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Ein Nachteil ist kein Defizit!

Haben Kinder aus armen Familien überhaupt eine Chance, ihren Verhältnissen zu entkommen? Der Psychologe Amedeo D'Angiulli sagt: Ja. Aus eigener Erfahrung. Und weil er erforscht hat, wie sich schwierige Verhältnisse in den Köpfen von Kindern widerspiegeln.




- Psychologe an einer kanadischen Universität zu werden war vielleicht die unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten, die Amedeo D'Angiulli in seinem Leben hatte. Als eines von drei Kindern einer alleinstehenden Mutter wuchs er im süditalienischen Taranto auf. Seine Kindheit war von Armut geprägt, die mittlerweile sein akademisches Forschungsfeld geworden ist. Ein sozialer Aufstieg, der auch in reichen Industrieländern die Ausnahme ist, weil die Bildungschancen noch immer vom sozialen Status abhängen. In Deutschland schaffen Kinder aus gut situierten Familien viermal häufiger den Sprung auf das Gymnasium als ihre Altersgenossen aus der Unterschicht - bei gleichem Bildungsniveau der Mütter, wohlgemerkt. Die Gründe dafür versucht der Forscher mit Elektroden in den Köpfen von Kindern aufzuspüren.

brand eins: Was hat Armut mit Hirnströmen zu tun?

Amedeo D'Angiulli: Es ist in den Neurowissenschaften bereits in den neunziger Jahren nachgewiesen worden, dass Armut die Physiologie und Funktion des Gehirns verändert.

Heißt das, Sie könnten arme und reiche Kinder am Gehirn unterscheiden?

Diese Aussage lässt sich für einen Großteil der Kinder mit ziemlicher Sicherheit treffen, auch wenn wir als Wissenschaftler nicht von Arm und Reich, sondern von einem hohen oder niedrigen sozio-ökonomischen Status sprechen.

Welche Unterschiede gibt es zwischen diesen beiden Gruppen?

Die Gehirne entwickeln sich unterschiedlich schnell, sind anders gefurcht und strukturiert. Vor allem funktionieren sie anders.

Sie funktionieren anders?

In einem meiner Versuche biete ich Kindern akustische und optische Signale an. Die Kinder sollen dann entscheiden, ob sie für ein bestimmtes Thema relevant sind oder nicht. Über das Messen der Hirnströme erkennen wir, dass Kinder aus armen Verhältnissen relevanten wie irrelevanten Informationen zunächst die gleiche Aufmerksamkeit beimessen und dann entscheiden. Kinder aus der Mittelschicht hingegen blenden Irrelevantes bereits vor der Entscheidung regelrecht aus. Sie sind ungemein effizient und schnell. Arme Kinder kommen zwar meist zu ebenfalls richtigen Lösungen, allerdings langsamer und über Umwege, vor allem aber unter größerer Anstrengung.

Was bedeutet dies für das Lernen in der Schule?

Auf komplexe Situationen übertragen bedeutet das: Arme Kinder lernen langsamer, entwickeln oft keine effizienten Lösungswege und sind weniger konzentriert. Arme Kinder haben Schwierigkeiten beim Planen und mit vorgeschriebenen Lösungswegen. Von A nach E gehen sie nicht den kürzesten Weg, sondern über Umwege, vielleicht erst bis H und dann zurück über G und F.

Und dieses Defizit wird für die Kinder dann zum Nachteil?

Nein, diese Erklärung greift zu kurz. Richtig ist: Kinder mit niedrigem sozio-ökonomischen Status haben einen physiologischen Nachteil in der Entwicklung des Gehirns. Ich verwahre mich aber dagegen, dies als Defizit im Verhalten oder gar bei der Intelligenz zu bezeichnen. Zum Defizit wird es erst durch unser gegenwärtiges Bildungssystem.

Ein System kreiert Defizite?

Indem es diese Unterschiede nicht mehr zulässt. Als gut und intelligent gilt heute, wer den Anforderungen des Durchschnitts genügt, wer den direkten und effizienten Weg von A nach E kennt, Irrelevantes ausblenden, sich konzentrieren kann. Die Kinder aus der Mittel- und Oberschicht vermögen dies durch ihre zerebralen Voraussetzungen. Zudem können sie fehlendes Talent noch durch Nachhilfeunterricht wettmachen, den in unteren Schichten niemand bezahlen kann. Anstatt diese Unterschiede zu minimieren, manifestiert das westliche Bildungssystem sie durch falsche Selektion. In Deutschland werden Kinder mit niedrigem sozioökonomischen Status oft auf die Hauptschulen abgeschoben, in den USA und Kanada klaffen eklatante Unterschiede zwischen den teuren privaten und den öffentlichen Bildungseinrichtungen.

Sie behaupten also, dass Kinder aus bürgerlichen Kreisen in Deutschland deshalb viermal öfter auf das Gymnasium kommen, weil das Bildungssystem besser zu ihrem limbischen System passt?

Das ist der Fall. Und nun verstärkt sich das Problem: Die armen Kinder sind den reichen in der Entwicklung sowieso zwei bis drei Jahre hinterher. Sie sind also nicht so gut, und unser Schulsystem sorgt dafür, dass dies auch so bleibt. Die Kinder machen einen schlechteren Abschluss, werden daher nicht Anwalt, sondern arbeiten täglich zwölf Stunden im Supermarkt oder finden gar keinen Job.

Und gründen irgendwann eine Familie und kriegen selbst Kinder.

Genau. Und was glauben Sie, was dann passiert?

Der Kreislauf wiederholt sich?

Viele Kinder erfahren heute von klein auf, dass sich an ihrer Situation nichts ändern wird. Was auch immer sie tun - die anderen werden immer besser sein. Was, meinen Sie, ist wohl die Folge?

Vielleicht, dass diese Kinder weniger flexibel und selbstbewusst sind.

Schon richtig, aber es sind nicht die Kinder - das Gehirn wird in diesem Umfeld weniger flexibel, in den Neurowissenschaften sagen wir adaptiv. Die Leistungsfähigkeit nimmt ab, was aber noch lange nicht heißt, dass die Kinder deshalb dümmer sind.

Sondern?

Es wird für sie nur immer schwieriger, kreative Lösungen zu entwickeln. Das ist nicht ihrer Intelligenz, sondern den emotionalen Einflüssen und den Auswirkungen von Stress geschuldet.

Welchem Stress?

Arme Kinder leben in einer konfliktreicheren Umwelt als gut behütete Mittelklassekinder. Armut bedeutet immer Stress. Ärmere Wohngegenden sind meist höheren Umweltbelastungen ausgesetzt, das Leben ist dort gefährlicher, Gewalt oder Drogen sind verbreiteter.

Und diese Sorgen beeinflussen das Gehirn?

Stresshormone haben einen fulminanten Einfluss auf unser Verhalten. Es gibt interessante Versuche an Affen: In deren Gemeinschaften besetzen die Nachkommen gewöhnlich stets den gesellschaftlichen Status der Elterntiere. Diese Gesetzmäßigkeit lässt sich allerdings ganz leicht umkehren.

Wie denn?

Wenn wir bei den Alphatieren den Hormonspiegel manipulieren, sie also künstlichem Stress aussetzen, dann finden sich die Neugeborenen der Leittiere später auf einmal ganz unten in der Hierarchie wieder.

Nun geht es Ihnen aber hoffentlich nicht darum, die Kinder von oben nach unten, sondern von unten nach oben zu befördern.

Natürlich, und dafür bräuchte es keine großen Programme, erst recht keine Revolution. Die Herausforderung besteht darin, den ärmeren Schülern unstrukturiertes Lernen zu erlauben, den Weg von A nach E auch über Umwege zu gestatten, sie mit weniger Vorgaben so machen zu lassen, wie sie es können. Frühkindliche Bildungsangebote, spätere Selektion und damit eine Integration von Arm und Reich sind die sinnvollen Ansätze. Das ist seit Jahren in vielen Studien belegt und nichts Neues.

Das klingt nach Montessori-Pädagogik.

Ja, das wäre eine geeignete Philosophie. Weniger sitzen, dafür herumlaufen, Freiräume gestatten und vor allem viel mehr Konzentration auf die frühkindliche Bildung. Im Übrigen hatte Signora Montessori seinerzeit ihr pädagogisches Konzept auch genau für die Kinder aus der armen Bevölkerung entwickelt. Es entsprach den limbischen Voraussetzungen der Armen.

Heute entspricht es eher den finanziellen Voraussetzungen der Mittelschicht. Alternative Ansätze sind Kennzeichen der teureren Privateinrichtungen. Das ist schon paradox, dass die Reichen nun teuer bezahlen, was eigentlich für die Armen gedacht war.

Deswegen ist es nicht nur ein limbisches, sondern auch ein politisches Problem. Letztlich wissen doch alle, was eine optimale Bildung ist. In Kanada hat man dieses Wissen, Sie in Deutschland haben dieses Wissen. Die Frage ist: Warum wendet man es in den öffentlichen Schulen nicht an?

Wie sind bei Ihnen in Kanada die Aufstiegschancen von Kindern aus armen Familien?

In Kanada sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich abgeschafft.

Wie bitte?

Es existieren keine Unterschiede mehr zwischen armen und reichen Kindern.

Das klingt nach einem Scherz.

Zunächst sind die Bildungschancen in Kanada weniger vom sozioökonomischen Status abhängig als beispielsweise in Deutschland. Andererseits ermittelte eine internationale Studie der OECD für die Jahre 2002 bis 2004, dass es für Kinder in Kanada ein höheres Armutsrisiko und schlechtere frühkindliche Bildung gibt als in vielen anderen Staaten, die im Vergleich mit Kanada sogar ärmer sind. Daraufhin hat die kanadische Regierung die Erhebung des entsprechenden Zensus kurzerhand aufgehoben. Ich muss also vermuten, dass alle Probleme gelöst sind. Für uns Wissenschaftler gibt es jedenfalls einfach keine glaubwürdigen Daten mehr, um gegenwärtige oder künftige Unterschiede im Lebensstandard von Kindern in diesem Land aufzuzeigen.

Sie sind selbst in Armut aufgewachsen. Wie haben Sie dies erlebt?

Es war keine absolute Armut. Wir hatten genug zu essen. Ich besaß aber immer weniger als die anderen; von Dingen wie Taschenrechnern oder Videospielen hatte ich lange Zeit keine Ahnung. Ich wuchs später bei meinem Onkel und meiner Tante auf. Die hatten etwas Geld, schickten mich auf eine ordentliche staatliche Schule. Die Lehrer haben mich meinen Möglichkeiten entsprechend lernen lassen. Wir konnten im Unterricht aufstehen, uns wurde selten vorgeschrieben, wie wir eine Aufgabe zu lösen hatten. Ich hatte allerdings immer das Gefühl, härter als die anderen arbeiten zu müssen, um dasselbe zu erreichen.

Immerhin haben Sie es zu einem Doktortitel gebracht und an eine kanadische Universität geschafft.

Es war Glück. Ich fand immer Leute, die mich unterstützten, die an mich glaubten. Das klingt schwülstig, ist aber entscheidend.

Warum ?

Wir haben schon darüber gesprochen: Wenn die Leute andauernd sagen, du schaffst es nicht, dann schaffst du es nicht. Das ist ein limbisches Problem. Meine Mutter war immer überzeugt, dass ich es auf eine Universität schaffen würde, auch meine Frau gab mir diese Unterstützung. Ich fand sogar Sponsoren, die mir die Arbeit in Kanada ermöglichten.

Und haben Sie auch schon festgestellt, dass Ihr Gehirn anders funktioniert?

Ja. Fragen Sie meine Kollegen: Ich bin ein Mensch der Umwege. Von A nach E finde ich selten den effizienten, den direkten Weg. Außerdem kann ich auch Theorien nicht einfach akzeptieren. Meine Forschungsansätze sind im wissenschaftlichen Betrieb zumeist sehr unorthodox. Ob das immer gut ist, vermag ich gar nicht zu behaupten.

Immerhin haben Sie ein gesichertes Auskommen.

Das stimmt, aber dennoch trage ich immer das Bewusstsein des Scheiterns mit mir herum. Es ist dieses Gefühl, seiner Herkunft nicht entkommen zu können. Man kann seine materielle Situation verändern. Aber selbst jetzt, da ich eine Art Wohlstand erlebe, fühlt es sich immer noch so an, als würde ich nur so tun, als ob ich reich wäre.

Ist Bildung eigentlich die einzige Möglichkeit, um der Armut zu entfliehen?

Das Bildungssystem ist zumindest der Anfang. Und das nicht nur für die Kinder. Kinder sind nicht passiv. Sie können auch ihre Familien verändern, mit ihren Erfolgen beispielsweise die eigenen Eltern stimulieren.

Haben die meisten Staaten die Kinder aus armen Schichten nicht längst als künftige Leistungsträger abgeschrieben?

Ja, nur wird das auf Dauer nicht funktionieren. Wer bekommt denn heute die Kinder? Die Elite? Nein, in Kanada und auch in Deutschland altert die Elite rapide. In Italien haben wir in dieser Schicht sogar eine negative Geburtenrate, stellen Sie sich das mal vor. Wir brauchen die Kinder der Unterschicht. Wenn wir eine gesunde Gesellschaft haben wollen, dann müssen wir unten besser werden. Aber genau dafür wird nichts getan. -