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Made in Cremlingen

Nokia produziert seine Telefone in Rumänien, Apple in China, Google in Taiwan. Der Telefonanlagenhersteller Auerswald hat seine Produktion aus Fernost zurückgeholt. Die Geschichte eines Trendsetters.




- Das Gerede von der bevorstehenden Ära, in der jeder überall und jederzeit kommunizieren kann, in der keiner mehr einen Telefonanschluss braucht, weder am Arbeitsplatz noch zu Hause -für Gerhard Auerswald ist das Humbug. Wunschvorstellung der großen Handykonzerne und IT-Häuser. Panikmache - bezogen auf sich und sein Unternehmen.

Auerswald stellt Telefonanlagen und Festnetztelefone her und schlägt sich damit erstaunlich wacker. 18 Millionen Euro hat das Familienunternehmen zuletzt umgesetzt und gehört damit zu den Großen der Branche. Rund 70000 Anlagen produziert es im Jahr, hinzu kommen 60000 Telefonapparate. Während der Markt seit Jahren schrumpft, konnte Auerswald stetig zulegen - nur die Wirtschaftskrise hat ihm voriges Jahr mit einem Umsatzrückgang zum ersten Mal seit Langem einen Dämpfer verpasst.

Das, obwohl der Hersteller seine Geräte nicht im ferneren oder näheren Osten fertigt, wie es Handyhersteller der niedrigen Lohnkosten wegen tun, sondern am Firmensitz im niedersächsischen Cremlingen unweit von Braunschweig. Wieder, muss es heißen, denn Auerswald hatte die Produktion aus Qualitätsgründen vor einigen Jahren aus China zurück nach Deutschland ins eigene Haus geholt.

Kann das gut gehen? Wir schreiben das Jahr 2010 - die Zeit der Smartphones à la iPhone von Apple oder Nexus One von Google. Festnetztelefone haben dagegen den Reiz eines Bulldozers. Der Branchenverband Bitkom schätzt das Marktvolumen für Telefonanlagen und Zubehör für 2010 auf 657 Millionen Euro, Tendenz sinkend. Vor nur vier Jahren lag der Umsatz noch bei 825 Millionen Euro.

Gerhard Auerswald, ein bestimmt auftretender 57-Jähriger, sieht seine Zukunft dennoch in Telefonanlagen. Er schwärmt von Technik, die "schnuckelig" bedienbar ist und die vielen Menschen das Leben, zumindest das Arbeitsleben, leichter macht. Natürlich beobachtet er den Siegeszug der mobilen Konkurrenz, aber er glaubt nicht daran, dass sein Produkt so schnell überflüssig sein wird. "Es bleibt dabei, dass Menschen miteinander sprechen, und in vielen Fällen ist eine Festnetzverbindung dafür einfach besser geeignet", sagt er. 649 Millionen Minuten telefonieren die Deutschen täglich über das Festnetz, Handys werden mit 253 Millionen Minuten noch deutlich weniger genutzt, hat der Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten errechnet. Insbesondere Unternehmen verzichten selten auf eine Anlage mit Festnetzapparaten - sie gehören zum professionellen Auftritt dazu wie eine Internetseite oder Visitenkarten.

Und weil das so ist, hat Auerswald unzählige Geschichten parat, in denen seine Apparate eine zentrale Rolle spielen. Ein Zahnarzt hat sich demnach kürzlich für Auerswald entschieden, weil er auch während der Behandlung dringende Anrufe entgegennehmen möchte. Dank Spracherkennung ist das möglich, wenn er keine Hand für den Hörer frei hat.

Outsourcing sollte Geld sparen. Wurde dann aber sehr teuer

Die Anlage eines Architekten ist wiederum mit dessen PC-Netzwerk verbunden, sodass ein Sachbearbeiter automatisch die Akte eines Bauherrn auf den Bildschirm bekommt, sobald das Telefondisplay dessen Nummer als eingehenden Anruf anzeigt. Und daheim hat Auerswald ein Gerät, das wichtige Anrufer bevorzugt: Während normalerweise der Anrufbeantworter anspringt, wenn er nicht da ist, wird etwa seine Tochter automatisch auf sein Handy weitergeleitet. Sitzt er in Besprechungen, kommt eine entsprechende Benachrichtigung per SMS.

Der Chef redet wie sein bester Verkäufer und könnte vermutlich auch Kleingärtnern eine Telefonanlage schmackhaft machen. Stetig sei sein Umsatz gewachsen, mitunter zweistellig, freut sich Auerswald. In den neunziger Jahren beflügelte der ISDN-Boom sein Geschäft, und heute sorgt die Internet-Telefonie - Voice over IP, kurz VoIP - für frische Impulse. So wie seine Konkurrenten Agfeo, Aastra DeTeWe, Funkwerk oder Panasonic bemüht er sich um Kleinbetriebe und Mittelständler - Ärzte, Anwälte, Architekten, Autohäuser. Zugleich buhlen DSL-Anbieter oder Spezialfirmen wie Nfon und Outbox um Kunden, die ihre Telefonanlage outsourcen und dank Internet-Telefonie mit entsprechender Software betreiben. Manfred Breul vom Branchenverband Bitkom ist der Meinung, dass es dennoch weiter einen Markt für Anlagen geben wird, sofern sie zuverlässig, von guter Qualität und auf der Höhe der Zeit sind: "Auerswald hat ein gewisses Renommee. Sie haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie sich auf technische Neuerungen am Markt einstellen können und dabei die Bedürfnisse der Kunden im Blick behalten."

Es kommt Auerswald zugute, dass die Krisenkasse gefüllt ist und sie ohne Bankkredit auskommen. Alle Investitionen, beispielsweise der jüngste Erweiterungsbau für 2,1 Millionen Euro, sind aus eigener Tasche bezahlt. Sogar eine Kantine gehört dazu, in der alle 192 Mitarbeiter gratis essen.

Wer so großzügig ist, muss an anderer Stelle kräftig sparen - sagen Berater, die derzeit vor allem Kostensenkungen predigen. Noch vor wenigen Jahren hieß das vor allem eines: Outsourcing. Auch Auerswald machte mit und verlagerte im Jahr 2000 die Produktion von Systemtelefonen nach China. Zuvor hatte der Mittelständler die Apparate, die ein Drittel des Umsatzes bringen, stets von verschiedenen Anbietern zugekauft. Nun sollte alles aus einer Hand kommen.

Doch die Zusammenarbeit mit dem Auftragsfertiger in Shenzhen lief von Anfang an nicht gut. Die Kommunikation war schwierig, die Qualität stimmte nicht, die Abhängigkeit war groß. So holte man die Fertigung 2004 zurück. "Der Qualitätsstandard unserer Produkte kann in Deutschland durch die Motivation unserer Mitarbeiter besonders effizient erreicht werden", sagt der Geschäftsführer.

Mitarbeiter wie der Produktionschef Thomas Virgil waren damals weniger begeistert: "Wir haben uns die Frage gestellt, ob das bei den deutschen Stundenlöhnen überhaupt zu realisieren ist." Viele Kollegen befürchteten, dass die Produktion in Deutschland zu teuer werden würde, sie hatten Angst um ihre Arbeitsplätze. Doch der Chef entschied sich für den eigenen Standort - und sollte Recht behalten: Dank ausgeklügelter Arbeitsabläufe in der Produktion, kurzer Wege in der Logistik und zum Kunden sowie niedrigerer Lagerbestände können die Telefone heute rentabel produziert werden.

Und der Telefonhersteller ist nicht allein. "Das Insourcing ist ein Trend, der sich eindeutig verstärken wird", sagt Philip Grothe, Partner bei der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners. Er beobachtet, dass immer mehr Firmen ausgelagerte Tätigkeiten zurückholen. Der Teddybärenhersteller Steiff machte im Sommer 2008 mit diesem Schritt ebenso Schlagzeilen wie Lego. Die Gründe fürs Insourcing: Qualitätsprobleme.

"Heute gehören eine schnelle verlässliche Lieferung, eine hohe Qualität und ein hohes Maß an Verfügbarkeit zu den Differenzierungsmerkmalen eines Unternehmens", sagt Grothe. Das gelinge am besten, wenn ein großer Anteil der Wertschöpfung im eigenen Unternehmen geschieht. Bei den Hidden Champions, den kleinen Weltmarktführern, die Grothes Beratung regelmäßig unter die Lupe nimmt, liegt sie seit jeher im Schnitt bei rund 80 Prozent. Lange wurden diese Firmen wegen ihres Sicherheitsdenkens belächelt, heute bekommen sie Applaus.

Auch Auerswald wird häufig von Verbänden eingeladen, um von seinem Coup zu berichten. Allein die Montagezeit der Telefonapparate, erzählt er dann, hätten seine Leute von 24,4 Minuten auf acht, dann auf sechs Minuten gesenkt. Heute liegt sie bei 4,3 Minuten pro Stück, 18 Prozent des Ausgangswerts. Gern erzählen der Chef und sein Produktionsleiter Virgil auch, welche Probleme es mit der ausgelagerten Produktion gab. Demnach beharrten die Chinesen darauf, die Telefonhörer mit Schrauben statt einem praktischen Steckverschluss zu verschließen. Irgendwann wurde klar, warum: Arbeiter schraubten die Geräte nach der Qualitätskontrolle regelmäßig wieder auf, um Fehler zu beseitigen - was mit einer Stecklösung nicht möglich gewesen wäre. Für den Produktionschef ein Unding, denn solche Nachbesserungen sind teurer als der Hörer selbst.

Die Niedersachsen und ihre Zulieferer sprachen viel miteinander. Verstanden sich aber nicht

Doch auch die Nacharbeiten verhinderten nicht, dass die Container aus Fernost regelmäßig mit mangelhafter Ware eintrafen. Nicht selten funktionierten gleich mehrere Apparate nicht, was Auerswald zur Retoure berechtigte - nur war dem Unternehmen damit nicht geholfen: Vier Wochen hatte der Vertrieb bereits auf die Lieferung gewartet, vier Wochen benötigte die Rücksendung, etwa drei Wochen Nacharbeitszeit und eine erneute Lieferung -das ergab einen Vorlauf von 15 Wochen. Um flexibel zu bleiben, baute Auerswald einen Sicherheitslagerbestand für diesen Zeitraum auf. Das kostete Lagerfläche - und band viel Kapital.

So kam es immer häufiger vor, dass Auerswald Mängel selbst behob. Trotzdem flogen Ingenieure und Techniker weiterhin regelmäßig nach Shenzhen, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Was hohe Kosten verursachte, aber wenig brachte, auch weil sich die kulturellen Unterschiede nicht überbrücken ließen. Die Verhandlungen waren lang und zäh, und der Chef, an sich ein Freund klarer Worte, mochte nicht geradeheraus sagen, was er meinte, um seine fernöstlichen Partner nicht vor den Kopf zu stoßen. "Dort heißt 'Ja' auch nicht 'Ja, ich stimme zu', sondern 'Ja, ich habe es gehört'." Unzählige Stunden saß man beieinander, feilschte um die Gewährleistung, um am Ende - aus Auerswalds Sicht - doch nicht das zu bekommen, was man wollte.

Insourcing war die logische Konsequenz. "Alles in allem rechnet sich der Schritt. Außerdem sind wir viel flexibler", sagt Auerswald. Dabei sind die reinen Transportkosten lediglich um 14000 Dollar gesunken, denn nach wie vor werden etwa die Gehäuse in China eingekauft. Allerdings werden die kleinteiligen elektrischen Bauelemente, die den Wert des Apparates ausmachen, kurz vor der Produktion per Luftfracht aus Japan oder den USA eingekauft, sodass just in time produziert wird und das Kapital so kurz wie möglich gebunden ist.

Hinzu kommt die Flexibilität: Wenn Auerswald etwas in der Produktion verbessern will, kann er jederzeit in die Halle nach nebenan gehen. Das Innenleben der früher in China produzierten Apparate wird auf denselben Maschinen gefertigt wie die Anlagen, die seit jeher im Haus gebaut werden. Sie durchlaufen dieselbe Qualitätskontrolle. Für die Montage wurden acht weitere Mitarbeiterinnen eingestellt.

Auerswald betont, dass diese Kraftanstrengung ohne sein Team nicht gelungen wäre. Als Familienunternehmer fühlt er sich der Region verpflichtet und ist bemüht, Arbeitsplätze am Standort zu halten. Um die Eigeninitiative zu stärken, sind alle Mitarbeiter von der Empfangsdame bis zum Hausmeister am Erfolg der Firma beteiligt. Dafür erwartet Auerswald besondere Einsatzbereitschaft. Seine Leute haben ein Jahresarbeitszeitkonto und können an sieben Werktagen zwischen 40 und in Exremfällen bis zu 120 Stunden arbeiten. Je nachdem, ob eine Neuentwicklung zur Marktreife gebracht oder ein Kunde mit einem Problem betreut werden muss - Dienst nach Vorschrift gefällt dem Chef nicht.

Mit Engagement und Zielstrebigkeit hat er Auerswald zu dem gemacht, was es heute ist. Sein Vater hatte die Firma 1960 als Zulieferer für elektrotechnische Komponenten gegründet. 1980 übernahm der Nachrichtentechnik-Ingenieur Gerhard Auerswald das Zepter und produzierte anfangs Funkuhrensysteme, kurze Zeit später Haustelefonanlagen. Als Ende der achtziger Jahre der Markt für Endgeräte liberalisiert wurde und neben der Telekom auch andere Anbieter eine Zulassung für das Telefonnetz erhielten, bot Auerswald eine der ersten Kleintelefonanlagen an.

Dass die Firma sich auch künftig behaupten wird, ist für den geschäftsführenden Gesellschafter ausgemachte Sache. Sein Sohn Christian ist vor zwei Jahren in die Firma eingestiegen. Anders als die Senioren hat er Betriebswirtschaft studiert. Heute leitet der 27-Jährige die Bereiche Logistik und Materialwirtschaft als Prokurist. Die ersten Geschäftsanteile sind auf ihn übertragen.

Ergebnis des Insourcing: weniger Reibungsverluste, mehr Zeit fürs Eigentliche

Mit vereinten Kräften wollen Vater und Sohn die Bilanzdelle des vergangenen Geschäftsjahres - minus neun Prozent - ausgleichen und die Umsatzerlöse von 18 auf fast 19 Millionen Euro steigern. Denn auch im Zeitalter der Smartphones gibt es Bedarf an Telefonanlagen - sogar in Deutschland, wo Auerswald 90 Prozent seiner Geschäfte macht. Jeder Firmengründer ist ein potenzieller Kunde, jeder weitere Mitarbeiter bedeutet eine Nebenstelle. Und der Modernisierungsbedarf ist riesig: Erst zehn Prozent aller Festnetztelefone sind internetfähig, schätzt man in Cremlingen, rund ein Fünftel des Bestandes ist sogar noch analog.

Gerhard Auerswald ist optimistisch: "Die ersten Monate unseres Geschäftsjahres waren vielversprechend. Ich bin zuversichtlich, dass sich der Investitionsstau allmählich auflöst." Der Verbandsvertreter Breul bescheinigt ihm, dass seine Anlagen auf der Höhe der Zeit sind. Sie verbinden Computer und Telefon, sodass Mitarbeiter im Home Office problemlos an die Telefonanlage angeschlossen werden können. Unified Communi cations heißt dieser Trend, den die Internet-Telefonie ausgelöst hat und den Cisco oder Microsoft bewerben: Jeder kann arbeiten, wo und wann er will. Um solche Trends nicht zu verpassen, beschäftigt Auerswald 50 Mitarbeiter in der Entwicklung, ein gutes Viertel der Belegschaft. Sie sollen dafür sorgen, dass die Geräte immer cleverer und "schnuckeliger" werden.

Und man sich in Cremlingen vor der neuen Kommunikationsära weiterhin nicht fürchten muss.-