Ewig frisch

Eingewecktes hält sich erstaunlich lange. Und auch die gleichnamige Marke hat noch keinen Schimmel angesetzt.




- Die Wahl von Christian Wulff zum Bundespräsidenten wurde allgemein verhalten aufgenommen. Bei Weck aber war man angetan - bescherte das Ereignis der kleinen Firma aus dem badischen Ort Wehr nahe der Schweizer Grenze doch höchstmögliche Aufmerksamkeit. Beim "Tafel der Demokratie" genannten Festschmaus anlässlich Wulffs Amtseinführung wurden sowohl Vorspeise (Berliner Sülze vom Saalower Kräuterschwein) als auch Dessert (Welfenspeise mit Waldbeeren) in Weckgläschen serviert.

Anlass für Eberhard Hackelsberger, Urenkel des Gründers, einen großen Bogen zu den Wurzeln der Firma zu schlagen. Denn Weckgläser, erzählt der Chef - der darüber ohne Punkt und Komma reden kann -, kamen zunächst in der gehobenen Gastronomie und im Bürgertum in Mode. "Nicht sparen, sondern rationales Kochen auf Vorrat - das ist unser Erfolgsgeheimnis gewesen!" Zumal Einmachgläser, bevor man die Produktion rationalisierte, nur für Wohlhabende erschwinglich waren.

Das hat sich geändert, doch das Weck-Verfahren ist bis heute gleich geblieben: Man füllt beispielsweise Obst ins Glas, verschließt es mit Deckel, Gummiring und Federklammern und erhitzt es im Wasserbad. Durch das Gummi entweicht die Luft: Der Inhalt wird bei Unterdruck eingeweckt - und hält ewig. Im firmeneigenen Museum ist beispielsweise noch ein Glas angeblich genießbarer Ananas aus dem Jahr 1897 zu bestaunen.

Das zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit cleverem Marketing ("Koche auf Vorrat!") propagierte Einwecken - das Verb steht seit 1934 offiziell im Duden - fand begeisterte Fans bis hinein in die kreative Klasse. So dichteten zum 65. Geburtstag des Namensgebers Johann Weck 1906 unter anderem Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke und Ernst von Wildenbruch wahre Lobeshymnen ("Weck auf, weck auf!").

Von der Wiederkehr dieser herrlichen Zeiten träumt Hackelsberger. Der 54-Jährige Junggeselle, der eigentlich Bildhauer werden wollte, dann aber doch seinem Vater nachfolgte, kocht auch eigenhändig ein: "600 bis 700 Gläser im Jahr, vor allem Apfelsaft." Und stellt beifällig fest, dass es ihm mittlerweile viele Intellektuelle gleichtun. Gärtnern und Selbstgemaches sind in. So ist der Absatz seit Beginn der siebziger Jahre - dem Tiefpunkt des Weckwesens - von damals rund zwei Millionen auf heute wieder rund 15 Millionen Weckgläser gestiegen.

Doch allein davon könnte man nicht leben. Als es in der Firma wegen des Siegeszugs von Aldi und der Tiefkühltruhe ans Eingemachte ging, legte man sich weitere Standbeine zu, produzierte Glasbausteine und Einweggläser in großer Stückzahl für Lebensmittelhersteller. Die Glasbausteinfertigung musste Hackelsberger 2004 schweren Herzens einstellen, weil Weck gegen die Billigkonkurrenz aus Fernost keine Chance hatte. Die Produktion von Gläsern für Senf-, Gurken- und Nussnougatcreme-Produzenten läuft dagegen weiter - und sorgt dafür, dass die Glashütte in Bonn-Duisdorf ausgelastet ist. Mit dem Geschäft zeigt sich der Chef zufrieden: "Uns ging es schon schlechter." -

Dass der Krieg der Vater aller Dinge ist, darf bezweifelt werden - aber fürs Weckglas ist er ein wichtiger Geburtshelfer. Kaiser Napoleon I. sucht nach haltbarer Wegzehrung für seine Truppen und lobt einen mit 12 000 Goldfrancs dotierten Wettbewerb aus. Den gewinnt 1810 der französische Konditor und Erfinder Nicolas Appert: Er hat entdeckt, dass man Speisen durch Einkochen haltbar machen kann. 1892 bringt der Gelsenkirchener Rudolf Rempel dieses Verfahren zur Patent- und Marktreife. Johann Weck, ein beseelter Öko-Freak, und Georg von Eyck, ein begnadeter Kaufmann, bauen ihr 1900 gegründetes Unternehmen darauf auf. Mithilfe von Postwurfsendungen, Wanderlehrerinnen und einer eigenen Zeitschrift ("Die Frischhaltung"), die noch heute unter dem Titel "Ratgeber Frau und Familie" im firmeneigenen Verlag erscheint, machen sie das neue Verfahren populär. Zu seinen besten Zeiten beschäftigt das Unternehmen inklusive der Glashütten 4000 Menschen. Nach 1945 baut Eberhard Hackelsbergers Vater es wieder auf. Der Sohn führt es durch schwierige Umbrüche und sieht heute vor allem bei Caterern und Gastronomen Potenzial fürs Einwecken, "dem eleganten Konservierungsverfahren für jedermann". J. Weck GmbH und Co. KG Mitarbeiter: 275
Umsatz 2009: rund 38 Mio. Euro
davon mit Weckgläsern: 15 Prozent
mit Publikationen: 12 Prozent