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Der Clan-Chef

Frank Schmidt hat aus dem Nichts ein Logistik-Unternehmen mit mehr als 1300 Mitarbeitern aufgebaut. Und Schlüsselpositionen mit 57 Verwandten besetzt. Aus ganz persönlichen Gründen.




- Dies ist die Geschichte eines Getriebenen, der mit der Familie brach, um sein eigenes Ding zu machen - und der sie später als erfolgreicher Mann wieder zusammenführte. Einer der Brüder hat den Satz nicht vergessen, mit dem Frank Schmidt sich einst von zu Hause verabschiedete: "Ihr werdet euch noch umgucken!"

Große Karrieren beginnen manchmal mit solch einfachen Worten.

Frank Schmidt wächst mit seinen Eltern und sechs Geschwistern in Dittelsheim unweit von Worms auf. Der Vater hat eine Spedition im nahen Alzey und befördert Stückgut. Ein harter Mann, der als Kriegswaise aus Schlesien geflüchtet ist. Er duldet keine Widerworte. Wenn der Sohn sagt, dass er "nicht das beste Verhältnis" zum Alten gehabt habe, ist das wohl eine Untertreibung. Statt Speditionskaufmann, wie von ihm erwartet, lernt er Maler und Lackierer und begründet das gegenüber dem Senior so: "Von dir will ich nicht abhängig sein."

Nach Abschluss der Ausbildung aber fängt er doch im väterlichen Betrieb als Fahrer an und bildet sich in Abendkursen kaufmännisch weiter. In der Firma hat er trotzdem nichts zu melden: "Ich habe gesprudelt vor Ideen, bin aber nicht gehört worden."

Irgendwann reicht es ihm, und er beschließt, selbst Unternehmer zu werden. Er will einen Kredit aufnehmen, um einen Lkw zu kaufen - was den Vater in Rage bringt. Der, erinnert sich Frank Schmidt, habe in der Bank gesagt: "Wenn ihr meinem Sohn einen Kredit gebt, bin ich weg!" Und beim Autohändler: "Wenn ihr dem einen Lkw verkauft, kaufe ich nie wieder einen bei euch!"

Doch der Junior bekommt, was er will. Mit 23 ist er sein eigener Herr, allerdings mit 180 000 Mark Schulden. Egal. "Hauptsache, weg!"

Der heute 44-jährige Schmidt erzählt all das in Pfälzer Mundart, so wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Mit seiner Frisur - Minipli mit Strähnchen, vorne kurz, hinten lang - fiele er in Provinz-Diskotheken kaum auf. Tatsächlich haben die in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt. Dort kam er, nachdem er sich als Spediteur selbstständig gemacht hatte, zwanglos mit Frauen in Kontakt, die bei Firmen in der Gegend als Disponenten arbeiteten und ihm so Aufträge verschaffen konnten. Und es war auch eine "Dorfdisko" (Schmidt), in der er seine Frau Melanie kennengelernt hat, eine Steuerfachgehilfin, die mit ihm das Trans Service Team (TST) genannte Unternehmen bei Worms aufgebaut hat und nach wie vor für die Finanzen zuständig ist.

Zu Beginn seiner Selbstständigkeit stürzt Schmidt sich in die Arbeit, sitzt Tag und Nacht auf dem Bock und bahnt mit seinem jungenhaften Charme Geschäfte an. Er ist gewinnend, zupackend und zäh. Der ideale Dienstleister. Damals, Anfang der Neunziger, brummt das Speditionsgeschäft. Es gibt dank des Einheits-Booms viel zu befördern und noch feste Transporttarife; erst 1993 wird der Markt liberalisiert. Der junge Mann verdient schon bald die ungeheure Summe von 10 000 Mark im Monat. Er leistet sich einen BWM M3, was Eindruck macht.

Doch mehr als persönlicher Wohlstand und gesellschaftlicher Status interessiert ihn seine Firma. "Jedes Mal, wenn er einen neuen Lkw gekauft hat, hat er gesagt: ,Das war jetzt aber der letzte'", erinnert sich Frank Voll, ein Mitarbeiter der ersten Stunde. "Aber ich wusste, dass er immer weitermachen würde." Heute hat TST 80 eigene Lkw und mehr als 1300 Mitarbeiter an 13 Standorten in Europa; der nächste in Berlin wird gerade aufgebaut.

Die Sippenwirtschaft hat handfeste Vorteile

Dem Jungunternehmer hilft das Glück des Tüchtigen. Als es mit dem Speditionsgeschäft schwieriger wird, weil immer mehr Konkurrenten auf den Plan treten und die Preise fallen, bekommt er Kontakt zu einem Lebensmittelhersteller, der ein Außenlager abgeben will. Schmidt kriegt den Job. Später kommt noch ein ähnlicher Auftrag des Unternehmens Win Cosmetic dazu.

Sein Geschäft wächst, und es verändert sich. Schmidt demonstriert das durch die Gründung einer Firma, die er Trans Service Team nennt. Nicht mehr nur Paletten hin- und herfahren, sondern ein Bestandteil der Lieferkette des Kunden werden - diesen Trend hin zu komplexer Logistik erkennt der Selfmademan früh.

Wieder geht er ein Risiko ein und kauft 1995 seine erste Gewerbeimmobilie für drei Millionen Mark. Das Geld leiht ihm die staatliche Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz, die zudem behilflich ist, Fördertöpfe auszuschöpfen. Im Raum Worms ist die Arbeitslosigkeit hoch, und Logistikfirmen bieten Jobs auch für Geringqualifizierte.

Schmidt ist ein Pionier. Später erkennen auch andere die Vorzüge der Gegend, die verkehrsgünstig und fast genau in der Mitte Europas gelegen ist. So baut Michael Küppers für den Fiege-Logistikkonzern in Steinwurfweite von der TST einen Standort für die Kunden Bosch und Fujitsu auf, der mit 2000 Mitarbeitern zum größten Arbeitgeber der Region wird. In jener Zeit lernt Küppers, der es bei Fiege bis zum Vorstand bringt und einen guten Ruf in der Branche hat, seinen Nachbarn kennen. Und wechselt schließlich Anfang 2010 als erster externer Manager in die Geschäftsführung von TST.

In der Branche wird Schmidt lange wenig beachtet. Nur sein Vater und die Geschwister registrieren seinen Erfolg aus der Distanz mit einer Mischung aus Verwunderung und Staunen. Es herrscht Funkstille zwischen ihm und dem Rest der Familie. Er kommt dank seines unstillbaren Ehrgeizes rasch voran. Einen enormen Schub erhält seine Firma, als der Schlüsselkunde Win Cosmetic von der viel größeren Dalli Group übernommen wird, die vor allem Discounter mit Kosmetik beliefert. TST hat die Chance, als Logistikdienstleister mitzuwachsen und den Umsatz auf einen Schlag auf 13 Millionen Mark mehr als zu verdoppeln. Schmidt lässt sich diese Gelegenheit nicht entgehen.

Und alle sollen es sehen: Er will 13 Millionen Mark in eine weitere Immobilie investieren, holt sich bei der Förderbank aber eine Abfuhr - was ihn noch heute in Wallung bringt. "Man hat mir vorgeworfen: ,Sie wollen nur Steuergelder verprassen.' Ich habe geantwortet: ,Sie stoppen mich nicht!'" Schmidt setzt alle Hebel inklusive des regionalen Bundestagsabgeordneten in Bewegung - ein Jahr später hat er den Kredit.

Mittlerweile ist er, wie er stolz sagt, dank einer Eigenkapitalquote von rund 40 Prozent nicht mehr existenziell auf Banken angewiesen. Er hasst es, abhängig zu sein.

In der Zeit seines rastlosen Aufstiegs geht es mit der väterlichen Firma bergab. 1997 zieht sich der Alte auch auf Druck der Banken aus der Firma zurück und gibt die Führung an die Söhne Jörg und Otfried ab. In dieser Zeit gibt es die ersten Zeichen einer Annäherung. Es ist Franks Frau, die den Kontakt anbahnt. So fragt sie, weil man bei TST händeringend Leute sucht, ob nicht die Frauen ihrer Schwäger dort mitarbeiten wollen. Sie selbst sagt: "Meine Eltern sind schon früh gestorben. Ich habe mir eine neue Familie gesucht." Damit meint sie die Firma und die Schmidts.

2001 ist die vom Senior gegründete Spedition in Alzey insolvent. Frank Schmidt übernimmt sie mit allen Mitarbeitern und zahlt die ausstehenden Löhne. Das ist großzügig - und ein Triumph zugleich. Er hat es allen gezeigt, seinem Vater wie den Geschwistern, die nun für ihn arbeiten. Das sei ihnen anfänglich nicht leicht gefallen, sagt er. Aber man habe sich zusammengerauft.

Der Bruder Jörg Schmidt, 49, ein kräftiger, ruhiger Mann mit Musketierbart, sagt nur: "Wir haben aus der Familiengeschichte vor allem eines gelernt: Man kann es nur zusammen schaffen."

Dass es mit der Wiedervereinigung unter Führung des jungen Patriarchen geklappt hat, liegt nicht zuletzt daran, dass Erfolg ein sehr überzeugendes Argument ist. Seine Firma wächst seit ihrer Gründung jedes Jahr um mindestens 20 Prozent und erschließt, nachdem die Brüder an Bord gekommen sind, einen neuen vielversprechenden Markt: Industrie-Fertigungslogistik. TST versorgt die Fabriken seiner Kunden just in time und mit eigenem Personal - zu diesem Zweck hat man eigens eine Leiharbeitsfirma gegründet - mit Rohware, konfektioniert die fertigen Produkte und befördert sie weiter. So ist der Logistiker Teil des Wertschöpfungsprozesses geworden und noch weniger abhängig von kurzfristigen Veränderungen auf dem Transportmarkt.

Für diese Sparte ist Jörg Schmidt verantwortlich. Mit seinem Bruder Otfried gehört er als Geschäftsbereichsleiter zur zweiten Führungsebene. Die Schwester Ingrid Fleck ist Chefsekretärin. Die beiden jüngeren Brüder, Guido und Michael Schmidt, sind ebenso in der Firma wie etliche Tanten, Nichten und Neffen - insgesamt sind es 57 Clan-Angehörige.

Mittlerweile, sagt der Chef, sei dieses Family-Business ein System geworden. Das ergebe auch ökonomisch Sinn, ergänzt Michael Küppers: "Gerade in der Werkslogistik kommt es auf langfristige, vertrauensvolle Beziehungen zu den Kunden an - für die bei uns die Inhaberfamilie persönlich steht. Wenn es irgendwo brennt, steht im Zweifel einer der Schmidts auf der Matte. In den großen Logistikkonzernen wechseln die Manager dagegen meist nach zwei Jahren den Job."

Für Frank und Melanie Schmidt, die die meiste Zeit miteinander in ihrer Firma zubringen - sie kam nach der Geburt der beiden Töchter schon nach wenigen Tagen wieder ins Büro -, ist es praktisch, das Berufliche und das Familiäre zu verbinden. Man arbeitet nicht nur zusammen, sondern trifft sich regelmäßig zu "Family Dinners", macht Ausflüge, fährt zusammen in den Urlaub. Erst jüngst hat sie ihren Mann zum 20. Firmenjubiläum mit einer Party im Europa-Park Rust überrascht, wo er mit der Familie, Mitarbeitern und Kunden der ersten Stunde sowie einem Udo-Lindenberg-Double feierte. Auch der 79-jährige Vater kann mittlerweile zugeben, dass er auf seinen Sohn stolz ist. Frank Schmidt hat auf seinem Grundstück für die Eltern eigens ein Häuschen als Altersruhesitz gebaut.

"Er ist ein harter Kämpfer mit sehr weichem Kern", sagt Melanie Schmidt über ihren Mann. Ähnliches hört man auch von den Mitarbeitern in den Hallen und Büros. Es gebe viel zu tun, die Stimmung sei gut und die Bezahlung anständig. Die Fluktuation ist gering. Die Firma ist nicht im Arbeitgeberverband, einen Betriebsrat gibt es nicht. "Hat noch niemand für nötig gehalten", sagt Britta Leva, die seit 1998 als Sachbearbeiterin angestellt ist.

Dass die Familie eine so dominante Rolle spielt, stört offenbar kaum jemanden - vielleicht weil es dort überhaupt familiär zugeht. Leva erinnert sich, dass man früher, als sie noch mit Frank und Melanie Schmidt und deren Riesenschnauzer namens Scania in einem Raum arbeitete, spontan grillte oder nach Feierabend auf dem Firmengelände Sport trieb. Der Chef hat dort später sogar eine Kart-Bahn anlegen lassen, die allerdings mittlerweile der Expansion zum Opfer fiel und überbaut wurde.

Klappt die Adoption des externen Managers?

Die Leute mögen es, dass die Schmidts bis hoch zum Chef nach wie vor selbst mit anpacken und sogar eigenhändig Paletten schieben. Etwas kritischer wird der Clan-Nachwuchs beäugt, der sich erst noch beweisen muss - und irgendwann um die Führung des Unternehmens konkurrieren wird.

"Der Stärkste soll mein Nachfolger werden", sagt Frank Schmidt. Aber diese Frage sei noch lange nicht aktuell, "weil ich hundert werde".

Nach der erfolgreichen Familienzusammenführung ist der Eintritt von Michael Küppers die nächste große Zäsur. Als Sprecher der Geschäftsführung ist der 47-Jährige, der optisch ein wenig an Sigmar Gabriel erinnert, formal der Chef. Schmidt erzählt, dass er es bereits mit "vier oder fünf" externen Managern auf Geschäftsbereichsleiter-Ebene probiert habe. Es sei jedes Mal schiefgegangen. Mit dem ruhelosen und impulsiven Schmidt auszukommen ist nicht immer einfach.

Küppers schreckte das nicht, weil er sich verändern wollte. "Ich konnte mir gar nicht vorstellen", freut sich Schmidt, "dass so ein Mann sich für mein Unternehmen interessiert. Dessen ehemaliger Arbeitgeber Fiege ist fast 20-mal so groß wie TST. Von dort einen erstklassigen Mann zu bekommen ist auch gut für das Ego. Küppers Job ist es nun, Strukturen in der rasant gewachsenen Firma zu schaffen und das weitere Wachstum zu managen.

Ob der Neue von der Familie Schmidt adoptiert werden wird, muss sich zeigen. Der Clan-Chef hat jedenfalls erfreut festgestellt, dass es bis jetzt zwischen den beiden Alpha-Typen weniger oft gekracht hat als von ihm befürchtet.

Küppers beschreibt die Atmosphäre bei TST "als unheimlich herzlich und offen". Und es sage eigentlich schon alles, "dass diese Firma im Krisenjahr 2009 das beste Ergebnis ihrer Geschichte erzielt hat". In diesem Jahr wird der Umsatz bei rund 110 Millionen Euro liegen, im nächsten soll er um 25 Prozent wachsen. "Die Verträge", so Küppers, "sind schon unterschrieben."

Eine glückliche Familie: Was sie einmal getrennt hat, verbindet sie nun. -