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Das outgesourcte Kind

Sie sind toll. Machen aber viel Arbeit. Die Erzieherin Christiane Paul kennt Eltern, die ihre Kinder deshalb managen wie ein ehrgeiziges Projekt.




- Auf den ersten Seiten von Jonathan Franzens neuem Roman über eine zerbrechende Familie ("Freiheit") steht, ganz beiläufig, ein Satz, der eine Frage aufwirft, die vielen Eltern bekannt vorkommen dürfte. Es ist eine ehrgeizige Frage und eine, die kaum zu beantworten ist: "War es möglich, beispiellos selbstbewusste, glückliche, hochintelligente Kinder großzuziehen, wenn man ganztags arbeitete?" Die eine einzig richtige Antwort darauf kann es nicht geben. Nur immer neu ausbalancierte Kompromisse. Christiane Paul kennt viele Eltern, die genau diesen Balanceakt versuchen. Sie hilft ihnen dabei. Die 46-Jährige, eine so herzliche wie gut geerdete Person, ist Erzieherin.

Sie arbeitet in der Kindertagesstätte Karl-Schrader-Straße in Berlin-Schöneberg. Angefangen hat sie hier vor 23 Jahren, seit neun Jahren leitet sie die Kita in einem schönen alten Backsteinbau. Hört man Paul zu, erfährt man viel über die nicht ganz unkomplizierten Ansprüche und Ängste von Eltern, die sich und ihre Kinder ab der Geburt unter Leistungsdruck setzen. "Viele haben Angst, dass die Kinder nicht gestärkt in die Schule gehen", berichtet die Erzieherin. "Sie sollen schon für die erste Grundschulklasse ganz viel mitbekommen. Es gibt Eltern, die am liebsten hätten, dass die Kinder hier schon lesen und schreiben lernen. Aber das ist überhaupt nicht wichtig in diesem Alter - und das will die Schule auch gar nicht. Viel wichtiger sind die sozialen Kompetenzen."

Zehn Erzieher sorgen in der Kita von sieben Uhr morgens bis halb sechs am Abend für 75 Kinder, die kleinsten sind erst wenige Monate alt, die ältesten sechs Jahre. Etwa die Hälfte der Kinder hat ausländische Eltern, Franzosen, Spanier, Brasilianer, Portugiesen, Italiener, wenige Türken. Es ist eine bürgerlich entspannte Gegend, gepflegte Gründerzeitarchitektur, ruhige Seitenstraßen. Nicht so bunt und aufgekratzt wie Berlin-Mitte, nicht so runtergekommen wie Kreuzberg, nicht so spießig wie Wilmersdorf. Das etwas rüdere Schöneberg der Migranten und Sozialverlierer beginnt erst ein paar Straßenzüge weiter nördlich. Hier leben gut verdienende Akademiker und arriviertes Personal des Kulturbetriebs in Altbauwohnungen. Architekten, Anwälte mit eigener Kanzlei, Fernsehschauspieler, Regisseure, Ärzte, Hochschulprofessoren schicken ihre Kinder in Christiane Pauls Kita. "Das Mittelfeld fehlt. Kein Busfahrer, kein Feuerwehrmann, keine Verkäuferin, keine Arbeiter oder kleinen Angestellten", zählt die Kita-Leiterin auf.

In den meisten Familien arbeiten Vater und Mutter. Viele haben das erste Kind mit Ende 30, Anfang 40 bekommen, einige auch früher. "Aber so richtig junge Eltern haben wir nicht." Früher seien sie deutlich jünger gewesen, sagt Paul. Die Eltern von heute sind ehrgeizige Leute, die im Berufsleben gelernt haben, dass ihnen nichts geschenkt wird. Jetzt erwarten sie von Paul und ihren Kollegen, dass sie ihre Kinder optimal auf den Konkurrenzkampf des Lebens vorbereiten.

Den lieben Kleinen soll es an nichts fehlen. Aber wie sollen sie das verkraften?

Die Ansprüche an die Kita sind hoch. Ein großes Thema: Ernährung. Wird frisch gekocht? Wie sieht der Speiseplan aus? Wie oft gibt es Fleisch, und wo kommt das Fleisch her? Ist das Gemüse aus dem Bioladen? Lauter Fragen, auf die die Eltern genaue Antworten wollen. Gern stehen sie jeden Morgen vor dem ausgehängten Speiseplan. Biogemüse kann sich die Kita nicht leisten, aber das Fleisch kommt vom Ökolieferanten Neuland. "Vor 23 Jahren, als ich hier angefangen habe, war das deutlich unkomplizierter", erinnert sich die Erzieherin. "Die meisten Kinder kamen aus Familien von Fabrikarbeitern und einfachen Angestellten. Die Eltern haben bei Osram, Schering oder Siemens gearbeitet, brachten morgens um sechs ihre Kinder und sahen, dass es ihnen gut ging. Sie hatten Vertrauen zu uns, aber sie haben keine besonderen Forderungen gestellt. Wir hatten eine Köchin. Die hat gut gekocht. Das reichte."

Selbstverständlich hat sich das Ernährungsbewusstsein seither verändert. Hinzugekommen ist aber auch die latente Angst, das Kind werde nicht optimal betreut. Beides zusammen fördert den Reflex, alles kontrollieren zu wollen. "Am liebsten wäre es den Eltern, wenn man sie abends noch per E-Mail informierte. Öfter kommt der Vorwurf, dass die ausgiebige Kommunikation fehlt. Da reichen normale Zettelchen nicht", sagt Paul leicht genervt. "Manche Eltern wollen sich in die Personalpolitik einmischen und sind bei den Bewerbungsgesprächen mit dabei. Sie entscheiden mit über die Einstellung von Erziehern. Ich finde das, na ja, schwierig. Manchmal kann das positiv sein. Eltern sehen manche Dinge anders. Aber manchmal ist es schon etwas anstrengend."

So wichtig wie das Essen ist für die Eltern die Frage, was die Kita bietet. In einem kleinen Labor machen Naturwissenschaftler mit den Kindern Versuche. Für ein zusätzliches Sportangebot sorgen Sportstudenten einmal die Woche. Die Erzieherinnen singen viel mit den Kindern. Zusätzlich kommt auf Wunsch der Eltern für die musikalische Früherziehung jeden Montag eine Musiklehrerin. Und sollten die Kleinen nicht auch ein bisschen Englisch lernen? Wofür dann auf Wunsch der Eltern Kurse angeboten wurden. Auch wenn die Erzieher lieber gehabt hätten, "dass die Kinder zusammen deutsch sprechen, gerade weil viele aus ausländischen Familien kommen".

Die Englischgruppen gerieten allerdings bald durcheinander, weil nicht alle Kinder daran teilnahmen, erzählt Paul. "Teilweise war das eine Geldfrage, teilweise wollten das die Eltern aus anderen Gründen nicht. So entstand eine ungute Unruhe." Überhaupt ist das Tagesprogramm prall gefüllt, "teilweise schon ein bisschen zu voll. Viele Eltern stellen sehr direkte Forderungen. Die Kinder haben einen langen Tag mit vielen Angeboten. Und anschließend gehen sie noch in ihre Kurse."

Hört man ihr zu, bekommt man den Eindruck, dass viele dieser Kinder und ihre ehrgeizigen Eltern in einem seltsamen Paradox leben. Viele Väter und Mütter haben schlicht zu wenig Zeit, weil oft der Job vorgeht - gleichzeitig werden die Kinder mit Kursen und Fördermaßnahmen überhäuft. Der Zeitmangel werde durch alle möglichen eingekauften Angebote kompensiert, von Ballett über Klavier und Fußball bis Fremdsprachen, hat Paul beobachtet. "Einerseits sind die Kinder verwöhnter als früher. Gleichzeitig kommen sie zu kurz. Auch emotional."

Wichtiger als Englischunterricht für Fünfjährige findet sie die simplen Grundfertigkeiten. "Was öfter fehlt, ist die Selbstständigkeit: sich allein an- und ausziehen, die Schuhe binden. Das können sie teilweise mit fünf Jahren nicht. Wenn wir zum Schwimmunterricht gehen, wissen einige Kinder nicht mal, welche Sachen ihnen gehören. Das erleben wir. Viele Fünfjährige können nicht richtig mit Messer und Gabel essen, weil ihnen zu Hause das Au-pair-Mädchen oder die Mutter alles klein schneidet. Das war vor 23 Jahren nicht so." Die Eltern, vermutet Paul, haben früher mehr mit den Kindern gemacht.

Durch die vielen Kurse und Angebote kommt aber auch etwas ganz Simples und Kostbares zu kurz: einfach mal gar nichts oder nur Quatsch machen. Spielen. Kuscheln. Sich treiben lassen. Fast scheint es, als setze sich das durchgetaktete und auf Effizienz getrimmte Arbeitsleben der Eltern im Leben der Kinder fort. Paul: "Viele Eltern haben privat keine Zeit oder keine Lust, mit ihren Kindern etwas zu unternehmen. Es soll möglichst alles in der Kita stattfinden." Früher wollten Eltern nach Feierabend unbedingt noch etwas Zeit mit den Kindern verbringen. Heute ist selbst ein Ereignis wie der Laternenumzug zu St. Martin eine Last: "Das interessiert manche Eltern nicht, wenn die Kinder über die Straße laufen oder zu nahe am Lagerfeuer sitzen. Dafür sind ja die Erzieher da." Genauso wenig schätzt es Paul, wenn die Kinder zu früh zu Partnern werden: "Die Tochter als beste Freundin, der Sohn als Kumpel. Das tut den Kindern, glaube ich, nicht gut. Dann fehlt der Respekt vor den Eltern. Damit sind die Kinder überfordert."

Das Au-pair-Mädchen ist eine Angestellte. Und wo verläuft die Grenze zum Erzieher?

Doch überfordert sind auch die Eltern, zum Beispiel wenn das Kind beim Einkaufen immer quengelt. Die Lösung: Man nimmt es nicht mit, sondern lässt es in der Kita. Einerseits: praktisch. Andererseits: wieder ein, zwei Stunden nicht zusammen verbrachte Lebenszeit. "Viele Eltern haben Personal, Au-pair-Mädchen, die Putzfrau kommt. Die Kinder müssen nicht helfen, einkaufen oder aufräumen. Dafür hat man Personal." Zudem fehle Kindern, die den Umgang mit Au-pair-Mädchen gewohnt sind, bei jüngeren Kollegen oder Praktikanten der Respekt: "Sie reagieren stark auf soziale Hierarchie", beobachtet Paul. "Was zu kurz kommt, ist, dass die Kinder soziale Kompetenz lernen. Sie haben Schwierigkeiten, Grenzen zu respektieren - ihren Eltern gegenüber, manchmal auch Erziehern gegenüber." Grenzen zu setzen ist Arbeit: "Das ist Eltern, die beruflich stark eingespannt sind, vielleicht manchmal zu anstrengend. Oder Eltern haben ein schlechtes Gewissen, weil sie so wenig Zeit für ihre Kinder haben, und dann lassen sie mehr zu, als für das Kind gut ist."

Sie mag die Kinder in ihrer Kita. Was sie nicht mehr so mag, ist, wenn manche Eltern sie mit einem Au-pair-Mädchen verwechseln, dem sie Anweisungen geben können: "Teilweise behandeln Eltern die Erzieher wie ihre Dienstboten." Der Tonfall bei den Elternabenden werde dann "unangemessen", auf Respekt vor der Leistung der Erzieherinnen hoffe man vergeblich. Es scheint, als erwarteten die Eltern, die im Beruf gut funktionieren müssen, dass ihnen außerhalb des Berufs gegen Geld alles abgenommen wird. Ob das irgendwem guttut, den Kindern, den Eltern, den Erziehern, ist eine Frage, die Christiane Paul mit einem tiefen Seufzer beantwortet. -