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Wie es euch gefällt

Ein Unternehmer konstruiert einen exklusiven Plattenspieler. Und richtet sich dabei ganz nach den Wünschen seiner Kunden. Dabei entstehen: ein neuartiges Produkt. Streit. Und Erkenntnisse über die Grenzen von kollektiven Entwicklungsprozessen. Ein Stück in vier Akten.




DIE HAUPTAKTEURE 1. Die Analogue Audio Association (AAA)

Verein mit deutschlandweit rund 900 Mitgliedern. Die "Analogiker" - meist solvente männliche Technikliebhaber zwischen 40 und 60 - schwören auf die gute alte Schallplatte. Sie sind überzeugt, dass Musik, die analog im Tonstudio aufgenommen wurde, sich n ur dann in ihrer ganzen Schönheit entfalten kann, wenn man sie auch später analog abspielt. Dafür sind sie bereit, bis zu 40000 Euro für einen oft mehr als 100 Kilogramm schweren Schallplattenspieler, im Fachjargon "Laufwerk", zu investieren. Der AAA angeschlossen ist ein Internetforum, in dem man sich auch als Nichtmitglied anmelden kann. Derzeit hat es rund 8400 User.

2. Christoph Rossner, 39

Geschäftsführer der vier Mitarbeiter starken Manufaktur für Dentaltechnische Präzisionsgeräte und Schallplattenspieler H. Rossn er & Sohn GmbH aus Memmingen im Allgäu. Mitglied in der AAA. Er begeistert sich, seit er denken kann, für analoge Musik. Seit zehn Jahren konstruiert er Plattenspieler, der teuerste kostet 32000 Euro. Von diesem Modell verkauft er zwei bis drei pro Jahr, mei st nach Asien.

3. Andreas Lange alias "Analog-Andy", 53

Der Architekt und Hochbauingenieur aus dem Ruhrgebiet berät Unternehmen bei der Optimierung ihres Vertriebs. Ebenfalls Mitglied der AAA. Als Jugendlicher war er begeisterter Schallplattenhörer. Seit einigen Jahren hat er dieses Hobby "als Rückzugsre vier" und als "Mußestunde" für sich wiederentdeckt. Er ist befreundet mit Alexander Marcu.

4. Alexander Marcu alias "der_yeti", 41

Selbstständiger Produktdesigner aus dem Stuttgarter Raum. Die Gestaltung eines Plattenspielers war das Abschlussprojekt seines Studiums, seither beschäftigt er sich beruflich mit anderen Themen. Ebenfalls Vinyl-Fan und mittlerweile Ex-Mitglied der AAA.

5. Rainer Bergmann, 48

Vorstand der AAA. Er kennt Rossner, Lange und Marcu laut eigenen Angaben "ein bisschen".

PROLOG

Es ist Oktober 2008: Schon seit Langem ärgert sich der Memminger Unternehmer Christoph Rossner darüber, dass Händler oft Margen von mehr als 50 Prozent auf den Einkaufspreis seiner Plattenspieler schlagen wollen. Diese Geschäftspraxis hält er "für eine moderne Form der Wegelagerei". Deshalb schlägt er dem AAA-Vereinsvorstand Rainer Bergmann vor, einen Plattenspieler nur für die Forumsmitglieder zu konstruieren. Dazu sollen alle Interessierten dort Vorschläge für ihr Wunschgerät machen und gemeinsam diskutieren. Er, Rossner, werde lediglich die Ideen sammeln und zur Abstimmung für die Teilnehmer aufbereiten. Schließlich werde er einen Prototyp gemäß den Ergebnissen der Abstimmungen konstruieren und dabei nur einen niedrigen Stundensatz und die Materialkosten berechnen. Anschließend werde er mit dem Plattenspieler zur Klangprobe durch Deutschland touren und ihn in Form einer limitierten Sonderedition bauen, sobald mehr als 25 verbindliche Bestellungen bei ihm eingegangen seien.

Mit seinem Angebot will er den anderen Analogikern signalisieren: "Ich bin einer von euch." Zudem ist er überzeugt, dass durch die Kombination des geballten Expertenwissens der Forumsmitglieder am Ende eine "echte Innovation" entstehen werde. Nichts liegt ihm zu diesem Zeitpunkt ferner, als andere Vinyl-Freunde zu ärgern.

Eine scheinbar klare Sache. Dem Vorstand Bergmann gefällt der Vorschlag, schließlich hatten die Mitglieder schon häufig die Idee geäußert, einmal gemeinsam etwas zu erschaffen. Doch bisher waren alle Projekte im Ansatz gescheitert.

"Rossners Vorschlag bot die Chance für eine konkrete Realisierung. Die Zeit war reif", sagt Bergmann heute. Im Oktober 2008 gibt er Rossner deshalb grünes Licht für sein Experiment. Kurze Zeit später taucht das Angebot der Plattenspielermanufaktur im Internetforum auf.

Dass Rossner damit einen Prozess in Gang gesetzt hatte, der als die Zukunft der Innovations- und Produktentwicklung gehandelt wird, ahnte er nicht. Auch hatte er das Wort "Prosumption" nie gehört. Gemeint ist damit nicht eine "als Marketing verkleidete Kundenorientierung oder die Anpassung eines Produktes an den Kundenbedarf", so die Strategieberater Don Tapscott und Anthony D. Williams in ihrem 2006 veröffentlichten Bestseller "Wikinomics". Das machen mittlerweile viele Firmen, auf deren Internetseiten sich die Kunden die Farben ihrer Turnschuhe oder die Ausstattung ihres Autos individuell zusammenstellen können. Prosumption bedeutet, dass ein Unternehmen seine Kunden von Anfang an in die Produktentwicklung einbezieht. Dahinter steht die Überzeugung, dass Kunden Produkte ohnehin zweckentfremden oder eigenständig weiterentwickeln. Je früher und je besser man sie einbindet, so die Theorie, desto besser können ihre Bedürfnisse befriedigt werden. Denkt man diese Form der Zusammenarbeit weiter, so ist die Schlussfolgerung: Die Unternehmen der Zukunft verkaufen keine fertigen Produkte mehr, sondern helfen ihren Kunden nur noch dabei, das erschaffen zu können, was die sich wünschen - genau so, wie Rossner es vorhat. "Prosumption ist dabei, zur mächtigsten Triebkraft von Wandel und Innovation zu werden, die die Welt der Unternehmen je gesehen hat", prophezeien Tapscott und Williams. Noch ist man allerdings nur in wenigen Firmen bereit, so viel Einfluss abzugeben. Zwar existiert mit Wikipedia bereits ein Beispiel für Prosumption in Reinform. Und auch in gewinnorientierten Unternehmen gibt es Ansätze, etwa, wenn BMW in seinem Customer Innovation Lab Kunden einlädt, an der Entwicklung neuer Dienstleistungen mitzuhelfen. Oder wenn Apple zulässt, dass Nutzer neue Applikationen für das iPhone oder den iPod entwickeln. Aber es überwiegt die Skepsis, vor allem weil viele Fragen noch offen sind: Was wird aus der Identität eines Unternehmens, wenn die Kunden es sind, die die Produkte entwickeln? Wie innovativ können sie überhaupt sein? Was muss man Menschen als Gegenleistung bieten, die ihr Wissen teilen? Und wie schnell werden aus Kunden Gegner, wenn man ihre Vorschläge nicht akzeptiert? Auch wegen dieser Fragen ist das, was Rossner initiiert hat, mehr als ein Experiment unter Schallplattenfreaks. Die Entstehungsgeschichte des Forumslaufwerks gewährt Einblicke in die Dynamik, die sich unter den Konsumenten entwickeln kann, wenn man sie in ein Unternehmen integriert. Sie ist ein Lehrstück. I. AKT: DIE ANFANGSEUPHORIE

"Hallo, starten wir doch einfach mal den Gehirnsturm", schreibt am Montag, den 13. Oktober 2008, um 20.39 Uhr das Mitglied des AAA-Internetforums "golo 150170", kurz nachdem Rossner sein Angebot online gestellt hat. Bereits am nächsten Morgen, am Dienstag, den 14. Oktober, um 8.34 Uhr, hinterlässt das Mitglied "Dirk" die Nachricht: "Dieser Thread wird lang, sehr lang!!! Ich möchte nicht der sein, der die ,wichtigen' Vorschläge filtert." 30 Beiträge von unterschiedlichen Analogikern mit teilweise sehr genauen Vorschlägen für den Plattenspieler sind über Nacht in das Forum gestellt worden. Eine Fachdiskussion über das Material des Plattentellers, die Art des Antriebsmotors und das Design ist bereits in vollem Gange. "Die Teilnehmer", so der Vereinsvorsitzende Bergmann, "reagierten euphorisch, denn sie hatten das Gefühl, jemand nimmt sie ernst."

Im November 2008 lässt Rossner, der sich nur selten in die Diskussionen einmischt, erst über die gewünschte Bauart des Geräts ("Masselaufwerk-Subchassis-Kombination", "Masselaufwerk" oder "Subchassislaufwerk") abstimmen, dann über den Preisrahmen (von weniger als 1000 bis mehr als 3500 Euro). Entscheidungen über weitere Komponenten wie den Motor, den Plattenteller oder das Material des Gehäuses werden in den darauffolgenden Wochen ohne Abstimmung von den Forumsmitgliedern getroffen. Wünschten sich zu Beginn des Prozesses noch viele Teilnehmer eine "eierlegende Wollmilchsau" (Rossner), zeigen sie sich jetzt sehr kompromissbereit.

Auch der Produktdesigner Alexander Marcu verfolgt die Diskussion. Er war schon häufiger in seiner Freizeit daran beteiligt, wenn Produkte in Teamarbeit entwickelt werden sollten. Seine Erfahrung: "Meist scheitern diese Projekte, denn sie schlafen nach kurzer Zeit ergebnislos ein." Deswegen hält er sich zunächst zurück und gibt nur hin und wieder "theoretischen Input". Als die Diskussionen im AAA-Forum jedoch auch nach Wochen nicht verebben, ist Marcu immer mehr überzeugt: "Das kann eine schöne Sache werden."

Ende 2008 setzt er sich deshalb vor seinen Rechner, entwirft auf Grundlage der bisherigen Diskussion ein Design für das "Forumslaufwerk" und stellt seine CAD-Entwürfe unter seinem Benutzernamen "der_yeti" ins Netz. "Ausgezeichnet! Eigenständige Formgebung, gefällt mir sehr gut!" Oder: "Wenn bei dem Forumslaufwerk so was rauskommt, brauch' ich auch eins", sind nur einige der mehrheitlich begeisterten Reaktionen der anderen Teilnehmer.

In dieser Zeit telefoniert Marcu fast täglich mit seinem Freund Andreas Lange, dem Vertriebsexperten aus dem Ruhrgebiet, der im Forum unter dem Namen "Analog-Andy" registriert ist. Auch er hat sich mittlerweile von der Euphorie im AAA-Forum anstecken lassen, hält die Initiative von Rossner für eine "fantastische Geschichte" und möchte sich ebenfalls engagieren. "Ich würde gerne etwas über das Projekt in der Mitgliederzeitschrift der AAA schreiben", sagt er im Frühjahr 2009 zu Rossner. Der findet die Idee "großartig", ebenso wie der Vereinsvorsitzende Bergmann. Im Mai 2009 erscheint Langes zwölfseitiger Bericht in der Vereinszeitschrift "Analog", inklusive der ersten Bilder eines Prototyps. Innerhalb von 24 Stunden nach der Veröffentlichung gehen daraufhin bereits 27 Bestellabsichten bei ihm und Rossner ein - ohne dass ein einziges Forumsmitglied den Plattenspieler auch nur gesehen hätte.

II. AKT: DIE KONFLIKTE

Der Plattenspieler scheint ein Erfolg auf ganzer Linie zu werden. Dennoch sagt Bergmann heute: "Hätte ich am Anfang geahnt, dass das Ganze so eine ungute Dynamik entwickelt, hätte ich dem Projekt niemals zugestimmt." Was er damit meint, ist bis Mai 2009 für die meisten Forumsmitglieder nicht zu erkennen. Die Konflikte brodeln abseits des offiziellen Entwicklungsprozesses:

Die Wettbewerber

Unter den rund 900 Mitgliedern in der AAA gibt es neben Rossner rund 80 weitere gewerbliche Anbieter. Wie groß der Markt ist, auf dem sie sich bewegen, kann niemand genau sagen. Bekannt ist lediglich, dass er Experten zufolge deutlich über 100 Millionen Euro groß sein soll und rund 80 Prozent der Geräte in Ausland verkauft werden, vor allem nach Asien, in die USA und nach Russland.

Die meisten Hersteller teurer Plattenspieler sind jedoch kleine Unternehmen, die ihre Geräte in Kleinstserien produzieren. Wegen der geringen Stückzahlen sind die Marketing- und Vertriebskosten sowie die Margen des Einzelhandels vergleichsweise hoch. In der Regel liegt der Verkaufspreis im Laden um das Drei- bis Sechsfache über den Herstellungskosten -ein Plattenspieler, in dem 1500 Euro Material- und Arbeitskosten stecken, wird für 4500 bis 9000 Euro angeboten. Speziell in Deutschland, dem Land der Tüftler, haben deshalb viele dieser Firmen Probleme, ihre Produkte an den Mann zu bringen, denn, so Bergmann: "Die Leute meinen hierzulande oft: Was die machen, kann ich auch selbst."

Bereits unmittelbar nach dem Start des Projektes, im November 2008, treten deshalb einige der gewerblichen Mitglieder in "privaten Gesprächen" an Bergmann heran und beschweren sich, dass die AAA Rossner bei seinem "Preis-Dumping" und seinem "Outsourcen von Entwicklungsund Marketingkosten" unterstütze. Bei Veranstaltungen fragen sie ihn ironisch: "Na, auch schon ein Forumslaufwerk bestellt?"

"Im Hintergrund begann es ganz schön zu gären", so Bergmann, der den Ärger der Wettbewerber "mitverstehen" kann. Er beobachtet nun, wie zunehmend kritische Bemerkungen oder komplizierte Fragen beispielsweise zum Patentrecht im Forum auftauchen, die die Leute verunsichern. Sein Verdacht: "Einige Wettbewerber schalteten sich in die Diskussion ein, um den Entwicklungsprozess bewusst zu torpedieren." In der Folge bestand der Vereinsvorstand darauf, dass der geplante Plattenspieler nicht "AAA-Forumslaufwerk", sondern lediglich "Forumslaufwerk" heißen soll -um klarzustellen, dass es ein Gerät "von den Forums-Usern für Forums-User ist" und "nichts mit der AAA zu tun hat".

Die Forumsmoderatoren

Im Frühjahr 2009 gibt es weiteren Ärger: Nachdem das Projekt bereits mehrere Monate läuft, beschweren sich einige Mitglieder bei Bergmann darüber, dass die Entwicklung des Plattenspielers das in den Vereinsstatuten festgelegte Werbeverbot im Forum verletzte. Sie vermuten, Rossner wolle sein Unternehmen nur bekannt machen und die Mitglieder als Ideengeber ausnutzen. Auch einige der ehrenamtlichen Moderatoren des Forums fühlen sich als Handlager für kommerzielle Zwecke missbraucht. Die Sorge kommt auf, dass das Forum von der Industrie schrittweise unterwandert werden könnte. Es wird ein Antrag gestellt, dieses Thema auf der Hauptversammlung des AAA im Juni zu diskutieren. Bis dahin wird die Zusammenarbeit mit Rossner auf Eis gelegt und die Diskussion im Internet unterbrochen.

Der Antrag polarisiert die Teilnehmer des Forums. Mitglied "Morfeus" schreibt am 8. Juni um 22.30 Uhr: "Sollte es zum jetzigen Zeitpunkt zur Torpedierung des Laufwerks, das ich übrigens zu kaufen gedenke, kommen, werde ich postwendend meinen Austritt aus der AAA erklären." Andere bekunden Verständnis für die Angst vor der Kommerzialisierung. Die meisten raten jedoch dazu, erst einmal Ruhe zu bewahren.

Auf der Hauptversammlung kommt es schließlich zum Showdown: Als die Mitglieder fast einstimmig beschließen, in diesem "einmaligen Fall" eine "gangbare Lösung" zu wählen (Bergmann), die Zusammenarbeit mit Rossner wieder aufzunehmen und das Forum weiterhin ehrenamtlich betreuen zu lassen, tritt das bisherige Moderatorenteam geschlossen zurück.

Lange und Marcu

Und noch ein dritter Konflikt schaukelt sich während des Entwicklungsprozesses immer weiter hoch -der zwischen Rossner und den beiden Forumsteilnehmern Lange und Marcu.

Aus Sicht von Lange gelingt es nur mit "größter Mühe" und "in allerletzter Sekunde", die Fotos vom Forumslaufwerk, die zu dem Text in der Mitgliederzeitung im Mai 2009 erscheinen sollen, an die Redaktion von "Analog" zu schicken -weil Rossner den Prototyp des Plattenspielers nicht termingerecht fertigstellt, nur schwer zu erreichen ist und überhaupt dazu neigt, feste Vereinbarungen zu ignorieren. "Rossner hat sich in der Zusammenarbeit als extrem unprofessionell und unzuverlässig erwiesen", sagt Lange. Während er und Marcu "viel Energie und auch Geld" in das Projekt stecken, gewinnen sie immer mehr den Eindruck: "Für Rossner ist die ganze Sache eher ein Spaß", so Marcu.

Aus Rossners Sicht hingegen besteht die Schwierigkeit darin, dass die beiden aufgrund ihres Einsatzes einen "Sonderstatus" einfordern. Sie wollen angeblich, dass Rossner Veränderungswünsche seitens der anderen Forumsmitglieder künftig mit ihnen abspricht. "Kein Entwurf geht mehr raus, ohne dass wir ihn gesehen haben", soll gesagt worden sein. Zudem glaubt Rossner, Marcu und Lange hätten im Hinterkopf die Idee, die Forumslaufwerks-Idee weiter zu kommerzialisieren, was er jedoch "auf keinen Fall" möchte.

Ein Indiz für seine Vermutung ist für ihn, dass Lange sich bereits die Internetdomains "forumslaufwerk" und "yetilaufwerk" hat sichern lassen. Tatsächlich gibt Lange dies am Telefon freimütig zu. Er habe dies aber nur als "Notfalloption" gemacht, "falls wir nach dem Moderatorenstreit aus dem Forum geflogen wären". Man habe zwar mal über eine "profitable Weiterentwicklung des Projektes" nachgedacht, sagt Marcu, "allerdings gemeinsam mit Rossner". "Zudem ging es dabei nie um persönliche kommerzielle Interessen", betont Lange.

Folge der Auseinandersetzung ist, dass sowohl Lange als auch Marcu sich im August 2009 aus dem Entwicklungsprozess vollständig zurückziehen. "Ich habe irgendwann aufgehört, an das Projekt zu glauben", so Lange. Marcu hingegen, der seine Mitgliedschaft im AAA mittlerweile gekündigt hat, antwortet auf die Frage, ob ihn der Ausgang des Projektes noch interessiert: "Das ist mir so was von egal."

Ungewöhnlich ist es nicht, dass zwischen Nutzern und Unternehmen bei der Zusammenarbeit Konflikte auftreten. Im Kern geht es oft um die Frage: "Was erwarten die Kunden im Ausgleich für ihr Engagement?", sagt Holger Ernst, Inhaber des Lehrstuhls für Technologie- und Innovationsmanagement an der WHU in Koblenz. Jedes Unternehmen, das seine Endkunden in die Entwicklungsprozesse einbinden will, muss sich ihm zufolge nicht nur überlegen, womit es deren Einsatz belohnt. Sondern auch, wie es mit enttäuschten Erwartungen umgeht. "Lange dachten die Firmen: Der Kunde, der uns hilft, will vor allem Geld", so Ernst. Heute weiß man es besser: "Ihre wichtigste Motivation ist die Verbesserung des Produktes, der Stolz, Teil dieser Verbesserung gewesen zu sein, und die Tatsache, dass man sie und ihre Ideen ernst nimmt." Werden Vorschläge ignoriert, ist es umso wichtiger, jedem einzelnen Beteiligten verständlich zu machen, warum dies geschah. Dies gilt besonders, wenn das Expertenwissen der Kunden groß ist und sie sich intensiv an dem Prozess beteiligt haben. "Die Frust-Wahrscheinlichkeit unter den einst besonders guten Kunden ist ansonsten hoch", sagt Ernst. III. AKT: DIE PRÄSENTATION

Nichts deutet an einem trüben Sonntag im November 2009 im Krefelder Stadtteil Traar auf die Auseinandersetzungen unter den Analogikern hin. Schallplatten sind extra für das Wochenende an Zäunen befestigt worden und weisen den Weg zum Eingang des Hotels Mercure. Drinnen tagt bereits seit zwei Tagen das Analog-Forum Krefeld, ausgerichtet von der AAA. Es ist ein scheinbar friedliches Paralleluniversum: In umgebauten Hotelzimmern sitzen die Forumsbesucher auf Stuhlreihen vor altarartig arrangierten Plattenspieler und mannshohen Lautsprechern, wippen andächtig mit ihren Köpfen zu Klängen von Jazzplatten und besuchen irgendwann auch Raum 119.

Dort, im Erdgeschoss, hat Christoph Rossner Revier bezogen und präsentiert den Prototyp des Forumslaufwerks - einen Plattenspieler mit rechteckigem weißem Gehäuse, einem schweren schwarzen Plattenteller und zwei Tonarmen. Nachdem sich die Analogiker im Juli zum ersten Mal in Duisburg von dessen Fähigkeiten und Design hatten überzeugen können, ist heute der letzte Termin der deutschlandweiten Präsentationstournee.

Rossner ist guter Dinge. Zwar sind Lange und er sich am Abend des Vortags an der Bar begegnet und haben sich laut Augenzeugen keines Blickes gewürdigt. Aber die Besucher - viele von ihnen Teilnehmer des Entwicklungsprozesses -zeigen sich von dem Forumslaufwerk begeistert. Bereits 60 Vorbestellungen sind eingegangen. Und es gibt lediglich kleine Änderungswünsche bei den Abmessungen und der Farbe des Plattenspielers. Zu den Klängen einer Schallplatte von Amy Winehouse tanzt Rossner durch den Raum und ruft seinem Mitarbeiter zu: "Dreh ruhig mal noch ein bisschen lauter."

IV. AKT: DAS ERGEBNIS

Mitte Dezember 2009 ist Rossner wieder in seinem Unternehmen in Memmingen. Vor rund zwei Wochen hat ihn ein Brief eines Patentanwalts erreicht. Den hat Marcu beauftragt, weil ihm zugetragen wurde, dass Rossner plane, das Forumslaufwerk rechtlich schützen zu lassen. Der Produktdesigner ist jedoch überzeugt, dass die Design-Rechte für den ursprünglichen und aktuellen Entwurf des Forumslaufwerks bei ihm liegen. Rossner dürfe das Gerät in seiner derzeitigen Form ohne seine Einwilligung weder bauen noch verkaufen. "Das geistige Eigentum für den Plattenspieler liegt bei mir. Schließlich haben ja nicht 100 Forumsteilnehmer meine Hand beim Entwerfen geführt", sagt Marcu am Telefon. Auch sein Freund Lange glaubt: "Die Rechte liegen bei Alex. Da gibt es gar keine Diskussion."

Rossner sieht das vollkommen anders. Er hat sich bei einer befreundeten Anwältin informiert und sich erst einmal fürs Abwarten entschieden. Stattdessen konzentriert er sich auf den Entwicklungsendspurt: Nachdem er die Verbesserungsvorschläge der Teilnehmer umgesetzt hat, läuft im AAA-Forum gerade die letzte Abstimmung über die Farbe des Plattenspielers.

Rund 450 Teilnehmer haben sich bis zu diesem Zeitpunkt in mehr als 1400 Beiträgen an der Entwicklung beteiligt. Mehr als 100000-mal wurde auf die Beiträge zugegriffen. "Ich bin sehr positiv überrascht, wie gut dieser innovative Entwicklungsprozess funktioniert hat", so der AAA-Vorsitzende Bergmann.

Am Ende wird das Forumslaufwerk nun wohl rund 1500 Euro plus Mehrwertsteuer kosten und damit laut einhelliger Meinung von Experten rund 3500 Euro weniger als ein vergleichbares Gerät im Handel. Laut zahlreichen Forumsteilnehmern ist das ein "absolut fairer Preis". Bergmann sagt: "Die besten Ideen wurden zu einem schlüssigen Ganzen verschmolzen." Zudem attestiert er dem Laufwerk ein "radikal anderes Design".

Eine Weltneuheit, eine "echte Innovation" ist der Plattenspieler dennoch nicht geworden: Alle technischen Ausstattungen, alle Materialien und alle Funktionen des Forumslaufwerkes haben bereits vorher existiert.

Das ist auch kein Wunder, denn "Kunden wünschen üblicherweise nur marginale Veränderungen und keine Revolutionen", wie Andreas Herrmann, Direktor der Forschungsstelle für Customer Insight an der Universität St. Gallen, sagt. Die Hauptgründe: Kunden stellten nur ungern ihre Gewohnheiten infrage. Sie seien zögerlich, adaptiv und teilweise wankelmütig. Zudem entschieden sie auf Grundlage ihrer Erfahrungen und wüssten oft gar nicht, was theoretisch machbar sei. Seine Empfehlung lautet daher: Will man ein Produkt nur anpassen, ist es "wunderbar", wenn man sich als Unternehmen ganz an den Wünschen der Konsumenten orientiert. In allen anderen Fällen muss jedoch zusätzlich ein firmeninterner Entwicklungsprozess stattfinden - egal, wie klug die Masse, "der Schwarm", auch sein mag. "Ein Unternehmen, das sich bei der Innovationssuche zu sehr an dem orientiert, was der Kunde will, läuft Gefahr, seine Eigenständigkeit zu verlieren, langweilig zu werden und seine Marke aufzugeben - genau wie ein Mensch, der von allen geliebt werden will", so Herrmann. Kunden erwarteten, dass Unternehmen eine Vorreiterrolle übernehmen, und ein Produkt könne auch nur dann erfolgreich sein, wenn es dem Kunden "vorausgeht" und ihn zum sanften Verändern animiert. Für das Thema Prosumption könnte das heißen: Die Produkte eines Unternehmens -ein Lexikon, ein Computerprogramm oder ein Auto - werden in Zukunft aufgrund der technischer Möglichkeiten vielleicht zunehmend von den Kunden kreiert. Für die innovative Plattform zu sorgen, auf der die Kunden ihre Ideen verwirklichen können, bleibt aber die Verantwortung des Unternehmens. Die Rolle und das Selbstverständnis vieler Firmen könnte sich damit dennoch radikal verändern: weg vom Entwickler eines Endproduktes, hin zum Schöpfer "von Ökosystemen für Innovationen", wie Strategieberater Tapscott und Williams es nennen.

Was genau das für Plattenspielerproduzenten bedeuten könnte, darüber macht Rossner sich noch keine Gedanken. Sobald genügend verbindliche Bestellungen eingegangen sind, wird er in den nächsten Monaten genug damit zu tun haben, das Forumslaufwerk zu produzieren. Die Stückzahl ist limitiert, es werden nicht mehr Plattenspieler hergestellt als bestellt. Jeder Käufer soll das Gerät mit eingravierter Seriennummer, einer Urkunde und einem Plan mit detaillierten Angaben zur Technik und der Form des Geräts erhalten.

"So können die Kunden sichergehen, dass auch in Zukunft niemand das Forumslaufwerk imitiert", sagt Rossner. Ihn habe der Enthusiasmus der Teilnehmer bei der Zusammenarbeit durchaus "begeistert". In Zukunft will er dennoch lieber wieder individuell und nicht in Gemeinschaftsarbeit Plattenspieler mit einzelnen Kunden entwickeln und sie in seiner Manufaktur herstellen. Wenn man so will, wäre er dann höchstpersönlich ein Ökosystem für Innovationen.

"Das Forumslaufwerk war eine fantastische Idee, und beim nächsten Gemeinschaftsprojekt bringe ich mich gerne wieder ein - vorausgesetzt, Rossner hat damit nichts zu tun", sagt auch Lange, der das Thema für sich am liebsten "nun einfach abhaken möchte". Ob das Forumslaufwerk überhaupt gebaut wird, bezweifelt er allerdings noch immer: "Wenn es am Ende tatsächlich 25 Kunden gibt, die den Plattenspieler bestellen und bezahlen, wäre ich ernsthaft überrascht."

Auch AAA-Chef Bergmann fand die Erfahrung "beeindruckend", dennoch bleibt er dabei: "Die Entwicklung des Forumslaufwerkes ist eine einmalige Sache." Auf die Frage, ob er sich selbst ein Forumslaufwerk bestellt hat, ist seine Antwort: "Kein Kommentar."

EPILOG

Bis zum Ende der Frist im Januar 2010 sind genau 25 verbindliche Bestellungen aus Deutschland, aber auch aus den USA, Frankreich, Dänemark und Belgien bei Rossner eingegangen. Von Alexander Mar cus Patentanwalt hat Christoph Rossner bis heute nichts mehr gehört.

Dies ändert jedoch nichts daran, dass Marcu mit seinem Anliegen "ein noch in vieler Hinsicht schwieriges und neues Rechtsgebiet berührt", sagt Ansgar Ohly, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Patent-, Urheber- und Wettbewerbsrecht an der Universität Bayreuth. "Schließlich gehen die heutigen Gesetze noch von der Einzelperson als Erfinder aus und nicht von Netzwerken, die kollektiv etwas erschaffen." Nach seiner Meinung wäre es für den Fall Rossner zunächst wichtig zu klären, wie sehr der Designvorschlag von Marcu durch die gemeinschaftliche Arbeit verändert wurde. Weicht die Gestaltung des heutigen Prototyps deutlich von dem einstigen Vorschlag ab, so kann es sein, dass die Design-Rechte dem Kollektiv der Forumsteilnehmer gehören - ähnlich wie die Texte bei Wikipedia. Ist die Handschrift von Marcu jedoch noch immer deutlich zu erkennen, so liegen die Rechte bei dem Produktdesigner. Hat Marcu das Design angemeldet, so spricht man von einem "eingetragenen Geschmacksmuster", so Ohly, das er 25 Jahre lang relativ starken Schutz auf sein geistiges Eigentum gewährt. Hat er es nicht eingetragen, aber veröffentlicht, so besitzt er ein "nicht eingetragenes Gemeinschaftsgeschmacksmuster", das ihn zumindest für drei Jahre vor der kommerziellen Nutzung seiner Idee durch andere schützt. So weit, so klar. Kompliziert wird es jedoch dadurch, dass Alexander Marcu seine Idee bewusst in ein Netzwerk eingebracht hat. Damit verbleiben zwar seine - eingetragenen oder nicht eingetragenen -Rechte bei ihm, er hat aber anderen die Erlaubnis eingeräumt, seine Designvorschläge zu nutzen. Wie weit diese Nutzung geht und wer diese anderen genau sind, ob nur die Forumsteilnehmer oder auch andere Interessierte, ist Auslegungs-, vor allem aber Vertragssache. "Maßgeblich ist die Geschäftsgrundlage der Gemeinschaft", sagt Ohly. Da jedoch keine schriftlichen Verträge über die Entwicklung und Nutzung des Forumslaufwerkes existieren, hat Marcu aller Wahrscheinlichkeit nach auch keine Abwehransprüche gegen Dritte - auch nicht, wenn diese seine Vorschläge kommerziell nutzen.-
Literaturhinweise
Don Tapscott /Anthony D. Williams:Wikinomics. Carl Hanser Verlag; 2007
Eric von Hippel: Democratizing Innovation. MIT Press; 2005