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Stadt der guten Hoffnung

Problemkinder landen oft bei Pflegeeltern. In Hope Meadows gibt es ein ganzes Dorf für sie. Und davon profitieren alle, die dort leben - eine große Familie.




- Der Anruf kam aus dem Krankenhaus von Urbana-Champaign, und sie sagten, es sei ein Junge. Sechs Tage alt, die Mutter Prostituierte und drogenabhängig, der Vater Alkoholiker, zurzeit im Gefängnis. Hoffnungsloser Fall. Sonny war das neunte Kind des Paares, dem auch diesmal das Sorgerecht entzogen wurde. Sie erinnert sich, dass sie kaum den Telefonhörer halten konnte, so habe ihre Hand gezittert. Die Knie weich, das Herz schwer. Sie musste sich setzen. Sie wusste, was kommen würde. "Sie sagten: 'Miss Laws, wir haben niemanden, der das Baby nehmen kann. Können Sie morgen vorbeikommen?'"

Jeanette Laws sitzt in der Bibliothek im Intergenerational Center 1 von Hope Meadows, 1601 Fairway Drive. Eine kleine, robuste Frau. Vor dem Fenster taumeln gelbe Blätter im Herbstwind. Die Nächte schon kühl, der Winter nicht mehr weit. Wie vor zehn Jahren, als sie überlegte, ob sie Sonny holen sollte. Sie war 56, das Department for Children and Family Services (DCFS), das Sozialamt, hatte ihre Telefonnummer, weil sie bereits 16 Pflegekinder betreut, drei von ihnen sogar adoptiert hatte. Kaisha, damals 13, kam gerade in die Pubertät, schwierige Phase; Percy, 12, verstand nicht, warum er nicht bei seiner "richtigen 'Mom' leben durfte", worauf er zunehmend aggressiver reagierte; und da war Angelo, 2, das große Sorgenkind.

Angelo, Sonnys Bruder, war zwölf Monate alt, als er zu Laws kam. Auch er war im Mutterleib Heroin, Crack und Alkohol ausgesetzt gewesen. Laws hat Tränen in den Augen, wenn sie beschreibt, wie Angelo unter Entzugserscheinungen litt. Wie er die Tage verbrachte in Apathie und rasender Wut. Wie er nachts schrie, schwitzte, fror, sich schüttelte, schwitzte, fror. Angelos Schmerzen wurden ihre Schmerzen. "Und nun würde ich das alles noch mal durchmachen. Konnte ich das? Wollte ich das?"

Eine Patchwork-Familie im großen Stil

Hope Meadows ist eine kleine Kommune am Rand der Kleinstadt Rantoul im US-Bundesstaat Illinois. Amerikanisches Eigenheimglücksland. Einstöckige Doppelhaushälften mit Giebeldach, gepflegte Vorgärten zwischen sauberen Gehsteigen und stillen Straßen. Am Unabhängigkeitstag flattern Stars and Stripes am Fahnenmast, zu Halloween liegen beschnitzte Kürbisse auf der Veranda, zu Weihnachten sind die Fenster mit bunten Lichterketten geschmückt. Vor jeder Haustür ein Mittelklassewagen. Dabei ist Hope Meadows nicht, was es scheint. "Obwohl es auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist", hieß es in der "Illinois Times", "passiert hier etwas Bemerkenswertes."

Dies ist die Geschichte von Frauen wie Jeanette Laws, unverheiratet, keine leiblichen Kinder, die seit 16 Jahren Pflegekindern ein Zuhause gibt, bis sie entweder zu ihren Eltern zurückkehren oder adoptiert werden. Es ist die Geschichte von Ehepaaren wie den Calhouns, Kenny und Debbie, die eine leibliche Tochter haben und acht Adoptivkinder, deren Erziehung begleitet wird, wie Debbie erzählt, von "vielen schlaflosen Nächten". Und es ist die Geschichte von Senioren wie Miss Anita, die nach Hope Meadows zog, nachdem ihr Mann gestorben war; wie David und Carol Netterfield, die sich auf einer christlichen Website kennengelernt hatten, die noch einmal geheiratet hatten und nach Rantoul gingen, weil sie "im Alter etwas Sinnvolles tun" wollten; oder wie Mary Ann Daly, die sagt: "Was sollte ich in einem Altersheim mit lauter alten Knackern wie mir?"

Neun Familien mit 30 leiblichen, Pflege- und Adoptivkindern, dazu 50 Senioren leben in Hope Meadows. Die gemeinnützige Organisation Generations of Hope behandelt dabei ein Elternteil jeder Familie wie einen Angestellten, bezahlt 19 000 Dollar jährlich plus Krankenversicherung bei freier Miete. Die Senioren zahlen für ein Haus zwischen 300 und 350 Dollar Miete, etwa die Hälfte des ortsüblichen Preises, beinahe geschenkt, wenn man es mit den Vorstädten der Metropolen vergleicht. Dafür leisten sie pro Woche sechs Stunden gemeinnützige Arbeit. Babysitting, Nachhilfe, Kochen für die Eltern. Sie kümmern sich um die Gärten, helfen im Büro der Verwaltung, machen Telefondienst, bringen die Post weg. Mary Ann Daly sagt: "Wir machen, was anfällt, und sind nebenbei Omas und Opas für die Kids."

Generations of Hope beschäftigt fünf Angestellte, dazu zwei Psychologen. Sie haben in zwei Wohnhäusern sogenannte Intergenerational Center (IGC) eingerichtet, in denen die Kinder mit den Angestellten und Senioren basteln, spielen oder lesen, in denen sie Hausaufgaben machen oder an Computerkursen teilnehmen. Veranstaltungen werden auf einem gelben Aushang im Büro angekündigt. Jeden Donnerstag näht eine Gruppe von Alten Quilts für die Kinder. Jeden Freitag gibt es im IGC 1 ein Salatbüfett für alle Bewohner. Außerdem kostenlose Massagen und Komitees, die Feiern zu Geburtstagen, Thanksgiving oder Weihnachten organisieren. Sie machen Ausflüge in Vergnügungsparks oder, wie in diesem Herbst, zu einer Rentierfarm, mit Würstchenbraten und Heuwagenfahrten durch die Maisfelder.

Es ist, wenn man so will, Beschäftigungstherapie für Problemfälle. Etwa 100 000 Kinder werden in den USA jährlich zur Adoption freigegeben. 85 Prozent von ihnen leiden unter emotionalen Störungen; 30 Prozent weisen Verhaltens- und Entwicklungsstörungen auf; fast alle waren Vernachlässigung oder Ablehnung, körperlichem, seelischem oder sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Die Pflege- und Adoptiveltern, die mit diesen Kindern leben, sind der Herausforderung häufig nicht gewachsen; 75 Prozent vermissen die adäquate Unterstützung von Behörden und dem sozialen Umfeld. Und was alte Menschen in den USA angeht, spricht der Pensionistenverband American Association of Retired Persons (AARP) von einer "nationalen Epidemie" der Einsamkeit. Einer AARP-Studie zufolge sind 35 Prozent der Rentner chronisch einsam, fast doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. "Hope Meadows", sagt Brenda Eheart, "ist eine Geschichte von Problemen und Lösungen."

Urbana-Champaign. Shopping Malls, Parkplätze, Schnellrestaurants. Dazwischen das italienische Lokal Biaggi's. Brenda Eheart sitzt am Fenster vor einem Glas Rotwein. Eine schmale, herzliche Person mit Brille und lockigem Haar, die kleiner wirkt, als sie ist, und den Besuch zur Begrüßung fröhlich drückt. Als könnte sie es kaum erwarten zu erzählen, als wäre die Begegnung ein feierlicher Anlass. Hope Meadows ist die Geschichte ihres Lebens. Eines Lebens, das anders hätte verlaufen können. Eheart erzählt und erzählt: "Ich war verheiratet, hatte zwei Kinder, einen interessanten Beruf, ich wollte nie eine gemeinnützige Organisation leiten, ich wollte nie 80 Prozent meiner Zeit damit verbringen, um Geld zu betteln." Dass alles aber doch exakt so kam, lag an ihrer Ausdauer und an mehr als nur einigen glücklichen Zufällen: "Eigentlich ist es ein Wunder, dass es funktioniert hat. Ich kapierte anfangs doch gar nicht, worauf ich mich da eingelassen hatte."

Mitte der achtziger Jahre. Die Soziologin Eheart forscht an der University of Illinois in Urbana-Champaign und beschäftigt sich dabei mit den Auswirkungen von Crack. Die Droge grassiert in amerikanischen Großstädten, auch in Chicago, das zirka drei Autostunden nördlich liegt. Man nannte Crack den Tod unter der Schädeldecke, und Eheart musste feststellen, dass es mit den Menschen auch deren soziale und familiäre Strukturen so rapide wie radikal zerstörte. Jeden Monat musste das DCFS allein in Illinois 1000 Kinder in seine Obhut nehmen. Eheart beschreibt den Fall eines achtjährigen Jungen: "Er wurde von einem Sozialarbeiter und einem Polizisten mit einer Tasche voll Klamotten von der Schule abgeholt. Er hatte diese Männer noch nie gesehen. Das Heim, in das sie ihn brachten, hätte genauso gut auf dem Mond sein können. Und ich dachte: Meine Tochter ist acht. Wenn meinem Mann und mir etwas zustoßen würde - was würde ich mir für sie wünschen?"

Es war nur eine rhetorische Frage. "Ich musste etwas tun", sagt Eheart. Sie ging zum Sozialamt und sagte, sie wolle eine Kommune für Pflegekinder aufbauen, nach dem Vorbild der in Österreich gegründeten SOS-Kinderdörfer. Sie mag das Sprichwort: "Man braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen." Im Amt hieß es: "Kommen Sie wieder, wenn Sie Wohnungen und ein konkretes Konzept haben."

Einige Zeit später erfuhr Eheart, dass die 30 Kilometer von Urbana-Champaign gelegene Chanute Air Force Base stillgelegt und die Häuser der Piloten und Angestellten frei würden. Das Verteidigungsministerium machte ihr ein Angebot. "Sie hatten 84 Wohneinheiten, ich konnte entweder alle haben oder keine." Sie wollte maximal zwölf Familien einquartieren. "Ich wusste, mehr würde nicht funktionieren." Doch dann hörte sie einen Vortrag von Maggie Kuhn, der Gründerin der Gray Panthers. Die berichtete über ein ungewöhnliches soziales Projekt: Studenten zogen bei Senioren ein und erhielten für Pflegedienste Mietnachlass. Als sie dem Sozialamt ihr Konzept vorstellte, gaben sie ihr eine Million Dollar.

1994. Hope Meadows wird eröffnet. Jeanette Laws, damals Direktorin einer Schule für schwer erziehbare Jugendliche, ist eine der ersten Mieterinnen. Sie sagte zu Eheart: "Ich schaue mir das ein Jahr an, und dann entscheide ich, ob ich bleibe." Nach und nach kommen Familien wie die Calhouns. Laws erlebt Kinder, die nicht lachen können, die sich aus Angst, wieder abgeholt zu werden, nicht zum Spielen in den Garten trauen; da ist ein Junge, der keine Fürwörter kennt, weil er sich nicht als eigenständige Person begreift. So dramatisch sind die Geschichten, dass sie Journalisten stets bittet, die Namen der Kinder zu ändern, um ihre Identität zu schützen. Manche durchlaufen in zwei Jahren sechs, sieben, acht Pflegefamilien. Was auch daran liegt, dass Pflegekinder mitunter als Geschäft angesehen werden. In Illinois zahlt das Sozialamt 300 Dollar monatlich für die Betreuung, bei behinderten Kindern sind es bis zu 800 Dollar. Wer nicht funktioniert, wird entsorgt wie Möbel, die nicht passen.

Als das Jahr um war, sagte Laws zu Eheart: "Okay, ich bleibe, aber wenn ich es mache, dann richtig." Sie gab ihren Job auf, füllte das Haus mit Kindern. Und natürlich ist sie vor zehn Jahren ins Krankenhaus gefahren, um Sonny abzuholen. Als sie ankam, sagten die Ärzte, sie müssten eine kleine Schulung mit ihr machen. "Ich dachte: Oh Gott, Schulung - das hört sich nicht gut an", sagt Laws. Man führte sie auf die Station für Säuglinge. Kaum zu sehen zwischen Kissen und Deckchen: Sonny. Ringsum Schläuche, Monitore, überall piepste und blinkte es. "Die Ärzte sagten: 'Wenn sein Herz stehen bleibt, müssen Sie dies machen. Wenn er aufhört zu atmen, müssen Sie das machen.'" Sie nahm das Baby und fuhr zurück nach Rantoul. Ob sie konnte, war nicht mehr die Frage. Sie wollte. "Ich wusste", sagt sie, "ich kann ihm keine Reichtümer geben, aber ich konnte ihm Angelo, seinen Bruder, geben."

Nicht alle, die seit 1994 kamen, sind geblieben. Nicht alle sind für diese Art von Kommune geschaffen. Das Konzept ist unverändert. Elaine Gehrmann sagt: "Wir sind immer noch ein soziales Patchwork. Wir haben Schwarze, Weiße, Latinos, wir haben Jung und Alt, wir haben Gebildete und Ungebildete, Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft." Gehrmann ist die Direktorin in Hope Meadows und glaubt: "Wären diese Menschen nicht hier, sie würden sich nicht kennen, vermutlich auch nicht mögen, und sie würden ganz sicher nicht miteinander arbeiten und füreinander da sein." Was sie zusammenbringt? "Sie sind hier, weil sie hier sein wollen; sie wissen, was sie tun." So wie sie selbst, als Juristin und unitarische Pfarrerin. "Als Pflichtverteidigerin", sagt Gehrmann, "konnte ich Menschen nur bei ihren rechtlichen Problemen helfen, dabei sind diese nur Symptome größerer Probleme. Hier kann ich mich endlich um den ganzen Menschen kümmern."

Wer schon alles gesehen hat, sollte nach Hope Meadows fahren

Später Nachmittag, Sonnenschein, ein goldener Oktobertag. Kindergeschrei dringt vom Spielplatz hinter dem IGC 2. Silvio, Christopher und Lamar, zweieinhalb, vier und fünf Jahre alt, toben zwischen Rutsche, Klettergerüst und Sandkasten. Mittendrin ein großer grauhaariger Mann mit Mütze. Mister Bill, wie ihn alle nennen. Mister Bill dirigiert: "Christopher, komm hierher, wenn du mit dem Baseball herumschießen willst!" Mister Bill mahnt: "Lamar, komm runter vom Baum! Oder willst du, dass ich dich ins Krankenhaus fahren muss?" Mister Bill genießt seine Rolle. Wirft Bälle. Bindet Schnürsenkel. Wischt Rotz von Stupsnasen. Und nachher wird er mit den Jungs ins IGC 2 gehen, wo sie malen, Comicbücher lesen, "Shrek" auf DVD gucken. Gehrmann sagt: "Alle Kinder lieben Mister Bill." Mister Bill sagt: "Wenn die Kinder lachen, habe ich meinen Job gemacht."

Bill McCormick, Falten um die Augen, Lücken im Gebiss, ist 73. Er sagt, sein Leben sei "wild" gewesen. Auf viel Rente ist er damit nicht gekommen. Zuletzt war er Hilfsarbeiter in einer Fabrik für Autozulieferteile. Weshalb ihn die Calhouns, mit denen er befreundet ist, überredeten, nach Hope Meadows zu ziehen. Debbie Calhoun sagt: "Die Senioren geben uns Halt. Sie alle hatten selbst Kinder, sie können uns mit ihrer Erfahrung enorm helfen." Debbie Calhoun weiß, dass 60 Prozent aller Adoptivkinder in den USA zwischen 18 und 21 arbeitslos sind. Wenn alle Kinder aus Hope Meadows die Grundschule abschließen, nicht wenige, darunter auch die von den Calhouns adoptierten Kinder, später aufs College gehen, dann nicht zuletzt wegen Menschen wie Mister Bill.

Nicht, dass es einfach wäre. Mary Ann Daly sagt: "Man kommt hierher und denkt, du hast schon alles erlebt, aber dann triffst du auf diese Kinder und weißt, du hattest keine Ahnung." Sie erzählt von Kindern, die lügen und stehlen, die Erwachsene die Treppe hinunterstoßen. Jeanette erzählt, dass ihre Kinder alle irgendwann anfingen, "mich verantwortlich dafür zu machen, dass sie ihren biologischen Eltern weggenommen wurden". Phil Chmielewski kann sich das alles erklären. Chmielewski ist einer der beiden Psychologen, die in Hope Meadows arbeiten. Er spricht von Vertrauen und stabilen Beziehungen, von "positiver Zeit mit Erwachsenen, die nicht Eltern sind", die diese Kinder vermissten. Und davon, dass es die kleinen Dinge sind, die dabei wichtig seien. Das gemeinsame Glas Milch. Ein Besuch im Kino. Eine Einladung zum Geburtstag bei Pizza Hut. Und wenn es mal daheim Ärger gibt, trösten auch die alten Leute, erklären, vermitteln. Eheart sagt: "Sie sind unsere stillen Helden. Ohne die Senioren wären wir spätestens nach zwei Jahren am Ende gewesen."

Man muss sie nur beobachten beim Salatbüfett am Freitag. Sie sitzen, plaudern, tauschen mit den Müttern Kuchenrezepte aus, machen mit den Kindern Scherenschnitte. Einsamkeit? Nicht hier. Miss Anita, eine ehemalige Reisekauffrau, konnte nicht Auto fahren. Drei Wochen nachdem sie nach Hope Meadows kam, machte sie den Führerschein. Jetzt fährt sie mit den Teenagern nach Chicago einkaufen. David Netterfield, ein halbes Leben lang bei der Marine, sagt: "Man kann sich gar nicht vorstellen, wie wenig Zeit man hat, wenn man für andere da sein kann." Und Mary Ann Daly, früher Lehrerin und Bibliothekarin, erzählt: "Es ist tatsächlich wie in einer ganz normalen Familie. Du liebst sie, aber du ärgerst dich auch mal, du freust dich auf sie und bist doch froh, wenn du wieder deine Ruhe hast. Es ist der Platz, an den du gehörst, an dem jeder seine Nische findet." Die Direktorin Gehrmann sagt: "Sicher, das Dorf von früher gibt es nicht mehr, doch wer sagt, man könne es nicht auch auf diese Art zurückbringen?"

Die Gemeinschaft weiß sich immer zu helfen

Hope Meadows hat viele Schlagzeilen gemacht. Bereits 1996 berichteten die "Chicago Tribune" und die "New York Times", danach kamen die großen Fernsehanstalten N BC und CBS, 2000 schließlich widmete Oprah Winfrey, die Königin des TV-Talks, Hope Meadows und Brenda Eheart zwei Sendungen. Für Eheart gab es darüber hinaus zahlreiche Preise, Ehrungen und Stipendien gemeinnütziger Organisationen wie der H.J. Heinz Company Foundation. Heinz, das sind die mit dem Ketchup. Vor einigen Jahren spendierte die W.K. Kellogg Foundation - die mit den Cornflakes - Generations of Hope sieben Millionen Dollar, damit Eheart ihr Modell weiterverbreitet. In elf US-Bundesstaaten sollen schon bald vergleichbare Kommunen entstehen.

"Man kann", sagt Eheart, "das Konzept auch auf andere Problemfelder der Gesellschaft übertragen." Sie denkt an Drogenabhängige und Teenager mit Kindern; an Mütter, die aus dem Gefängnis kommen; sie denkt an Behinderte und an Senioren mit schweren Erkrankungen wie Down-Syndrom. Die Kosten wären überschaubar. Das Jahresbudget von Hope Meadows beträgt rund 700 000 Dollar, ein Drittel zahlt der Staat, ein Fünftel sind Mieteinnahmen, der Rest Spenden und Beihilfen. Gehrmann: "Bedenken Sie, was die Gesellschaft an Problemen und Geld sparen könnte." Die Senioren von Hope Meadows leisten im Schnitt pro Woche 274 Stunden gemeinnützige Arbeit, die jährlich 300 000 Dollar entspricht. Im Biaggi's schaut Eheart aus dem Fenster auf die betonierte Einöde der Einkaufs-Center. Und dann fragt sie: "Was ist sinnvoller: dass Senioren mit gemeinnütziger Arbeit bedürftigen Familien helfen und dafür einen finanziellen Vorteil bekommen oder Tüten packen bei Wal-Mart für Mindestlohn?"

Wenn es nach Eheart geht, weiß ein Dorf, eine Kommune, eine Familie sich immer zu helfen. Sie glaubt, der Mensch brauche den Staat weniger, als angenommen: "Wenn ich ein Problem habe, gehe ich doch auch erst zu meinem Partner, meinen Freunden, meinen Nachbarn. Wenn ich einen Therapeuten brauche, lasse ich ihn mir nicht von einer Behörde verordnen, sondern suche mir selber einen." Gehrmann sagt: "Wer sich all den Service, den Hope Meadows bietet, besorgen muss, der rennt von Amt zu Amt." Dummerweise, wendet Eheart ein, "sieht die Politik nicht, was Menschen alles von allein leisten können. Politiker denken nicht so, Beamte denken nicht so." Dabei bräuchten sie dringend Geld für ein Hope House, um ihre Senioren bis zum Tod betreuen zu können. "Nehmen wir nur Miss Irene", sagt Eheart. "Wo soll jemand wie sie denn jetzt noch hin?"

Miss Irene ist Hope Meadows' berühmteste Seniorin. Wann immer Reporter kamen: Alle wollten mit Irene Bohn sprechen, der ehemaligen Nonne. Doch nun mag sie nicht mehr. Sie lässt ausrichten, sie habe alles schon zu oft erzählt. Was nicht schlimm ist, weil jeder in Hope Meadows über Miss Irene erzählen kann. Jeanette Laws sagt, wenn Kaisha, die inzwischen 23 und selbst Mutter ist, zu Besuch komme, gehe sie zuerst zu Miss Irene. Genauso Percy, inzwischen 22, der an der Ostküste studiert. Kein Tag, an dem nicht Angelo und Sonny, die zwölf und zehn sind, bei der alten Dame vorbeischauten. Ihr die Zeitung bringen. Das neue Spielzeug vorzeigen. Laws sagt: "Miss Irene sagt, sie könne es sich nicht erlauben zu sterben. Sie müsse erst noch erleben, wie Sonny die Schule abschließt."

Miss Irene ist 86, und Sonny hat noch mindestens sechs Jahre Schule vor sich. Miss Irene hat ein gerahmtes Foto von Sonny im Wohnzimmer auf ihrem Fernseher. Jeanette erzählt, dieses Foto, das wisse sie schon jetzt, wolle sie mit ins Grab nehmen. Und sie weiß natürlich, dass alle dabei sein werden, wenn es so weit ist. Jeanette, die Calhouns, alle Eltern, alle Kinder, alle Senioren, Brenda, Elaine und Phil und alle, die zu Hope Meadows gehören. Die ganze Familie. -

Infos: www.generationsofhope.org/