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Merkwürdigkeiten aus den Manegen des Managements: Der Treppenwitz der Transparenz

Wenn wieder einmal alles schiefgegangen ist, sollen alle Karten auf den Tisch gelegt werden. Ob Wirtschafts-, Banken- oder Unternehmenskrise - die Forderung nach Corporate Governance, Compliance, Ratings und gläsernen Fabriken folgt als Reflex. Aber vielleicht ist dieser nachhallende Ruf nach Transparenz eine zu durchsichtige Strategie?




- Den sogenannten Treppenwitz haben wir dem wichtigsten europäischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts zu verdanken: Diderot. Er bezeichnete damit geistreiche Gedanken, die jemandem einen Moment zu spät - also erst beim Hinausgehen auf der Treppe - einfallen. 1882 klärte dann William Lewis Hertslet über "geschichtliche Irrtümer, Entstellungen und Erfindungen" auf und entlarvte die Neigung, Ereignisse im Nachhinein anekdotisch auszuschmücken - das "Nach-Gesagte" dient oft der Verschleierung. Und so gesehen wird der Ruf nach mehr Transparenz selbst zum Treppenwitz: Man sucht die späte Antwort auf eine Frage, die selbst zu spät gestellt worden ist.

Drei Beispiele: Terror, Geldautomaten und Ratings

1. Terrornetzwerke und Schläfer: In den neunziger Jahren waren Netzwerke ein beliebtes Forschungsthema. Mit dem 11. September 2001 aber wurde offenbar, dass die Theorie mit der Praxis nicht viel zu tun hatte. Malcolm Sparrow hat in seiner Studie der "Kriminellen Intelligenz" drei systematische Probleme beschrieben: Erstens ist es für einen Beobachter unmöglich, alle Knoten und Verbindungen zu entdecken; zweitens ist schwer abzugrenzen, wer im Netzwerk ist und wer draußen. Und drittens sorgt die ständige Veränderung der Netzwerkstrukturen für eine schwer abzuschätzende Dynamisierung.

So sind Netzwerke weder zentral gründbar noch zentral zerstörbar - und wer sie zu durchschauen und zu bekämpfen verspricht, liefert kaum mehr als treppentraurige Rhetorik. Die in der Theorie relevante Rolle des Schläfers - als peripherer, vom Netzwerk selbst nahezu nicht beobachtbarer und adressierbarer Knoten - zeigt, dass Intransparenz effizienter ist.

2. Geldautomaten: Im Jahr 2002 brachte die "Sendung mit der Maus" einen Beitrag über den Aufbau eines Geldautomaten - eher Sach- als Lachgeschichte. Wer die Geräte knacken wollte, war bisher angewiesen auf: Gabelstapler, Rammböcke und Traktoren und - insbesondere in Schweden, aufgrund der privaten Besitzerlaubnis - Dynamit. Die "Sendung mit der Maus" veränderte in nur acht Minuten die Bankräuberei: Ab jetzt war die Gassprengung angesagt, erklärt durch ein entsprechendes Youtube-Video. Und nun? Uwe Krause, Marketingdirektor beim Marktführer Wincor Nixdorf, mit 500 Leuten in der Weiterentwicklung von Sicherungskomponenten aktiv, auf Nachfrage: "Maschinen haben Geheimnisse. Und die sollen nicht in der Zeitung stehen."

3. Ratings und Transparenz-Agenten: Dass sich in Deutschland Bafin und Bundesbank die Bankenaufsicht teilen, galt während der Krise so manchem Beobachter als "organisierte Verantwortungslosigkeit und Unzuständigkeit". Aber Versagen durch Transparenz fand auch andernorts statt. So lagen der US-Börsenaufsichtsbehörde (SEC) im Fall des Schneeball-Artisten Bernard L. Madoff mehr als sechs stichhaltige Hinweise in insgesamt 16 Jahren vor. Der Verdacht, dass Morgan Stanley für gute Ratings zu hohe Honorare erhielt, führte im September 2009 zur ersten Klage gegen Rating-Agenturen in New York. Und der französische Milliardenvernichter Jérôme Kerviel konnte die Transparenz seiner Risiken im Nachhinein durchaus belegen. Dennoch kommt es nun zu der von Michael Power beschriebenen "Audit Explosion" - einer metastasenartigen Kontrolle der Kontrolle mit neuen Bilanzierungsstandards, Kodices und Kontrollagenten.

Drei Thesen zur Transparenz: die Komplexitätsspirale

In der Physik wird Transparenz als die optische Fähigkeit von Materie beschrieben, elektromagnetische Wellen hindurchzulassen. So lautet die erste These, dass Transparenz nicht per se besteht - sie wird, wie bei Terrornetzwerken, Geldautomaten und Ratings, vom jeweiligen Beobachter kon struiert. Entsprechend der Heisenbergschen Unschärferelation ist die so entstandene Konstruktion abhängig von den einzelnen Elementen sowie den Beziehungen zwischen ihnen, aber auch von der Beziehung dieses Netzwerkes zum Beobachter selbst.

Eine zweite These beschreibt die Paradoxie von Komplexität und Transparenz. Komplexität liegt immer dann vor, wenn bei steigender Elementzahl und damit der Verbindungsmöglichkeiten von Elementen die Voll-Beobachtung nicht mehr möglich ist. Dies erzwingt eine Selektion von zu beobachtenden Elementen beziehungsweise Relationen. Diese Auswahl ist kontingent, das heißt weder notwendig noch unmöglich. Daraus entsteht abstrakt das Risiko, ob die "richtigen" Elemente und die "relevanten" Relationen beobachtet wurden. Wo aber derart ausgewählt werden muss, erhöht die Forderung nach Transparenz automatisch die Komplexität: Das Bedürfnis nach Transparenz entsteht durch Komplexität und scheitert daran. Transparenz wird bei Komplexität notwendig - und unmöglich.

Eine dritte These bezieht sich auf die Konsequenz des systematischen Scheiterns, wenn auf Komplexität die Forderung nach Transparenz folgt, nämlich auf die Unterscheidung zwischen "interessierter und unvermeidbarer Intransparenz". Menschen unterstellen gern absichtliche Heimlichkeit, eine bewusst fehlende Öffentlichkeit, aktives Verschweigen. Man geht davon aus, dass Korruption und Vorteilsnahme durch Intransparenz normal sind. Die systemische Normalität ist aber die "unvermeidbare Intransparenz".

Transparenz zweiter Ordnung: Manifest und Latenz

Wir brauchen also mehr Transparenz für Transparenz. Die bloße Forderung ist ein Abnicker - zumeist allerdings nachträglich geäußert und lediglich kommunikativ. Hier wird nun vorgeschlagen, die Unterscheidung von "Latenz und Manifestation" auf die Unterscheidung "Transparenz und Intransparenz" anzuwenden. Latenz verstanden genau als diese "Uneinsehbarkeit", als eine "Unmöglichkeit des Herstellens von Bewusstheit". Die Beobachtung der Latenz entsteht erst durch die Beobachtung eines blinden Flecks. Den aber sieht man nur dann, wenn man sehen will, was man nicht gesehen hat.

Was hilft das nun, wenn man es auf die Unterscheidung "Transparenz und Intransparenz" überträgt? Es lassen sich in einer Matrix vier Wissenstypen rekonstruieren: (1) manifeste Transparenz (öffentliche Informationssysteme wie Ratings /Rankings /Audits / TÜV etc.), (2) manifeste Intransparenz (interessiertes, komplex abgesichertes Geheimwissen), (3) latente Transparenz (aktivierbares Passivwissen z. B. über Datenbanken) und (4) latente Intransparenz (funktionales, strukturschützendes, also unproblematisches Nicht-Wissen).

Manifest der Latenz

Insbesondere die latenten Transparenzen und Intransparenzen haben - jenseits der moralisierenden Reflexe - eine handfeste Funktion: Sie schützen vor Überinformation und verhelfen zu unbewusstem und komplexitätsreduzierendem Systemvertrauen. Daher einige organisatorische Einsichten der Latenz in einer Transparenz-Gesellschaft:

1. Systemvertrauen - also das Vertrauen auf eine nicht selbst kontrollierbare Kontrolle durch Dritte - ist die zentrale ökonomische Ressource im Umgang mit Unbeobachtbarkeit.

2. Wird durch Intransparenz Unsicherheit absorbiert, sichert das die Entscheidungsfähigkeit in unsicheren und intransparenten Strukturen.

3. Latente Transparenz oder Intransparenz sind förderlich für notwendig Privates, Vertrauliches. Und auch wenn sie Krisen erzeugen können - sie sind ebenso ein Mittel, sie zu vermeiden.

4. Intransparenz entsteht oft durch Über-Transparenz oder, wie der Soziologe Niklas Luhmann formulierte, "in der Reproduktion von Intransparenz der Effekte durch die Transparenz des Wissens".

5. Nicht der Mangel an Transparenz, sondern der Mangel an Acht- und Aufmerksamkeit für das transparent Gemachte erzeugt Krisen, Korruption etc.

6. Im Wunsch nach Transparenz steckt der Wunsch, Kontroll-Probleme offenbar zu machen, etwa durch die Auditierung der Auditierer.

Zwei letzte Einsichten, um den immer gut ankommenden Ruf nach Transparenz zu relativieren: Ohne Intransparenz gäbe es keinen Anfang. Beziehungen wie auch Firmen entstehen nur, weil man noch nicht weiß, wie es ist und wird. Und Intransparenz rettet vor sich selbsterfüllenden Prophezeiungen, wie die Kapitalmarkttheorie belegt: So führt (richtige oder gerüchteweise) Transparenz von insolvenzgefährdeten Unternehmen zur Insolvenz.

Organisationen müssen also ihre Wahl zwischen Transparenz und Intransparenz selbst latent halten können. Die voreilige Erfüllung dauernder Transparenz-Ansprüche Dritter können Organisationen selbst zu einem Treppenwitz werden lassen. -

Prof. Dr. Stephan A. Jansen, Lehrstuhl Strategische Organisation & Finanzierung und Direktor des Civil Society Center (CiSoC) an der Zeppelin Universität und dort Gründungspräsident. Literatur Stephan A. Jansen, Eckhard Schröter, Nico Stehr (Hrsg.): Transparenz - Multidisziplinäre Durchsichten durch Phänomene und Theorien des Undurchsichtigen. Wiesbaden, 2010; hier S. 23-40 Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. VS-Verlag, 2004; hier 219 Seiten Robert K. Merton: Manifest and Latent Functions. In: Social Theory and Social Structure, Glencoe Ill, Free Press, 1957; S. 60-69 Michael Power: The Audit Explosion. London, 1994 Malcolm K. Sparrow: The Application of Network Analysis to Criminal Intelligence an Assessment of the Prospects. In: Social Networks, Nr. 13, 1991; S. 251-274