Prima Klima

Ein kleiner Heizungsbauer aus Niedersachsen macht den Großen der Dämmstoffindustrie zu schaffen. Die würden den lästigen Konkurrenten gern wegkaufen. Doch der will seine Innovation aus Gips und einer guten Idee selbst vermarkten.




- Sieben Millionen Euro - viel Geld für eine mittelständische Firma, die von einem vergleichsweise unspektakulären Produkt wie Fußbodenheizungen lebt. Die Summe wurde Tanja Thomas, Geschäftsführerin der Athe-Therm Heizungstechnik GmbH im niedersächsischen Emmerthal, kürzlich angeboten. Nicht für ihr Unternehmen, nur für ein Produkt, das noch nicht patentiert ist. Um sieben Millionen Euro zu verdienen, müsste sie ziemlich viele Fußbodenheizungen einbauen. Ein verlockendes Angebot?

"Absolut kein verlockendes Angebot", stellt die resolute Frau klar. "Unser Liquid Pore ist unverkäuflich. Da halten wir die Hand drauf." Ende der Durchsage.

Liquid Pore ist eine unscheinbare weiße Platte, zu 95 Prozent aus Gips. Genaue Zusammensetzung: streng geheim. Eine Platte, die bei großen Playern der Dämmstoffindustrie, allen voran der Branchenprimus Knauf, Begehrlichkeiten weckt.

Es geht ums Energiesparen, besonders um die Wärmedämmung von Gebäuden. Die Bundesregierung hat dazu eigens eine Verordnung erlassen. Die verpflichtet Bauherren zur Wärmedämmung ihrer Häuser und wurde in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten mehrfach verschärft.

Knauf & Co. haben ein reges Interesse an strengen Auflagen. Jede Novelle sorgt für Hunderte von Millionen Euro Umsatz. Deutschlands Bauherren sind gezwungen, ihre Häuser mit einer Schale aus den Produkten der Dämmstoffhersteller, vor allem Styropor und Mineralwolle, luftdicht einzupacken. Während vor 15 Jahren 6 Zentimeter Dämmung noch als das Maß aller Dinge galten, sind es aktuell 20, ab 2012 sogar 24 Zentimeter.

Hier kommt Tanja Thomas ins Spiel. Immer häufiger klagten ihre Heizungsmonteure über Baustellen, weil sie vor lauter Styroporplatten im Fußboden kaum noch wussten, wie sie die Rohre für die Fußbodenheizungen verlegen sollten. "Da liegen ja mittlerweile jede Menge Kabel und Lüftungskanäle im Boden", sagt sie. "Die Leute sind gezwungen, teure Lüftungsanlagen einzubauen, damit sie in ihren Luftdicht-Bauten nicht ersticken."

"Das muss doch anders gehen", sagte sich ihr Lebensgefährte, der Heizungsbau- und Estrichlegermeister Antonius Mertens. Eines Nachts wachte er auf und hatte die Lösung: Gips. Es dauerte ein paar Wochen, bis aus der vagen Idee eine Dämmplatte namens Liquid Pore wurde, die sich auf der Baustelle genauso leicht verarbeiten lässt wie jene aus Styropor oder Mineralwolle - aber fast unschlagbare Vorzüge aufweist.

Liquid Pore ist einfach und billig zu produzieren. Man braucht dazu weder große Fabriken noch Spezialisten. Das flüssige Gipsgemisch fließt zum Erkalten in eine Form und lässt sich bereits eine Viertelstunde später nach Wunsch zuschneiden.

Das größte Pfund, sagen Thomas und Mertens, ist jedoch die weit überlegene Ökobilanz ihrer Gips-Dämmplatte. Gerade mal ein Kilo CO2 wird bei der Herstellung eines Quadratmeters Liquid Pore freigesetzt. Bei Mineralwolle sind es vier, bei Styropor sogar 14 Kilo. "Wenn Sie ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit Styropor dämmen, werden dafür 3000 Kilo CO2 in die Luft geblasen", sagt Mertens. "Da brauchen Sie ewig, bis Sie das durch Energiesparen wieder reingeholt haben." In puncto Wärmedämmung muss sich Liquid Pore nicht verstecken: Nachdem das Athe-Therm-Verwaltungsgebäude gipsgedämmt worden war, halbierte sich der Erdgasverbrauch.

Den Unterschied spüren die Bewohner der isolierten Häuser unmittelbar. Dem Raumklima in einem luftdicht verpackten Haus muss man häufig mit einer teuren Lüftung abhelfen, von Begleiterscheinungen wie Schimmelpilz ganz abgesehen. Luftdurchlässiger Gips bringt dagegen gutes Raumklima frei Haus.

Die Gipsplatte funktioniert wie eine Membran. Im Winter speichert sie selbst bei Frost die Sonneneinstrahlung auf der Fassade und gibt die Wärme nach innen ab. An heißen Sommertagen wird die Wärme im Gips gespeichert. Erst nach Stunden - wenn es draußen wieder abgekühlt ist - durchdringt sie die Dämmplatte. In einem styroporgedämmten Dachgeschoss ist es da längst heiß wie in einer Sauna.

Die Speicherfähigkeit des billigen Dämmstoffs macht ihn interessant für heiße Länder. "Bei zehn Zentimetern Dämmung und einer 24 Zentimeter dicken Betonwand dauert es zwölf Stunden, bis die Innentemperatur um ein Grad steigt", rechnet Mertens vor. "In der Zeit können Sie zwei Drittel der Elektroenergie für Klimaanlagen sparen."

Tanja Thomas ist schon mit mehreren Fertighausherstellern im Gespräch, die ihre Häuser bislang mit Styropor verpackt haben. Die Dämmstoff-Fabrikanten bräuchten sich keine Gedanken zu machen, wie viel sie für das Gips-Patent zahlen wollen. "In Liquid Pore steckt so viel Potenzial", sagt sie. "Egal, ob 10, 20 oder 100 Millionen - wir sind nicht zu kaufen."-

www.liquid-pore.net