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Weniger ist mehr

Weil die Förderung von Sonnenstrom gekürzt wird, steht die deutsche Solarindustrie vor dem Aus - behauptet sie. Zwei Unternehmen beweisen dagegen: Die Branche hat enormes Potenzial. Man muss es nur zu nutzen wissen.




- Als Robert Hartung, der Vorstandssprecher der Firma Centrotherm Photovoltaics, irgendwann vor drei Jahren das Firmengelände in Blaubeuren betritt, erblickt er 20 ihm unbekannte Menschen, die er für eine Besuchergruppe hält; später erfährt der Chef, dass es frisch eingestellte Mitarbeiter waren. Diese Anekdote über Hartung erzählt man sich gern beim schwäbischen Maschinenbauer und Zulieferer für die Solarindustrie. Dabei berichtet sie nichts Außergewöhnliches für das Jahr 2007, als die Branche boomte und Tausenden Menschen zu neuen Jobs verhalf.

Viel überraschender ist, dass man Ähnliches bei Centrotherm auch im Sommer 2010 zu hören bekommt, etwa, wenn man vom Werksleiter durch die Produktionshallen auf dem weitläufigen Gelände auf der Schwäbischen Alb geführt wird. "In den vergangenen zwei Monaten haben wir mehr als 100 neue Mitarbeiter und Zeitarbeitskräfte eingestellt", sagt der Mann im Eilschritt. "Wir kriegen die Bestellungen kaum abgearbeitet und haben unseren Ausstoß an Maschinen in den vergangenen Monaten verdreifacht."

Erstaunlich, hat die Solarbranche doch harte Zeiten hinter sich: Als die Weltwirtschaftskrise ohnehin schon die Nachfrage drosselte, kürzte Spanien auch noch die Subventionen für Solarenergie. Der Mittelmeerstaat ist neben Deutschland der wichtigste Markt für Fotovoltaik. Der harte Winter drosselte den Verkauf zusätzlich. Weltweite Überkapazitäten und Produktivitätsfortschritte bescherten schließlich einen noch nie da gewesenen Preisverfall bei Solarzellen und -modulen von 30 Prozent und mehr. Deutsche Hersteller mussten daher zum Teil kräftig Marktanteile abtreten, namentlich an Konkurrenten aus Asien und vor allem aus China, die den Markt mit billiger Ware überschwemmen.

Und dann novellierte die Regierungskoalition aus CDU und FDP in diesem Frühjahr auch noch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und kürzte die Subventionen. Für Strom aus Solaranlagen, von Dächern ins öffentliche Netz eingespeist, gibt es seit Juli 13 Prozent weniger Vergütung pro Kilowattstunde und ab Oktober noch einmal minus drei Prozent; bei Freiflächen-Anlagen gibt es um 11 bis 15 Prozent weniger, für Strom aus neuen Modulen auf Ackerland gibt es seit Juli überhaupt nichts mehr. Zusammen mit den ohnehin geplanten Reduzierungen der nächsten Jahre ergebe sich bis 2012 eine Kürzung der Solarstromförderung "um bis zu 50 Prozentpunkte", klagte der Bundesverband Solarwirtschaft.

An Alarmzeichen und düsteren Prognosen herrscht deshalb kein Mangel. Der Bitterfelder Solarzellenhersteller Q-Cells, einst Börsenstar und weltgrößter Anbieter, gab zum Jahresanfang einen Rekordverlust von fast 1,4 Milliarden Euro bekannt und trennte sich bald darauf von seinem Gründer und Vorstandschef. Ende März meldete der erst 2006 gegründete Solarmodulhersteller Sunfilm in Großröhrsdorf bei Dresden Insolvenz an. Bei vielen Unternehmen sinken jetzt Umsätze und Gewinne, Experten sagen eine Pleitewelle voraus.

Wolfgang Seeliger, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg, warnt, schon jetzt würde von den großen deutschen Zellenproduzenten nur noch ein einziges Unternehmen Gewinn machen, viele mittlere und kleinere Firmen hätten durch die Förderkürzung auf Dauer kaum noch eine Chance. "Wir erforschen neue Technologien, stecken viel Geld rein, und dann lassen wir andere damit Geld verdienen - dieses volkswirtschaftlich dumme Geschäftsmodell wurde schon bei den Flüssigkristallbildschirmen und beim MP3-Player praktiziert", sagt Seeliger und fügt an: "Wir verspielen den Zugriff auf die Schlüsseltechnologie der nächsten Jahrzehnte."

Anfang 2010 protestierten Tausende Beschäftigte der Solarbranche bei einem bundesweiten "Aktionstag" mit "symbolischen Werksschließungen" gegen den "drohenden Kahlschlag" und die Abwanderung von Arbeitsplätzen nach Asien. Der Grünen-Chef Cem Özdemir schrieb bereits Ende 2009: "Wenn Schwarz-Gelb seine Pläne umsetzt, wird es im schlimmsten Fall schon vor der nächsten Bundestagswahl keinen deutschen Hersteller von Fotovoltaikmodulen mehr geben. Deutschland hätte dann der Welt die Entwicklung der Fotovoltaik bezahlt - und die Arbeitsplätze in dem Moment verschenkt, wo die Industrie die Konkurrenzfähigkeit zur konventionellen Stromproduktion erreicht." Die Pläne der Regierung könnten zum "Todesstoß für die heimische Solarindustrie" mit ihren 83 000 Arbeitsplätzen werden.

Bei Centrotherm in der Nähe von Ulm, nicht weit entfernt von Özdemirs Heimatort, scheint das Bild vom "Todesstoß" für eine ganze Branche lächerlich irreal, eine Kopfgeburt aus dem weit entfernten Berlin. Die Fensterscheiben im Besprechungsraum sind frisch geputzt, das Gebäude ist nur eines von vielen in einem parkähnlichen Firmengelände mit kleinen Sitzecken und Wasserspielen für die Mittagspause. Drinnen sitzt Hartung, der Vorstandschef, der 1999 mit seinem Vater die Vorläufergesellschaft von Centrotherm Photovoltaics gründete. "Ich sah, dass die damals noch kleine Branche ein großes Wachstumspotenzial hat", sagt der Mann, der das ehemals kleine Familienunternehmen 2007 an die Börse brachte.

Hartung will niemandem zu nahe treten, aber eine relativierende Erklärung zum allgemeinen Gejammer müsse schon sein: "Die Fotovoltaik ist in der Massenproduktion angekommen. Die Kosten müssen runter, das weiß jeder seit vielen Jahren, und einige deutsche Firmen haben das nicht berücksichtigt und sich auf die Förderung verlassen. Es kann doch nicht überraschen, dass asiatische Hersteller mit günstigeren Produkten in den Wettbewerb einsteigen. Entsprechend ist der Markt jetzt durch Kostensenkung getrieben."

Drastischer formuliert es Philip Grothe, Partner bei der Unternehmensberatung Simon-Kucher: "Lange Zeit war der Markt für Solaranlagen ein Verkäufermarkt. Die Unternehmen konnten ein Kassenhäuschen auf den Hof stellen, die Leute holten die Module ab und zahlten den geforderten Preis." Der gesetzlich garantierte Einspeisetarif war so üppig (bis zum Achtfachen des normalen Strompreises), dass sich trotz hoher Modul-Preise für die Endkunden noch gute Renditen mit den Anlagen erzielen ließen. Inzwischen aber kommt aus Asien viel billige Ware, die qualitativ mithalten kann.

Hartung und seine Centrotherm haben den Vorteil, dass sie keine Module und Zellen in Konkurrenz zu chinesischen Herstellern verkaufen müssen. Stattdessen beliefert der Anlagenbauer deutsche, vor allem aber asiatische Firmen etwa mit Rohr- und Kristallisationsöfen, mit Reaktoren und Antireflexionsbeschichtern, mit denen die dann immer billiger herstellen, was man für Fotovoltaik-Anlagen braucht: Solarsilizium, Siliziumblöcke, Wafer, Module. Am liebsten baut Centrotherm seinen Kunden schlüsselfertige Produktionslinien und ganze Fabriken im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro. Das Unternehmen, das vor gut 30 Jahren als kleiner Betrieb Maschinen für die Halbleiterindustrie zu produzieren begann, steigerte im vergangenen Jahr, dem "Krisenjahr", seinen Umsatz um 36 Prozent auf eine halbe Milliarde Euro. 90 Prozent der Aufträge kommen heute aus dem Ausland, 70 Prozent davon aus Asien.

Hartung weiß deshalb nur zu gut, dass asiatische Hersteller nicht nur Lohnvorteile gegenüber ihren deutschen Konkurrenten haben ("die werden aber überbewertet"), sondern vor allem massive staatliche Hilfe erhalten in Form günstiger Kredite, kostenloser Grundstücke, Investitionszulagen und Steuervorteilen.

Allerdings ist auch das, was die deutsche Solarbranche dank EEG über den Umweg künstlich hochgehaltener Preise bekommt, nicht von Pappe, auch nach den Kürzungen. Weil jede neu installierte Solaranlage durch den auf 20 Jahre garantierten Einspeisetarif Kosten für die nächsten zwei Jahrzehnte verursacht, erreichen die als "Solarschulden" bezeichneten Verpflichtungen enorme Höhen. Allein die bis 2008 installierten Anlagen kosten die Stromkunden in den nächsten 20 Jahren rund 27 Milliarden Euro; und mit jeder neuen Anlage wächst der Schuldenberg nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI * siehe Aktualisierung unten) in Essen jährlich um neun bis zehn Milliarden Euro.

Diesen Batzen teilen sich etwa zur Hälfte die Hersteller - deutsche wie ausländische - sowie Planer, Ingenieure und Monteure; die andere Hälfte landet bei den Anlagen-Betreibern, also Hausbesitzern, Bauern mit Solarparks auf ihren Wiesen und Solarpark-Investoren. Es findet also eine Umverteilung von unten nach oben statt, von der Gesamtheit aller Stromkunden zur Minderheit der Solaranlagenbesitzer. Trotz der Kürzungen traut selbst das Umweltministerium nach internen Schätzungen neuen Solaranlagen immer noch eine Rendite von 7,5 Prozent und mehr zu - je nach Größe der Anlage und Eigenkapital-Anteil.

Die Verbraucherzentrale Bundesverband schreibt: "Eine sechsprozentige Rendite ist aus unserer Sicht für Investoren von Solarstromanlagen ausreichend. Dies ist rund doppelt so hoch wie die durchschnittliche Rendite von Bundesanleihen. Zudem geht man bei Solarmodulen von einer Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren aus, die Renditekalkulation bezieht sich aber nur auf 20 Jahre. Das heißt, neben einer sechsprozentigen Rendite hat der Käufer nach 20 Jahren noch ein bis zwei Jahrzehnte kostenfreien Strom."

Was die verwöhnte Sonnenbranche ebenfalls gern verschweigt: Die auf 20 Jahre garantierte Vergütung wird zwar gekürzt; doch weil jedes Jahr wesentlich mehr Anlagen auf die Dächer geschraubt werden als ursprünglich angenommen, steigt die Förderung in absoluten Zahlen weiterhin rasant. 2008 zum Beispiel präsentierte die Solarbranche der Politik Prognosen, wonach 2009 neue Anlagen mit einer Leistung von knapp 700 Megawatt (MW) installiert würden, die zu einer zusätzlichen Einspeisevergütung von gut zwei Milliarden Euro geführt hätten. Tatsächlich wurden im vergangenen Jahr aber neue Solarstrom-Anlagen mit 3800 MW auf die Dächer gebaut, für die der gemeine Stromkunde nach Berechnungen der Verbraucherzentrale Bundesverband nun mit mindestens zehn Milliarden Euro belastet wird.

"Bei vielen anderen Klimaschutzmaßnahmen wie Wärmedämmung, umweltschonenden Heizungen oder Solarwärmeanlagen gibt es für die Förderung jährliche Budgets, die irgendwann erschöpft sind; beim Solarstrom dagegen sind die Fördermittel auch nach der aktuellen Gesetzesvorlage weiterhin unbegrenzt", kritisiert Bernd Schüßler, Pressesprecher der Branchenzeitschrift "Photon". "Eigentlich müsste die Solarlobby darüber jubeln, doch stattdessen protestiert sie und erwähnt nur die reduzierten Fördersätze."

Nicht so beim Anlagenbauer Centrotherm. "Das Erneuerbare-Energien-Gesetz war am Anfang wichtig. Es hat uns und viele andere Fotovoltaik-Unternehmen in den Sattel gehoben", sagt der Vorstand Hartung. "Aber es war absehbar, dass die Förderung runtergehen würde. Die Branche muss ohne Förderung leben können." Centrotherm jedenfalls komme gut mit der Kürzung zurecht, weil es zwei Dinge richtig gemacht habe: "Wir haben sehr früh den Anspruch erhoben, nicht nur einzelne Komponenten zu verkaufen, sondern die ganze fotovoltaische Prozesskette zu verstehen und mit Anlagen zu bedienen, bis hin zu schlüsselfertigen Fabriken."

Erst vor wenigen Monaten erhielt das Unternehmen einen Auftrag über rund 150 Millionen Euro aus dem Emirat Katar. Am Bau der ersten Poly-Siliziumfabrik auf der Arabischen Halbinsel - Gesamtumfang: 500 Millionen US-Dollar - ist außerdem Solarworld beteiligt, das zweite große und profitable Fotovoltaik-Unternehmen in Deutschland.

Mit Solarworld verbindet Centrotherm nicht nur das Katar-Projekt: Die Bonner, selbst Centrotherm-Kunde, verfolgen eine ähnliche Strategie, indem sie die ganze Wertschöpfungskette vom Wafer bis zum montagefertigen Solarmodul abdecken. Außerdem positionierten sich beide Unternehmen früh auf den künftigen Wachstumsmärkten: Solarworld mit Produktionsstandorten in den USA und in Südkorea, Centrotherm mit Niederlassungen, Service- und Vertriebsteams in den USA, in China, Indien, Südkorea und Osteuropa.

Diese frühe internationale Ausrichtung war die zweite richtige Entscheidung des Managements von Centrotherm. Noch ist Deutschland - dank der großzügigen Förderung - der weltweit größte Absatzmarkt für Solaranlagen, doch die Nachfrage aus sonnenreicheren Ländern wird rasant steigen. Dazu gehören vor allem China, Indien und die USA, aber auch Entwicklungsländer mit Regionen ohne Anschluss ans öffentliche Stromnetz.

Spätestens wenn in wenigen Jahren die Netzparität erreicht sein wird, wenn also Solarstrom dank Produktivitätsfortschritten zum gleichen Preis wie konventioneller Strom produziert wird, erwarten Experten einen Boom. Dann wird die Fotovoltaik auf viele Jahre zu den dynamischsten Märkten der Weltwirtschaft gehören und mit jeder weiteren Ölpreiserhöhung neuen Schub erhalten.

"Deshalb müssen wir jetzt raus aus der doch sehr verengten nationalen Diskussion um Fördersätze nach dem deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz", fordert Hartung. "Das Geschäft ist doch längst viel internationaler."

Folge der Internationalisierung wird unter anderem ein Konsolidierungsprozess hierzulande sein. "80 Prozent der deutschen Fotovoltaik-Unternehmen könnten die nächsten Jahre in ihrer bisherigen Form nicht überleben", sagt der Unternehmensberater Grothe. Das bedeutet nicht automatisch, dass ihr Know-how und ihre Mitarbeiter verschwinden, wie viele Warner glauben machen wollen. Sie werden nur in größeren Einheiten aufgehen.

"Es wird viele nationale und internationale Fusionen und Firmenübernahmen geben. Aber der Kuchen wird nicht kleiner - im Gegenteil, er wird stark wachsen", sagt Grothe. Und wie in anderen Branchen auch, werden sehr große, international ausgerichtete Konzerne mit Produktionsstätten in mehreren Absatzmärkten entstehen, während sich in den Nischen viele kleine und mittlere Spezialisten tummeln. Kein Grund zum Jammern also, sondern nur der absehbare Pfad einer Branche, die immer weniger öffentlicher Förderung bedarf.

Das Verständnis für diese so banale wie zwangsläufige Entwicklung scheint auf dem überbehüteten deutschen Fotovoltaik-Markt zu fehlen. Grothe hat das jahrelang beobachtet, wenn er in Unternehmen tätig war, wo manches Vorstandsmitglied früher noch selbst Solarmodule auf die Dächer schraubte. "Es herrschte eine gewisse Lagerfeuerstimmung und die Einschätzung: ,Wir sind Idealisten.'" Und diese Idealisten hätten nicht die Notwendigkeit erkannt, so Grothe, in ihren stark wachsenden Solarunternehmen entsprechende Managementstrukturen zu etablieren, sich zu professionalisieren. Auch hätten es viele Solarfirmen versäumt, sich als Marke zu etablieren und einen guten Vertrieb aufzubauen; stattdessen wurstelten sie nach dem Motto: "Wir haben doch ein Superprodukt. Es genügt, wenn das der Großhändler weiß."

Das rächte sich, und zwar schon vor der aktuellen Krise: "Viele Solarfirmen haben trotz des Booms bereits in 2007 und 2008 Null- oder negative Margen eingefahren." Inzwischen habe sich die Einstellung vieler deutscher Solar-Manager verändert, aber eben reichlich spät, für manche zu spät: "Einige chinesische Konkurrenten, die bei den Kosten ohnehin Vorteile haben, bauen in Europa Marketing- und Vertriebsorganisationen mit richtig guten Leuten auf. Sie gehen aggressiv an Solar-Installateure und Endkunden heran. Der Wind wird jetzt noch viel rauer."

Das sieht auch Karl-Heinz Remmers so - und ergeht sich dennoch nicht in Untergangsszenarien. Er ist Vorstandsvorsitzender der Berliner Beratungs- und Dienstleistungsfirma Solarpraxis. Die kleine Gesellschaft beschäftigt 70 Mitarbeiter, Ingenieure, Architekten, Redakteure, und der Chef hat in jungen Jahren als Energietechniker selbst Solaranlagen montiert. In der Branche gilt der 42-Jährige als "Urgestein", bekannt geworden durch Fachbücher und Beiträge in Fachzeitschriften unter dem Pseudonym "Dr. Sonne". Auch Dr. Sonne hält nichts von der "politischen Hopplahopp-Aktion" mit den zusätzlichen Kürzungen; er kritisiert, dass dadurch "an einer Ecke in der Branche gesiebt wird, wo relativ viele kluge Leute hohe Qualität produzieren und die Sache voranbringen". Er vergleicht den Wettlauf zwischen deutschen und asiatischen Solarunternehmen mit der Formel 1: "Die Chinesen waren während vieler Trainingsrunden hinter uns, und wir haben die Japaner längst eingeholt und überholt. Aber beim Qualifying haben uns die Chinesen abgehängt und starten jetzt in der Pole-Position mit Kerosin im Tank, während wir noch überlegen, ob wir Biodiesel reinschütten sollen."

Aber Remmers sagt deshalb nicht, das Rennen sei entschieden, so wie einst in der Unterhaltungselektronik. " Je weiter die Preise fallen, umso größer wird der Transportkostennachteil für Module aus Asien. Es wird, wie in anderen Industrien auch, arbeitsteilige Produktion geben. Ich sehe trotz allem Chancen, dass wir auch noch in zehn Jahren Module in Deutschland produzieren."

Als er 1992 in die Fotovoltaik einstieg, zahlte man für ein Kilowatt Leistung aus Sonnenkraft 14 000 Euro, heute kostet eine solche Anlage weniger als 3000 Euro. "Wir haben eine große Strecke bewältigt, und wenn wir in dem Tempo weitermarschieren und bald zu dem Punkt kommen, wo der Strom vom Dach so billig ist wie der Strom aus der Steckdose, dann wird es richtig spannend. Dann sind wir wirklich dort, wohin wir von Anfang an wollten."-

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Aktualisierung vom 18.1.2011 Kritik am Kritiker

In brand eins (4/2008 und 9/2010) und vielen anderen bundesweiten Medien trat Manuel Frondel in den vergangenen Jahren als Kritiker der üppigen Förderung von Solarstrom-Anlagen auf. Der Wissenschaftler am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) rechnete vor, die auf 20 Jahre garantierte Einspeisevergütung für Strom aus Photovoltaik-Modulen summiere sich auf horrende Milliardenbeträge, die von den Stromversorgern auf die Stromkunden abgewälzt würden. Für eine Technologie, die so wenig zur Stromversorgung beitrage und keine Klimaschutzwirkung habe, seien diese Kosten viel zu hoch. Nach Berechnungen des RWI belaufen sich allein die Kosten für die zwischen 2000 und 2010 installierten Anlagen (ausgedrückt im Geldwert von 2007) auf rund 65,5 Milliarden Euro (die zwischen 2000 und 2030 anfallen: von der Förderung der ersten Anlage Anfang 2000 bis zum Ende der Förderung der zuletzt installierten Anlage 2010).

Vor wenigen Monaten hat nun das renommierte Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie Frondels Kampfschrift wider den Solarstrom analysiert - und ordentlich zurechtgestutzt. Frondel operiere mit „fehlerhaften Daten“, treffe „unplausible Annahmen“ und blende bestimmte Aspekte und Zusammenhänge aus, deshalb lägen die von ihm errechneten Förderkosten „um mindestens 6 Prozent und um bis zu 42 Prozent zu hoch.“ Allein dass das RWI den Kapitalwert der Förderkosten nicht wie üblich diskontiere - die Einspeisevergütung fällt ja nicht in einem Jahr an, sondern während zwei Jahrzehnten - verteuere Frondels Berechnung um 8,7 Milliarden Euro. Weitere 3,7 Milliarden Euro müssten von Frondels Rechnung abgezogen werden, weil viele Solar-Anlagen auch dann noch Strom produzierten, wenn ihr Strom nach 20-jähriger Förderung nicht mehr vergütet wird. Auf diese Weise reduzieren die Wuppertaler Wissenschaftler die Berechnung ihres Essener Kollegen Stück für Stück und schmelzen Frondels ursprüngliche 65,5 Milliarden Euro auf 46 Milliarden ein.

Noch gar nicht berücksichtigt seien in dieser Rechnung positive „externe Effekte“ des Solarstroms wie die Reduktion von CO2-Emissionen oder die Tatsache, dass die Anlagen im Inland Wertschöpfung erzeugen und Arbeitsplätze schaffen. Ebenso ignoriere die RWI-Studie den enormen Kostenrückgang für Photovoltaik-Anlangen: „Letztlich berücksichtigen die RWI-Berechnungen in keiner Weise den zukünftigen weltweiten Nutzen durch die deutliche Kostensenkung der Fotovoltaik-Technologie, die erst durch die Förderung der letzten zehn Jahre möglich geworden ist.“

Manuel Frondels Generalkritik an der Solarförderung wird durch die Replik aus Wuppertal ordentlich relativiert, aber nicht ausgehebelt. Denn die Kernfrage bleibt, ob es sinnvoll ist, eine Technologie mit relativ hohen CO2-Reduktionskosten mit Fördergarantien über 20 Jahre auszustatten. Selbst viele Solarunternehmer halten das für den falschen Weg, ganz ohne die offenbar übertriebenen RWI-Zahlen zu bemühen.