Die Aufregungsmaschine

Ein Skandal ist immer gut. Zumindest für die Auflage von Zeitungen, die über ihn berichten. Frank Berberich und Thilo Sarrazin haben erlebt, dass es dabei nicht unbedingt um Argumente geht.




- Im vergangenen Jahr machte Frank Berberich die Erfahrung, wie es ist, ungewollt einen kleinen Medien-Skandal auszulösen. Berberich, Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Lettre International", hatte den ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin interviewt. Und der attackierte nicht nur die Subventionsmentalität der Berliner Landespolitik: "In Berlin saß ein verfetteter Subventionsempfänger, der durch Entzugsschmerzen erst wieder an die Wirklichkeit gewöhnt werden musste." Sondern er beschrieb zudem, dass sich türkisch- und arabischstämmige Einwanderer schlechter integrieren als zum Beispiel Ostasiaten, und verlangte Ersteren größere Integrationsleistungen ab: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue Kopftuchmädchen produziert."

Das Echo war gewaltig, das Sarrazin-Interview wurde skandalisiert, dem Politiker unterstellte man Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Dabei zitierten die Medien in der Regel aus dem umfangreichen Interview nur einige aus dem Kontext gerissene, zugespitzte Formulierungen und Reizvokabeln ("Kopftuchmädchen"). Je aufgeregter die Skandalmaschine lief, desto weniger ging es um Sarrazins Argumente. Insgesamt war ein Lehrstück über den Medienbetrieb zu besichtigen, in dem die Aufregung allzu oft über die Vernunft siegt.

brand eins: Haben Sie mit der Medien-Erregung gerechnet, die Ihr Sarrazin-Interview ausgelöst hat?

Frank Berberich: Die Dimension der Skandalisierung hat uns völlig überrascht. Sarrazin schien uns ein interessanter Gesprächspartner zu sein, weil er zwei Dinge verbindet: ökonomische Kompetenz und Insider-Wissen um das Funktionieren der Berliner Verwaltung. Die Bereitschaft, aus der Binnenperspektive eines Machtapparats zu erzählen, ist ja eher selten.

Das Gespräch ist dann auf Seite 197 eines Schwerpunktheftes zum Thema Berlin erschienen. Wir haben es weder auf dem Cover angekündigt, noch besonders darauf hingewiesen. Wir haben das Heft kurz vor Erscheinen an die Deutsche Presse Agentur (dpa) und etwa 30 Zeitungsredaktionen geschickt. Die dpa hat eine Meldung zu dem Berlin-Heft gemacht, danach eine weitere pointierte Meldung zu dem Sarrazin-Interview. Kurz darauf erschien die »Bild«-Zeitung mit der Schlagzeile "Sarrazin beleidigt Berliner Türken".

Vor allem die Boulevard-Medien des Springer-Verlages haben einen Skandal dann regelrecht inszeniert, sie haben eine Bühne geschaffen für ein Drama mit Sarrazin als Hauptfigur. Er wurde zu einer Mischung aus Ekel Alfred und Robin Hood stilisiert. Eine »Bild«-Schlagzeile lautete: "Ist Thilo Sarrazin ein Wahr-Sager oder ein Hass-Prediger?" Sinn des Dramas war aus Sicht der Springer-Strategen ein Hochputschen der Emotionen, die zwischen Identifikation und Verurteilung hin und her schwankten, um die erregte Neugier des Publikums täglich mit neuem Material zu beliefern, Auflage zu machen und den Skandal ökonomisch abzuschöpfen. Dieses Drama lieferte den Boulevard-Zeitungen über drei Wochen hinweg jeden Tag Stoff, mit immer neuen Drehungen und Akteuren. An einem Tag: "Erfolgreiche Türken für Sarrazin." Am nächsten Tag: "Türken gegen Sarrazin."

Medien stehen in Konkurrenz um die Aufmerksamkeit des Publikums. Führt das dazu, dass ein Thema immer seltener analysiert und stattdessen auf seinen Sensationswert hin ausgebeutet wird?

Die Argumente und Fakten, die Sarrazin vorgebracht hat, wurden aus ihren Zusammenhängen gerissen. Reizvokabeln werden isoliert und als Erregungslieferanten benutzt. Das Ganze wird im Internet weiter aufgeheizt. Das Kalkül eines Großverlages, der mit der Erregung Auflage und Geld macht, verbindet sich mit dem Jagdinstinkt der Journalisten auch anderer Verlage. Es wird zum Halali geblasen, und jeder will den Hirsch, den Protagonisten des Dramas, als Erster zur Strecke bringen.

In unserer Redaktion klingelte über Tage permanent das Telefon. Man konzentrierte sich auf Sarrazins zugespitzte Formulierungen, teilweise, um damit Politik und Stimmung zu machen, teilweise aus Naivität. Der Journalismus ist inzwischen voller unbedarfter Leute, voller Ehrgeiz, aber ohne Anspruch.

Viele Journalisten, die mit mir über Sarrazins Äußerungen reden wollten, hatten das Interview überhaupt nicht gelesen. Als ich bei solchen Anfragen darum gebeten habe, das komplette Interview gelesen zu haben und mir dies per E-Mail zu bestätigen, bevor man mich dazu interviewte, haben einige Journalisten, vor allem von Radiosendern, ihre Anfragen zurückgezogen. Sogar diese minimale Zeit zur Vorbereitung war ihnen zu viel. Sie fanden es offenbar völlig normal, mich zu etwas zu befragen, von dem sie nur ein paar Skandalfetzen kannten.

Benutzen Politiker provokante Formulierungen und Skandalmechanismen nicht auch ihrerseits gezielt, um mit ihren Themen durchzudringen? Ein Beispiel: In der Diskussion um das Betreuungsgeld für Eltern sagte der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, das Geld werde in der Unterschicht nur "versoffen", es komme den Kindern nicht zugute. Die Folge: Aufregung über seine Wortwahl. Später erklärte Buschkowsky, dass er bewusst drastisch formuliert habe, um die nötige Aufmerksamkeit zu erzielen. War das bei Sarrazin ein ähnliches Kalkül?

Sicherlich. Er sagt ja selbst: "Die Medien lieben es, wenn Krach ist." Hätte er moderater formuliert, hätte er keine Aufmerksamkeit bekommen. Das ist der fatale Mechanismus einer nicht sachorientierten, sondern an Schlagzeilen und Sensationen orientierten Öffentlichkeit. Wie Skandale instrumentalisiert werden und die politische Auseinandersetzung ersetzen, sieht man in Nordrhein-Westfalen, wo die SPD - wie es jede Partei bei Gelegenheit versucht - zwei kleinere Aufreger, nämlich Rüttgers Sponsoring-Affäre und Westerwelles "spätrömische Dekadenz" für eine Negativ-Kampagne nutzt, um die Landtagswahlen zu gewinnen. Die Skandalisierung ist hier ein Mittel zum Machterwerb.

Was treibt Sarrazin zu seinen kalkulierten Regelverstößen, die ihm regelmäßig Ärger bescheren? Eitelkeit? Lust an der Provokation?

Ich kann hier nur Vermutungen anstellen, glaube aber, dass Sarrazin eher aus einer Art Verantwortungsgefühl heraus argumentiert. Er benennt etwas, das viele, wenn auch mit Unbehagen, verdrängen - zum Beispiel, dass es für diese Gesellschaft langfristig zu einem massiven Problem werden kann, wenn viele türkische und arabische Migranten noch in der zweiten und dritten Generation die deutsche Sprache kaum beherrschen.

Früher hat die Linke Sprachkompetenz und Ausbildung als wesentliche Voraussetzung sozialer Emanzipation verstanden; Political Correctness ist einmal zum Schutz der wirklich Schwachen entstanden, heute wird sie mehr und mehr zur bequemen Ideologie eines Juste Milieu. Eine schwammig gewordene Multi-Kulti-Ideologie dient zur Zementierung eines schlechten Status quo.

Im Vergleich dazu vertritt Sarrazin geradezu aufklärerische Positionen. Wenn 30 bis 40 Prozent der türkischen Migranten keinen Schul- oder Berufsabschluss machen, muss man sich doch fragen, was das für deren Kinder und für diese Gesellschaft auf Dauer bedeutet. Man akzeptiert aufgrund einer falsch verstandenen Toleranz, dass sich ein soziales Milieu der Depravierten verfestigt. Wenn man diese Probleme verdrängt, werden rechte Populisten sich der Thematik annehmen und damit Machterfolge erringen, wie in Italien, Frankreich, Dänemark und den Niederlanden. Der eigentliche Skandal ist nicht, was Sarrazin gesagt hat, sondern es sind die Zustände, die er benennt.

Gab es in der Debatte nicht auch Stimmen, die Sarrazin und seine Argumente verteidigten?

Ja, zunächst aber nur wenige, etwa Hans-Olaf Henkel, Ralph Giordano, Henryk Broder. Dagegen standen Reaktionen bis hin zu dem Wahnsinn, dass der Generalsekretär des Zentralrats der Juden Sarrazin mit Hitler verglichen hat. Damit war der Tiefpunkt der Debatte erreicht. Der überwiegende Tenor war, dass Sarrazin gegen die guten Sitten und die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der Political Correctness verstoßen habe.

Die von der Political Correctness gefilterte Sprache verdeckt die Wirklichkeit, sie ersetzt Neugier, Wahrnehmung und die Beschreibung von Realitäten durch aufgeladene Klischees. Wenn sich Hans-Christian Ströbele mit Claudia Roth vor einem türkischen Gemüseladen ablichten lässt und fordert, dass man die deutsche Nationalhymne auf Türkisch singt, ist das vielleicht politisch korrekt und bringt den Grünen ein paar Wähler türkischer Herkunft, aber es ist keine Auseinandersetzung mit den von Sarrazin benannten Problemen. Diese rhetorischen Inszenierungen sind für mich Zeichen von Unbeholfenheit und Unernsthaftigkeit.

Dienen die Reflexe, mit denen jemand wie Sarrazin moralisch diskreditiert wird, schlicht der Selbstvergewisserung? Genießt man, wenn man Sarrazin als Ausländerfeind abstempelt, das Gefühl der eigenen moralischen Überlegenheit?

Man bestätigt sich die eigene Toleranzfähigkeit, indem man die stilisierte Figur Sarrazin verdammt. Ein exorzistisches Ritual, bei dem das Problem praktischerweise mit ausgetrieben wird. Ähnliche Ersatzhandlungen gab es bei den Angriffen auf Westerwelle, bis man nach dessen Rückkehr aus Lateinamerika auf die Idee kam, zu fragen, wen Frank-Walter Steinmeier oder Joschka Fischer denn auf ihre Reisen mitgenommen haben. Parvenühaftes Verhalten findet sich auf allen Seiten.

Wurde Sarrazin in der sehr erregt geführten Debatte inhaltlich, sachlich widerlegt?

Ich habe mich mit dem Wissenschaftler unterhalten, der in den vergangenen Jahren die umfangreichste empirische Studie über türkische Migranten in Deutschland vorgelegt hat, Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (siehe brand eins 10/09). Klingholz sagte, fast alles, was Sarrazin inhaltlich vorbringe, treffe in der Sache zu.

Was in der gesamten Debatte fehlt, ist ein unverstellter und freimütiger Umgang mit den Realitäten. Der Berliner Senat beispielsweise hat offenkundig kein großes Interesse an Transparenz auf diesem Gebiet. Es gibt in Berlin keine öffentlich zugänglichen Erhebungen über den Zusammenhang zwischen Migration und Delinquenz, das Gleiche gilt für die Verbindung von Migrationshintergrund und Schulerfolg. Der Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch, der über Migration und Delinquenz öffentlich sprechen wollte, bekam einen Maulkorb und darf Einladungen zu Fernseh-Talkshows nicht annehmen. Das sind bewusste De-Thematisierungen, die die Wirklichkeit verdecken, denn sie machten klar, dass der selbstgefälligen Integrations-Rhetorik der Stadt keine Realität entspricht. Derartige Zensurpraktiken laufen auf die Infantilisierung einer demokratischen Öffentlichkeit hinaus.

Es gibt, etwa bei Jürgen Habermas, die emphatische Vorstellung, bürgerliche Öffentlichkeit sei der Ort, an dem sich eine Gesellschaft über ihre Interessen, Konflikte, Probleme und Ziele mit sich selbst verständigt. Im Austausch der Argumente und Interessen im "herrschaftsfreien Diskurs" soll, so Habermas, Vernunft entstehen. Sie beschreiben am Beispiel der Sarrazin-Debatte, wie einerseits die Skandalisierungs-Spiele der Boulevardmedien, andererseits die Sprachverbote der Political Correctness die öffentlichen Auseinandersetzungen prägen. Dabei entsteht wohl kaum Vernunft.

Die Debatte wird irrational geführt. Hinzu kommt etwas anderes: Die politische Öffentlichkeit hat sich neu konfiguriert.

Politiker werden zunehmend zu Darstellern in Talkshows. Ein einflussreicher neuer Typus hoch bezahlter Journalisten ist entstanden: Anchormen, Talkmaster, Showmaster, Journalisten-Produzenten, dahinter die Programmverantwortlichen; ihr finanzieller Status ist höher als der eines Politikers, nicht wenige verdienen das Vielfache eines Ministers oder einer Bundeskanzlerin. Sie entscheiden, ob jemand auf der Medienbühne auftritt oder nicht.

Damit entscheiden sie aber auch über mediale Präsenz, Prominenz und Erfolg. Diese Gruppe kontrolliert zunehmend den Zugang zur Bühne. Für die Einschaltquote sucht man die Gäste vorwiegend unter Aspekten einer Unterhaltungs-Dramaturgie aus. Wichtig für die Quote ist nicht, komplexe Sachverhalte zu analysieren, sondern eine gute Show zu liefern. Sportler, Schauspieler, Adlige, Models, Manager, Gewerkschaftsführer, Politiker vermischen sich hier zum wechselseitigen Vorteil und bilden eine Kaste der Prominenz, das Produkt der Verwertungskette von Medien, Werbung, Prominenten und Konsumenten. Es geben immer dieselben Gesichter aus dem immer gleichen Talkshow-Reservoir den Ton an.

Diese Medien-Prominenz beherrscht die Öffentlichkeit mit ihrem Tingeltangel von morgens bis abends mit einer früher undenkbaren Penetranz. Das macht ernsthafte Debatten substanzieller Fragen in einer breiten Öffentlichkeit nahezu unmöglich. -

"Lettre International" ist eine in mehreren europäischen Ländern erscheinende liberale Kulturzeitschrift. Derzeit erscheint "Lettre" in Italien, Rumänien, Spanien, Ungarn, Dänemark und Deutschland. Die deutsche Ausgabe hat Frank Berberich 1988 gegründet und leitet sie seither als Chefredakteur und Geschäftsführer. Die Autoren der Zeitschrift sind international renommierte Künstler, Schriftsteller, Sozialwissenschaftler und Philosophen. Die Internetadresse: www.lettre.de