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Männersache

Sie existiert. Sie funktioniert. Der Bedarf ist unbestritten. Warum gibt es sie dann nicht, die Pille für den Mann?




- Die Pille für den Mann, das sind zwei Spritzen. Die beiden Injektionen in den Gesäßmuskel sind alle acht Wochen nötig. Professor Michael Zitzmann sagt, er habe gute Erfahrungen damit gemacht.

50 Paare betreut der Oberarzt derzeit für eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie des Universitätsklinikums Münster. Die Probanden sind Männer in festen Beziehungen, die sich alle zwei Monate von einer Krankenschwester zwei Spritzen geben lassen. Zu Beginn der hormonellen Umstellung klagten einige über Hitzewallungen oder Stimmungsschwankungen. In einer weiter zurückliegenden Studie sogar diejenigen, die nur ein Placebo erhielten.

Dass das Verfahren aber funktioniert, steht schon lange außer Frage. Diese Form der männlichen Verhütung sei "so sicher wie die Pille bei der Frau und verlässlicher als Kondome, das wurde in vielen Studien belegt", sagt Zitzmann. Der Mediziner hat Kaffee aufgebrüht und setzt sich lässig an seinen Schreibtisch. Er trägt T-Shirt statt Arztkittel und sagt Sätze wie: "Wissenschaftlich ist das Thema, was die Wirkweise angeht, erledigt." Erledigt im Sinne von erforscht und damit langweilig für ihn. Er will sich demnächst neuen medizinischen Aufgaben widmen. Ob das männliche Verhütungsmittel eines Tages auf den Markt kommt, sei nun die Entscheidung von Pharmakonzernen wie Bayer.

Spritze I

Im Jahr 2002 steigt Schering, Hersteller von Antibabypillen mit Namen wie Yasmin, mit großem Enthusiasmus in die Entwicklung der Pille für den Mann ein. Zusammen mit dem Unternehmen Organon mit Sitz in den Niederlanden und den USA wird eine umfangreiche Studie an 350 Männern aufgelegt, um einen entsprechenden Wirkstoff zu untersuchen. Damals ist in einer Pressemitteilung zu lesen, dass ein Produkt bis 2007 auf den Markt kommen könnte. Die Studie wird 2006 erfolgreich abgeschlossen, das Präparat wirkt zuverlässig. Im gleichen Jahr wird Schering von Bayer übernommen. 2007 zieht sich Bayer-Schering aus dem Projekt zurück. Im Jahr 2010 antwortet eine Konzernsprecherin auf eine Anfrage von brand eins zum Thema: "Mir liegen keine detaillierten Unterlagen zu dem Projekt vor. Und da es kein Projekt-Team mehr gibt, habe ich auch keine Quelle, bei der ich nachfragen könnte."

Bei der WHO in Genf lobt die zuständige Forscherin Kirsten Vogelsong wenige Tage später die "sehr aktive Zusammenarbeit" mit Bayer-Schering. Der Konzern überlasse der WHO für ihre Studien ein Testosteron-Präparat kostenfrei. Dieses wird auch in der aktuellen Studie eingesetzt, welche von Münster aus von Michael Zitzmann geleitet wird. Vogelsong berichtet, dass Bayer-Schering dafür auch Einblick in die Studienergebnisse erhält. Derzeit würde auch noch darüber verhandelt, wem überhaupt das Urheberrecht für die Ergebnisse dieser Studie zuzuschreiben sei: Bayer-Schering, weil es das Medikament bereitstellt, oder der WHO, da sie die Studie durchführt?

Die Frage, ob es die Pille für den Mann je geben wird, beantwortet sie ausweichend: "Wir wissen seit 30 Jahren, dass es weltweit einen großen Bedarf gibt." Schätzungsweise 120 Millionen Paare könnten sich die gängigen Verhütungsmittel nicht leisten oder vertrügen sie nicht. Vielen bleibe nur die Abtreibung. In Osteuropa sei dies noch immer die übliche Form der Geburtenkontrolle. Die Zahl der jährlichen Todesfälle wegen unsachgemäß durchgeführter Aborte wird auf 300 000 bis 400 000 geschätzt.

Aus China kommen derweil Gerüchte. Es wird gemunkelt, das Riesenreich verfüge bereits über ein Verhütungsmittel für Männer, dann wird wieder dementiert. Bekannt ist, dass das bevölkerungsreichste Land der Erde an einem Testosteron-Medikament forscht. Es durchlief 2009 eine klinische Studie der Phase III und wäre damit zugelassen. Für die Studie wurde die gesamte Belegschaft einer Fabrik rekrutiert. Mehr als 1000 Arbeiter erhielten alle vier Wochen eine Spritze, natürlich alle freiwillig.

Gut darin, Geheimnisse zu bewahren

Die Geschichte der Pille für den Mann ist auch ein Lehrstück über die Pharmabranche, in der Schweigen Gold ist. Und wo Projekte von Firmen begonnen werden, die es am Ende des Vorhabens nicht mehr gibt. "Die Verschwiegenheit bei Bayer wundert mich überhaupt nicht", sagt Douglas Colvard. "Die sind noch immer interessiert, auch wenn momentan nicht aktiv geforscht wird", so seine Deutung. Colvard ist Arzt und Deputy Director von Contraceptive Research and Development (Conrad), einer US-Organisation, die seit mehr als zwei Jahrzehnten weltweite Forschungsprojekte zur Verhütung bei Frauen und Männern initiiert und unterstützt. Die Geldgeber sind neben staatlichen Institutionen auch die Rockefeller-Stiftung und die Stiftung von Bill und Melinda Gates.

Conrad ist auch an der aktuellen WHO-Studie federführend beteiligt. In der Vergangenheit unterstützte man ebenfalls die Forschungen von Schering mit mehr als einer Million Dollar. Colvard spricht fast mit Wehmut von der optimistischen Stimmung zu Beginn des Jahrtausends, als sich Forscher aus aller Welt noch zweimal im Jahr bei Schering in Berlin zu Konferenzen trafen.

Warum das Interesse später abrupt nachließ, darüber kann Colvard nur spekulieren. Offiziell hieß es, dass die Wirksamkeit zwar bewiesen war, die Vermarktungsmöglichkeit einer Zweifachspritze allerdings fraglich schien. Für Colvard spielt die Übernahme durch Bayer eine wichtige Rolle: "Die haben das gesamte Portfolio von Schering infrage gestellt und nach kurzfristigen Vermarktungschancen neu ausgerichtet."

Es geht in der Pharmaforschung letztlich um das große Geld. Und das scheint mit der Pille für den Mann nicht zu winken. Colvard geht dennoch "definitiv" davon aus, dass es die Pille für den Mann eines Tages geben wird. "Angesichts der Bevölkerungsentwicklung ist Geburtenkontrolle die existenzielle Herausforderung für die Zukunft der Menschheit. Wir müssen unsere Fruchtbarkeit minimieren, um zu überleben", sagt er eindringlich. Die notwendigen Forschungen müssten Hochschulen leisten. "Wenn wir etwas Neues haben, werden wir aber wieder bei Bayer-Schering anklopfen."

Hart oder soft

In Münster zählen die Laborassistentinnen derweil fleißig Spermien unter dem Mikroskop. Die Männer bekommen bei ihren Besuchen nicht nur die beiden Spritzen verabreicht, sie müssen auch Proben von Blut, Urin und Sperma hinterlassen. Für Letzteres sind entsprechende Kabinen hergerichtet, in denen sich vielfältiges Filmmaterial anschauen lässt. "Hier den richtigen Geschmack zu treffen ist gar nicht so leicht", sagt Michael Zitzmann. Die einen beklagten sich über zu harten Stoff. Anderen sei er zu soft.

Vor den Untersuchungen sollen sich die Studienteilnehmer zudem zwei Tage in Enthaltsamkeit üben. "So gesehen, ist Montag stets ein unbeliebter Termin", sagt der Professor trocken. "Da liegt dann immer das Wochenende dazwischen, und das ist für die Paare schon doof."

Die Pille für den Mann basiert einerseits auf der Verabreichung des Hormons Testosteron. Da es im Magen augenblicklich zersetzt würde, kann es nur injiziert werden. Eine künstliche Erhöhung des Testosteronspiegels gaukelt der männlichen Samenproduktion dann vor, sie hätte den Job bereits erledigt. Die Produktion der Spermien kommt zum Erliegen, die Männer werden unfruchtbar. Zusätzlich wird das Hormon Gestagen verabreicht, das diesen Prozess noch verstärkt. Gestagene sind üblicher Bestandteil der gängigen Antibabypillen für Frauen. Bei Männern wird so eine massive Verringerung der Spermien erreicht. Die Damen im Labor von Professor Zitzmann zählen dann nur noch bis zu einer Million davon pro Milliliter.

Das Testosteron-Präparat stammt von Bayer-Schering. Es hört auf den schönen Namen Nebido und wird normalerweise männlichen Patienten verabreicht, die unter einer sogenannten Tes-tosteron-Mangelerscheinung (TMS) leiden. Die verschreibungspflichtige Arznei kostet 140 Euro je Ampulle.

Dass dieses Arzneimittel ebenso gut als Verhütungsmittel funktioniert, ist laut Zitzmann hinlänglich beschrieben. Das Wissen um die männliche Verhütung ist so weit gediehen, dass die Erkenntnisse sogar bei Wildtieren angewandt werden. Beim Versuch, die explosionsartige Vermehrung einiger Affenarten in Indonesien zu stoppen, wird mittlerweile mit in den Menschenversuchen erprobten Wirkstoffen praktiziert.

Seine aktuelle Studie, die neben den Paaren in Münster noch 150 weitere in aller Welt einschließt, widmet sich gerade der Akzeptanz dieses Verhütungsmittels. "Wir wissen, dass es wirkt", erläutert Zitzmann. "Was wir nicht wissen, ist, wie sich ein Paar und insbesondere die Frau damit fühlt." So klagten einige über eine gesteigerte Libido ihrer Partner. Andere beschwerten sich über das Gegenteil.

Zitzmann geht es vor allem darum, das Vertrauen der Frauen in die männliche Verhütung zu ergründen. Die ersten Ergebnisse lassen darauf schließen, dass vor allem in Asien und Südamerika die Akzeptanz sehr groß ist. In Italien und Großbritannien ist sie dagegen eher niedrig. Aus ähnlichen Studien ist bekannt, dass sich zirka 80 Prozent der befragten Männer und Frauen positiv zu einem männlichen Verhütungsmittel äußern.

Aber nur 40 Prozent der Männer nähmen es, wie auch nur 40 Prozent der Frauen darauf vertrauten, dass die Männer es nehmen. Die Erkenntnis hinter diesen Zahlen ist für Zitzmann eindeutig: "Die Pille für den Mann wäre eigentlich nur ein Produkt für Paare in festen Partnerschaften, um die Familienplanung nicht nur den Frauen zu überlassen."

Spritze II

Auch wenn in Versuchen eine Million Spermien pro Milliliter eine Schwangerschaft unmöglich machen, bleibt aus Sicht eines Pharmaunternehmens der Fakt von Bedeutung, dass theoretisch ein einziges Spermium ausreicht, um eine Eizelle zu befruchten. "Das Vorhandensein von einer Million Spermien bedeutete für uns daher noch immer eine ziemlich komplexe Situation", sagt Henk Jan Out. Er arbeitete beim damaligen Schering-Kooperationspartner Organon. Mittlerweile ist er bei MSD beschäftigt, nachdem Organon erst von Schering-Plough und Schering-Plough dann von MSD übernommen wurde.

Organon brachte damals ein sogenanntes Gestagen-Implantant in die Versuchsreihe ein. Ein Röhrchen, das unter die Haut gepflanzt wurde und die Spermienproduktion ebenfalls manipulierte.

"Wir wollten damals beweisen, dass die männliche Verhütung rein medizinisch funktioniert", sagt der Niederländer. Er spricht sachlich und nüchtern auch darüber, warum es Bedenken gegen eine Vermarktung gab. "Immerhin geht es darum, einem gesunden Mann ein Medikament zu geben, das ihn unfruchtbar macht, damit eine Frau nicht schwanger wird." Die Frau müsste der Wirksamkeit des Produktes vertrauen und gleichzeitig auch dem Mann. Der wiederum bräuchte die Sicherheit, dass er nach Absetzen des Präparats wieder zeugungsfähig würde. "Die Zulassung für so ein Medikament hätte Investitionen von mehreren Hundert Millionen Dollar bedeutet", sagt Henk Jan Out.

Man könnte sie auch in Lkw umrechnen, um eine Vorstellung von dem Kraftakt zu bekommen. Maik Pommer, Pressesprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn, sagt: "Wenn ein Arzneimittel zugelassen werden soll, rollen bei uns mehrere Lkw vor und laden jeweils bis zu fünf Holzpaletten ab, die 1,5 Meter hoch mit Papier bestückt sind. Wir reden hier von ungefähr einer halben Million A4-Seiten, die sämtliche Forschungsergebnisse von zehn und mehr Jahren präsentieren. Dies zu bearbeiten dauert bei uns ungefähr sieben Monate."

Um einem gesunden Mann eine Arznei zur Verhütung einer Schwangerschaft bei einer Frau zu verabreichen, brauche es zudem grünes Licht von der Ethikkommission. "Die spannende ethische Frage wäre", so Pommer, "ob einem gesunden Patienten ein Arzneimittel verabreicht werden darf, um auch bei einer anderen Person einen Effekt auszulösen." Bislang habe er aber noch von keinem Zulassungsantrag für die Pille für den Mann gehört.

Monique Mols, Sprecherin von MSD und frühere Organon-Mitarbeiterin, glaubt sogar, dass es diesen Antrag wahrscheinlich niemals geben wird - obwohl die Forschungen damals von großer Euphorie begleitet waren. "Das Echo überall in der Welt war phänomenal. Es gab fast überall mehr Bewerber als Plätze in den Studien", so Mols. "Wir erhielten zudem Glückwunschschreiben aus aller Welt." Dass es einen "Verein für die männliche Verhütung" in den USA gibt, habe sie beispielsweise auch erst während der Studie erfahren.

Den Verein gibt es heute noch. Er vermerkt auf seiner Website noch immer Adressen von Firmen und staatlichen Institutionen und ruft dazu auf, Briefe dorthin zu senden mit der Aufforderung, ein männliches Verhütungsmittel zu entwickeln. In den abgeschirmten Laboren der Pharmaunternehmen soll derweil längst an einem neuen Ansatz geforscht werden: der molekularen Verhütung. Statt mithilfe von Hormonen die Produktion der Spermien zu manipulieren, sollen Moleküle bestimmter Substanzen an Spermien andocken - und sie von ihrem eigentlichen Auftrag abbringen.

Walter oder Horst

Zitzmann glaubt trotz aller Hürden weiter an die Zukunft der Pille für den Mann. Auch weil es der vielen Lkw für die Zulassung möglicherweise nicht bedürfe, schließlich handele es sich bei Nebido um ein zugelassenes Medikament, für das nur eine Änderung der Indikation beantragt werden müsse. Dies sei in der Medizin nicht ungewöhnlich. Beispielsweise gebe es das Potenzmittel Viagra auch unter dem weniger bekannten Namen Revatio. Es handelt sich um eine verschreibungspflichtige Arznei zur Behandlung von Lungenarterienhochdruck.

"Eigentlich könnte heute jeder Urologe die beiden Hormonspritzen im sogenannten off label use als Verhütungsmittel beim Mann verabreichen", sagt Zitzmann. Nach seiner Meinung müsste aber in Sachen Patientenfreundlichkeit noch etwas getan werden: indem man etwa die beiden Wirkstoffe in einer Ampulle zusammenführt. "Eine schöne Verpackung dazu, ein eingängiger Name drauf und eine ordentliche Werbekampagne", überlegt Zitzmann - fertig sei das Produkt.

Statt Yasmin könnte es ja Walter heißen. Oder Horst. -