Partner von
Partner von

Das Zeitalter der Lichter

Wie die Wirtschaft, so die Welt: Wer was verändern will, muss etwas wissen. Es lebe die Aufklärung.




Fortschritt

Was ist Fortschritt?

Schwere Frage. Einfache Antwort: wenn wir etwas dazulernen. Wie kann man den Fortschritt bestimmen? Indem wir mal schauen, wie es früher war und wie es jetzt ist. Indem wir mal vergleichen, was wir wissen - und was man früher so wusste. Beispielsweise über Elefanten. Man glaubte unter anderem Folgendes:

Ein Elefant ist ein riesiges Tier mit einem gewaltigen, mit hornigen Widerhaken bewehrtem Rüssel, der Menschenleiber in einem Zug aufreißen kann. Drei Schwänze, ebenfalls bestückt mit dolchartigen Dornen, hat das Monstrum, zwei fürchterliche glühende Augen, die mordlustig blitzen. Einen in festem Stahl gerüsteten Soldaten zerreißt die Bestie mit einem Biss, denn seine Zähne sind scharf und lang. Augenzeugen berichten, wie er mit seinen scharfen Stoßzähnen, die ihm als weitere fürchterliche Waffe gegeben sind, kleine Kinder aufspießt, um sie dann zu verschlingen. Der Elefant ist eines der schlimmsten Raubtiere, die es auf Gottes Erden gibt.

Nanu? Was ist das? Elefanten sind friedliche Dickhäuter, außer man reizt sie sehr, dann nicht, aber im Großen und Ganzen sind sie freundliche Harmoniker. Wer soll die Mär von den blutrünstigen Tieren glauben, die wir sogar unseren Kleinen als Stoffvariante in die Wiege legen, weil sie so nett aussehen? Niemand. Ja, alles richtig, stimmt ja, aber vor 250 Jahren glaubten viele, was weiter oben steht.

Und mehr noch. Dass Elefanten Monster sind, war sogar Gemeinwissen. Selbst in gebildeten Kreisen sprach man von den blutrünstigen Bestien. Aber man erzählte sich auch Sachen von dreiköpfigen Seeungeheuern und von Hexen, von Menschen fressenden Pflanzen, Drachen und anderem Zeugs. Kometen am Himmel brachten Unglück, beispielsweise einen Krieg. Und damit lag man ja auch richtig: Irgendwo war immer Krieg.

Schon in der Antike beschäftigen römische Priester die besten Physiker und Mechaniker ihrer Zeit, um dem natürlichen Repertoire an Angstmachern künstliche Effekte hinzuzufügen. Wer Angst machen kann, hat die Macht, und wer die Macht hat, macht Angst. Ein altes Spiel, bewährt, erprobt, todsicher.

Zu diesem bösen Spiel gehören zwei: erstens diejenigen, die Angst als Druckmittel verwenden, zweitens jene, denen man leicht Angst machen kann, weil sie sich vor allem fürchten. Das ist die Folge von Nicht-wissen-Wollen.

Diese Zustände ärgerten einen gewissen Denis Diderot, geboren 1713. Er selbst war, aus relativ kleinen Verhältnissen stammend, als Sohn eines Messerschmieds aus Langres in der Champagne, durch Bildung aufgestiegen. Er hatte die Jesuitenschule in Paris besucht und das eine oder andere studiert, doch nichts an dem, was das Wissen damals hergab, schien ihn zu befriedigen.

Vielleicht auch, weil ihm das lustige Diskutieren und Zweifeln mit seinen Freunden, darunter ein gewisser Jean-Jacques Rousseau und die Herren d'Alembert und Condillac, lieber waren. Man studierte die Schriften des ehrwürdigen René Descartes und seines deutschen Geistesbruders Gottfried Wilhelm Leibniz. Das war nicht gerade kompatibel mit dem, was Jesuiten von einem ihrer Zöglinge erwarteten. Diderot und seine Freunde waren keine hochnäsigen Unmenschen.

Wem Bildung versagt worden war oder wer von Geburt an dem Schwachsinn zuneigte, den hatten die jungen Wilden nicht auf dem Zettel. Aber jene, die wider besseres Wissen den Aberglauben schürten und damit letztlich ihre eigene Macht stützten, die standen ganz oben auf der Liste. Und auch die, die es eigentlich hätten besser wissen können, die gut bestallten Bürger, die über ausreichend Bildung und Grips verfügten, um nachfragen zu können. Beispielsweise, ob es Drachen, dreiköpfige Seeungeheuer oder den Elefanten als Raubtier geben kann. Wer lesen und schreiben kann, der kann auch klären, wie es darum steht. Der kann Fragen stellen. Wirtschaft.

Finanzwesen. Physik. Energie. Umwelt. Man kann begreifen, wenn man will, man kann fragen. Man muss nicht dumm bleiben.

Wissen

Wir sind in unseren Zeiten wieder dort angelangt, wo Denis Diderot, Jean-Baptiste Le Rond d'Alembert, Jean-Jacques Rousseau, Voltaire und Montesquieu angefangen haben. Beim mörderischen Elefanten. Und wir hören wieder: Das ist doch egal. Das macht doch nichts. Doch das stimmt nicht.

Es ist nicht egal. Es macht was aus. Und es macht was mit uns, dieses Nicht-wissen-Wollen.

Diderot und d'Alembert bekämpften die Sache auf ihre Weise. Sie begannen mit der Arbeit am wichtigsten Buch der vergangenen Jahrhunderte, der "Éncyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des art es des métiers" (die Enzyklopädie oder das geordnete Lexikon der Wissenschaften, der Künste und des Handwerks). Dieses Buch war in kürzester Zeit bei den Herrschenden verhasst wie kein zweites. Denn in diesem Buch konnte man lesen, wie die Dinge oder auch die Lebewesen, beispielsweise die Elefanten, wirklich beschaffen sind. Wie sie wirklich aussahen und was sie wirklich taten.

In sachlicher Sprache schufen die Enzyklopädisten - immer wieder verfolgt und verfemt die wichtigste Waffe der Aufklärung. Ohne großes Pathos, nur mit dem Wissen der Welt, das sie teilten, schufen sie die Voraussetzungen für den Untergang der alten Herrschaft, des Ancien Régime.

Man nennt das Aufklärung. Oder wie die Zeitgenossen: das Zeitalter der Lichter. Es wurde hell. Das ist nicht jedermanns Sache. Manche reiben sich verdutzt die Augen. Das Aufwachen fällt schwer. Mit der Ruhe ist es aus.

Aufklärung ist eine ziemliche Anstrengung, denn die Aufklärung verlangt von uns einiges, nämlich, wie Immanuel Kant aus Königsberg es so richtig sagte:

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.

Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen

Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."

Das ist doch eigentlich gar nicht so schwer, oder? Warum aber, lieber Immanuel Kant, machen so wenige von ihrem Verstand Gebrauch? Was ist es denn, das sie davon abhält, die Welt verstehen zu wollen? "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen." Danke schön. Das kennen wir.

Emanzipation

Und ganz gleich, wer heute was behauptet: Das Ziel der Aufklärung hat sich nie verändert. Und dieses Ziel ist nicht erreicht. Es lautet: Gleichberechtigung. Gleichberechtigung ist, wenn wir unseren Verstand für die Angelegenheiten benutzen, die uns betreffen, statt uns von anderen sagen zu lassen, wie es ist. Emanzipation, ein schönes Wort für Gleichberechtigung, bedeutet eben nicht, einfach nur gleich zu werden, weil das jemand klasse findet oder beschlossen hat. Emanzipation heißt, sich gleich zu machen. Hausaufgaben in Zeiten eines in die Krise geratenen Kapitalismus.

Diese Aufklärung und ihr Ziel, die Gleichberechtigung, sind ins Stocken geraten, man kann sogar behaupten, dass die Gegenaufklärung längst die Oberhand hat. Esoterik an jeder Ecke, Untergangsglaube oder Finanzkrise. Auch sie, gerade sie, zeigt, wie ungebildet das Volk doch geblieben ist. Es ahnt. Es weiß nicht. Die Krise kam auf dem Trampelpfad. Der Attac-Aktivist Sven Giegold hat recht, wenn er sagt, dass keine bisherige Systemkrise des Kapitalismus so deutlich und so vorhersehbar war wie diese. Zwei Jahre, gut zwei Jahre und länger. Sind die Strukturprobleme der Autoindustrie, der Banken, der Versicherungen wirklich so neu? Dürfen wir stolz sein darauf, die wir so eingebildet sind auf die "Echtzeitkommunikation" im World Wide Web, dass der Knall einfach verpennt wurde?

Volksmärchen

Wer oder was ist eigentlich ein Intellektueller? Oder anders gefragt: Wo sind denn die Aufklärer von heute? Es gibt eine schöne alte Regel - wir kommen noch genauer darauf -, wonach Menschen, die viel lernen durften, verpflichtet sind, sich für andere Menschen den Kopf zu zerbrechen. Das ist richtig und gut so. Eine der Voraussetzungen aber, dass diese Übung gelingt, ist, dass die, die etwas lernen durften, auch etwas Anständiges gelernt haben. Und daran sind Zweifel erlaubt - die Ahnungslosigkeit der deutschen Geisteseliten in Sachen Wirtschaft ist unübersehbar. Jeder kennt seinen Thomas Mann. Jeder hat die Buddenbrooks gelesen. Nur zur Erinnerung: Das waren Kaufleute. Und Thomas Mann, der gern von allen zitiert wird, die nichts von Wirtschaft verstehen wollen, weil zu schnöde und so weiter, war nicht nur der Sohn guter Kaufleute. Für seine Romane recherchierte er auch die Grundlagen. Kaum vorstellbar im heutigen Bildungskanon, dass Mann freiwillig, weil es ihm Spaß machte, Vorlesungen an der Technischen Universität München besuchte. Für die passionierten Mann-Leser von heute ist all das unwichtig. Lesen ja, rechnen nein. Umweltbewusstsein, natürlich. Aber Biologie, also Umweltwissenschaft, nö. Und so weiter. Nur halbe Sachen. Und mit Wirtschaft ist es genauso. Mittlerweile traut man auch dem gehobenen Lesermilieu nichts mehr zu, diesbezüglich.

So entstehen die flotten Schattenrisse zur Krise, ein merkwürdiges Gemisch aus Ahnung, Meinung und Fakten. Am 10. November 2008 befragte der "Spiegel" beispielsweise fünf Wirt-schafts-Nobelpreisträger, Edmund Phelps, Robert Lucas, Reinhard Selten, Paul A. Samuelson und Joseph Stiglitz, nach ihren Positionen zur derzeitigen Finanzkrise. Diese Weisen repräsentieren sehr gut die Bandbreite der heute verfügbaren Lehrmeinungen. Ökonomen wie Phelps sind nach wie vor für eine Politik der lockeren Hand, der liberalen Gestaltung der Märkte; andere, wie Stiglitz, stehen für mehr Regulation und Kontrolle. Der Leser muss also selbst wählen, welche Position ihn weiterbringt. Mündige Bürger mit wirtschaftlichem Grundwissen wägen lesend ab. So soll das sein.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn im Inhaltsverzeichnis werden die fünf unterschiedlichen Meinungen der Weisen zu einer einzigen Haltung zusammengeschustert. Dort steht: "Wer bändigt den Kapitalismus?" und es folgt ein Widerspruch zum eigenen Inhalt, der sich gewaschen hat: "Alle sprechen sich für staatliche Eingriffe aus." Eben nicht. Was ist das? Manipulation, Unwissenheit oder Wunschdenken?

Nehmen wir mal an, man hätte eine andere Frage an fünf Prominente gestellt, aus einer anderen Berufsgruppe diesmal, sagen wir mal Popsänger, Politiker, Radfahrer oder Theaterregisseure der Teufel wäre los gewesen, wenn man sie so über einen Kamm geschoren hätte. Doch es sind ja nur Ökonomen. Hier, sehr geehrte Damen und Herren, stimmt was nicht.

Rache auf Augenhöhe

Immer lauter wird dieses merkwürdige Hintergrundgeräusch, es klingt ein wenig, als ob jemand sägt. Vielleicht an den Grundpfeilern des Staates, des Retters vor wild gewordenen Kapitalisten? Vielleicht an den Fundamenten der Marktwirtschaft? Nein, viel schlimmer. Da wird gar nicht gesägt. Es wird geschnarcht.

Die Aufklärung pennt. Nicht nur Verallgemeinerungen, die aus fünf Meinungen eine machen wollen, sind ein Zeichen dafür. Auch der Umgang mit dem Wort "Regulierung" zeigt, wie verschnarcht die Debatte ist. Denn Regulierung heißt nicht etwa: neue, klare Regeln schaffen oder mehr Transparenz für die Märkte. Das wäre gut. Doch gemeint ist etwas anderes. Regulierung heißt auf Deutsch: Der Staat muss ran. Die Politik muss helfen. Vor allem Intellektuelle tun sich da hervor. Warum?

Der Publizist Michael Miersch, Autor zahlreicher kritischer Umweltbücher, sieht das so: " Journalisten, Künstler und andere Leit- und Meinungsbildner sind die, die seit vielen Jahrzehnten den kulturellen und gesellschaftlichen Takt vorgeben. Sie sagen, was man zu denken hat - sie haben ein hohes Ansehen und verkehren in höchsten Kreisen. Sie sind mindestens so prominent wie Manager und Unternehmer. Aber sie haben nie so viel Geld verdient, nicht annähernd. Der Erfolg der Kapitalisten hat ihnen eine Neurose angezüchtet. Sie behaupten zwar, dass Geld nicht so wichtig sei, aber tatsächlich wissen sie sehr gut, dass sie sich mit den Einkommen und Vermögen der wohlhabenden Kapitalisten vergleichen müssen -oder vergleichen wollen." Dass Vorstände von Banken, die am staatlichen Hilfspaket teilhaben, nicht mehr als 500 000 Euro jährlich verdie nen dürfen, ergibt ökonomisch kaum einen Sinn, im Gegenteil. Es fördert die zweite und dritte Reihe. Aber es schafft endlich einen geringeren Abstand zwischen den Leuten, die die politische und kulturelle Lufthoheit in Deutschland besitzen, und denen, die bislang mit dem Vielfachen dieses Salärs nach Hause gingen. Damit tanzen, frei nach Karl Marx, nun wenigstens die Einkommensverhältnisse. Ist das Gerechtigkeit oder einfach nur die Rache der Enterbten?

Scheinheiliger Gral

Es geht um Macht. Die Politik hat mit dem Hilfspaket einen großen Coup gelandet. Denn nun hat man eine Wundermaschine, deren Wirkung einzig und allein auf der ökonomischen Unbildung der Bevölkerung beruht und dem Unwillen der Gebildeten und Meinungsmacher, an dieser Situation etwas zu ändern.

Das ist der Klang des Ancien Régime. Es ist einfach falsch zu vermuten, dass nun die 500 Rettungsmilliarden Euro von Leuten gekapert werden, die dem Staat immer nahestanden und ihre Geschäfte stets engstens mit den Volksvertretern abstimmten. Es ist deshalb falsch, weil es keine Vermutung ist. Es ist die Wahrheit. Man bedient sich. Eine einmalige Chance.

Die hingegen, die schon bisher außerhalb dieser Macht blieben, die aber gleichsam die wichtigste Gruppe der Realwirtschaft bilden, die Klein- und Mittelständler und Selbstständigen, sie kriegen nichts vom Kuchen ab, der jetzt an marode Konzerne von scheinheiligen Politikern verteilt wird. Da sind sich Politiker aller Lager einig, dass man nun mit rund einer Milliarde Euro Opel retten müsse. Die originellste Begründung dafür gelang dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck. Er meinte, dass die Stütz-Milliarde vor allem "den vielen Selbstständigen, die da am Werk hängen", nützen würde. Darauf muss man in einem Land, in dem große Fabriken und Konzerne stets auf Knete und die richtigen Gesetze vom Staat hoffen durften, während die Kleinen als Abweichler gesehen werden, erst mal kommen. Ablenkungsmanöver dieser Spielklasse sind alltäglich geworden. Ärgerlich ist aber, dass diese Tricks auch noch auf allen Kanälen völlig unkritisch heruntergebetet werden. Welchen Kredit haben Selbstständige oder kleine Unternehmen? Welchen Kredit haben die guten Kaufleute heute? Richtig: keinen.

Deren Kohle wird gebraucht, um politische Fehler von Politikern und Managern zu kaschieren. Einmal mehr. Wie gehabt. Und was immer in solche Machenschaften verstrickte Politiker wie Beck auch erzählen, liebe Selbstständige: Das ist nicht euer Rettungspaket. Die Krise hingegen ist ein Segen für Dilettanten. Missmanagement und Größenwahn werden belohnt. Am Markt vorbeiproduzieren wird belohnt. Es gilt die alte Schuldnerregel: Nur möglichst viele Schulden haben, dann wirst du gut behandelt. Damit das aber nicht so rüberkommt beim Volk, wird mithilfe von Leuten, die nichts von Wirtschaft verstehen (wollen), ein Szenario gebastelt, das wir bereits vom 11. September 2001 kennen. Da wurde behauptet, dass die Schwäche der Börsen und alles Übrige, was da noch kommen würde, unmittelbar mit dem Terroranschlag auf das World Trade Center zusammenhänge. Witzigerweise ereigneten sich die großen Einbrüche allerdings schon Monate vor dem Anschlag. Zuerst die Wirkung. Dann die Ursache. Was soll's? Die Leute glauben es. Das genügt. Eine von Menschen gemachte Krise wird zum Naturereignis uminterpretiert.

Kritik

Ist das das Zeitalter der Lichter, von dem die Aufklärer schwärmten? Das ist es nicht. Damit es heller wird in der Birne, fehlt Energie. Die ehrliche Auseinandersetzung mit den Ursachen von Finanzkrisen wie dieser, ebenso wie die klare Analyse des Versagens von überdimensionierter Konzernindustrie, die stets im Verbund mit dem Staat loszieht, um Kasse zu machen.

Die wichtigste Frage dieser Zeiten lautet: Wie sieht der Elefant aus? Was ist Kapitalismus? Was ist Markt? Und wie halten wir es mit der Realität? Dies wäre die Aufgabe kritischer Intellektueller, die das Wort Kritik ernst nehmen und es nicht ständig mit dem Wort "dagegen" verwechseln würden. Das schöne Wort "Kritik" entspringt dem altgriechischen krinein, das heißt so viel wie unterscheiden und trennen. Ein Raubtier von einem Pflanzenfresser beispielsweise. Was massenhaft allerdings verbreitet wird, ist die Fama vom blutrünstigen Elefanten.

Unterscheiden. Trennen. Dazu ist Kopfarbeit da. Kluge Köpfe würden massenhaft gebraucht, um Lösungen für alternative Modelle zum bestehenden System zu finden. Wie aber sieht die Realität aus?

Selbst Kritiker des Kapitalismus und des Marktes, zu denen der Dichter und 68er-Aktivist Hans Magnus Enzensberger einst zählte, haben das, wenn sie von ihrem kritischen Verstand Gebrauch machten, schon lange erkannt. Als im Rahmen der allgemeinen Besetzungswelle im Gefolge der 68er-Bewegung eine Truppe politisch bewegter Aktivisten ausgerechnet ein Theater besetzten, geigte ihnen Enzensberger mal die Meinung: Darin wäre nichts weiter zu erkennen als die Weltfremdheit der selbst ernannten Revolutionäre. Theater? Tolle Idee. Einen Fernsehsender hättet ihr besetzen müssen, rief ihnen Enzensberger hinterher. Aber das entsprach nicht den "Neigungen" der "Revolutionäre".

"Neigung", das bedeutet heute nicht mehr dasselbe wie Talent für etwas mitbringen, sondern einfach nur ein wenig Interesse. Mühelos und angenehm soll das erreichbar sein, was man gern hätte. Antikapitalismus ist eine Neigungswissenschaft. Man muss eigentlich nur dagegen sein. Das genügt.

So tragen deutsche Kopfarbeiter in der Krise zur Irritation bei. Dabei sollten sie wissen, aufklären und mithelfen, Alternativen aufzuzeigen, die auch wirklich tragen und nicht im immergleichen "mehr Knete vom Staat" münden. Doch wie soll das gehen? Wo sind die Sprachrohre der Aufklärung?

Im Jahr 2007 veröffentlichte die Zeitschrift "Cicero" ein Ranking der 500 einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland. Was immer man von solchen Rankings halten mag, sie sind auch ein Spiegel der gesellschaftlichen Werte und Interessen. Im "Cicero"-Ranking der wichtigsten Kopfarbeiter finden sich unter den ersten Hundert vier Ökonomen und zwei Naturwissenschaftler. Spurenelemente.

Selbstverwirklichung

Hier wird für einen alten Irrtum missverstandener Emanzipation bezahlt. Jeder hat das Recht, nach seinen Talenten glücklich zu werden. Stimmt. Aber das heißt nicht, dass man alles andere lassen kann. Wer Gesellschaft neu denken will, aber nicht rechnen kann, ist ein schlechter Ratgeber.

Fragen wir Professor Martin Leitner. Er ist Geschäftsführer des Hochschul-Informations-Systems HIS in Hannover. Wenige Leute wissen so genau wie der Mathematiker Leitner, warum der akademische Nachwuchs welches Fach studiert und wie es den Menschen dann im Leben mit ihrer Ausbildung ergeht.

Martin Leitner ist ein ruhiger Mensch. Doch es gibt Dinge, die ihn an den Rand der Verzweiflung bringen können: "Was mich so aufregt", sagt er, "ist die große Zahl der Traumtänzer, die wir haben. Leute, die meinen, man könnte Wissen ohne Anstrengung erlangen. Studenten, die studieren, was ihnen Spaß macht." Die Folgen der Operation Selbstverwirklichung ohne Zusatzkenntnisse hat man beim HIS schwarz auf weiß dokumentiert. Fünf Jahre nach dem akademischen Abschluss werden da einerseits Absolventen naturwissenschaftlicher Fächer gefragt, wie sie denn mit ihrem Leben zufrieden sind. "Da haben wir ein Durchschnittseinkommen von 55 000 Euro pro Jahr und eine sehr hohe Zufriedenheit. Die Leute sehen eine Perspektive in ihrem Leben, und nur wenige finden: , Ich hab' das Falsche studiert.'"

Und die Gegenprobe? Bei den Geisteswissenschaftlern liegt das Jahreseinkommen bei 35 000 Euro. 40 Prozent von ihnen haben eine Beschäftigung, die nichts oder nur wenig mit ihrer Ausbildung zu tun hat. Nur ein knappes Viertel der Geisteswissenschaftler findet ihre Situation gut, sieht eine Perspektive für die Zukunft.

" Junge Leute werden systematisch betrogen", sagt Leitner, "man motiviert sie zu Selbsterfahrung statt Ausbildung." Beides, betont er, sei aber dringend erforderlich. Wie kann das sein? Viel zu wenige Studenten entscheiden sich für die anspruchsvollen naturwissenschaftlichen Studien. "Der Bildungskanon wird eindeutig von Geisteswissenschaftlern definiert. Hauptsache, man hat seinen Thomas Mann gelesen", sagt Professor Leitner. Deutschland, so sagt er angesichts der Realsituation beim Nachwuchs und auch mit Blick auf den herrschenden Bildungskanon, sei zwar von außen betrachtet das Land der Ingenieure, "aber dafür schämen wir uns eigentlich. Das will niemand."

Dass der kritische Bürger vielleicht beides braucht, den Sinn für die Realität, wie sie Naturwissenschaften und Ökonomie vermitteln, und den guten Draht zur Welt der Kunst und der Philosophie, ist kein deutsches Bildungsziel. Die Folge sind Akademiker, aus denen das Führungspersonal der Republik rekrutiert wird, die nicht mehr zwischen persönlicher Meinung und Realität unterscheiden können: "Alles verschwimmt, die irrationalen Herangehensweisen an Sachthemen nehmen überhand", findet Leitner. Ausreden3 gibt es freilich genug. Zu komplex sei alles. Zu unüberschaubar. Doch das stimmt so nicht. Längst haben sich das Establishment und der Nachwuchs stillschweigend darauf geeinigt, dass es ohne Mühe auch geht. "Das sind die Voraussetzungen für ein neues Zeitalter des Aberglaubens", sagt Leitner. Und fast beschwörend fügt er hinzu: "Es darf nicht länger als schick gelten, dass man blöd ist."

Der Kuhzaun

Das klingt hart, trifft aber den Punkt. Übrigens hält Martin Leitner auch Naturwissenschaftler, die sich allen Modellen und Denkchancen außerhalb ihrer Disziplin entziehen, nicht für schlauer. Denn einseitige Bildung ist nichts weiter als Aberglaube. Dieser Aberglaube wird zur Dummheit, wenn man einfach glaubt, was einem erzählt wird.

Was hilft? Pädagogik? Kaum. Schaden? Da gäbe es in der Tat genug. Aber klug wird daraus offensichtlich kaum jemand. Wie wäre es mit Spott? Mit Häme? Mit Vorführung? Das ist politisch nicht korrekt. Aber sehr gut.

Vince Ebert ist gelernter Physiker, der in seinem Beruf als Kabarettist genau das macht. Für sein Programm "Denken lohnt sich! " hat er einen kleinen hübschen Werbefilm gedreht, in dem er selbst als durchschnittlicher Nichtsahner in einem offenen Cabriolet durchs Grüne brettert und sich dabei eine Dose Fanta reinzieht. Es kommt, wie es kommen muss. Vince muss mal. Er parkt sein Auto nahe einer Kuhherde, die hinter einem Drahtzaun steht. Dann pinkelt er an den Zaun. Wir hören es nur ganz kurz britzeln, Kurzschluss. Dann ist der Spot aus. Ja, es ist sinnvoll - und zwar bevor man die Hosen runterlässt und damit seinen Neigungen freien Lauf -, darüber nachzudenken, warum die Kühe in so großem Abstand zum Zaun stehen. Es lohnt sich auch, Schilder zu lesen, auf denen steht: "Vorsicht, Elektrozaun! ".

Das Leben ist voller Kuhzäune, an die allzu leichtfertig gepinkelt wird. Oder wie war das noch mal mit der todsicheren Anlage, die der Investmentbanker empfahl? Oder der Rettung des Vaterlands durch den Staat, wen sonst?

Hose rauf, zumachen, zuhören: "Naturwissenschaftler haben einen großen Vorteil: Sie werden so ausgebildet, dass sie sich immer darüber bewusst sind, was sie nicht wissen. Nur so kommen sie weiter. Sie stellen Fragen, sie experimentieren", erzählt Vince Ebert. Das ist eine gute Übung, findet er: "Man muss darauf trainiert sein, sein Nichtwissen zu erkennen und es ändern zu wollen." So macht er Kabarett. Er führt Leuten ihre Vorurteile über Dick und Dünn, Klimakastrophen und Handystrahlung vor und macht sich lustig über die, "die glauben, weil sie sich nicht trauen, etwas zu wissen - das sind viele. Es ist ja nicht leicht", gibt Ebert zu, "man wird den ganzen Tag von sogenannten Experten zugeballert, von denen jeder behauptet, er habe eine wissenschaftliche Studie im Gepäck, die irgendwas beweist. Jeder verkauft heute seine Meinung als sichere Wahrheit. Das war eigentlich noch nie anders. Was wir brauchen, ist die Fähigkeit, Wissenschaft und Wissen von Pseudowissen zu unterscheiden."

Kein Pardon

Derlei liefert nicht etwa eine geheimnisvolle Irrtumerkennungsmaschine mit USB-Schnittstelle, sondern skeptisches Denken. Was immer man auch hört, jeder hat die Pflicht zu fragen, ob das denn auch stimmen kann, was uns gerade jemand im Fernsehen erzählt. "Eine Talkshow zum Thema Stammzellen", sagt Ebert, "bei der ein Bischof, eine Schauspielerin und ein Regisseur sitzen, die wahrscheinlich nicht mal wissen, was ein Gen ist, ist nicht meinungsbildend, sondern Blödsinn." Und die eigene Kaste, die so oft schweigt und nichts sagt, die Naturwissenschaftler, die kriegen bei ihm auch ihr Fett ab: "Wenn ihr wollt, dass die Leute mehr wissen, dann müsst ihr rausgehen und das erklären. Das gehört einfach dazu."

Ohne Zweifel, die Realos haben den Gläubigen viel Raum gelassen, sie sind nicht mutiger als ihr Gegenpart - und vielleicht deshalb auch nicht wirklich schlauer. Wer in aller Öffentlichkeit Quatsch erzählt, muss kaum damit rechnen, von Experten vorgeführt zu werden. Und das ist schade. Das muss sich ändern. "Denken Sie selbst sonst tun es andere für Sie", sagt Vince Ebert.

Und so ist es. Ökonomen, die nicht Klartext reden und die Öffentlichkeit suchen, fördern die Unbildung. Sie fördern die Kritiklosigkeit, die Krankheit unserer Zeit. Karl Popper, nicht nur Vorbild des Physikers und Vorführ-Meisters Vince Ebert, hat das immer wieder gesagt. " Jeder Intellektuelle hat eine ganz besondere Verantwortung. Er hatte das Privileg und die Gelegenheit zu studieren; dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder , der Gesellschaft'), die Ergebnisse seiner Studien in der einfachsten und klarsten und verständlichsten Form darzustellen. Das Schlimmste - die Sünde gegen den heiligen Geist - ist, wenn die Intellektuellen versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's klar sagen kann." Das ist ein schöner Ansatz.

Das geht, und es ist wichtig. Diderot hat das vor 250 Jahren schön auf den Punkt gebracht. Die Emanzipation ist ein langer, harter Weg, und sie erfordert Konsequenz. In einem Brief an Voltaire schrieb Diderot:

"Unsere Devise lautet: Kein Pardon für Abergläubische, Fanatiker, Unwissende, Narren, Bösewichter und Tyrannen - und Sie werden es hoffentlich an mehr als einer Stelle erkennen."

Das also wäre der Fortschritt. Wenn man ihn an mehr als einer Stelle erkennt. Im Ganzen. -