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Leichte Beute

Keine Elterngeneration war je so verunsichert wie die heutige. Keine investierte je so viel Geld in die Sicherheit und Förderung ihrer Kinder. Das Geschäft mit der Angst boomt. Denn am Kind darf man ja nicht sparen.




- Es gibt Momente im Leben eines Vaters, die ihn nie wieder loslassen. Norbert Bolz kann das gleich aus zweierlei Perspektiven bestätigen. Zum einen als Medien- und Kommunikationsforscher: "Gelassenheit ist für Eltern eine emotionale Überforderung." Zum anderen als Vater von vier schulpflichtigen Kindern: "Nie werde ich mir den Tag verzeihen, an dem ich meine Tochter nicht gezwungen habe, ihren Fahrradhelm aufzusetzen." Das Mädchen flog prompt vom Fahrrad und landete mit Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Bolz beschreibt seine besondere Doppelrolle als Wissenschaftler und Vater als "Perspektive der teilnehmenden Beobachtung" und wünscht sich für sich selbst, "als Vater in vielen Situationen gelassener zu sein". Allein, er weiß: Es klappt einfach nicht.

Kinder sind für Eltern das Wertvollste, was sie haben - da ist es nur vernünftig zu investieren

Der Gegenpol zur Gelassenheit ist die Angst, in abgeschwächter Form die Verunsicherung. Die wiederum findet ihren Niederschlag in einem stetig wachsenden Produktangebot zur möglichst lückenlosen Behütung und Förderung des kostbaren Nachwuchses: Kinderhandys mit Notrufknopf, Englischkurse für Dreijährige oder feuerfeste Strampelanzüge, um nur einige Beispiele zu nennen. Ein Geschäft mit der Angst.

Mag es auch hier und da bizarre Formen annehmen, fußt das elterliche Kaufverhalten laut Bolz dennoch auf rationalen Überlegungen. "Ein Kind ist die einzige wirklich unumkehrbare Entscheidung, die ein Mensch im Leben trifft. Nach dieser Entscheidung sind Kinder für Eltern das Wertvollste, was sie haben", sagt er und verweist auf den Soziologen Max Weber und die diversen Rationalitäten, die nach dessen Lehre nun einmal innerhalb verschiedener Lebenstechniken zur Anwendung kämen. Die Kaufentscheidungen von Mittelschichtsfamilien in Überflussgesellschaften beruhen demnach auf folgender Überlegung: "Wenn ich schon mein Geld zum Fenster rausschmeiße, dann doch wenigstens für meine Kinder."

Wenn Bolz als teilnehmender Beobachter seine Gedanken über elterlichen Konsum entwickelt, ist ihm anzumerken: Nicht alle (Selbst-)Beobachtungen gefallen ihm. Am wenigsten diese: "Man muss uns Eltern nur einen Köder hinhalten. Und schon werden wir über den Tisch gezogen. Wir sind wirklich leichte Beute für Werbung und Marketing."

Die leichte Beute kauft und kauft. Die Umsätze für Baby- und Kinderwaren steigen seit Jahren kontinuierlich - trotz stetig sinkender Geburtenzahlen. Rund fünf Milliarden Euro geben deutsche Eltern pro Jahr für die Kleinen aus. Schon vor der Geburt investieren werdende Mütter und Väter im Schnitt 3000 Euro in die sogenannte Erstausstattung. 400 Millionen Euro stecken Eltern jährlich in die Sicherheitstechnik von Kinderzimmern, vom strahlenreduzierten Babyfon bis hin zur besonders gesicherten Nachtleuchte. Beim TÜV und anderen Prüfdiensten häufen sich die Aufträge von Spielzeug- und Kinderwarenherstellern, die die Sicherheitsstandards ihrer Produkte zertifizieren lassen wollen. "Die fühlen nach den Skandalen der vergangenen Jahre mit schädlichen Inhaltsstoffen in Kinderprodukten den Druck der Eltern", bemerkt Rainer Weiskirchen, Kinderwaren-Experte des TÜV Rheinland.

Die Preissensibilität von Eltern geht gegen null, wenn es um die Sicherheit ihrer Kinder geht

Auch Adeline Rönsch spürt die Veränderung. Sie verantwortet den Einkauf von Nahrungsmitteln und Sicherheitsprodukten beim Babywaren-Händler KP Family mit zwei großen Märkten in Bremen und Fürth sowie einem der führenden Online-Shops in Deutschland. "Wenn wieder irgendeine Meldung über gesundheitsgefährdende Inhaltsstoffe durch die Medien geht, können wir sicher sein: Noch am selben Tag belagern Eltern die Kassen und blockieren das Callcenter." Mehr als einmal hat sie den Satz gehört: "Wenn mein Kind in zehn Jahren Krebs hat, werde ich Sie verklagen!"

Der Umgang mit hysterischen Kunden ist bekanntlich mühsam, und entsprechend hat das Geschäft mit der Unsicherheit der Eltern zwei Seiten: die anstrengendsten Kunden, die man sich vorstellen kann. Denen aber der Kaufpreis aus Hersteller- und Händlersicht angenehm unwichtig ist. Niedrige bis keine Preissensibilität konnte Rönsch 2009 unter anderem bei Babyfläschchen beobachten. Als Elternzeitschriften über Polycarbonat-Weichmacher in den Nuckelaufsätzen berichteten, waren diese - obwohl weiter zum Verkauf zugelassen - umgehend nicht mehr loszuschlagen, nicht einmal zum Kampfpreis. Umgekehrt könne man im Online-Handel beobachten: Wenn ein Produkt, zum Beispiel ein Auto-Kindersitz, von einer wichtigen Testinstitution für besonders sicher befunden werde, stiegen in den Internetshops sofort die Preise.

Die Demografie treibt zusätzlich das Geschäft. Je später Paare Kinder bekommen, desto mehr Geld haben sie dank fortgeschrittener Karriere zur Verfügung. Je öfter diese Kinder keine Geschwister haben, desto kostbarer erscheint der Nachwuchs, was, streng ökonomisch betrachtet, wiederum noch höhere Sicherheitsinvestitionen rechtfertigt. Hinzu kommt ein Faktor, den der Kölner Konsumforscher Hansjürgen Heinick als "Großelterneffekt" bezeichnet: Eine wohlhabende Rentnergeneration hat zu wenige Enkelkinder, um bei Geschenken sparen zu müssen.

Eigentlich müssten sich die Leute fragen: Wie ist es möglich, dass Kinder früher ohne Herdschutzgitter und Fahrradhelm groß geworden sind? Und wie kann es eigentlich sein, dass Erwachsene heute mit Computern gut zurechtkommen und anständig Englisch sprechen, obwohl sie keine Frühförderung in Institutionen mit Namen wie "Little Giant" oder Lehrbuchreihen mit dem Titel "Kids auf der Überholspur" genossen haben?

Förderansätze für Hochleister-Kinder blühen nach Einschätzung des Hannoveraner Kinder- und Familienpsychologen Wolfgang Bergmann derzeit auf "wie eine Infektion im Herbst". Was er bei den vielen Therapiegesprächen in seiner Praxis beobachtet: "Früher war die Angst der Eltern um ihre Kinder auf die Gegenwart fokussiert. Heute umfasst sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft." Und: "Keine Elterngeneration wusste so viel über die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern. Und keine war so verunsichert."

Die Angst um Folgen möglicher Fehler in der Kindheit drückt sich laut Bergmann unter anderem darin aus, "dass den Müttern die Schamesröte oft nur so ins Gesicht schießt", wenn er als Therapeut in einer Sitzung mal andeutet: Es könnten eventuell in der Erziehung ein paar Kleinigkeiten versäumt worden sein. Die Gegenwartsangst lässt sich mit Sicherheitsprodukten halbwegs bekämpfen. Von der elterlichen Zukunftsangst indes profitiert die Förderindustrie. Allein 1,5 Milliarden Euro fließen jährlich in private Nachhilfe. Bergmann kennt Fünfjährige, die achtstündige Geometrie-Sitzungen über sich ergehen lassen müssen, und er weiß nicht recht, ob "er aus dem Lachen oder dem Grauen" nicht mehr rauskommt, wenn Eltern immer wieder auf die zwei zentralen Marketingvokabeln der Förderindustrie reinfallen: "wissenschaftlich" und "professionell".

Zusammengefasst lautet seine Analyse: Aus Angst vor Fehlern vertrauen Eltern immer weniger auf ihre natürlichen Instinkte. Wenn eine private Bildungsinstitution behauptet, es schlössen sich mit drei Jahren irgendwelche kognitiven Fenster, dann zahlten Eltern nahezu jeden Preis für "professionellen" Sprachunterricht. Und dann versuchen sie, ihre Kinder in einem Alter zu "kleinen Riesen" zu machen, in dem die eigentlich langsam lernen müssten: Ich bin nicht der einzige Mensch auf der Welt und auch nicht in jeder Situation der wichtigste.

Nun gehören Familientherapeuten wie Bergmann genau genommen natürlich auch zu den ökonomischen Profiteuren der Angst um Kinder. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen wies in einer Presseerklärung im Sommer vergangenen Jahres vorsorglich auf die wachsende Überforderung von Eltern hin und stellte die rhetorische Frage: "Wollen wir sinnlose Appelle an die ohnehin Überforderten richten oder in der Gesellschaft ein Umdenken fördern, das Menschen leichter und vor allem rechtzeitig Unsicherheit eingestehen lässt?" Die explizite Aufforderung fehlt in der Pressemitteilung. Die Bestseller-Autorin Gerlinde Unverzagt ("Das Lehrerhasserbuch" und "Eltern an die Macht") hat sie dennoch aufgehoben und schwankt ebenfalls zwischen Lachen und Grauen, wenn Eltern wie hier suggeriert wird: "Es muss immer jemand engagiert werden, wenn ein Problem auftaucht, das die Entwicklung des Kindes beeinflussen könnte." Unverzagt, selbst Mutter, berichtet gern aus dem eigenen Umfeld und hat dabei immer Anekdoten in petto, die sich nur anhören, als seien sie erfunden. Wie die von der Freundin, die sofort den Gang zum Logopäden anriet, als sie hörte: "Der Junge lispelt seit Kurzem ein wenig."

"Für jedes Problem muss man eine Lösung einkaufen. Und zwar aus Angst, man bekomme es nicht selbst in den Griff", hat Unverzagt beobachtet. Der Kinderpsychologe ist nicht mehr die Ultima Ratio für Härtefälle. Er wird aus Sicht der Autorin eingeschaltet, bevor Eltern es ernsthaft selbst versucht haben, Probleme zu lösen.

Die Sorge füllt den Einkaufswagen. Norbert Bolz, der Berliner Medienprofessor mit vier Kindern, ringt weiter um mehr Gelassenheit. Er weiß, dass er diesen Kampf auf den meisten Feldern verlieren wird: "Nur wenn man sich in einem Bereich richtig gut auskennt, traut man sich als Eltern zu sagen: Diesen teuren Blödsinn machen wir jetzt mal nicht mit." -