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Schlafstadt Wolfsburg

Als die deutsche Wirtschaft in den fünfziger Jahren wieder zu wachsen begann, fehlte es an Arbeitskräften. Die holte sich Volkswagen aus Italien doch viele von ihnen hielten es nicht lange aus.




• Im Radio lief "Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein" von René Carol. Doch getanzt wurde in Wolfsburg meist ohne die Italiener. In den Vergnügungslokalen waren sie unerwünscht, obwohl die Deutschen sie dringend brauchten: Als Anfang der fünfziger Jahre die Wirtschaft Fahrt aufnahm, fehlten Arbeitskräfte. Bereits 1955 beschloss die Bundesregierung ein Anwerbeabkommen mit Italien.

Volkswagen baute besonders auf Kontakte der katholischen Kirche, die in Italien die Botschaft von gut bezahlter Arbeit im Autobau bis in die entlegensten Dörfer trug. Wer diesem Ruf folgte, wurde jedoch kühl empfangen. Es herrschte die Vorstellung, die Gastarbeiter sollten nur so lange aushelfen wie unbedingt nötig. Entsprechend unkomfortabel wurden sie untergebracht. 1962 beherbergte Volkswagen 4000 Italiener in Holzbaracken. Jeweils vier Männer teilten sich einen Raum mit Stockbetten, Tisch, Stühlen und einem Schrank. Schon bald lebten 6000 von ihnen in der Baracke. Das Gelände wurde umzäunt, der Eingang kontrolliert, Wachleute patrouillierten mit Schäferhunden. Mühe gab sich Volkswagen bei der Semantik: Das Wort "Lager" sei zu vermeiden, mahnte damals der Generaldirektor. Die Bezeichnung "Unterkünfte 'Berliner Brücke' dürfte allen Erfordernissen gerecht werden".

Die Italiener montierten im Werk den Käfer - und langweilten sich in der Freizeit. Nach Schichtende hingen sie in der Werkskantine ab oder spielten Karten. Die meisten hatten so gut wie keinen Kontakt zu Einheimischen. Die Hälfte verließ Deutschland bald wieder, manche schon nach Wochen. Erst 1970 beschloss Volkswagen, feste Behausungen zu bauen. Eine zweisprachige Schule für diejenigen, die blieben und Familien gegründet hatten, wurde in der Stadt erst in den neunziger Jahren eröffnet. Sie ist so üppig ausgestattet, dass sie mittlerweile Vorbild für andere Bildungseinrichtungen ist.

Fotos: © bpk / Benno Wundshammer