Neuer Stolz in Offenbach

Seeger stand für große Handwerkskunst und feinste Aktentaschen. Bis der Eigentümer Montblanc die Marke sterben ließ. Nun ist ein mutiger Investor dabei, sie wiederzubeleben.Die Geschichte einer Gratwanderung.




- Diplomatie zählt nicht zu den Stärken von Wilfried Nöth. Er ist einer, der den Mund nicht hält, und es ist ihm ziemlich egal, ob er sich damit bei seinen Chefs unbeliebt macht. Schließlich fertigt er seit 37 Jahren die besten Lederwaren, die es in Deutschland für Geld zu kaufen gibt. Das ist eine Verpflichtung. Soll er, darf er da schweigen, wenn er die Qualität in Gefahr sieht, die Tradition, den Ruf der Firma, den eigenen Täschnerstolz? So kam es, dass Nöth eines Tages, vorausgegangen war eine kontroverse Diskussion über das Thema Qualität, seinen Vorgesetzten provozierend ansah und inquisitorisch fragte: "Wollen Sie eigentlich Leder verkaufen oder Kunststoff?" Übrigens ging es um Aktentaschen, die ab 1000 Euro aufwärts kosteten.

"Die Qualität ging voll in den Keller", sagt Nöth im Rückblick auf jene schwierige Zeit, die noch nicht lange zurückliegt. "Wir haben kein Leder mehr verarbeitet, das war Abfall. So hart, dass man es kaum nähen konnte." Natürlich hat er's den Chefs gesagt, wieder und wieder, aber die Herren wollten nicht hören auf Leute, die etwas verstehen vom Leder, auf Täschner, Feintäschner, Zuschneider. Sie interessierten sich nicht für die Vorzüge von Nappaleder, das aus den Häuten von ausschließlich in den französischen Pyrenäen grasenden Lacaune-Lämmern gegerbt wird. Die Leute sollten nicht mit Bedenken nerven, sondern Lederwaren fertigen, die sich nahtlos ins kunstvoll kreierte Markendesign einfügten. Die Marke, das war Montblanc, weltbekannt vor allem für edles, teures Schreibgerät, Ikonen wie das "Meisterstück" etwa, mit Goldfeder und glanzschwarzem Edelharz-Korpus.

1992 hatte die Vendôme Luxury Group, die Vorgängerin des Schweizer Luxusgüterkonglomerats Richemont (unter anderem Cartier, Dunhill, IWC, Jaeger-LeCoultre), seiner Hamburger Konzerntochter Montblanc die fehlende Lederwarenkompetenz beschafft und die traditionsreiche Fabrik der Seeger GmbH in Offenbach gekauft. Seeger hatte sich über Jahrzehnte einen Ruf als Hersteller feinster Aktentaschen, Koffer, Reisetaschen und Geldbörsen erworben, alles aus bestem Leder, schwarz wie die Nacht, weich wie Kaschmir und teuer wie die Sünde. Das war Seeger.

Es wäre ungerecht zu sagen, dass Montblanc nicht einiges versucht hätte, der im Laufe der Zeit in aller Noblesse etwas angestaubten und treudeutschen Marke Seeger neuen Glanz und vor allem internationales Flair zu verschaffen. Doch die Versuche schlugen fehl. Eine Kampagne mit prominenten Werbeträgern verpuffte. Als besonders teurer Irrtum erwies sich die Idee, die Lederwaren aus Offenbach in zwei Dutzend exklusiven Boutiquen in weltweit besten Shopping-Lagen zu verkaufen, unter anderem in New York, Singapur und Kuala Lumpur. Allein dieses Abenteuer kostete Montblanc einen zweistelligen Millionenbetrag.

Von Jahr zu Jahr wurde klarer, dass eine eigenständige Marke Seeger bei Montblanc ein Fremdkörper ohne Perspektive war. Ende der neunziger Jahre zog der Eigentümer die Konsequenz und opferte die Traditionsmarke zugunsten einer Ein-Marken-Strategie. Montblanc bewarb Seeger nicht mehr und ließ den Namen sterben, still und heimlich. Die Offenbacher Erzeugnisse firmierten von nun an weltweit unter Montblanc. Seeger war nur noch selige Erinnerung.

Die Offenbacher Fabrik und ihre 52 Beschäftigten wurden nun in den Dienst der Konzern-Markenstrategie gestellt. Natürlich aussehendes Leder, womöglich mit Narben und Poren, war nicht mehr erwünscht. Aus der Hamburger Montblanc-Zentrale erging die Order, dass künftig nicht mehr das feine, weiche, teure Lammleder zu vernähen sei, sondern primär preiswertes, vergleichsweise hartes Spalt-Rindsleder, die weniger stabile untere Schicht der Rinderhaut. Und damit eine Tasche sich anfühlte und aussah wie die andere, mussten die Werker das Leder mit Kunststoff und Farbe überziehen, bis das Montblanc-Ideal einer glattschwarzen Oberfläche erreicht war. Unter der Ägide des Montblanc-Sterns wandelte sich Seeger von der Edel-Manufaktur zur Fabrikationsstätte schicker Massenprodukte.

Als Montblanc am 10. März vergangenen Jahres die Stilllegung der Fabrik verkündete, gab es nicht einmal mehr einen lauten Aufschrei. Was sind 52 Täschner, Näher, Schärfer und Zuschneider aus Hessen für einen Weltkonzern wie Richemont mit mehr als fünf Milliarden Euro Jahresumsatz? In Florenz, das in der Welt der Luxusgüter wohl einen anderen Klang hat als Offenbach, sollte die Montblanc-Lederwarenkompetenz künftig konzentriert werden. Am letzten Märztag des vorigen Jahres deckten die Seeger-Beschäftigten die Nähmaschinen ab. Es war die unspektakuläre finale Szene im Niedergangsdrama um die einstige Lederhochburg Offenbach.

Zehntausende Näher- und Täschnerjobs waren seit Ende der Siebziger verschwunden - in Richtung Rumänien, Tunesien, Bangladesch und China. Einzig Seeger sowie zwei Manufakturen für exquisite Einzelstücke und Kleinstserien aus Krokodil- und Straußenleder waren übrig geblieben - als kleine Reminiszenzen an einstige Leder-Handwerkskunst.

Neben Wilfried Nöth, der sich an diesem Morgen für eine Arbeitskombination aus gardenagrünem Overall, braun-gelbschwarz-weiß-rosa gestreiftem Strickpullunder und weißen Slippern entschieden hat, sitzt ein Mann im schwarzen Anzug mit blassem Teint, schütterem Haar und randloser Brille und hört aufmerksam zu. Irgendwann im März vergangenen Jahres erhielt er zu Hause in Lübeck einen Anruf von seiner Schwiegermutter.

"Hast du das auch in der Zeitung gelesen? Montblanc macht seinen Lederstandort zu", sagte die alte Dame entrüstet. "Na und?", sagte der Schwiegersohn. "Das ist die alte Firma Seeger", erklärte die Schwiegermutter. - "Seeger? Nie gehört." - "Ich hatte früher Handtaschen von denen. Ganz feine Qualität. Sieh dir das doch mal an. Vielleicht kann man da noch was machen."

Jesko Bode, der Mann am anderen Ende der Leitung, tat einen imaginären Seufzer. Nein, er hatte nicht vor, "da noch etwas zu machen". Der erfolgreiche Lübecker Anwalt hatte mit seiner Familie ein Jahr zuvor eine Beteiligungsgesellschaft gegründet, die Stalhof Industriekapital, und recht erfolgreich und mit Augenmaß ein paar kleine IT-Dienstleistungsfirmen saniert. Aber sich eine Fabrik an den Hals hängen? Um Himmels willen! Bode verstand weder etwas von Produktion noch von der Lederbranche. Und dann auch noch in Offenbach. In der Nähe hatte er 15 Jahre zuvor seine erste Stelle angetreten. Offenbach, das war für ihn seitdem eine graumäusige Arbeiterstadt, der die Arbeit abhanden gekommen ist, jede Menge alt gewordener Neubaubeton. Das musste nun wirklich nicht sein.

Aber die Schwiegermutter gab keine Ruhe. Und irgendwie klang das, was sie erzählte, interessant. Bode begann sich umzuhören und recherchierte die zuweilen glorreiche, aber an Wechselfällen durchaus nicht arme Geschichte von Seeger. Einst hatten die Offenbacher Täschner Leonard Bernstein mit einem Spezialkoffer ausgestattet, der Platz für 24 Taktstöcke bot; für den katholischen Oberhirten Paul VI. fertigten sie einen Koffer aus weißem Leder mit Papstwappen. Frank Sinatra wurde mit einer Seeger-Tasche gesichtet, desgleichen Margaret Thatcher. Aber das hart Erarbeitete wurde auch durchaus munter verprasst. Insbesondere die Brüder Armin und Fred Johl, Seeger-Eigentümer vor Montblanc, liebten es dem Vernehmen nach laut und honigdick.

Binnen 15 Jahren brachten sie es auf einen Geschäftswagen-Durchsatz von - grob geschätzt - vier Dutzend Ferrari, Lamborghini, Porsche und S-Klasse-Mercedes. Ihre Dienstreisen führten auffallend häufig zu Veranstaltungsstätten von Formel-1-Rennen. Wieso auch nicht, schließlich hatten sie - unterzeichnet von Formel-1-Boss Bernie Ecclestone persönlich - eine Dauerkarte für alle Rennen auf Lebenszeit. Was soll man denn die ganze Zeit in Offenbach?

Bode sprach bei Montblanc vor, wo man sich einen Verkauf als Alternative zur Stilllegung vorstellen konnte. Wer steht schon gern als Dichtmacher da? Dann fuhr er nach Offenbach. Dort war die Produktion schon seit Wochen stillgelegt, die Leute von der Arbeit freigestellt. Aber der Musterbau, sozusagen das Entwicklungslabor der Fabrik, war noch bemannt. Der Leiter des Musterbaus, 27 Jahre geronnene Seeger-Geschichte, führte Bode durch die menschenleere Fabrik, zeigte und erklärte ihm alles.

Bis heute kann Bode nicht schlüssig erklären, was an diesem Tag mit ihm geschah. Er sog den Geruch des Leders ein, hielt es in der Hand, spürte sofort den Unterschied zwischen "Seeger-" und "Montblanc-Leder". Er ließ sich anstecken von dem altgedienten Musterbauer, von der Leidenschaft und der Liebe zu seinem Handwerk und seinem Produkt. Er begann Gefallen zu finden an der Idee, es als Fabrikant zu versuchen, als Defibrillator einer fast vergessenen traditionsreichen Marke mit hervorragendem Klang. "Bei einem Aktenkoffer sieht man das Ergebnis eines Investments, ein tolles Produkt, bei einer IT-Dienstleistung ist das sehr abstrakt", versucht er zu erklären. "Und es ist ein Produkt, das ich verstehe. Man muss dazu nicht 20 Semester Maschinenbau studiert haben." Das komplexeste Seeger-Produkt, der große Kleidersack, besteht aus 450 Einzelteilen. Das ist überschaubar.

Aber das war es nicht allein. Da war noch so ein Gefühl, das Bode beschlich. Das Gefühl, "dass wir nicht alles preisgeben sollten, nur weil man es anderswo billiger machen kann, dass wir nicht unsere gesamten Produktions- und Fertigungskompetenzen den Indern, Chinesen und Nordafrikanern überlassen sollten, weil wir dann komplett ausbluten". Irgendwann hatte Bode sich aus der Kakofonie der Meinungen, Bedenken, Hoffnungen und Eindrücke einen Standpunkt herausgemeißelt: "Eine Fabrik wie Seeger hat eine Berechtigung - und das könnte man doch mal beweisen." Nachdem er auch noch den Rat der Familie eingeholt hatte, "sprang ich zwei Tage wie Rumpelstilzchen ums Feuer herum und fragte mich: Machst du es? Machst du es nicht?" Am 5. Juni 2009 übernahm er Seeger. Drei Tage später, an seinem ersten Arbeitstag in der Fabrik, fand er auf seinem Schreibtisch einen kleinen Stier aus Leder. Den hatte ein Feintäschner für ihn angefertigt. "Weil Sie Seeger gerettet haben."

Mit der Rettung war es so eine Sache. Einstweilen war Bode ein Fabrikherr ohne ein einziges Produkt. Es gab keine Kollektion, nicht mal eine Idee. In dieser Situation waren die Seeger-Leute froh, dass sie erst mal weiter Montblanc-Taschen herstellen konnten. Das hatte Bode so mit dem Voreigentümer vereinbart. Ihm war wichtig, dass die Nähmaschinen so schnell wie möglich wieder surren. Man kann ja nicht ständig nur den Hof fegen - wozu die Seeger-Belegschaft sich durchaus nicht zu schade war. Auf der ersten Betriebsversammlung mit dem neuen Chef trat ein Arbeiter vor und sagte: "Herr Bode, wenn Sie sagen, wir sollen den Hof fegen, dann machen wir das." Bode sagte nichts dergleichen - trotzdem rückten die Seeger-Leute tags darauf um sieben Uhr früh an und machten auf dem Fabrikhof klar Schiff. Der Betriebsrat offerierte sogar einen vorübergehenden Lohnverzicht - ein Angebot, das Bode nicht in Anspruch nahm. "Wir halten uns an Tarifverträge", stellt er klar. "Solange wir uns das irgendwie leisten können, bekommen die Beschäftigten auch Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld. Wie will ich die Leute denn motivieren, wenn ich ihnen als Erstes die Löhne kürze?"

Eines war klar, Seegers einzige Chance war der Weg zurück zu den Wurzeln der Marke: hochklassig, elitär, zeitlos, zurückhaltend, puristisch. Seeger musste wieder Seeger werden.

In Rekordzeit von drei Monaten entstand eine komplett neue zwölfteilige Kollektion, natürlich aus weichem Lammnappa und ohne Kunststoffüberzug. Bode heuerte keine externen Stardesigner an, sondern vertraute der Kompetenz und dem Gespür des eigenen Musterbaus. Das Resultat erinnert an die große Zeit vor Montblanc - schwarz, edel und hochpreisig - kommt aber entschiedener, markanter und noch männlicher daher. Zur Internationalen Lederwarenmesse Offenbach im September wurde die neue Kollektion "Klassik 120" - eine Anlehnung an 120 Jahre Firmengeschichte - vorgestellt. Seeger war wieder im Gespräch.

Mit Montblanc gibt es - abgesehen von dem kürzlich verlängerten Produktionsauftrag - kaum Berührungspunkte. "Wir werden die Marke Montblanc nicht kannibalisieren", sagt Jesko Bode, der das Ideal des ehrbaren hanseatischen Kaufmanns hochhält.

Ein Angriff auf Montblanc hätte ohnehin keinen Sinn: Montblanc hört preislich auf, wo Seeger gerade anfängt. In den Seeger-Preisregionen von 2500 Euro für eine Aktentasche, 4000 Euro für einen Pilotenkoffer oder 5600 Euro für den großen Kleidersack ist Montblanc nicht vertreten.

Früher kannten nur Kenner Seeger

Das Echo auf die Renaissance der Marke war nicht überschwänglich (kein Wunder bei einem Hersteller, für den vor allem Understatement zählt), aber vielversprechend. Alte Stammkunden, einige über 80, schickten handschriftlich verfasste Briefe. Das sind Leute, die ihre Tasche alle paar Jahre zur Aufarbeitung schicken. Harald Niebeling, der den Stier für den neuen Fabrikherrn genäht hat, ein Urgestein mit akkurat gezwirbeltem Schnauzbart, repariert jede Tasche, egal, in welchem Zustand sie ankommt. Sie ist etwas fürs Leben, da kauft man nicht einfach eine neue, auch wenn eine Reparatur von Grund auf fast so teuer sein kann wie eine Neuanschaffung. Da die neu eingefügten Stücke anders aussehen als das 20 Jahre alte Leder, muss Niebeling im Schnelldurchgang für die nötige Patina sorgen. Ein paar Mal über den Boden geschleift, ein "bisschen Fett vom Kopf" draufgeschmiert, schon sieht neues Leder wie altes aus.

Niebeling freut sich über Dankesbriefe von Kunden, "über die Freud von de Leut". Andererseits kann er manchmal nur verständnislos den Kopf schütteln, wenn er sieht, was manche Menschen mit so einem guten Stück anstellen. Er holt eine fast neue Aktentasche hervor. Ihr Besitzer hat offenbar das Zahlenschloss nicht aufbekommen, in seiner Not ein Taschenmesser genommen und mit drei brachialen Schnitten den gesamten Schließmechanismus mitsamt dem umgebenden Leder herausgetrennt. Niebelings Schnauzbartspitzen wackeln vor Freude, als er sich die Situation vorstellt, in der die frevelhafte Tat vermutlich begangen wurde: "Da saß er wohl in der Konferenz, wollte wichtige Unterlagen rausholen und hatte die Zahlenkombination vergessen. Der hatte bestimmt Schweißperlen auf der Stirn stehen."

Jesko Bode hat kalkuliert, dass sein Seeger-Investment in den ersten anderthalb Jahren 1,5 Millionen Euro kosten wird. Danach soll das Unternehmen so weit sein, dass es kein Geld mehr verbrennt. Anderthalb Millionen - das ist viel Geld für eine kleine Beteiligungsgesellschaft in Familienhand, aber weitaus weniger, als es kosten würde, eine Marke völlig neu am Markt zu positionieren. "Eigentlich ist es sogar ein Glücksfall, dass die Marke Seeger in den letzten Jahren unter Montblanc-Regie nicht mehr am Markt präsent war", überlegt Bode. "So konnte sie unter dem Strategiewechsel in Richtung Massenprodukt auch nicht leiden. Sie verschwand schon vorher."

Obwohl der Umsatz im ersten Halbjahr nach dem Neustart leicht über Plan lag, muss Bode sich ernsthafte Gedanken über die Entwicklung der Marke machen. Er kann nicht einfach so tun, als ließe sich das Rad der Zeit zurückdrehen. Das wäre gerade so, als ob Daimler jetzt die S-Klasse von 1972 wieder auflegen würde. War doch ein gutes Auto, damals. Schließlich fuhren Willy Brandt und Helmut Schmidt damit vor dem Kanzleramt vor.

Deshalb bekommen jetzt alle Seeger-Produkte erstmals den Firmenschriftzug ins Leder eingeprägt. Das allein reicht schon, um manchen alten Kunden in Wallung zu bringen. Denen ist es am liebsten, wenn niemand sieht, welch teure Aktentasche sie unter dem Arm tragen. Nur der Kenner soll Seeger erkennen.

Eine derartige Markenvergessenheit kann sich ein Premiumhersteller heute nicht mehr leisten, glaubt Bode. "Selbst wenn Sie keine laute Marke sein wollen, müssen Sie zumindest dafür sorgen, dass Sie als Marke überhaupt erkennbar sind." Sonst sei der Kreis derjenigen, die 2500 Euro für eine Aktentasche hinlegen, ruinös überschaubar. "Unser Produkt ist ja im Grunde genommen komplett sinnfrei." Akten und Laptop könne man genauso gut in einer Aldi-Tüte tragen. Da stehen dann 2500 Euro gegen zehn Cent. "Aber unsere Aktentasche fühlt sich anders an als die Aldi-Tüte. Sie riecht anders. Und wenn Sie die Tasche öffnen, das ist ein Erlebnis, dann sehen Sie das Siegel, das der Täschner ins Leder geprägt hat."

Heute macht die Marke etwas mehr von sich her

Dieses Produkterlebnis in ein dezent-zurückhaltendes Marken-Image gerinnen lassen, das ist Bodes Ziel. Er bemüht einen Vergleich aus der Luxus-Uhrenbranche: Die Seeger unter den Uhren, das sei eben keine Rolex und auch nicht die IWC, die mal den unvergleichlichen Werbe-Slogan "Der Uhr" geprägt hat und mit Chronografen wie der Spitfire auf den Kampfpiloten im Mann setzt. Sondern? "Vielleicht die von A. Lange & Söhne aus Glashütte." Uhren, die ihre hohen Preise niemandem entgegenschreien und zu deren Marken-DNA Funktionalität, klare Linien und Verzicht auf filigrane Raffinessen zählen.

Natürlich ist Bode froh, dass es ihn noch gibt, den klassischen Seeger-Kunden. Ohne ihn wäre sein neuer Job als Fabrikant ein unkalkulierbares Wagnis. Aber er weiß auch, dass der Stammkunde alten Schlages perspektivisch eher ein Problem ist - jedenfalls wenn man sich allein auf ihn einstellt. "Auf längere Sicht machen die klassischen Kunden noch maximal 40 Prozent unserer Klientel aus. Wir brauchen deren Söhne und Töchter."

In der Vergangenheit war der Seeger-Kunde recht einfach zu skizzieren. "Eine Aktentasche aus schwarzem Lammnappa, das ist die Mercedes-S-Klasse-Tasche", sagt Bode. Ähnlich gut passe sie noch zu schweren Limousinen wie dem 7er BMW oder dem Audi A 8, -"aber nicht zu Sport- oder Geländewagen wie etwa einem Porsche, einem Audi Q7 oder der Mercedes M-Klasse."

Wie gewinnt man nun Leute, die solche Autos fahren, die einen Lifestyle deutlich jenseits einer Villa im Taunus pflegen? Smarte Investmentbanker etwa, deren Bonus aktuell vielleicht nicht für eine Yacht reicht, aber durchaus für eine Reisetasche. "Die haben den gleichen Anspruch auf solche hochklassigen Produkte wie unsere alten Stammkunden", postuliert Bode. Aber Lederwerk aus schwarzem Lammnappa ist ihnen zu altväterlich und außerdem zu empfindlich.

Andererseits soll Seeger eindeutig Seeger bleiben. Nur nicht schon wieder Kompromisse bei Material und Qualität! Es ist eine Gratwanderung, auf die Bode und die Seinen sich begeben. "Wir sehen uns sehr genau an, was wir mit der Marke machen können, aber auch, was wir auf keinen Fall machen." So werde es von Seeger nichts Modisches geben, kein Parfüm, keine Brillen, kein Schreibgerät und keine Babyschühchen aus Ziegenfell. "Wir können nur Leder", sagt Bode. "Und wir können nur zeitlos."

Bei der Entwicklung einer zweiten, weniger konservativen Linie testete Bode zwei externe Designer - die er nach wenigen Versuchen frustriert wieder wegschickte. "Die haben nicht verstanden, was wir wollen", sagt Bode, der letztlich einen Musterbauer reaktivierte, der schon seit Jahren in Rente ist. Erneut setzt er auf die geronnene Kompetenz im eigenen Haus. Er legt auch Wert darauf, sich an jedem der vier Tage pro Woche, die er im Unternehmen verbringt, bei den Näherinnen und Stepperinnen, Täschnern und Zuschneidern blicken zu lassen. Ansprechbar zu sein, wenn der Musterbau ein Problem hat. Montagmorgens informiert er sich vor seinem ersten Rundgang immer genau, wie die Offenbacher Kickers am Wochenende gespielt haben und wo sie in der Tabelle der Dritten Liga aktuell stehen.

Aber wie sieht sie aus, die Gratwanderung, ganz konkret? Seeger wird bei der Internationalen Lederwarenmesse im März eine neue, sportive und robustere Serie in Braun vorstellen. Die Folge stellt Bode sich idealtypisch folgendermaßen vor: Der klassische Seeger-Kunde, der mit der schwarzen S-Klasse in der Garage und der Aktentasche Hamburg auf dem Rücksitz, sieht zwar, wie der Jeans tragende IT-Unternehmer von nebenan seine neue braune grobnarbige Reisetasche hinten in den Porsche Cayenne wirft, wo schon die beiden Zottelhunde sitzen.

"Aber", sagt Bode und erfreut sich an der Vorstellung, "er ist überhaupt nicht entrüstet, dass sich jetzt auch solche Leute Seeger-Taschen leisten können. Weil er nämlich gar nicht merkt, dass die Tasche des Nachbarn eine Seeger-Tasche ist."--