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28 Fragen zur Finanzkrise

Lehren ziehen ist das Gebot der Stunde. Doch wie steht es mit Zweifeln an der Lehre? An der Ausbildung der Finanzer, Banker, Ökonomen?




Wie kam es zur Finanzkrise? Erstaunlicherweise scheint das nicht zu interessieren: Kaum jemand fragt genauer nach.
Unterdessen feiert sich der Staat als Retter. Doch es gibt viele offene Fragen. Fangen wir an:
Welche Theorien sind verantwortlich für die Hybris?
Welche Ökonomie lehrt welche falschen Anreizsysteme?
Welche jungen Manager werden mit welchem Selbstbild in die Arena geschickt?

Die Frage der Verantwortung richtet sich auch an die Universitäten.
Welche Geschäftskultur wird von wem gelehrt?
Wo können die jungen potenziellen Manager Haltungen erlernen, die sie überhaupt erst befähigen, Verantwortung zu übernehmen?
Wird der Wert sozialen Kapitals vermittelt?

Früher, erzählen ältere Manager, ging es um Status und Reputation, heute gehe es fast nur noch um Geld.
Das ist eine paradoxe Lage: Status hat, wer Geld hat.

Gute Manager, die wenig verdienen, sind weniger wert?
Sind die Maßstäbe aus den Fugen geraten?
Welche Qualitäten und Kompetenzen werden hier eigentlich prämiert?

Der große Organisationswissenschaftler Henry Mintzberg plädiert für die Abschaffung der M BA-Studiengänge, weil dort asoziales Verhalten trainiert werde, also Führungsinkompetenz. Wir sehen, dass die Frage der Staatshilfe für Banken eng mit der Frage der Reform des Bildungssystems gekoppelt ist: nicht nur als gesteigerte Investition in die Bildung, sondern vor allem in Reflexion auf das, was eigentlich gelebt wird. Alfred Herrhausen sprach einmal von der Anforderung an 'gebildete Manager'. Was hat die Ökonomie als Wissenschaft geleistet?
Nobelpreise wurden für 'intelligente Finanzderivate' vergeben. Welche Illusionen hat die Ökonomie genährt?

Michael Czinkota von der Georgetown University pointiert das noch: "Was ist mit den M BA-Programmen, die so viele gierige Absolventen ohne moralischen Kompass hervorgebracht haben? Sollten die M BA-Universitäten mit großen Stiftungen jetzt denen aushelfen, deren Altersversorgung von M BA-Absolventen ruiniert wurde?"
Hat die Ökonomie nicht Konzepte und Marktwachstums-Illusionen geschürt?
Hat sie nicht die jüngsten Generationen von Absolventen falsch orientiert?
Ist die Bildung der jungen Ökonomen in sozialer Verantwortung vollständig verschwunden?
Wo ist die Verantwortung von Bankern, die ihren Kunden selbst dann, wenn sie sichere Anlagen wollten, Fonds verkauften, in denen Subprime-Kredite eingepackt waren?
Entweder ist es Inkompetenz, organisatorischer Druck oder Verantwortungslosigkeit. Nichts davon ist tragbar.

Wer hat ihnen das beigebracht?
Wer hat die jungen Ökonomen überhaupt vor diesen toxischen Systemen gewarnt?
Wer hat sie so ausgebildet, dass sie denken mochten, extremer Gewinn sei normal, obwohl extrem riskant (auch für ihre eigenen Arbeitsplätze)?
Welche Ökonomie wird gelehrt?

Ökonomen entschuldigen das, indem sie darauf verweisen, dass Wirtschaftsakteure auf Anreize reagieren. Anreize, gute Geschäfte und Gewinne zu machen, sind essenziell für Wettbewerbseffizienz. Aber zugleich sind Anreize, nur auf Maximierung der Rendite zu achten, unternehmerisches Vabanque, wenn damit die Geschäftsbasis geschädigt wird. Nicht die Shareholder allein bestimmen das Geschäft, sondern die Kunden und Mitarbeiter ebenso.
Wer hat den Leuten diese riskante Blindheit beigebracht?
Wer hat ihnen verschwiegen, dass ihre hypertrophen Erwartungen an sich riskant sind?
Wer hat diese Leute vom Risikobewusstsein abgenabelt?

Es reicht nicht, die Anreize zu justieren, wie manche Ökonomen vorschlagen. Es ist auch eine Frage der Haltung, wie man mit Anreizen umgeht. Niemand kann sich herausreden, er hätte so hohe Anreize gehabt, die Renditen zu maximieren, dass er vergessen habe, seine Kunden gut zu beraten, vor allem in Hinblick auf die Risiken.
Welche Risiken haben eigentlich die, die so beraten?
Wenn wir von Anreizen, Incentives reden, warum reden wir nicht zugleich von Disincentives?

Wenn weder Kunden noch Verkäufer Wertpapiere verstehen, ist das keine seriöse Geschäftskultur. Diese Banker haben keine Haltung gegenüber ihren Kunden: Business geht vor Kundenbeziehung. Natürlich müssen sie ihren Shareholders Erträge bringen. Aber die Shareholders sind nicht die Einzigen, denen sie dienen. Sie vergessen, dass sie in einem sozialen Netzwerk von Folgebeziehungen und -geschäften stehen. Sie vergessen das nächste Geschäft, indem sie ihre Kunden durch falsche Beratung schädigen.

Universitäten bilden Manager aus, die die Geschäftskulturen prägen durch die Art ihrer Ausbildung. Theorien, die den Markt allein anreizgesteuert sehen (Principal-Agent-Theories), koppeln Motive, Einstellungen, Haltungen und soziale Dimensionen aus, die für die nachhaltige Funktion des Marktes hochrelevant sind.
Ob hier Wirtschaftsethik hilft, vermag ich nicht einzuschätzen. Sie darf die Profitabilität nicht unterbewerten (wozu ihre Prot agonisten häufig neigen). Aber Profitabilität steht unter Bedingungen, die einzuhalten die Voraussetzung ihrer Geltung ist. Märkte verlassen sich auf mehr Ressourcen als nur auf die rein wirtschaftlichen: auf faire Geschäftskulturen, denen alle Akteure vertr auen. Ökonomie, die das nicht weiß und auch deshalb nicht lehrt, ist riskante Theorie.
Wägen wir noch genügend ab?
Brauchen wir statt Rational Choice nicht wieder viel mehr Ausbildung in Urteilskraft?
Welche Universitäten lehren das? -

Birger P. Priddat (* 13. Februar 1950 in Leuna, Sachsen-Anhalt) ist Ökonom und Philosoph. Seit August 2007 ist er Präsident der Privaten Universität Witten/ Herdecke und Inhaber des Lehrstuhls für Politische Ökonomie.