Comeback der Handarbeit

Baumpflege an Straßen und in Gärten war schwerfällige Technik und lebensgefährliche Kraxelei. Bis Johannes Bilharz in München die erste deutsche Baumkletterschule aufbaute. Mittlerweile steigen Tausende Jungunternehmer nur mit Seil, Muskelkraft und Säge ins Geäst.




- Der Techniker lachte, als er hörte, wo er gerade ein Telefon installierte. "Das soll eine Schule werden, in der man lernt, auf Bäume zu klettern?", fragte er. "Da können Sie einfach meine Kinder fragen!" Wenn Johannes Bilharz erzählt, dass er eine Baumkletterschule betreibt, klingt das Echo häufig so. Was soll schon schwierig daran sein, sich von Ast zu Ast zu hangeln?

Der Agraringenieur Bilharz hat es beim Jobben während des Studiums erfahren. Er beschnitt Obstbäume, stand dabei auf wackeligen Leitern, balancierte im Geäst, die Motorsäge in einer Hand. Manchmal band er sich einen Strick um, der ihn beim Absturz zwar abgefangen, aber das Blut abgeschnürt hätte. "Ich und meine Kollegen waren ständig in Lebensgefahr", sagt er. Einen Arbeitstag im Jahr 1994, den er nur knapp überlebte, hat er nicht vergessen. Von einer Hebebühne war er in einen Baum gestiegen, zwölf Meter über dem Boden, als sich der Karabinerhaken öffnete, der ihn hielt. Bilharz stürzte ab - und landete glücklicherweise auf der Hebebühne, zwei Meter tiefer. Das war der Tag, an dem er beschloss, die Baumpflege sicherer zu machen.

Es gab eine neuartige, in den USA entwickelte Klettertechnik, die in Deutschland damals nur wenige Naturburschen beherrschten. Bei denen nahm Bilharz Unterricht - und ihm wurde klar: "Es ist so einfach! Das muss jeder Baumpfleger lernen." Die Geschäftsidee war geboren.

In Deutschland sind laut Branchenverband 15 000 Gartenbaubetriebe registriert mit 90 000 Beschäftigten und einem Umsatz von fünf Milliarden Euro. In den vergangenen fünf Jahren stieg der Umsatz um 12,6 Prozent, weil viele Kommunen Personal entließen und für ihre Grünanlagen Fremdfirmen einsetzten.

Häufig müssen sie Äste kappen, die zur Gefahr für Fußgänger und den Straßenverkehr werden könnten oder die in engen Hinterhöfen stehen und von Lastwagen mit Hebebühnen nicht erreichbar sind. Oder Baumkronen, die Beschnitt brauchen, sind so dicht gewachsen, dass Äste abbrächen, wenn man schweres Gerät einsetzte. In solchen Fällen sind professionelle Kletterer gefragt - nicht allein, weil sie besonders geschickt und schonend vorgehen, sondern auch, weil weniger Kosten anfallen: Für ein Fahrzeug mit Hebebühne sind mindestens 50 000 Euro anzusetzen, für eine Kletterausrüstung und die Kurse 5000 Euro. Viele junge Kletterer machen sich mittlerweile selbstständig.

Besuch im Englischen Garten beim Anfängerkurs der Münchner Baumkletterschule. Am Rand eines Weges steht eine Buche, etwa 25 Meter hoch, mit ausladenden Ästen in allen Richtungen. Der unterste zweigt vier Meter über dem Boden vom Stamm ab. "Das Kind möchte ich sehen, das dort hochkommt", sagt Bilharz, 48, ein hagerer Zwei-Meter-Mann. Unter dem Baum stehen zwei seiner Ausbilder und acht Schüler, allesamt Männer unter 30, mit Helm auf dem Kopf. An ihrem Klettergurt baumeln jeweils zehn Karabinerhaken und auf der rechten Hüfte, wie ein Colt, eine Handsäge. "Man muss kein Extremsportler sein", sagt Bilharz. "Mein ältester Kursteilnehmer war 72, der schwerste wog 140 Kilogramm." Jede 20. Anmeldung komme von einer Frau.

Der Ausbilder auf dem Baum führt vor, wie perfektes Klettern aussieht. An einem Seil, das dicht unter der Baumspitze in einer Astgabel hängt, zieht er sich wie mit dem Flaschenzug nach oben. Er hängt in 15 Metern Höhe, dann bewegt er sich leichtfüßig auf einem Ast bis an den Rand der Baumkrone, liegt beinahe parallel zum Ast im Gurt. Der Zweig ist am Ende dünner als der Arm des Kletterers; man erwartet jeden Moment, dass er unter der Belastung bricht. Doch er hält. "Das Gewicht wird vor allem vom Seil in der Astgabel getragen", sagt Bilharz. "Und man setzt die Füße möglichst parallel zur Wuchsrichtung, weil das Holz so mehr Druck aushält."

Bei einem Gartenbaubetrieb in Nürnberg hat er einst seinen Lehrplan fürs Klettern entwickelt. Anschließend machte er sich mit dem Konzept selbstständig und gründete 1999 die Münchner Baumkletterschule, heute eine der größten in Deutschland mit wöchentlichen Kursen und 1200 Absolventen allein im vorigen Jahr. Mittlerweile hat die Gartenbau-Berufsgenossenschaft die Grundlagen des von ihm entwickelten Lehrplans für die Weiterbildung zum Baumkletterer übernommen und verbindlich gemacht. Heute dürfen 17 Schulen in Deutschland danach Spezialisten ausbilden und zertifizieren.

Bilharz unterrichtet nicht mehr selbst. "Einer muss ja den Büro-Job machen", sagt er nüchtern. Doch wenn es um das Baumklettern geht, wird er leidenschaftlich. "Sogar erfahrene Bergsteiger bekommen Höhenangst auf einem 20 Meter hohen Baum", sagt er, "denn es gibt dort nichts, an dem man sich festkrallen kann." Im Grunde ist es die Lehre seines Lebens: Er hat die erste deutsche Baumkletterschule aufgebaut und verlassen, hat seinen Lehrplan an die Berufsgenossenschaft abgegeben und so für alle zugänglich gemacht und ist als begeisterter Ausbilder zuletzt an den Schreibtisch gewechselt. Als hätte er zeigen wollen, dass er selbst beherzigt, was er andere lehrt: "Das Wichtigste beim Baumklettern ist, dass man loslassen kann." -