein Zarenreich verschafft. Der größte sowjetische Held der Arbeit war ein Hauer namens Stachanow, der in einer Schicht 102 Tonnen Kohle gefördert haben soll. Wer will da erwarten, dass sich Russen tagtäglich an Schreibtischen oder in Werkstätten für ein bisschen Qualitätssteigerung aufreiben?

Dabei gibt es durchaus begnadete Facharbeiter, Handwerker oder Buchhalter. Aber sobald sie das technische Hauptproblem gemeistert haben und es nur noch um Kleinigkeiten, ums Fertigwerden geht, neigen sie leicht zur Lässigkeit. Vor fünf Jahren wechselte ein graubärtiger Automechaniker in Twer die im Tiefschnee verschmorten Belege meiner Kupplungsscheiben aus. Seitdem funktioniert die Kupplung tadellos. Aber anderthalb Minuten, nachdem ich vom Werkstatthof fuhr, hielt ich den Schaltknüppel in der Hand. Die Aufgabe, ihn zu befestigen, hatte den Graubart offenbar nicht mehr besonders gereizt.

Als Kunden trauen die Russen den im Lande hergestellten Produkten nicht. Außerdem sind sie arm. Nach Umfragen hat die Hälfte von ihnen gerade genug Geld für Essen und Kleidung. Sie kaufen, was billig, nicht was gut ist. Die andere Hälfte hat Mühe, die Güte fremder Arbeit einzuschätzen. Und kauft Qualität oft nur, wenn sie sich vorzeigen lässt. So klammert sich gerade das neureiche Russland an teure Marken. Bei Autos kein Problem. Jedes Moskauer Kind weiß: Ein SUV von Mercedes macht mehr her als ein Lada. Kleidung? Schon schwieriger. Lieber einen Anzug von der Stange mit Gucci-Label dran, als zum italienischen Maßschneider gehen. Den kennt daheim in Nischnij Tagil ja doch keiner. Statt des Wertes zählt der Schein. Wie bei den gefälschten Rolex-Uhren, die sich teuer gekleidete Geschäftsleute, begleitet von nicht minder teuer gekleideten Leibwächtern, in Moskauer Marktbuden für gut hundert Euro besorgen.

Russland fühlt sich jung, will leben, sich zeigen, Spaß haben und nebenher noch Werte schaffen. Auch beim Einkaufen denkt kaum einer an übermorgen. Wo Qualität vor allem Langlebigkeit bedeutet, vergrault sie die Russen. „Ich mag nicht“, mault Olga, meine Frau, als ich versuche, sie in Deutschland zum Kauf echter Lederstiefel zu überreden. „Die halten ja weiß Gott wie viele Jahre. Ich will nicht ewig nur in einem Paar Stiefel herumlaufen. Für das Geld kauf' ich mir zu Hause, auf dem Kleidermarkt, besser jedes Jahr neue.“ ---