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Tante Emmas Kinder

Weil Supermärkte die Provinz im Stich gelassen haben, boomt dort ein totgeglaubtes Geschäft: der Laden für alles.




- Gute Nachrichten aus Utzenhofen, 300 Einwohner, Regierungsbezirk Amberg-Sulzbach. "LHG update" berichtet, der dortige Dorfladen laufe gut. Das kann man auch sehen auf nebenstehendem Foto, das die Leiterin und vier gutgelaunte Damen zeigt. Gute Nachrichten auch aus Konradsreuth im Landkreis Hof. Dank Conny Mergner gebe es dort wieder eine "funktionierende Nahversorgung". Thumsenreuth im Naturpark Steinwald? "Lange Zeit hat es in Thumsenreuth keinen Lebensmittelladen mehr gegeben; diese Lücke ist jetzt geschlossen." Und dann wäre da noch Hundheim, das zur Gemeinde Külsheim, Main-Tauber-Kreis, gehört: "Um 5.30 Uhr am Donnerstag war es so weit: Hundheim hat wieder einen Dorfladen, genauer ,Lindas Dorfladen'." Der Bürgermeister Günther Kuhn sagte: "Die Hundheimer sind gefordert, das Lädle zu halten."

"LHG update" ist das vierteljährlich erscheinende Kundenjournal der LHG LebensmittelhandelsgmbH & Co. Betriebs KG aus Eibelstadt bei Würzburg. Die Firma hat 110 Mitarbeiter, 18 Lkw und 7000 Artikel auf Lager. Sie beliefert damit 1200 Kunden: Die eine Hälfte sind Lebensmittelläden, die andere Hälfte Getränkehändler, Tankstellen und Kioske.

Wobei der Großhändler, und das ist die Besonderheit, nur Abnehmer mit weniger als 600 Quadratmeter Ladenfläche zu seiner Kundschaft zählt. Die LHG gehört damit bestenfalls zu den Mittelständlern der Branche. 52,3 Millionen Euro Umsatz im vergangenen Jahr sind vergleichsweise wenig, da die Marktführer doch Milliarden bewegen. Bernd Weykopf, einer der beiden Geschäftsführer der LHG, kann dazu nur sagen: "Erstens besteht die Welt nicht nur aus Großen. Und zweitens sollte man nicht vergessen, dass viele Kleine auch Großes bewegen können."

Eben noch hat er sich im Lager über die Bestellungen für den nächsten Tag informiert. Jetzt sitzt er in einem Besprechungsraum am Ende eines langen, kahlen Flurs. Weykopf erzählt von seinen Eltern, die in Lehrte bei Hannover einen Lebensmittelladen betrieben. Er kann sich noch erinnern, "wie die Leute mit der Kanne Milch holen kamen". Der Besprechungsraum ist drapiert mit alten Waagen, Werbeschildern und Essigbehältern. Abgegriffene Kassenbücher liegen herum. Es sind Reminiszenzen an die Vergangenheit der Firma, die zurückgeht auf eine Fusion mehrerer lokaler Großhändler, die auch einmal eigene Läden betrieben haben.

Und es kann schon sein, dass diese Historie 1999 eine Rolle spielte. Jedenfalls gründete die LHG damals zusammen mit den Großhändlern Utz aus Ochsenhausen in Baden-Württemberg und Rau aus Pfarrkirchen in Niederbayern die Marke "Um's Eck". Mit drei Läden fing es an, heute sind es 200, weshalb Weykopf vom "am weitesten verbreiteten kleinflächigen Nahversorgungskonzept Deutschlands" spricht.

Um's Eck wendet sich an die kleinsten der ohnehin nicht großen Klienten, jene mit maximal 350 Quadratmeter Verkaufsfläche. Sie alle werben und präsentieren sich einheitlich von der Tragetasche bis zum Handzettel. Sie kommen in den Genuss von Einkaufspreisen, die nicht weit über denen der Discounter und Supermärkte liegen, weil die LHG wiederum ihren Einkauf über eine Handelsgesellschaft bündelt. Dennoch dürfen die Läden ihr Sortiment frei bestücken, etwa mit regionalen Produkten. Weykopf sagt: "Wenn jemand das kleine Glas Gewürzgurken von Kühne haben will, dann besorgen wir das. Wenn jemand nur drei Milchreis von Müller braucht, kann er sie haben. Wie zu Tante Emmas Zeiten."

Es wird neuerdings wieder viel gesprochen von Tante Emma. Jahrzehntelang ging es ihr miserabel, nun hat sie wieder Konjunktur. Beides hat mit den Discountern und Supermarktketten zu tun, die ihre Konkurrenz erst aus dem Markt gedrängt haben und danach konsequent auf große Flächen setzten. Giganten wie Aldi und Lidl unterhalten in aller Regel nur Läden mit einer Fläche von 800 Quadratmeter aufwärts. Auch Edeka und Rewe ziehen sich immer häufiger aus Dörfern zurück. Edeka gab nach der Übernahme von Spar sogar fast alle Läden unter 400 Quadratmeter auf, häufig in der Provinz. Das Resultat waren massive Versorgungslücken. Zum Glück nicht ohne Gegenreaktion. "Wenn der Wind des Wandels weht", zitiert LHGs geschäftsführender Gesellschafter Thomas Dörfelt, "bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen."

Tante Emma kommt wieder zurück. Weil Gemeinden beschließen, Dorfläden samt Personal eigenständig zu finanzieren. Weil Bürgerinitiativen mit Aktien, Privatdarlehen und unentgeltlicher Arbeit stillgelegte Geschäfte reanimieren. Selbst ist der Kunde. Hinzu kommen Um's Eck und ähnliche Marken. Olaf Roik vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels sagt: "Die Bedeutung solcher Konzepte wird zunehmen." Nicht zuletzt wegen der Demografie. Die Bevölkerung auf dem Land wird immer älter und damit weniger mobil; schon heute sind 33 Millionen Deutsche älter als 49.

Im Alter nimmt die Einkaufshäufigkeit zu, mit 65 geht man dann drei- bis fünfmal pro Woche einkaufen. Studien ergaben, dass dabei Service und Freundlichkeit wichtiger sind als das Sortiment und dass nicht nur bei Senioren die Lage des Ladens wichtiger ist als die Preise. Die Versorgungslücken fangen an, sich zu schließen. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete unlängst von 200 Dorfläden, die in den vergangenen fünf Jahren allein in Bayern entstanden sein sollen.

Übers Land. Die Scheinwerfer des Mercedes Actros, 18 Tonnen, tasten sich über den feuchten Asphalt. 4.32 Uhr. Vor der Windschutzscheibe Nebel. Irgendwo in der rabenschwarzen Nacht fließt der Main. So beginnt die Tour von Stefan Langhirt, gelernter Mechaniker, seit 21 Jahren bei der LHG. Jeden Tag um drei Uhr morgens aufstehen. Immer im Radius von etwa 250 Kilometern, dem Einzugsgebiet der Firma, mal nach Heilbronn, mal Richtung Tschechien; allein mit der Dunkelheit, Radio Antenne Bayern und den eigenen Gedanken. Wie sich doch die Technik verändert habe, sinniert Langhirt. 96000 Kilometer gefahren, und noch immer keinen Tropfen Öl nachgefüllt. Bald werde er Telematik am Lenkrad haben. Wie die Zeit vergeht. Die Tochter ist auch schon 16, und natürlich habe sie einen Freund, eigentlich ein netter Kerl. Auf Antenne Bayern singt Bruce Springsteen: "Hey, little girl, is your Daddy home ...?"

Ein Post-Schalter bringt Umsatz - der Stammtisch neue Ideen

Der Lkw-Fahrer Langhirt, ein stiller Mann mit Schnurrbart, kommt aus Martinsheim, nicht weit von Ochsenfurt. Martinsheim hat etwa 1000 Einwohner, und Langhirt erzählt, dass sie dort auch lange tatenlos zugesehen haben, wie erst der eine Edeka-Laden dichtmachte, dann der andere, wie die Gaststätte schloss. Wie sie sich damit abgefunden hätten, zum Einkaufen nach Ochsenfurt oder Kitzingen zu fahren. Doch jetzt hätten sich ein paar Leute aus dem Ort zusammengetan, um die Gaststätte an zwei Nachmittagen in der Woche zu bewirtschaften, auch das Sportheim sei am Wochenende geöffnet. "Ein Dorf braucht das. Die Menschen müssen einen Platz haben, wo sie hingehen können." Er freue sich jedes Mal, sagt Langhirt, wenn er auf seinen Touren Um's-Eck-Läden anfahren könne. Am liebsten diese Frau, deren Verkaufsraum ins Wohnzimmer übergehe und in den wenig mehr reinpasse als der Tisch, an dem sie sitze. 80 müsse die sein, rechne noch in D-Mark und trage ihre Verkäufe mit Bleistift in ein Schulheft ein.

"Jeder darf bei Um's Eck bleiben, wie er ist", sagt LHG-Geschäftsführer Weykopf. Und jeder, der neu dazukommt, darf werden, wie es ihm passt. Das muss so sein. Wenn Tante Emma stirbt, kommt meist nichts nach. Um's Eck wirbt gezielt um ihre Kinder; sie sind auch die Zukunft von LHG. Deshalb bieten sie Anfängern auch Standortanalyse und Geschäftsplan an, empfehlen, dabei nicht mehr als zehn Prozent des Umsatzes für Personal auszugeben und nicht mehr als drei Prozent für die Ladenmiete. Sie helfen bei der Auswahl der Regale, machen Erstbestellung, Erstbestückung, veranstalten Workshops. Wie kann man rezeptfreie Arzneimittel integrieren? Wie bekommt man die Post oder Hermes ins Haus? Einen Reinigungsservice? "Lotto ist ein beliebtes Thema", sagt Weykopf, "eine Kaffeemaschine ist ein Frequenzbringer." Ein Geldautomat auch.

Weykopf erzählt von Um's-Eck-Händlern, die sich zum Gedankenaustausch zu Stammtischen treffen. Und er erzählt von der Feier zum zehnjährigen Bestehen. Man traf sich auf Schloss Thurn bei Forchheim. Es gab Vorträge, Country-Musik und Preise für die beste Umsetzung von Konzept, Werbung und Verbraucherfreundlichkeit. Im Lieferbereich der LHG gewann eine blonde Frau mit einem erfrischenden Lachen.

30 Kilometer nördlich von Würzburg. In einer sanft gewellten Landschaft, auf den Hügeln Windmühlen, liegt der Ort Urspringen. Hauptstraße 32. Über der Tür steht weiß auf rostrot: Kasamas. Drinnen steht die blonde Frau mit dem erfrischenden Lachen. Carola Kasamas hat den Laden 1995 von ihrer Mutter Irmgard übernommen, die ihn wiederum von ihren Großtanten übernommen hatte. Vergangenes Jahr feierte Frau Kasamas 111-jähriges Bestehen, mit Kindermalwettbewerb, Flohmarkt und Weißwurstfrühstück. Sogar die "Main-Post" hat darüber geschrieben. Titel: "Tante Emma heißt Carola."

Kasamas hat Steuerfachfrau gelernt. Erst wollte sie den Dorfladen nicht haben. Doch dann sei ihr die Arbeit in einer Kanzlei doch arg langweilig vorgekommen. Und jetzt sei es sowieso zu spät. "Ich habe eine große Familie und einen großen Freundeskreis im Nacken, die würden mich nicht mehr gehen lassen." Deshalb war sie schon lange nicht mehr im Urlaub, fährt allenfalls mal ein paar Tage zum Wandern in den Bayerischen Wald. Als 1999 die Kundenberaterin der LHG anrief und von der Marke Um's Eck erzählte, war Kasamas sofort überzeugt. Seither hat sie mehrfach umgebaut. Aus der Garage wurde ein Getränkemarkt. Und wenn der Winter lang und eisig ist wie von 2007 auf 2008 und die Heizkosten explodieren, bleibt von einem Jahr harter Arbeit auf dem Bankkonto nichts übrig.

Man kommt rein. Vorn Glückwunschkarten und Schokolade, hinten Strickwolle, rechts Obst und Gemüse, ein paar Regale Dosen, Kekse, Nudeln, in der Mitte eine Gefriertruhe. An der Kasse vorn eine Kaffeemaschine. Rund 100 Quadratmeter. Kasamas hat einen Postschalter. Sie nimmt Kleider zur Reinigung an. Sie hat Produkte von ABO Pharma. In einem Nebenraum gibt es Schreibwaren, Anoraks und Sekundenkleber. "Was wir nicht haben, braucht man nicht." Dann hat sie schon wieder zu tun. Es bimmelt an der Tür. Ein Mann kauft Schweinswürstchen und ein Glas Selleriesalat. Bimmeln. Eine Frau will eine Flasche Bocksbeutel einpacken lassen und deponieren. Es ist ein Geschenk zum 70. Geburtstag. Kasamas wird es ausliefern. Sie ist auch eingeladen zur Feier. 1386 Einwohner. Wenig genug, um fast alle zu kennen. Früher oder später muss jeder zu Kasamas. Bimmeln. Ein Postpaket. Im Hintergrund sagt eine Frau: "Carola, ich hab' mir mal die Zeitung genommen, Geld liegt vorne."

"Ein Geschäft mit kleiner Fläche", sagt Gesellschafter Dörfelt von der LHG, "kann seinen Kunden nie das ganze Sortiment bieten, aber es muss das richtige Sortiment sein." Am besten verkaufen sich die Grundnahrungsmittel. Mehl, Milch, Butter, Eier, Joghurt, Kartoffeln, Speiseöl, Nudeln. Danach kommen die regionalen Produkte. Dass Franken Frankenwein bevorzugen und Badener badischen Wein, liegt nahe. Aber wer weiß, dass in Baden-Württemberg Eiernudeln von Gaggli geschätzt werden und in Bayern die von Bernbacher? Dass in Bayern Bier einer Religion gleichkommt, ist bekannt, aber nicht, dass gerade in Franken jeder größere Ort noch eine Brauerei hat, mitunter zwei.

"Das ist der Unterschied zum Discounter", sagt Weykopf. "Für den ist ganz Bayern eine Region." Und so erklärt sich auch, was bei Carola Kasamas im Regal steht. Bayla Direktsaft aus Würzburg. Bauernblutwurst von Mehlig & Heller in Veitshöchheim. Spätzle aus Steinfeld. Bei Kasamas kommt der Apfel nicht aus Südtirol und die Kartoffel nicht aus Polen. "Ich kaufe bei den Obst- und Gemüsebauern im Ort."

Es geht um mehr als den Einkauf: Im Laden bleibt man über alles im Dorf im Bilde

Sie brauchen sich: Das Dorf braucht den Laden. Der Laden braucht die Marke und den Großhändler. Und der Großhändler braucht Leute wie Frau Kasamas, die sagt, man müsse das "mit Leib und Seele machen, alles andere funktioniert nicht". Nicht nur in Urspringen, wo man eben zur Carola geht, um über die Windräder hinter dem Dorf zu stänkern oder gegen die neue B26, die geplante Bundesstraße. Schon gehört? Bei Bosch Rexroth in Lohr haben sie jetzt auch Kurzarbeit! Oder: Ist sie krank, die Frau des Italieners, der die Gaststätte führt? Wer mit wem? Wer lässt sich scheiden? Ein klein wenig böse kann sie nämlich schon auch sein, die kleine, beschauliche Welt. Aber das ist nicht das Thema.

Am Ende sind es Details, die das Leben ein bisschen lebenswerter machen. Und die man auf 800 Quadratmeter Verkaufsfläche meist nicht findet. Zugegeben, in Kasamas' Laden ist es ein bisschen teurer als beim Discounter in Marktheidenfeld. Aber der ist elf Kilometer entfernt, und bei dem kann man am Samstag nicht anklopfen, wenn bei der Party um elf Uhr nachts das Bier ausgeht. Der macht auch nicht auf, wenn am Sonntag jemand zitternd vor der Tür um Zigaretten bettelt. Er lässt auch nicht anschreiben. Einmal kurz vor Weihnachten kam ein Junge. Er wollte ein Geschenk für seine Mutter kaufen. Er suchte und suchte und suchte. Vergeblich. Bis Carola Kasamas ihm einen Vorschlag machte: eine Tüte Maggi Fix. Sie packten sie gemeinsam ein, mit Schleife. Es war die Lieblingssorte des Jungen.

Urspringer, haltet das Lädle! Und in diesem Sinne auch die besten Wünsche nach Schollbrunn, Konradsreuth, Thumsenreuth und natürlich auch an Frau Linda in Hundheim.-