Abschied von den alten Ketten

Ihre Vorfahren waren noch Sklaven, ihre Eltern Bauern oder Tagelöhner. Sie selbst gehören zur neuen Kabuler Elite: Afghanistans Randgruppe, die Hazara, erobern die Mittelschicht. Ihr Erfolgsrezept: lernen, lernen, lernen.




- Filmwissenschaften. Ausgerechnet. Dabei ist Ali Karimi nur ein afghanischer Bauernsohn. Seine Eltern sind Analphabeten, die nie eine Schule besucht haben. Sie gehören zur Minderheit der Hazara, die bis vor wenigen Jahren in Afghanistan wie Aussätzige behandelt wurden und als Karrenschieber oder Tagelöhner dienten. Vor gut hundert Jahren wurden sie noch als Sklaven verkauft. Und was macht der Sohn? Studierte Filmwissenschaften und lehrt als Assistenzprofessor an der Kunstfakultät der Universität Kabul.

"Mein Vater riet mir, den Verwandten zu erzählen, dass ich Literatur studiere", sagt der jungenhafte Dozent. Der 24-Jährige trägt das Hemd lässig über den Jeans und sitzt auf einer Parkbank auf dem Kabuler Campus, weil er seinen älteren Bürokollegen durch das Interview nicht bei der Arbeit stören will. Unter Filmwissenschaften stellten sich seine Eltern die Bauchtanzsendungen vor, die um Mitternacht im Kabelkanal laufen. Und zum Stichwort Kunst fielen ihnen nur die Trommelspieler auf Dorfhochzeiten ein, die am Ende den Kopf und die Beine des Opferlamms als Lohn mitnehmen dürfen. Als Karimi im dritten Studienjahr eine Zeitschrift für Filmkritik herausgab, waren sie erleichtert: Ihr Sohn, dachten sie, sei ein Schriftsteller.

Doch warum nicht Arzt oder Ingenieur, der direkte Weg aus der Armutsfalle? "Weil man als Arzt unsichtbar bleibt", sagt er. Künstler und Sozialwissenschaftler seien dagegen öffentliche Figuren, politische Führer. Die im Fernsehen aufträten und den gesellschaftlichen Diskurs vorantrieben. "Die Hazara sind lange genug namenlose Hilfsarbeiter und Kriegsopfer gewesen."

Ali Karimi ist kein Einzelfall. Wie keine andere Volksgruppe des Landes drängen Hazara in die Schulen und Universitäten. Mit der Intervention des Westens 2001 öffnete sich ihnen erstmals ein Fenster zur Gleichberechtigung. Diese Chance haben sie genutzt. Heute belegen Hazara bei den Hochschulzugangsprüfungen regelmäßig die vorderen Plätze. Die Eltern sind Analphabeten, die Kinder steigen in die junge Kabuler Elite auf.

Dabei standen ihre Bildungschancen schlecht, wie Karimis Beispiel zeigt. Der Koran war das einzige Buch im Elternhaus. Weder seine Eltern noch die Nachbarn konnten lesen. Seine Vorbilder waren Kriegshelden. Seine Grundschule war ein zugiges Zelt ohne Stühle. Und auf dem Gymnasium wurde er von wirren Mullahs unterrichtet. Nichts von alldem hielt ihn vom Lernen ab.

Um das zu verstehen, muss man zunächst Kobra Karimi kennenlernen, die Mutter. "Trink", befiehlt die pummelige Frau und stellt zwei Gläser Joghurt mit Dill auf den Boden. "Trink. Sonst verdurstest du." Das Zimmer ist kahl. An der Wand aufgereiht die bescheidenen Reichtümer der Familie: ein Ventilator, ein Fernseher und ein Computer, der von Häkeldecken gegen den Staub geschützt wird. Das Haus steht in Herat, einer Stadt im Westen des Landes. Genauer gesagt im Hazara-Stadtteil Jebrael.

"Früher dachte ich, nur Schafe seien wichtig", sagt Kobra Karimi. Es habe zwar eine Koranschule jenseits des Flusses gegeben, aber nur der Khan, der Großgrundbesitzer, habe seine Kinder jeden Tag zum Unterricht durch die Strömung tragen lassen. Einmal habe eine seiner Töchter versucht, ihr, dem Schäfermädchen, ein paar Buchstaben beizubringen. Doch wahrscheinlich hielt Kobra sie für eine eingebildete Schnepfe. Jedenfalls sagt sie jetzt: "Ich habe mir gewünscht, dass der Wind alle Blätter wegbläst."

Kobra Karimi mag zwölf Jahre alt gewesen sein, als die Sowjetunion 1979 mit ihrer Armee einfiel. Schulen wurden zum Symbol der Besatzung, ihre Ablehnung ein Akt des Widerstandes. Die Mullahs warnten, dort würden die Kinder zu Ungläubigen erzogen. Unverheiratete Töchter seien besonders gefährdet. Deshalb, sagt Frau Karimi, sei sie mit 14 verheiratet worden und nach Nuqra gezogen, etwa 30 Kilometer entfernt.

Ihr Mann, der Weizenbauer war und heute einen Lieferwagen fährt, habe ihr nicht erlaubt, einen Alphabetisierungskurs zu besuchen. "Männer wollen Frauen, die nicht lesen können, damit sie nicht allein zu ihren Eltern fahren können", sagt sie. Askar Karimi hat dem Gespräch bislang unbeteiligt gelauscht. Neben seiner resoluten Frau wirkt er müde und schmächtig. Ihrem Vorwurf stimmt er ohne Ausreden zu: "Ich wollte nicht, dass die Männer auf der Straße deine Schönheit sehen."

All das änderte sich Anfang der achtziger Jahre, als die Karimis - wie 2,5 Millionen andere Afghanen - vor dem Krieg in den Iran flüchteten. Vor allem für die schiitischen Hazara, die Glaubensbrüder, öffnete der Mullahstaat gern die Grenze. Im Exil wurden aus den Bauern städtische Lohnarbeiter, die auf einer Teheraner Blumenplantage arbeiteten. Schulbesuch war im Iran selbstverständlich, auch für Mädchen. "Wir sahen, dass das Leben mit dem Kugelschreiber besser ist", sagt Kobra Karimi. Bildung bekam plötzlich Bedeutung. Fortan erträumte sie sich für ihren Sohn ein Leben als Beamter.

Doch als sie ihr ältestes Kind, Alis Schwester, in einer Grundschule anmelden wollte, wies man sie ab. Es würden nur Kinder zugelassen, sagte der Direktor, deren Eltern lesen und schreiben könnten. Kobra Karimi hat die Demütigung nicht vergessen. "Ich fühlte mich erniedrigt", sagt sie. Noch in derselben Woche schrieb sie sich für einen Alphabetisierungskurs ein. Nicht um lesen zu lernen, dafür war keine Zeit, sondern "nur für das Papier". So begann der Kampf der Karimis für die Bildung ihrer Kinder.

Wenn Verbote vor allem Neugier wecken

Seit Kurzem lernt auch die neunfache Mutter das Alphabet. Ihre vom Brotbacken und Wäschewaschen muskulöse Hand umklammert einen Bleistift, mit dem sie Buchstaben in ein Schreibheft malt. Ihr Sohn glaubt, sie lerne schreiben, weil sie nun, ohne die Kinder, mehr Zeit habe. Doch sie selbst sagt: "Ich komme bald in eine andere Welt, in der viele Fragen gestellt werden." Es klingt, als sei der Tod eine Art Examen. Aber das neue Wissen bringt ihr Vorteile im Leben. Sie könne Hochzeitseinladungen lesen, das Praxisschild des Arztes und den Fahrpreis im Bus. "Seitdem kostet es nur noch die Hälfte", sagt sie.

Das Leben ihres Sohnes hat mit alledem nichts zu tun. Seine Gedanken kreisen um Susan Sontag, Walter Benjamin und den slowenischen Philosophen Slavoj Zizek. Seine Schultern sind nicht krumm wie beim Vater. Im Gespräch sucht er den Blickkontakt, schaut nicht zu Boden. Nur sein Pass erinnert daran, woher er kommt. Geburtsjahr 1985, steht da. Tag und Monat sind nicht ausgefüllt. Geburtstage haben nur seine jüngeren Geschwister. Ali Karimi hat sie als Schuljunge auf die letzte Seite des Korans geschrieben, wie es gewöhnlich das Oberhaupt der Familie tut.

"Alef, Beh, Peh", ruft ein Lehrer in der Grundschule von Nuqra, in die er nach der Rückkehr seiner Familie aus dem Iran 1992 eingeschult wurde. "Alef, Beh, Peh", schreien die Schüler im Chor. An Blechpulten eingeklemmt, sitzen sie in kleinen Räumen. Von allen Seiten lärmt es. Wer hier etwas lernen will, muss es wollen. Als Karimi die Schule besuchte, gab es zunächst nur ein paar Zelte.

In der Ferne sind kleine Ansammlungen von Lehmhäusern zu sehen, vor denen das Heu trocknet. "Unsere Schüler kommen aus fünf Dörfern der Umgebung", sagt der Lehrer Gholam Nabi Haidary. Obwohl nur in einem davon mehrheitlich Hazara wohnten, seien sie doch in der Überzahl. Seine Erklärung: "Weil ihre Eltern mehr auf Bildung achten." Selbst die Dorfältesten hielten die Jugend nun zum Lernen an, weil das der einzige Weg sei, "sich unersetzlich zu machen", sagt Haidary. Viele tadschikische Eltern dagegen schickten ihre Kinder lieber zur Arbeit, damit sie Geld für den Unterhalt ihrer Familie verdienten.

Hier im staubigen Nuqra, wo es bis heute keine Elektrizität gibt, hätte Ali Karimis Bildungskarriere leicht auch ihr Ende finden können. Die nächste weiterführende Schule liegt im 30 Kilometer entfernten Herat. Der einzige Bus fährt erst morgens um acht und kehrt mittags um ein Uhr schon wieder zurück.

Deshalb schickten die Eltern ihren Sohn mit 13 Jahren in die Stadt. Weil sie ihm kein Geld für ein Zimmer geben konnten, zog er in eine mit Spenden finanzierte Koranschule. In der Frühe um halb vier Uhr ging er beten, anschließend studierte er islamische Schriften. Er las Bücher mit Titeln wie "Religion ist kein Opium", nannte seinen Lehrer "Meister" und achtete darauf, dass er immer den richtigen Abstand zu ihm hielt. Seine Mutter schickte täglich ein Fladenbrot mit dem Bus und manchmal etwas Geld für Stifte. Schiitische Koranschulen gehörten zur sozialen Infrastruktur der Hazara-Bürgerkriegspartei Hezbe Wahdat, die vom Iran unterstützt wurde. "Die Bücher, die wir zu lesen bekamen, versuchten die Absurdität westlicher Philosophie nachzuweisen", sagt Ali Karimi. Das hat seine Neugier nur verstärkt. Mit 15 las er Karl Marx.

Der stellvertretende Leiter der zweistöckigen Jafaria-Koranschule, Mahdi Qaemi hat im Iran Theologie studiert und sich nun an der staatlichen Universität für Jura eingeschrieben. Von seinem Büro aus blickt er in einen blank geputzten Innenhof und die schmucklosen Zehn-Quadratmeter-Zimmer, die sich je vier Schüler teilen. Am wichtigsten aber ist ihm sein Fotoalbum. Es zeigt gut angezogene junge Männer und Frauen mit Plastikblumen an ihrem ersten Arbeitstag. Daneben stehen in Handschrift die Namen führender Unternehmen, Organisationen und Behörden. Die Jobs hat ihnen Qaemis Nachwuchsförderprogramm für Hazara beschafft, in dem Führungsqualitäten, rhetorische Fähigkeiten und Wahlkampfstrategien trainiert werden. Und dann will er noch das Video mit den Auftritten seiner Schülerin zeigen, die erfolgreich für den Provinzrat kandidiert hat.

Der Mullah hat seine eigene Erklärung, warum Karimis Generation, die während der Talibanherrschaft aufwuchs, es so weit gebracht hat. Angst, Hunger und Entbehrung hätten auf ihre Art dafür gesorgt, dass sie besser lernten, sagt er. "Sie haben sich auf die Bücher konzentriert, um alles andere zu verdrängen." Damals, 1998, hingen auf öffentlichen Plätzen Leichen an Pfählen. Hazara wurden gezielt inhaftiert und deportiert. Karimi lernte sunnitische Gebete auswendig, um nicht als Schiit erkannt zu werden.

Wenn Benachteiligung den Ehrgeiz weckt

Einmal waren Inspektoren des Regimes in das Enqelab-Gymnasium gekommen, das er am Nachmittag besuchte. "Ich verdeckte meine Nase mit dem Ende meines Turbans und hielt den Kopf gesenkt", erinnert sich der Wissenschaftler, als er sein altes Klassenzimmer wiedersieht, mit den orangefarbenen Wänden und zerbeulten Blechpulten. "Nachdem die Inspektoren gegangen waren, fragte mich mein Lehrer: ,Bist du ein Hazara?' Noch bevor ich antworten konnte, schrie die ganze Klasse: ,Ja, ist er!'"

Der Mann unterrichtet heute nicht mehr hier. Nach dem Sturz der Taliban entließ der neue Direktor 53 von 73 Lehrkräften, weil ihnen die nötige Qualifikation fehlte. Das Gymnasium ist heute eine Vorzeigeanstalt mit engen Kontakten zu britischen Partnerschulen und gepflegten Gemüsegärten im Innenhof. Die Benachteiligung habe ihn beim Lernen angespornt, sagt Karimi. Was auch daran liegen mag, dass er mit seiner Wut nicht allein war. Die Hezbe-Wahdat-Partei hatte sich zu einer starken ethnischen Sammelbewegung in Afghanistan entwickelt, die gleiche Rechte für Hazara forderte. Auf seinem Computer finden sich neben den Klausuren seiner Studenten auch Propagandavideos von Häuserkämpfen der Hezbe-Wahdat-Miliz. Der Kameramann sei ein mutiger Filmemacher gewesen, sagt der Filmwissenschaftler. In dem Streifen wird auch der Wahdat-Führer Abdul Ali Mazari gezeigt, dem die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch Kriegsverbrechen vorwirft. Doch Karimi sagt, für ihn sei er ein Vorbild.

Nach dem Sturz der Taliban wurde den Afghanen eine Demokratie versprochen. Nicht ethnische Zugehörigkeit werde fortan über den Zugang zu Bildung und Jobs entscheiden, sondern Leistung. Für wenige klang dieses Versprechen so verheißungsvoll wie für Afghanistans verfolgte Minderheit. "Bis dahin kamen Hazara nur auf Eliteschulen, wenn sie sich als Tadschiken ausgaben", sagt Niamatullah Ibrahimi vom Crisis States Research Center an der London School of Economics. "Die Einführung der Chancengleichheit hat selbst in entlegenen Dörfern einen Bildungsenthusiasmus entfacht." Intellektuelle, die während der sowjetischen Besatzung studiert hatten und bis dahin als Kommunisten verschrien waren, wurden plötzlich zu Vorbildern.

"Hazara-Eltern ermutigen ihre Kinder so sehr zum Lernen, dass die sich schuldig fühlen, wenn sie keine guten Noten und Preise nach Hause bringen", sagt Aziz Royesh, der Direktor der angesehenen Marefat-Privatschule in Kabul. Der Druck zeigt Wirkung: Die Hazara-Provinzen Bamiyan und Daikondi erreichten bei den zentralen Hochschulzulassungsprüfungen 2008 und 2009 die höchsten Erfolgsquoten, obwohl sie zu den rückständigsten Regionen des Landes zählen und manche Schulen dort zum ersten Mal eine 12. Klasse entließen. "Viele investieren in Privatkurse, um sich auf den Test vorzubereiten", sagt Ibrahimi.

Mit Erfolg. In diesem Jahr belegten Hazara-Bewerber die Plätze eins bis drei. Offizielle Zahlen über die ethnische Herkunft afghanischer Studenten gibt es - aus guten Gründen - nicht, aber es gebe Fakultäten, in denen inzwischen mehr als 40 Prozent der Studierenden Hazaras seien, schätzt Ibrahimi und warnt zugleich vor einer Überbewertung solcher Bildungserfolge. Denn längst haben Nationalisten das Thema für sich entdeckt und daraus einen Emanzipationsmythos mit chauvinistischen Untertönen gezimmert. Mag sein, dass auch dies manch einen Schüler motiviert.

Ali Karimi wollte eigentlich Mullah werden. Das war bis 2001 die prestigeträchtigste Position, die er in seiner Gemeinschaft erreichen konnte. Als US-Truppen die Taliban stürzten und westliche Hilfsorganisationen ins Land strömten, wurden Englisch- und Computerkenntnisse zu wichtigen Aufstiegsvoraussetzungen. Am meisten aber interessierte er sich für etwas, das bis dahin streng verboten war: bewegte Bilder. "Ich war ein virtueller Analphabet", sagt der Filmwissenschaftler. Seinen ersten Spielfilm habe er in den Wirren nach dem Ende der Taliban gesehen, als überall in den Straßen Musik gespielt wurde und Elektronikläden, die jahrelang Weizen und Burqas verkauft hatten, nun wieder Fernseher ins Schaufenster stellten. Zwei Jahre später schrieb sich Karimi in den neuen Studiengang Filmwissenschaften ein. Seine Kinokritiken in einer Kabuler Tageszeitung finanzieren heute die Vorbereitung seines jüngeren Bruders Hassan auf die Uniprüfung.

Und die Eltern? Die sind inzwischen in die Stadt gezogen. Weil es in Nuqra keine Mädchenschule und kein Gymnasium gab. -