Rausch und Krieg

Jedes Gramm Kokain auf der Welt stammt aus Lateinamerika. Seit Jahrzehnten jagen dortige Regierungen mithilfe der USA die Drogenkartelle. Ein Irrweg, sagt César Gaviria, ehemaliger Präsident von Kolumbien.




brand eins: Die Vereinten Nationen schätzen, dass im Handel mit illegalen Drogen jährlich 320 Milliarden Dollar umgesetzt werden. Wer verdient an diesem Geschäft?

Gaviria: Diejenigen, die die Rohstoffe für die Drogen anbauen, kommen am schlechtesten weg. In Kolumbien verkauft ein Campesino das Kilo Kokablätter für 300 Dollar. Aus diesen Blättern wird Pastabase produziert, ein Vorprodukt für die Kokainherstellung, die für 900 Dollar das Kilo verkauft wird. In einem Labor wird die Paste zu Kokain gemacht. Im Exportmarkt hat das Kilo einen Wert von 1500 Dollar. Wenn dieses Kilo in die USA eingeführt wird, kostet es 15 000 Dollar, und der Zwischenhändler bezahlt dafür 40 000 Dollar. Wollte ein Endkonsument gleich ein ganzes Kilo erwerben, müsste er dafür 100 000 Dollar hinlegen. Die Preise klettern wegen des illegalen Charakters des Geschäftes und der Kriminalisierung.

Seit Jahren bekämpfen lateinamerikanische Regierungen mithilfe der USA die Drogenkartelle. Die USA schicken Polizeiausbilder, unterhalten Militärbasen und Radarstationen in mehreren Ländern. Gemeinsam mit dem ehemaligen Präsidenten Brasiliens, Fernando Henrique Cardoso, und dem ehemaligen Staatschef von Mexiko, Ernesto Zedillo, erklären Sie diese Strategie als gescheitert. Was ist falsch daran, Drogenschmugglern das Handwerk zu legen?

Der Fehler liegt in der Antidrogenpolitik der USA. Sie versucht, das Angebot zu unterbinden, nicht die Nachfrage. Drogen werden nach wie vor produziert und konsumiert. Trotzdem stecken die USA unendlich viel Geld in die Aufrüstung der Sicherheitskräfte der lateinamerikanischen Länder. In heiklen Operationen werden Kokafelder umgepflügt oder aus der Luft mit Herbiziden besprüht, Kokain-Labore werden ausgehoben und zerstört. Doch mit dieser Strategie gelingt es ihnen schon seit Jahrzehnten nicht, das Drogenproblem zu lösen. Die US-Regierung feiert es als Erfolg, wenn auf den Straßen von Chicago oder New York dank der starken Repression das Kokain teurer wird. Dabei gibt es für Drogenkartelle nichts Besseres als einen hohen Preis. Die Folgen sind mehr Korruption, mehr Gewalt, mehr Tote im Drogenkrieg. Die USA versuchen, das Problem in den Produzentenländern zu lösen, indem sie jeden einzelnen Kokastrauch finden und abfackeln wollen. Aber das funktioniert nicht. Durch den illegalen Drogenhandel entstehen Korruption und Gewalt. Das sind große Probleme unserer Länder.

Und deshalb soll man die Drogenkartelle einfach gewähren lassen?

Nein, auf keinen Fall. Sie sind zu bekämpfen. Und zwar mit allen verfügbaren Mitteln. Aber nach Jahrzehnten des Scheiterns ist es an der Zeit, auf der Nachfrageseite anzusetzen und den Konsum zu reduzieren. Und das kann nur in den größten Konsumentenländern, also in den USA oder in Europa, geschehen. In den USA sitzen mehr als eine halbe Million Menschen wegen Drogendelikten im Gefängnis. Diese Zahl zeigt doch schon das Ausmaß des Scheiterns: Nur wegen Drogendelikten sind dort fast so viele Menschen inhaftiert, als in der Europäischen Union überhaupt einsitzen! Die USA geben jährlich 22 Milliarden Dollar für ihre Antidrogenpolitik aus. Das meiste von diesem Geld fließt an die Sicherheitsbehörden, also die Polizei, die Justiz und die Gefängnisverwaltungen. In die Prävention, Aufklärung oder Behandlung von Süchtigen wird hingegen nur ein Bruchteil investiert.

Wenn Sie das Problem erkennen: Warum erkennt es die US-Regierung dann nicht?

Weil man in den USA an eine Fantasie glaubt: an eine Welt ohne Drogen. In den USA werden Drogen mit Verbrechen gleichgesetzt. Und das Verbrechen muss dort mit harter Hand bekämpft werden. Das ist der Kern dieser Politik.

Sie beklagen, das Problem werde auf dem Rücken Lateinamerikas gelöst. Welche Folgen hat die Bekämpfung der Angebotsseite für die Länder der Region?

Heute beobachten wir eine Kriminalisierung der Politik und eine Politisierung des Verbrechens. In Kolumbien finanzieren die Gelder aus dem Drogenhandel eine Art Bürgerkrieg. Es ist in unseren Ländern eine Kultur der Illegalität entstanden: Korruption, Gewalt, Verbrechen, bewaffnete Konflikte. Neben einer legalen Geschäftswelt gibt es eine illegale Welt, und in vielen Fällen sind beide Seiten miteinander verknüpft. Das hat zur Folge, dass sich das soziale Gefüge und damit auch die Werte der Gesellschaft verändert haben. Zusätzlich verschlechtert sich die Sicherheitslage. In Mexiko sterben mehr als 6000 Menschen jährlich im Kampf der Drogenkartelle. Ein solches Chaos hat verheerende Folgen für die Wirtschaft, für die Justiz und alle demokratischen Institutionen.

Aber ist das nicht eher eine Folge des Drogenhandels und nicht die Folge seiner Bekämpfung?

Es ist die Folge dessen, dass der Drogenhandel ein gigantisches Geschäft im Untergrund ist, in dem weder Angebot noch Nachfrage sinken. Was zu tun wäre, um den Drogenhandel zu bekämpfen, sind Aufklärung und Prävention in den Konsumentenländern: Werden weniger Drogen genommen, werden auch weniger hergestellt. Und in den Produzentenländern ist es wichtig, so viele Menschen wie möglich aus den illegalen Strukturen der Kartelle zu befreien. Es geht darum, eine Politik zu entwickeln, die der Gesellschaft weniger schadet.

Im Rahmen des Plan Colombia haben die USA seit 1999 mit sieben Milliarden Dollar die Polizei und das Militär ausgerüstet und unzählige Ausbilder und Berater nach Kolumbien geschickt. Konnte wenigstens damit etwas auf der Angebotsseite erreicht werden?

Kolumbien hat in den vergangenen 30 Jahren alles unternommen, um dem Drogenhandel Einhalt zu gebieten. Doch man muss ehrlich sagen: Die Resultate rechtfertigen den Aufwand nicht.

Der Plan Colombia ist Teil dieser Anstrengungen. Er hat geholfen, das Land sicherer zu machen. Man kann heute etwa auf Landstraßen fahren, die früher sehr gefährlich waren, weil das Risiko einer Entführung drohte. Aber das eigentliche Ziel wurde nicht erreicht: Die Anbaufläche der Kokapflanzen ist seit 2007 wieder stark gestiegen. Vor einigen Jahren gab es Koka-Felder nur in acht Departements, heute schon in 24.

Das bedeutet, die Kokabauern sind mit ihren Pflanzen einfach nur weitergezogen.

So ist es. Und das passiert immer wieder. Denn auch in Peru wuchs die Anbaufläche. Wenn die Polizei ein Feld, eine Drogenküche oder ein Labor zerstört, ziehen die Produzenten einfach in noch abgelegenere Gegenden. Heute sind die Kokafelder nicht mehr im Amazonasbecken, sondern auf kleinen Feldern an Berghängen. Zu Beginn der neunziger Jahre produzierten Peru und Bolivien 80 Prozent der Kokablätter für die Herstellung der Pastabase. Diese wurde mit Kleinflugzeugen in Labore im Ama-zonas-Urwald gebracht und zu Kokain verarbeitet, das in die USA exportiert wurde. Als die Produktion sich nach Kolumbien ausdehnte, wurde der Drogenhandel zu einem wichtigen Finanzierungsinstrument für die linke Farc-Guerilla und die ultrarechten Paramilitärs - und ist es bis heute.

Was verändert sich dadurch in Staat und Gesellschaft?

Die Sicherheitsausgaben sind enorm gestiegen. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt, geben wir in Kolumbien prozentual mehr Geld für Sicherheit aus als die USA. Das ist unseren Bürgern gegenüber sehr ungerecht, weil uns für andere staatliche Aufgaben das Geld fehlt. Was mich als Kolumbianer beunruhigt, ist, dass es sich dabei um eine durch und durch sinnlose und irrationale Politik handelt. Im Drogenkrieg gab es in Kolumbien schon Hunderttausende von Toten. Der soziale Zusammenhalt ist zerbrochen. In der Gesellschaft entsteht eine Spirale der Gewalt und der Illegalität.

Aber es gab auch Fahndungserfolge. Etwa als mit dem Tod von Pablo Escobar im Jahr 1993 das Medellín-Kartell zerschlagen wurde. Seine Estancia ist heute ein Museum.

Für Kolumbien war dies ein wichtiger Schritt. Aber an die Stelle des Medellín-Kartells traten die mexikanischen Kartelle. Wird eines zerschlagen, entsteht ein neues. Das wird so lange gehen, wie es Abnehmer gibt. Nur die Transport-Routen für die Drogen ändern sich. Das Kokain wird nicht mehr durch die Karibik in die USA transportiert, wie noch vor einigen Jahren, sondern durch Zentralamerika und Mexiko.

Und die Probleme des Drogenhandels werden in diese Transitländer exportiert. Mexiko betreibt einen gigantischen polizeilichen Aufwand. In einigen Jahren gelingt es vielleicht, wieder Sicherheit und Kontrolle herzustellen, aber der Drogenhandel wird neue Wege suchen und finden. Wo eine Nachfrage besteht, gibt es immer einen Weg.

Kann man diesen Kampf überhaupt gewinnen?

Es ist unglaublich naiv zu glauben, es könnte wirklich eine Welt ohne Drogen geben. Das ist, als ob wir glaubten, dass wir in wenigen Jahren eine Welt ohne Gewalt schaffen könnten.

Was ist also zu tun, um die Drogen zu bekämpfen?

Man muss pragmatisch sein. Weltweit nehmen schätzungsweise mehr als 200 Millionen Menschen mindestens einmal im Jahr eine illegale Droge. 15 Prozent von ihnen sind in irgendeiner Form abhängig. Und sie sind auf den Schwarzmarkt angewiesen, der von der organisierten Kriminalität kontrolliert wird. Mexiko hat, wie andere Länder auch, Marihuana für den persönlichen Gebrauch legalisiert. Portugal hat eine sehr liberale Drogenpolitik eingeführt, und der Konsum ist dennoch nicht gestiegen. Da die Prohibition nicht funktioniert, muss der Konsum anders gesenkt werden. Die Kampagnen über die Folgen des Tabakkonsums haben auch Erfolge gezeigt und dazu geführt, dass die Menschen weniger rauchen. So ist auch mit den illegalen Drogen zu verfahren. Ein Drogenkonsument ist kein Krimineller, der bestraft werden muss, sondern jemand, der Hilfe braucht. Dabei ist es wichtig, dass die Länder Lateinamerikas von den USA gehört werden, wenn es darum geht, wie sie ihre Drogenpolitik ausrichten. Es bedarf eines Dialogs zwischen dem Konsumenten-Land und den Produ-zenten-Ländern. Man kann das Problem nicht mit noch mehr Gewalt, Verbrechen und Korruption bekämpfen.

Dann wäre doch die Legalisierung der Drogen eine Lösung.

Den Eigenkonsum zu legalisieren, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ich will sehr deutlich sein: In der Drogenpolitik gibt es keine einfachen Lösungen. Ein völliges Verbot ist falsch, eine komplette Legalisierung würde auch nicht alle Probleme aus der Welt schaffen. Wir müssen anerkennen, dass Drogen dem Konsumenten schaden. Deshalb müssen die Drogen kontrolliert und die Menschen informiert werden. So kann der Schaden, den sie anrichten, verringert werden. Die einfachen Lösungen sind politisch attraktiv. Aber die Realität ist komplex. -

César Gaviria wurde 1947 in Pereira, Kolumbien, geboren. Er studierte an der Universidad de los Andes in Bogotá Ökonomie und trat in die Liberale Partei ein. Von 1986 bis 1987 war er Finanzminister, danach bis 1989 Innenminister Kolumbiens. Im Jahr 1990 gewann er die Präsidentschaftswahlen und war bis 1994 Staatschef. Von 1994 bis 2004 war er Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). Im April 2006 wurde seine Schwester Liliana Gaviria offenbar bei einem Entführungsversuch erschossen.