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So wird ein Schuh draus

Ein Unternehmer, der keiner sein will, kommt in eine Gegend, in der man Unternehmer nicht mag. So konnte aus Trippen eine Erfolgsgeschichte werden.




- Ein Duftmix aus Leder und Klebstoff hängt in der Luft, das Radio läuft, überall liegen Bündel aus zugeschnittenem Leder, stapeln sich handbeschriftete Kartons, rattern Nähmaschinen, klopfen Stanzmaschinen. Ein Durcheinander, das die Sinne strapaziert. Das hier ist eine Schuhfabrik. Doch es geht ohne Fließband voran. Stattdessen werden Rollregale von Hand bewegt.

Hier entstehen Trippen-Schuhe: hochwertige Kreationen, die extravagant und bequem zugleich wirken; weite Stiefel aus gezacktem Glattleder, violette Halbschuhe mit Noppen unter den Sohlen, einschüchternde Treter aus Fahrradschläuchen. Was die Modelle gemeinsam haben, ist schwer zu bestimmen, und trotzdem erkennt der geübte Blick den Trippen-Schuh auf Anhieb. Vielleicht ist es die Kombination aus Verspieltem und Derbem. In einem Regal stehen rosafarbene Ballerinas und sehen brav und zart aus - bis das Regal weiterrollt und sie handbreite Gummisohlen verpasst bekommen.

Solche Schuhe zu machen ist das Einzige, was Michael Oehler immer wollte. Wäre das gelungen, ohne Unternehmer zu werden, hätte er es getan. Aber bald machten Oehler und seine Geschäftspartnerin Angela Spieth die Erfahrung, die ihre gesamte Zukunft prägen sollte: "Die Schuhe werden nur so, wie wir sie uns vorstellen, wenn wir uns um alles selber kümmern." Sich kümmern hieß: Man kann sich nicht aufs Entwerfen beschränken und die Produktion dann anderen überlassen. Man muss die Fäden in der Hand behalten, von der Idee bis zum versandfertigen Schuhkarton.

In den ersten Jahren bedeutete das für Oehler, jede Woche von Berlin nach Italien zu fahren. Dort gab es traditionelle Manufakturen, die jene Qualität lieferten, die er und Spieth für ihre Schuhe verlangten. Doch wenn er samstags aus Italien heimkam, wandte sein kleiner Sohn den Blick ab. Mittwochs, wenn er ihn wieder ansah, war es Zeit, erneut ins Auto zu steigen. Auch deshalb war die Entdeckung Zehdenicks, nur eine Stunde nördlich von Berlin, ein Segen: Aus der Hinterlassenschaft des früheren volkseigenen Betriebs standen Maschinen und qualifiziertes Personal bereit, und Oehler konnte täglich pendeln.

Zehdenick war einmal der größte Ziegeleistandort Europas. Mittlerweile jedoch sind die stillgelegten Tongruben überflutet und bilden rund um das Städtchen eine zauberhafte Seenlandschaft, in der sich Biber, Fischotter und Rotbauch-Unken angesiedelt haben und wo Berliner Naturfreunde lauschige Plätze für ihre Datschen fanden. Heute definiert sich Zehdenick längst nicht mehr als Industriestandort, sondern als Ausgangspunkt für Rad- und Paddeltouren.

Lob für den Chef: Man merkt nicht, dass er ein Wessi ist

Vor allem aber ist Zehdenick ein Biotop, in dem wenig echte Vollzeit- und dafür umso mehr Ein-Euro-Jobs gedeihen: im Kreativ-Center des Arbeitslosenverbandes oder in der Papageien-Arche-Noah, die für ausgesetzte Sittiche sorgt. Auf dem Rathausplatz findet samstags einer jener Trödelmärkte statt, auf denen sich Stände mit Handy-Verschalungen, Fernsehkabeln und Küchenzubehör für 99 Cent, altem Spielzeug und Geschirr drängen.

Von Trippen will kaum jemand hier je gehört haben. Nur eine ältere Frau, die sich mit ihrer Zuckerwatte schleckenden Enkelin an einem Biertisch niedergelassen hat, sagt: "Trippen? Ja doch, das muss irgendwo da draußen liegen." Irgendwo da draußen - dabei muss man kaum zehn Minuten die Hauptstraße hinunterspazieren, um die Manufaktur zu erreichen. Ein wenig abfällig klingt es auch. Als wäre eine Firma, die ständig expandiert und gerade einen schicken Neubau neben die alte Fabrikhalle gesetzt hat, ein Affront für all jene, die jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufgegeben haben. "Mal sehen, wie lang das gut geht", sagt die Frau noch.

Das ist es wohl, was der Bürgermeister Arno Dahlenburg meint, wenn er seinen Brandenburgern eine "Mecklenburge Mentalität" bescheinigt, was diplomatisch ausgedrückt heißt: "Eher abwarten und Entwicklungen beäugen, statt selbst die Initiative zu ergreifen." Es klingt nicht so, als sei der Ort perfekt für Unternehmer. Doch die nötige Leidenschaft hat Michael Oehler ja selbst mitgebracht.

Die morgendliche Tour durch die Fabrik legt er im Eilschritt zurück, nimmt sich aber die Zeit, eine Auszubildende mit einem kleinen Stups zu begrüßen, die verlegen lächelt. Ein Junge muss erst die Kopfhörer aus den Ohren stöpseln, als der Chef ihm auf die Schulter tippt, um ihm für die theoretische Führerscheinprüfung später am Tag Glück zu wünschen.

Petra Vetter klebt mit Liane Wojczewski gemeinsam Fußbetten ein. Beide sind um die 50 und haben weinrot gefärbtes Haar. Wie sie ihren Chef finden? Da kichern sie, als hätte man Mädchen nach ihrem heimlichen Schwarm befragt. Beschreiben könne man ihn nicht, sagen sie, man müsse ihn halt kennen. Dann folgt zögernd das größte Kompliment, das in der ostdeutschen Provinz zu haben ist: "Man merkt nicht, dass er aus dem Westen kommt." Und als wäre das noch nicht deutlich genug: "Er ist eher so wie wir." Dabei verbindet sie biografisch kaum etwas miteinander, die in der DDR aufgewachsenen Frauen, deren Leben sich im Radius und den westdeutschen Künstlertyp, Spross schwäbischen Mittelstandes, der laut eigener Aussage "sechs Jahre meines Lebensüberhaupt nichts gemacht hat, außer ein Vagabundenleben zu führen". Offenbar sind diese Prägungen weniger wichtig als das, was die Frauen "das Soziale" nennen. Das sie an die DDR erinnert.

Das Soziale - das heißt, dass Michael Oehler bei akuten Geld- oder Wohnungsproblemen hilft. Dass er schon mal einen Babysitter organisiert hat, damit die Eltern auch zur Betriebsweihnachtsfeier kommen konnten. Dass er vermittelt, wenn es Streit in der Belegschaft gibt. Dass jeder Mitarbeiter zum Geburtstag ein Paar Trippen-Schuhe als Geschenk erhält.

Das Soziale hat also nichts mit der DDR und eher mit traditionellem Unternehmertum à la Ludwig Erhard zu tun, wie Oehler es sieht. "Was wir machen, war doch die längste Zeit üblich: die ganz normale Zusammenarbeit mit Menschen an einem Produkt."

Vielleicht ist es ja tatsächlich gar nichts Besonderes, sondern bloß etwas, das scheinbar aus der Mode gekommen ist: das Produkt und nicht das Geldverdienen in den Mittelpunkt zu stellen. "Vom Produkt her denken", sagt Oehler oft, und das heißt eben: "Weil es durch viele Hände geht, kümmern wir uns auch um die Hände." Und weil die Trippen-Mitarbeiter ihren Chef mögen, begreifen sie es wie eine Art Sport, ihre Sache gut zu machen. Das Soziale ist in der Firma kein Selbstzweck, sondern die beste Strategie für optimale Qualität.

Das Paar Schuhe zum Geburtstag ist ein gutes Beispiel dafür. Einerseits schafft das Geschenk Identifikation. Andererseits entwickeln die Mitarbeiter ein Gefühl für die Besonderheit der Schuhe, wenn sie sie selbst tragen. Auch wenn die meisten den praktischen Aspekt mehr zu schätzen wissen als den modischen.

Letzteren findet Petra Vetter mitunter "gewöhnungsbedürftig. Aber die sind ja wirklich so was von bequem! Die kann man sogar zum Wandern anziehen." Der alljährliche Schuhsegen sorgt dafür, dass nicht nur die Mitarbeiter selbst, sondern auch deren Familienmitglieder nach und nach mit ihren Wunschmodellen versorgt werden. Und so hat man sich an den Anblick der exotischen Schuhe in Zehdenick längst gewöhnt. Nur als Petra Vetter auf einem Parkplatz in Westdeutschland mal eine Frau in Trippen-Stiefeln entdeckt hat, war sie ganz aufgeregt. Dass die Schuhe tatsächlich von Millionen Menschen getragen werden, war zuvor nur eine abstrakte Vorstellung.

Um solche Erkenntnisprozesse zu befördern, nimmt Oehler seine Zehdenicker immer wieder mit auf Messen. Sie sollen selbst hören, was Kunden und Händler über ihre Schuhe sagen, sollen mit eigenen Augen sehen: Womit sie sich die Hände schmutzig gemacht haben, das wird in einem durchgestylten Showroom ausgestellt, den man nur mit Einladung betreten darf. Ziel dieser Ausflüge: Die Mitarbeiter sollen nicht achselzuckend "Ich schaff' in der Schuhfabrik" sagen, sondern mit Freude: "Ich arbeite für Trippen!"

Soziale Verantwortung aus Überzeugung ist das eine. Aber es kommt unübersehbar etwas hinzu: Oehler trägt eine strubbelige graue Mähne; am legeren Auftreten und seiner Bekleidung ist nichts Unternehmertypisches. Auch privat fährt er nur den klapprigen Firmenlieferwagen. Das sind Äußerlichkeiten, aber sie deuten auf eine Mentalität hin: Michael Oehler scheint sich Reste eines grundlegenden linksintellektuellen Unbehagens bewahrt zu haben. Nämlich darüber, Leute für sich arbeiten zu lassen. Dass er es dennoch tut, verlangt einen Ausgleich in Form besonderer Verantwortung. "Ich finde", sagt er, "dass eine Schuhproduktion, die mit einfachen Arbeitsabläufen verbunden ist, einen Lebensunterhalt bieten soll für viele einfache Leute."

Wie für Christian Schmidt, der nach der Malerlehre von seinem Betrieb nicht übernommen wurde, aussortiert, noch bevor es mit dem Erwerbsleben losging. Wie viele hier gehört er zu denen, für die es in Deutschland immer seltener Arbeit gibt, weil Firmen ihre Produktion nicht in die ostdeutsche Provinz, sondern nach Osteuropa oder nach Asien verlegt haben. Schmidt pinselt nun Sohlen mit Klebstoff ein. "Das klappt wunderbar, wenn man ein bisschen Geduld hat", sagt Oehler.

Seine Einstellungspolitik ist das Gegenteil eines Assessment-Centers: Er sucht gar nicht die objektiv besten Mitarbeiter. Im Prinzip, sagt er, würden sie es mit jedem probieren, der von sich aus anklopft. "Hier muss man sich eigentlich nicht bewerben", bestätigt Stefan Mulak, der im Lager arbeitet. "Man muss halt ein paar Mal vorbeikommen und fragen, und dann klappt das schon." Auch eine junge Frau mit Dreadlocks, die als eine der wenigen von Berlin aus pendelt, erzählt: "Ich hab' überall angerufen, und immer hieß es: Schick deine Bewerbung. Hier hieß es: Komm vorbei." Wenn personelle Engpässe auftreten, weil die Nachfrage boomt, werden nicht etwa neue Stellen ausgeschrieben. Sondern die Mitarbeiter sollen Bekannte mitbringen, die sie für geeignet halten.

Dieses Prinzip funktioniert womöglich deshalb, weil es ein Korrektiv gibt, und das heißt Carola Schwarzrock. Sie ist seit 1998 dabei, als es mit vier Arbeitern in Zehdenick begann. Nach der Wende wurde sie arbeitslos, aber zuvor hatte sie zehn Jahre in der alten Schuh-VEB gearbeitet. Heute ist sie Produktionsleiterin und sagt ganz selbstverständlich "wir", wenn sie von Trippen spricht. Die Kolleginnen, selbst ihre Freundinnen, sagen sehr respektvoll "Frau Schwarzrock".

Sie ist nicht nur dafür zuständig, dass die Stückzahlen erreicht werden, sondern sie nimmt dem Chef auch andere unangenehme Aufgaben ab. Zum Beispiel, Sätze auszusprechen, die nicht sozial klingen, sondern "ganz schön hart, aber gerecht", wie sie erklärt, während sie einen Schuh vormontiert, den die Kolleginnen gleich zusammennähen werden. Wenn Oehler sagt: "Wir entlassen Leute eigentlich nicht", dann kann er das deshalb, weil er Frau Schwarzrock hat, die sagt: "Natürlich überstehen nicht alle Neuen die Probezeit. Da gucken wir hin. Und wenn eine das nicht packt, dann tut's uns leid, dann stehen Neue vor der Tür."

Die 20 arbeitslosen Zehdenickerinnen, die heute vor der Tür stehen, sind nicht da, um nach einem Job zu fragen. Sie warten auf eine Führung durch die Fabrik: Besuche in der Arbeitswelt sind hier eine Auflage für die Ein-Euro-Jobberinnen: "Um den Kontakt zu halten zu dem, was wir noch haben an Arbeitgebern", sagt eine Endfünfzigerin mit schwarzem Dutt und blauem Lidstrich. Carola Schwarzrock hat die Aktion koordiniert; Michael Oehler hält nichts von solch pädagogisch verordnetem Engagement. Wer bei Trippen anfangen will, muss zumindest allein herfinden und nicht im geführten Trupp.

Die Frauen schieben sich durch die Gänge. Ein Auszubildender erklärt ihnen, wie ein Schuh entsteht. Und manchmal winkt eine Besucherin verstohlen, wenn sie hinter einer Nähmaschine eine Nachbarin erkennt. Die aktivierende Maßnahme erinnert stark an einen lustlos absolvierten Museumsbesuch: Arbeitslose besichtigen ehemalige Arbeitslose beim Herstellen von Schuhen, die so viel Geld kosten, wie sie im Monat an ALG II erhalten.

Es ist, als bräche das echte Zehdenick in das Trippen-Zehdenick ein. Da sind sie wieder, die resignierten, bitteren Sätze vom Trödelmarkt: Schön wäre es schon, hier zu arbeiten, sagen sie, "aber da kommt man ja sowieso nicht ran. - Ich könnte das auch gar nicht, man hat das ja nicht gelernt. - Leisten kann sich die Schuhe hier eh keiner. - Ich würd' die auch nicht haben wollen, so wie die aussehen." Michael Oehler hört diese Sätze nicht. Er sagt: "In Zehdenick werden die Schuhe so schön wie nirgends sonst."

Und nur darauf kommt es an. -

Der Weg zur Marke: Trippen

Trippen, so lautet der historische Fachbegriff für hölzerne Unterschuhe, die sich Menschen von Stand in der frühen Neuzeit unter ihre seidenen Schnabelschuhe banden, bevor sie das Haus verließen - als Schutz gegen Feuchtigkeit und Schmutz in den Gassen. Jahrhunderte später lebt dieses Prinzip an vielen Stellen der Öko-Bewegung wieder auf: etwa in der möglichst sortenreinen Trennung der Materialien eines Gegenstandes, der entsorgt und recycelt werden soll. Die Idee zur Trippen-Gründung entsteht Anfang der neunziger Jahre, als die Modedesignerin Angela Spieth den Schuhmachermeister Michael Oehler in seiner Werkstatt in einem Hinterhof von Berlin-Kreuzberg aufstöbert. 1992 schickt Wolfgang Joop seine Models in Holzschuhen von Trippen auf den Laufsteg. 1994 wird die Trippen, A. Spieth, M. Oehler GmbH gegründet. Schon bald wird die Kreuzberger Werkstatt der Nachfrage nicht mehr Herr. Dienstleister in Norditalien übernehmen die Produktion. 1998 wird parallel mit dem Aufbau einer eigenen Herstellung im brandenburgischen Zehdenick begonnen. Mit fünf Beschäftigten geht es los, heute sind dort 68 Mitarbeiter und 10 Lehrlinge tätig. Insgesamt hat Trippen 138 Mitarbeiter und 15 Lehrlinge in Produktion, Verwaltung, Versand und Verkauf. Trippen-Schuhe werden an rund 450 Einzelhändler in 30 Ländern geliefert. Es gibt Trippen Single-Brand-Stores und Shop-in-Shops. 2009 wurden 70 000 Paar Schuhe produziert und 10 Millionen Euro umgesetzt. "Gerade groß genug, um allerlei probieren zu können. Und klein genug, um sich weltweit in einer Nische verstecken zu können", sagt Michael Oehler, 49. Das Sortiment umfasst Holzschuhe, Halbschuhe und Stiefel für Damen, Herren und Kinder. Leisten- und Sohlenformen sowie Materialien bleiben gleich. Auch gibt es keine saisonalen Sortimentswechsel. Die weit mehr als 1000 Modelle sind ständig lieferbar. Verschlissene Komponenten können individuell ausgewechselt und erneuert werden. Der Reparaturdienst wird in der Zehdenicker Fabrik erledigt.