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Von Löwen und Frauen

Der französische Kosmetikhersteller Clarins vertraut ganz auf die Kraft der Familie – und will damit weltweit zur Nummer eins aufsteigen.




- Vielleicht lag es ja am Sternzeichen. Ganz bestimmt sogar. Folgt man Christian Courtin, der sich viel mit Astrologie beschäftigt, kann es kaum eine andere Erklärung geben. Sein Vater Jacques war nämlich Löwe. Und für einen in diesem Sternzeichen Geborenen, der am liebsten sein eigener Herr ist und dazu einen Hang zum Luxus hat, lag es nahe, seine eigene Firma zu gründen. Eine, die selbstverständlich Luxusprodukte herstellt. Seit inzwischen mehr als 50 Jahren und erfolgreich dazu. Nummer eins in Frankreich, Nummer eins in Europa. Die Nummer eins weltweit ist das große Ziel. Dabei ist das Unternehmen eher klein, nicht einmal an der Börse notiert. Besser gesagt: nicht mehr. Die Familie allein, die Erben Jacques Courtins, bestimmt, wo es langgeht.

Dem Alter zuliebe: Jungbrunnen aus der Tube

Courtin? Nie gehört? Wenn Christian Courtin neue Bekannte auf Anhieb wissen lassen will, mit wem sie es zu tun haben, hängt er an den Namen, der in seinem Pass steht, einen zweiten an. Den Firmennamen, von dem viele ohnehin glauben, es sei der eigentliche Familienname. "Christian Courtin-Clarins", stellt sich der ältere der beiden Söhne des Gründers und heutige Aufsichtsratsvorsitzende des französischen Kosmetikherstellers dann vor. Clarins, ja, das sagt den Menschen etwas. Der in signalroten Versalien auf weißem Hintergrund gedruckte Schriftzug fehlt in keiner Parfümerie, die etwas auf sich hält. Jedes vierte Luxus-Hautpflegemittel, das in Frankreich verkauft wird, ist ein Clarins-Produkt. In Europa beträgt der Marktanteil 16 Prozent. Im Anti-Age-Zeitalter, in dem niemand mehr so alt aussehen will oder darf, wie er oder sie tatsächlich ist, verkaufen sich die in Döschen und Tuben abgefüllten Verjüngungskuren besser, als Jacques Courtin, der Pionier, es sich je hätte erträumen können.

Der Sohn lässt auf sich warten. Der Name verpflichtet. Erst als der Visagist Pinsel und Quasten eingepackt hat, glänzende Stellen an Stirn und Nase überdeckt und das strahlende Blau der Augen hervorgehoben sind, bittet der 60-Jährige den Besuch in sein Büro. "Ich bin praktisch in einem Creme-Topf aufgewachsen", erzählt er gut gelaunt. Kosmetik, Make-up auch für Männer, das sei wieder im Kommen. "Da bewegen wir uns in die Zeit Ludwigs XIV. zurück." Gut für Clarins.

Neuilly-sur-Seine im Herbst 2010. Hier, im Pariser Nobelvorort, hat Clarins seinen Sitz. Der Chef nimmt es ernst mit der Corporate Identity. Die Stühle um den Konferenztisch in seinem Büro sind mit rotem Leder bezogen, ebenso der Sessel hinter dem Schreibtisch. Zu seiner Linken ein Bild mit roten Herzen. Zu seiner Rechten ein schlichtes weißes Bücherregal. Mehrere Fächer sind für Familienfotos reserviert. Virginie und Claire, die beiden erwachsenen Töchter aus erster Ehe. Seine zweite Frau mit der knapp vier Jahre alten Tochter. Christian Courtin oder CCC, wie er sich der französischen Vorliebe für Abkürzungen gemäß auch nennt, mit seinem jüngeren Bruder Olivier. Der Arzt kümmert sich um die Forschung und die Finanzen im Unternehmen. Und natürlich Fotos von Jacques.

Nach dem Tod des Firmengründers im März 2007 spekulierte die Börse wild auf die Übernahme von Clarins. 23 Jahre lang war ein Drittel des Unternehmens am Kapitalmarkt. Den großen Rest hielt die Familie Courtin. Zuletzt betrug der Jahresumsatz knapp eine Milliarde Euro, der operative Gewinn lag bei gut 100 Millionen Euro. Zu klein, zu wenig profitabel, mäkelten die Analysten, sahen aber ob der edlen Hautpflegeprodukte und der zu Clarins gehörenden Marken Azzaro und Thierry Mugler große Konkurrenten wie L'Oréal, Estée Lauder, Shiseido oder auch die französische Puma- und Gucci-Mutter PPR in Lauerstellung. Schließlich kam es anders. Die Courtins kauften die Minderheitsanteile für rund 800 Millionen Euro und nahmen Clarins von der Börse.

Das Unternehmen habe dadurch an Handlungsfreiheit zurückgewonnen, sagt CCC und atmet tief durch. So, als erlebe er selbst die Erinnerung daran noch wie die Lockerung eines Würgegriffes. "Die Börse hat uns behindert, langfristig zu denken. Die Industrie hat da ausschließlich Gewinn zu machen. Gewinn und noch mal Gewinn. Wir sollten neue Produkte pünktlich zur Präsentation der Quartalsergebnisse vorstellen, obwohl die Forschung vielleicht noch gar nicht ausgereift war. Die Analysten haben gefragt, warum wir nicht in China produzierten. Da sei es doch viel billiger. Die haben nichts verstanden. Das entspricht nicht dem Charakter von Clarins. Wir stellen unsere Produkte in Frankreich her und bringen sie auf den Markt, wenn wir meinen, dass sie perfekt sind."

Geforscht wird in Pontoise. Die Kleinstadt liegt rund 40 Kilometer nordwestlich von Paris. Im nahen Industriegebiet gehören Clarins 60 000 Quadratmeter Fläche mit eher schmucklosen grau-braunen Flachbauten. Dafür brauchte Jacques Courtin das Geld, als er Clarins 1984 an die Börse brachte. Im Innern wähnt man sich fast wie in einer Zuckerbäckerei kurz vor Weihnachten. Nicht zufällig heißt das Labor in Pontoise firmenintern einfach "Küche". In Tiegelchen und Töpfchen garen bonbonbunte, zähe Flüssigkeiten auf Herdplatten. Automatische Rührgeräte mixen leise summend geheimnisvoll klingende Ingredienzen wie Transgel 110 oder Aerosil R 973. Zwischen meterlangen Reihen aus kleinen Glasbehältern, in denen Pasten von Blassrosa bis Grellrot und von Hellbeige bis Dunkelbraun auf ihre Temperatur- und Lichtbeständigkeit getestet werden, sitzen Angestellte in weißen Kitteln über Rezepturen gebeugt. 80 Forscher arbeiten auf drei Stockwerken. Bei Clarins nennt man sie "Findende".

Caroline Opel ist eine von ihnen. Sie tüftelt gerade an einem Lipgloss, das völlig transparent aus der Tube kommen, auf der Haut aber binnen Sekunden einen zartrosafarbenen Schimmer entwickeln soll. "Ich habe schon als Kind am liebsten an Mamas Schminktisch gespielt", sagt die Chemikerin und lacht. "Hier arbeite ich unter Bedingungen, von denen andere nur träumen können." Ein Limit für das Forschungsbudget gibt es bis heute nicht. Auf der Anrichte neben ihr stehen vier Plastikbehälter mit einer Pampe in Weiß, Ocker, Rot und Schwarz. In einer anderen Umgebung könnte man das für Schuhcreme oder Fingerfarben halten. In einem exakten Mischungsverhältnis, bei dem selbst die vierte Stelle hinter dem Komma zählt, wird bei Clarins daraus Make-up.

Ein paar Räume weiter hält sich Bernard Lenech mit konzentriertem Gesicht abwechselnd drei mit Parfüm bestäubte Duftstäbchen unter die Nase. Auf zweien befindet sich der Referenzduft eines bereits entwickelten Parfüms, auf dem dritten Spuren einer eben eingetroffenen neuen Lieferung, die für eine Körperlotion verwendet werden soll. "Es darf nicht die kleinste Abweichung geben", sagt Lenech. "Eine Kundin, die ein Produkt seit Jahren benutzt, würde nie akzeptieren, dass es plötzlich anders riecht."

Erst wenn alle Parameter stimmen, springt die Produktion an. Mindestens neun Monate dauert die Entwicklung eines neuen Produktes, mal auch bis zu zehn Jahre. Für die Handcreme Jeunesse des Mains, seit 1977 auf dem Markt, ließ Jacques Courtin 151 verschiedene Formeln prüfen. Erst mit der 152. war er zufrieden.

Die Hautpflegeprodukte, die 70 Prozent des Umsatzes ausmachen, werden in Pontoise hergestellt und abgefüllt, Parfüms in Straßburg. 150 Millionen Einheiten rollen allein in Pontoise jedes Jahr vom Band, gefüllt mit 7400 Tonnen Cremes, Lotionen, Gels, Make-ups, Pudern oder Lippenstiften. Aus der genauen Rezeptur macht Clarins ein mindestens so großes Geheimnis wie Coca-Cola aus den Zutaten für seine Brause. Nur so viel wird verraten: Die "Findenden" können aus rund 1000 einzelnen Zutaten wählen. In jedem Produkt befinden sich etwa 30.

Bei Clarins wird auf die Verwendung von Pflanzenextrakten geachtet, die, wie etwa die Blätter des Affenbrotbaums, die Haut vor schädlichen Umwelteinflüssen schützen oder Entzündungen heilen. "Wenn ich in ferne Länder reise", erzählt Christian Courtin, "frage ich die Menschen dort als Erstes, welche Pflanze sie gegen Schnittwunden verwenden." Als ruheloser Schütze ist der Mann qua Bestimmung der Sterne häufig unterwegs und bringt von weit her Tinkturen mit, die in Pontoise auf ihr Potenzial geprüft werden. Eine firmeneigene Charta verpflichtet das Unternehmen aber dazu, nur solche Pflanzen zu verwenden, die in so ausreichender Menge nachwachsen, dass den Bewohnern der Ursprungsländer kein Schaden entsteht.

"Erfolg zu haben ist ganz einfach", wusste bereits Jacques Courtin. "Es reicht, den Frauen zuzuhören und ihnen zu geben, wonach sie verlangen." Er ist neun Jahre alt, als er beim Hausaufgabenmachen im Wohnzimmer seines Elternhauses im nordöstlichen 20. Arrondissement von Paris ein Gespräch seiner älteren Schwester Geneviève mit deren Freundinnen belauscht. Die Teenager klagen über überflüssige Pfunde, zu große oder zu kleine Oberweiten und Oberschenkel, die in den nächsten Sommerferien auf gar keinen Fall am Strand entblößt werden können. Der Junge, der an Lese- und Rechtschreibschwäche leidet, sich aber seit den ersten Schultagen für Biologie interessiert, malt jedem der Mädchen spezielle Gymnastikübungen auf, mit denen sie ihr Problem zumindest abmildern können. Später, als Medizinstudent, lernt er die Verzweiflung von Patientinnen kennen, die nach schweren Operationen entstellende Narben behalten und von den Chirurgen weder Verständnis noch Hilfe erfahren. Ästhetik, das ist in den ersten Nachkriegsjahren ein Metier für Scharlatane, und hinter einer Tür mit der Aufschrift "Schönheitssalon" verbirgt sich nicht selten ein Bordell.

Was Spitznamen stark macht: Gefühl

Jacques Courtin wagt es dennoch, sich genau in dieser Grauzone zu etablieren. Zuerst mit einem Institut für medizinische Kosmetik im vornehmen 8. Pariser Arrondissement. Auf Wunsch seiner Patientinnen, die die Behandlungen auch zu Hause fortführen wollen, bietet er schließlich Cremes, Lotionen und Öle an.

Das Unternehmen Clarins wird am 15. März 1954 gegründet. Courtin wählt die Signalfarbe Rot, da die auch im Straßenverkehr für größte Aufmerksamkeit sorgt. Über den Namen muss er nicht nachdenken. "Clarins" hatte ihm Glück gebracht und war sein Spitzname geworden: So hieß der Gefängniswärter in einem Schultheaterstück über die Christenverfolgung zur Zeit der Römer. Jacques Courtin, der Legastheniker, spielte den textarmen Clarins, der die Löwen heimlich fütterte, damit sie, satt und träge geworden, die Christen in der Arena verschonten. Die Römer kamen ihm allerdings auf die Schliche und warfen ihn den Löwen vor. Doch die Raubtiere erkannten ihren Wohltäter und taten ihm nichts. "Clarins, Clarins!", riefen die Zuschauer genau wie die Mitschüler am nächsten Tag auf dem Pausenhof. Der scheue Junge, wegen seiner Schwäche gehänselt, war plötzlich wer.

Jahre nach der Firmengründung, als Clarins seine Expansion ins Ausland startete, betrat ein weiterer Löwe die Bühne in dieser Familiensaga: Das französisch näselnde Clarins klang beinahe wie Clarence. So hieß der schielende Löwe in der populären Fernsehserie "Daktari".

Als Clarins 1984 an die Börse ging, betrug der Jahresumsatz 250 Millionen Francs (ca. 38 Millionen Euro). 20 Jahre später waren es 26-mal so viel: rund eine Milliarde Euro. Heute beschäftigt die Firma etwa 6000 Mitarbeiter in mehr als 150 Ländern. "Jacques Courtin allein hat fertiggebracht, wofür meine Familie sieben Generationen brauchte", sagt der französische Geschäftsmann Vincent Bolloré voller Anerkennung. Das will etwas heißen, gilt Bolloré doch als einer der meistgefürchteten Investoren Frankreichs. Der Wunsch nach beinahe ewig währender Jugend, die von Werbung und Medien vervielfältigte Maßgabe, die heute 40-Jährigen seien die neuen 30-Jährigen, hat Parfümerien und Kosmetikabteilungen der Kaufhäuser mit Anti-Age-Produkten überschwemmt und für riesige Umsätze gesorgt, selbst in der Krise. Wer heute auf sein wahres Alter geschätzt wird, ist selbst schuld, lautet die rund um den Globus verbreitete Botschaft.

"Wir bewegen uns natürlich auch ein bisschen in diesem Kreis. Dazu stehen wir auch", sagt Christian Courtin. "Ich glaube aber nicht, dass wir Druck ausüben. Ja, wir haben einen Typ Frau vor Augen, der auf sich achtet. Jemanden, der kokett ist und auch sich selbst gefallen möchte. Das ist eine positive Haltung."

Die Hoffnung auf eine straffere, jugendliche Haut, nahezu faltenfrei und ohne unnötige Fettpolster älter zu werden, verfängt selbst bei Skeptikern. Wer wollte schon behaupten, er hätte nicht zumindest versucht, gegen die Zeichen der Zeit zu kämpfen? Nach den Frauen, die mit Konturen formenden Lotionen, Wasser entziehenden Gels oder einem sogenannten Multi-Lamellins-System gegen die Ermüdungserscheinungen eines stressigen Alltags umgarnt werden, sind auch bei Clarins die Männer an der Reihe. Unter anderem mit "Abdo Fermeté", das einen Waschbrettbauch verheißt, etwas sportliche Betätigung vorausgesetzt.

In unabhängigen Untersuchungen schneiden solche Produkte von Clarins wie auch von seinen hochpreisigen Konkurrenten häufig miserabel ab. Nicht nur, dass sie oft nicht hielten, was sie versprachen - die so aufwendig erforschte Handcreme " Jeunesse des Mains" etwa erhielt bei der Stiftung Warentest eine glatte Fünf, da sie Pigmentflecken nicht reduziere und allenfalls mittelmäßig zur Feuchtigkeitsanreicherung der Haut beitrage.

Laut "Öko-Test" enthält die 2009 als revolutionäre Neuentwicklung lancierte "Multi Active Jour"-Tagescreme neben billigen synthetischen Schmierstoffen, die sich schlecht in die Haut integrieren, auch polyzyklische Moschusverbindungen - künstliche Duftstoffe, die sich im menschlichen Fettgewebe und der Muttermilch anreichern. Darüber hinaus listeten die Tester Duftstoffe auf, die Allergien auslösen können, sowie Triclosan, das vom Bundesinstitut für Risikobewertung ausschließlich zur Verwendung in Kliniken und Arztpraxen empfohlen wird. Der Stoff steht nämlich im Verdacht, Bakterien gegen Antibiotika resistent zu machen.

Was in jeder Anti-Falten-Creme steckt: Hoffnung

Solche Kritik beeindruckt Christian Courtin nicht. "All diese Magazine mögen keine Luxusprodukte", sagt er gelassen. "Sie tendieren stets dazu, Massenware den Vorzug zu geben oder solchen Produkten, die in Apotheken verkauft werden. Ich bin hundertprozentig von der Qualität unserer Erzeugnisse überzeugt."

Der Preis, das räumt er ein, entscheide nicht allein über die Qualität. Schon sein Vater, der Kosmetik "demokratisieren" und "beste Qualität so vielen Kunden wie möglich" bieten wollte, habe damit ein Problem gehabt. "Ja, es gibt Produkte, die teurer sind, als sie es eigentlich sein müssten. Aber das liegt auch an den Kundinnen und an den Vertriebskanälen", sagt CCC. "Wenn wir morgen ein außergewöhnliches Produkt zu einem niedrigen Preis anbieten wollten, würde es sich nicht verkaufen. Die Kundin lässt sich auch vom Preis in ihrer Wahl bestätigen."

Nadine hat ätherische Essenzen im Raum versprüht und leise Musik eingelegt. Das Clarins-Schönheitsinstitut in München, das einzige in Deutschland, wo eigens von der Firma ausgebildete Kosmetikerinnen arbeiten, befindet sich im Erdgeschoss des noblen Preysing Palais. 120 Euro kostet die 90-minütige Behandlung, an deren Ende man sich an kaum etwas erinnern, aber so wohl und ausgeruht fühlen wird, als hätte man tief geschlafen. Alpha-Zustand nennt Clarins diesen Wach-Schlaf-Zustand, den Nadines Hände herbeigeführt haben, während sie Peelings, Masken und Cremes auf Gesicht und Dekolleté verteilte. Schon 1954 hat Jacques Courtin einen Großteil der mehr als 80 Massagegriffe entwickelt, die noch heute die Wirkung der Produkte vertiefen und den Dämmerzustand herbeiführen sollen.

Noch etwas benommen, ersteht man für mehr Geld, als man je für Kosmetika ausgeben wollte, ein Mittel gegen ein paar Falten, die schon lange stören. Nach vier Wochen Anwendung sind sie immer noch da. Aber Hoffen kann ja nicht schaden. -