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Rendite, die alle reich macht

Wer Wertpapiere kauft oder Unternehmer wird, will Gewinn machen. Das ist auch bei der Freiburger Regionalwert AG so. Doch diese Bürgeraktiengesellschaft zielt nach dem Willen ihrer Investoren auf Profit ganz anderer Art. Eine Geschichte über den Versuch, herauszufinden, ob Ackerbau und Aktien sich grün sein können.




-"Eigentlich bin ich kein Dorfmensch", sagt Christian Hiß, 48. Was erstaunlich klingt von einem Mann aus Eichstetten, einem uralten Winzerdorf am Ostrand des Kaiserstuhls, rund 20 Kilometer von Freiburg. Einem, der in dieser Gemeinde aufgewachsen ist, der schon mit 21 eine eigene Gärtnerei neben dem elterlichen Betrieb führte. Und den die regionale Landwirtschaft nicht loslässt, das Höfesterben im Umkreis, weil Bauernkinder immer seltener in die Fußstapfen ihrer Eltern treten wollen. Allein in Eichstetten hat sich in den vergangenen 33 Jahren die Zahl der Hofstellen halbiert. Dem Regierungspräsidium Freiburg zufolge wurden in dieser Zeit nur zehn Prozent der Gehöfte beim Generationswechsel von Erben übernommen.

Hiß, der auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt und eine Weile vom Medizinstudium geträumt hat, ist in Eichstetten geblieben, "freiwillig - das war mir sehr wichtig", betont er. Auch seinen drei Söhnen werde es freistehen, ob sie einst die Gärtnerei weiterführen wollen. Denn solche Betriebe sollten unbedingt "aus der Familienabhängigkeit befreit werden".

Viel zu häufig hat er miterlebt, wie Nachbarn aufgaben, ihren Grund und Boden verkauften und anderen Bauern zu immer größeren Feldern verhalfen. Um die effizient zu bewirtschaften, setzten die Bauern auf Monokulturen - hier am Oberrhein vor allem auf Mais - und bauten ihre Maschinenparks aus.

Monotonie laugt den Boden aus, lässt Erträge sinken und macht die Pflanzen anfällig für Schädlinge. Im Badischen war es der gefürchtete Maiswurzelbohrer, der so arg wütete, dass den Bauern von Amts wegen ein Fruchtwechsel verordnet wurde, um den Schädling zu bremsen. Dass man eine Kulturlandschaft wie am Kaiserstuhl bewahren, Dörfer und Höfe unter veränderten Bedingungen erhalten müsse, darüber hat Christian Hiß lange nachgedacht, als er sich mit Wirtschaftsethik beschäftigte. Dann gründete er im September 2006 die Regionalwert AG (RWAG).

Deren Grundgedanke ist simpel. Anleger zeichnen Anteile und können durch ihre Mitspracherechte die Landwirtschaft der angeschlossenen Betriebe zum Wohle von Mensch und Natur beeinflussen. Die RWAG, die nicht an der Börse notiert ist, kauft oder pachtet Bauernhöfe, Wiesen und Äcker, um sie zu bewirtschaften. Weil es in erster Linie nicht um Rendite in Form von Ausschüttungen geht, sondern um einen immateriellen Ertrag der Kapitalanlage, nämlich die Gestaltung der Region, nennt sich die RWAG auch Bürgeraktiengesellschaft. Der Gärtnermeister Hiß hat als Grundkapital seinen Kuhstall, den Gemüseacker und die Käserei eingebracht. Da war er Mitte 40 und hatte zusammen mit Ehefrau Andrea mehr als 25 Jahre Erfahrungen im biologischdynamischen Anbau gesammelt. Als hätte die Öko-Szene darauf gewartet: Die Idee mit der AG fand sofort Resonanz.

Täglich gibt es Anfragen von Landwirten, die ihre Höfe in die RWAG einbringen wollen, um zu retten, was auf andere Weise nicht zu bewahren ist. Andere, die gern Bauern wären, doch ohne Aussicht auf einen Erbhof oder das nötige Geld, um sich einen kaufen zu können, wollen pachten. Hier setzt die Aufgabe von Hiß als RWAG-Vorstand ein: Bauernhöfe erwerben, an Existenzgründer zu ortsüblichen 1,5 Prozent des Wertes verpachten und auf biologischen Landbau umstellen - wenn sie es nicht schon sind. Hiß selbst hat sich beruflich längst vom biologisch-dynamischen Gemüse auf die sozial-ökologische Finanzwirtschaft verlegt. Dafür hat er eigens ein Fernstudium in Social Banking und Social Finance an der Universität Plymouth in England absolviert, das er gerade mit einer Arbeit für das Master-Examen abschließt. Eine Promotion soll folgen.

Mit Gründung der Bürgeraktiengesellschaft wurden Eigentum an Grund und Boden und die Bewirtschaftung getrennt. Die Aktionäre - knapp 400 sind es inzwischen; schon mit 500 Euro kann man Anteile erwerben - bestimmen über die Höfe und deren Nutzung mit. Das Projekt verfügt mittlerweile über 1,5 Millionen Euro. Nach einer Kapitalerhöhung um rund eine Million Euro hat die AG weitere Flächen gekauft und geholfen, das Eigenkapital eines Freiburger Bioladens aufzustocken.

Mit mehr Geschäft die Flucht nach vorn

Im Unterschied zu einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft funktioniert die RWAG wie ein normales gewerbliches Unternehmen. In der landwirtschaftlichen Produktion, zumal im kontrolliert biologischen Anbau, sind Kapitalerträge niedrig. Die RWAG hat deshalb ihr Konzept erweitert: um die Produktion von Saatgut und Düngemitteln, Energiegewinnung und Handel, künftig auch Lebensmittelhandwerk und Gastronomie. Ziel ist die agrarische Wertschöpfungskette, möglichst komplett und unter einem Dach. "Wir haben", sagt Hiß, "das Kapital in die Region geholt, an die Landwirtschaft gebunden und so gezähmt."

Das wiegt derzeit schwerer als der Profit. Und es wiegt doppelt schwer, weil sich die RWAG zum Ziel gesetzt hat, nicht nur Gewinn und Verlust zu bilanzieren wie jede traditionelle AG. Sie will mittels einer neuen Doppelbilanzierung - Hiß nennt es "Vermögenswertsteigerung" - auch die Pächter in die Pflicht nehmen. So soll erfasst und bewertet werden: Wie weit wurden die Produkte transportiert? Welche Löhne werden gezahlt? Wie viele der Beschäftigten sind fest angestellt, wie viele Saisonarbeiter? Von wo kommt der Düngestickstoff? Wie entwickeln sich Bodenfruchtbarkeit und Kulturlandschaft? Es sind Indikatoren, die Fortschritte in der nachhaltigen Landwirtschaft wie bei der Wertschöpfung und dem Engagement in der Region deutlich machen. Der regionale Energieversorger Badenova hat dafür Mittel aus seinem Innovationsfonds Klima- und Wasserschutz zur Verfügung gestellt.

Das Konzept hat auf Anhieb namhafte Fürsprecher gefunden. Zum Beispiel den Fußballtrainer Volker Finke. Der hat einst aus kleinen Anfängen den SC Freiburg in die erste Fußball-Bundesliga geführt und dort etabliert, ohne reiche Sponsoren, nur durch kluge, geduldige Ausbildung von Talenten. Warum sollte nicht auch der RWAG ein solcher Aufschwung gelingen? Der Aktionär Finke traut es ihr zu: "Mich interessieren Projekte, die nicht nur den kurzfristigen, vermeintlichen Erfolg vor Augen haben, sondern den oft mühsamen Weg einer langfristigen Entwicklung gehen." Darin sieht der Coach, der aktuell in Japan die Fußballer der Urawa Red Diamonds trainiert, Parallelen zwischen seinem Sport und der RWAG. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen oder eben der Aufbau einer Bürgeraktiengesellschaft, die Produktion und der Vertrieb biologisch erzeugter Lebensmittel - das ist, findet Finke, der Förderung junger Fußballer wie der Entwicklung von Spielkultur durchaus vergleichbar. Und: "Rendite besteht für mich auch im schonenden Umgang mit Wasser, Boden und Energie und im Erhalt der lieb gewonnenen kleinteiligen Landschaft, auch wenn ich zurzeit woanders lebe."

Ganz ähnlich sehen das der emeritierte Germanistikprofessor Uwe Pörksen aus Freiburg und seine Frau. Sie sind froh, "dass die Regionalwert AG konstruktive und destruktive Auswirkungen landwirtschaftlichen Produzierens in den Blick nimmt". Für sie ist "unser Kapital nicht das Geld. Die Qualität des Wassers, der Luft, des Bodens, der Landschaft und die abwechslungsreiche Arbeit dort - das ist unsere Rendite."

Um das AG-Projekt und dessen Ziele abzusichern, haben die Gründer schon früh Vorsorge getroffen: zum einen durch Ausgabe einer besonderen Form der Anteile - vinkulierte, also gebundene Aktien, die nicht beliebig handelbar sind. Sie auf andere Personen zu übertragen bedarf der Zustimmung der AG. Und niemand soll sich ein Übergewicht in der Hauptversammlung erkaufen können. Die Stimmberechtigung - gleichgültig, wie viele Aktien ein Investor hält - ist auf höchstens 20 Prozent des Grundkapitals begrenzt.

Schon jetzt sind 80 Prozent aller in den Betrieben der RWAG arbeitenden Menschen fest angestellt, zu anständigen Löhnen. Nur 20 Prozent werden saisonal beschäftigt. In der Landwirtschaft ist diese Relation sonst umgekehrt. In einem der nächsten Schritte will die AG ein biologisches Catering für die Freiburger Schulen, vielleicht auch für die Mensa der Universität und die Uni-Kliniken aufbauen. Hinzukommen sollen ein Obstanbau- und ein Gastronomiebetrieb, der Bio-Produkte auf den Tisch bringt. Auch der Zukauf einer 40 Hektar großen Gärtnerei steht an, deren Besitzer keinen Nachfolger fand. Den Aktionären ist klar, dass sie auf Jahre keinen Gewinn abwerfen wird. Denn zuvor muss sie auf Bioanbau umgestellt werden. Allein das dauert drei Jahre.

Doch die Anleger haben einen langen Atem. Dividende? Christian Hiß, der Vorstand, muss ihnen nichts vormachen. Die Investoren interessiert nicht, wie schnell ihr Einsatz wächst. Sie wollen Landwirte davor schützen, dass sie von Marktlaunen und Großabnehmern abhängig werden und auch nicht auf einem unrentablen kleinen Hof versauern.

Um die kritische Masse für ihre ehrgeizigen Vorhaben zu erreichen, müsse die Aktiengesellschaft ihr Grundkapital um das Sechs- bis Achtfache aufstocken, sagt Hiß. Nur so könnten neue Projekte angestoßen und vielleicht eine Tochtergesellschaft als GmbH gegründet werden. Damit eines Tages auch eine ganz normale Ausschüttung für die Aktionäre herausspringe.

Aber was macht die RWAG für die Anteilseigner bloß so interessant, abgesehen von dieser vagen Aussicht? Karotten vom Bioacker, ohne Kunstdünger und pestizidfrei angebaut - die gibt es auch ohne AG-Konstruktion und das Recht, einmal im Jahr die Stimmkärtchen zu heben. Gewonnen hat Hiß die Anleger mit zwei einfachen Fragen: Wie wollen wir künftig wirtschaften? Und wie viel ist uns das wert? Es geht neben dem Salat, der Rübe und dem Käse auch um die sozialen und regionalen "Begleitleistungen" der landwirtschaftlichen Betriebe, aus denen sie stammen; "darum, eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft sicherzustellen, um das Megathema CO2-Bilanzen und um die gefährlich schwindende biologische Vielfalt", sagt Hiß. "Darum, aus der Finanzkrise ein paar Lehren zu ziehen. Vor allem die, dass Gewinn an die Produktion rückgebunden bleiben muss, sich nicht verselbstständigen darf." Er hält es für unerlässlich, dass derjenige, der produzieren und Gewinn machen will, eine darüber hinausgehende Verantwortung hat. In diesem Fall: ökologische Landwirtschaft und Artenvielfalt zu fördern, die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern und soziale Arbeitsstandards einzuhalten. Außerdem das Saatgut selbst zu produzieren, die Eigenart der Landschaft mit ihren Reblagen und Gemüsefeldern zu bewahren und eigene Energie zu erzeugen.

Gestern noch in der Nische, heute schon Vorbild

Mit diesen Grundsätzen stehen die Freiburger Aktionäre längst nicht mehr allein. Eine große Zahl lokaler und regionaler Initiativen kann sich darauf verlassen, dass die Kunden es ihnen anrechnen, wenn sie nicht nur für ordentliche Kartoffeln, in der eigenen Trotte gepressten Saft oder selbst hergestellte Wurst sorgen, sondern auch "ethische Ansprüche" erfüllen. Es gibt sie überall. Im Berlin-Brandenburgischen Bioverbund Fair & Regional haben sich rund ein Dutzend Betriebe etwa dazu verpflichtet, ihr Angebot weitgehend in der Region herzustellen, weiterzuverarbeiten und zu veredeln. Fairer, nicht auf Konkurrenz und Verdrängung zielender Umgang miteinander ist Ehrensache. Die Mitarbeiter dürfen nur sozialversicherungspflichtig beschäftigt und müssen betrieblich wie ökologisch weitergebildet werden.

So verstandene Landwirtschaft umfasst eben sehr viel mehr als nur die Produktion von Nahrungsmitteln. Was auf den Feldern, in den Ställen und Gewächshäusern getan oder unterlassen wird, reicht weit ins soziale, ökonomische und ökologische Gefüge der Gesellschaft hinein. Aber ist es mehr als Sozialschwärmerei?

Die Geschichte der Gemeinde Eichstetten habe ihn gelehrt, sagt Christian Hiß, dass - von Ausnahmen abgesehen - Spezialisierung und Industrialisierung die bäuerlichen Existenzen nicht sichere, sondern gefährde. "Zur Zeit meines Vaters", sagt er, "gab es hier noch an die 300 funktionierende landwirtschaftliche Betriebe. Dann wurde nach und nach das Vieh abgeschafft, die Rebflur bereinigt, technisch gut zu bewirtschaftende Weinbauflächen geschaffen. Das klappte eine Weile. Doch als der Markt gesättigt war, begannen die Einkommen wieder zu schrumpfen. Man muss die Vielfalt als stabilisierenden Faktor wieder einbauen."

Solche Argumente überzeugen nicht nur die Öko-Szene in der nahen Universitätsstadt, sondern auch die Einheimischen. Der ehemalige Bürgermeister von Eichstetten gehört zu den Aktionären und engagiert sich im Aufsichtsrat dafür, dass weitere Höfe der Region in die RWAG integriert werden können. "Die Menschen haben begriffen, dass es um ihre Bedürfnisse geht. Um ihre Nahrung. Um ihre Kulturlandschaft. Um die Ausbildung ihrer Kinder. Um die Arbeitsplätze in ihrer Region", sagt Hiß.

Es ist kein Zufall, dass sowohl der Bauernverband und auch die Südwestbank, die 1922 als Württembergische Landwirtschaftsbank GmbH in Stuttgart gegründet wurde und inzwischen rund hundert eigentlich insolvente bäuerliche Betriebe verwaltet, über je einen Sitz im Vorstand und im Aufsichtsrat mit der RWAG kooperieren. Und dass sie im Projekt über die Einrichtung eines landwirtschaftlichen Bildungsangebots nachdenken, das Bachelorund Master-Abschlüsse ermöglicht.

Erst jüngst wurde dem Öko-Unternehmer Hiß für seine Initiative gleich doppelte öffentliche Ehrung zuteil. Im Oktober wurde er in das weltweite Fördernetzwerk der Non-Profit-Organisation Ashoka aufgenommen, als einer von nur sieben deutschen Social Entrepreneurs 2009. Mit einem Stipendium kann er sich nun - befreit von der Feldarbeit - drei Jahre lang ohne finanzielle Sorgen ganz um die RWAG kümmern.

Im Monat darauf folgte die Anerkennung als "Social Entrepreneur für Nachhaltigkeit 2009". In ihrer Laudatio sagte Baden-Württembergs Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) über die Regionalwert AG und deren Gründer: "Das ist ein Geschäftsmodell mit Zukunft. Rendite ist nicht nur die betriebswirtschaftliche Wertsteigerung, sondern auch die soziale und ökologische Wertschöpfung. Eine langfristige, nachhaltige Wertschöpfung ist der Maßstab des unternehmerischen Handelns von Herrn Hiß, nicht der kurzfristige finanzielle Gewinn."

So viel Bestätigung selbst von konservativer Seite weckt Hoffnungen bei Hiß. Etwa, dass es 2013, wenn die Agrarsubventionen alten Typs auslaufen, nicht mehr bloß Flächenprämien gibt, die eher Maschinenarbeit belohnen statt menschliche Arbeit. Dass vielmehr die Pflege der Kulturlandschaft und der Artenvielfalt gefördert wird statt der Monokulturen. Auf bessere Zeiten warten wollen die Regionalwert-Aktiven aber nicht. Weshalb sie bereits damit angefangen haben, dringend benötigtes Kapital für alternatives Wirtschaften aufzuspüren.

Denn auf Dauer werde nichts darum herumführen, die Schädigung von Luft, Boden und Wasser "in Wert zu setzen", mit anderen Worten: dafür zu zahlen. Davon ist Hiß überzeugt. Während die konventionelle Landwirtschaft erheblichen Anteil an diesen Schädigungen habe, könne die RWAG als Vorbild für eine veränderte EU-Agrarpolitik dienen: "Auf der Grundlage sozialökologischer Bilanzierung kann so ein Ausgleich für sozial-ökonomische Leistungen gezahlt werden." Einen Vorläufer für eine solche Neujustierung gibt es längst: den CO2-Emissionshandel.

"Dann wäre ein Unternehmen wie die Regionalwert AG fein raus", sagt Hiß. Und hofft, dass die RWAG - etwa bei der öffentlichen Versorgung - Vorbild für andere Bürgerunternehmen werden kann.-