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Sorge dich nicht, lebe!

Brasilien ist ein Land in der Dauerkrise.
Und die Brasilianer sind Leute, die das fröhlich ignorieren.




• Der nächste Winter kommt bestimmt. Aber nicht in Brasilien. Ein Land, das nie einen Krieg verloren hat und nicht einmal um seine Unabhängigkeit kämpften musste, das beinahe grenzenlos Platz und Ressourcen hat und doch bescheiden lebt; ein Land in dem es so gut wie keine Jahreszeiten gibt; ein solches Land tickt anders als eines, in dem die Geschichte tiefe Narben hinterlassen hat: Brasilien hat kein Krisenbewusstsein.

Brasilien. Die Politik korrupt, die Justiz morsch, die Schulen primitiv, die Straßen unsicher, die Arbeit prekär und kaum ein Mensch pünktlich: Stoff zum Jammern, aber nicht zum Rebellieren. Wer behauptet, er hätte den Schlüssel, das zu ändern, ist ein Lügner oder im Wahlkampf. Sicher nur: Keiner nimmt ihn ernst.

Seit ich vor einem Vierteljahrhundert nach Brasilien kam, höre ich das Gerede über die Krise. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte mich damals zu einem Seminar eingeladen: „Como sair da crise?“ – „Wie kommt man aus der Krise?“ – lautete das Tagungsthema. Vermutlich ging es um die Schuldenkrise, die Inflation, die Armut, die Demokratie. Darum geht es ja immer.

„In Brasilien gibt es kein Geld“, schrieb 1994 der Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro („Ein Brasilianer in Berlin“). „Dort gibt es buntes Papier und kleine Münzen, die vielleicht aus den Resten alter Töpfe gemacht wurden ... Ich wurde geboren, als der Cruzeiro den Mil-Réis ablöste ... Später schuf die Regierung den Cruzeiro Novo, der 1000-mal so viel wert war wie der alte. Jahre später kam der Cruzado, der so viel wert war wie tausend Cruzeiros Novos und sich ein paar Monate hielt. Als man feststellte, dass der Brasilianer, um sich eine Packung Zigaretten zu kaufen, einen Koffer voller Geld anschleppen musste, schuf man den Cruzado Novo. Auch der hielt nicht lange, und jetzt, nachdem mit einem Handstreich alle Spareinlagen konfisziert wurden, sind wir zum Cruzeiro zurückgekehrt!“

Nun, seit 15 Jahren heißt die brasilianische Währung Real, und sie hält sich wacker. Aber die großen Reformen – die Wahlkreisreform, die Steuerreform, die Landreform, die Justizreform, die Polizeireform, die Rentenreform, die Schulreform, die seit einem Vierteljahrhundert in praktisch jeder politischen Rede angemahnt werden, kommen nicht; sie kommen nie. Doch verkündet werden sie immer wieder.

„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert“, lautet der bekannte Ausspruch des Fürsten von Salina, Don Fabrizio, in Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Der Leopard“. Nach diesem Rezept wird in Brasilien Politik betrieben. Man kann es sich leisten, und wem das nicht gefällt, der kann ja weiterziehen, das Land ist groß genug. Selbst für die landlosen Bauern gibt es noch Land, und für die Amazonas-Indianer ebenfalls – wenn auch meist nur auf dem Papier. 1988 hat sich Brasilien eine neue Verfassung gegeben, die perfekteste der Welt, so hieß es damals. In dieser Verfassung steht zum Beispiel, dass der Zinssatz, mit dem sich die Banken das Geld bei der Zentralbank leihen, nicht höher als zwölf Prozent sein darf. Seit Jahren liegt er darüber, aber kein Mensch kommt auf die Idee, den Staat wegen Verfassungsbruchs zu verklagen.

Für alles gibt es Lösungen. Wenn die Inflation das Geld verzehrt, wird in Telefonmünzen gespart

„Só perú morre na véspera“ – frei übersetzt: „Der Puter stirbt erst auf dem Hackklotz“ – und nicht vorher! So lautet eine alte Volksweisheit. Zwischen der abstrakten Problemeinsicht und der Bereitschaft zur Lösung (und Verhaltensänderung) klafft eine große Lücke. Brasilien hatte das Glück (oder Pech), niemals von einer echten Katastrophe heimgesucht worden zu sein. Die Welt könnte untergehen, in Brasilien würde man es nicht merken. Brasilien ist selbstgenügsam, seine ökonomische Abhängigkeit vom globalen Geschehen ist angesichts seiner Größe relativ gering, das Land steuert nur zwei Prozent zum Welthandel bei.

Klar, auch in Brasilien herrscht die Baisse an der Börse, auch in Brasilien neigen sich fast alle makroökonomischen Faktoren nach unten, und auch dort holt die Regierung alle üblichen Instrumente aus dem ökonomischen Erste-Hilfe-Kasten, um die Konjunktur anzuregen. Aber man wird das Land und seine Wirtschaft nie verstehen, wenn man sich im statistischen Dschungel der makroökonomischen Ebene verliert. Als die Inflation noch mit tausend Prozent im Jahr durch die Banken fegte, legten die kleinen Leute ihr Kapital in Telefonmünzen an – die waren wertbeständiger als echtes Geld. Wenn es in Rio de Janeiro regnet, stehen plötzlich an jeder Ecke Regenschirmverkäufer – kein Konzern kann so schnell auf Nachfrage reagieren wie die ambulanten Händler der Stadt.

„Sempre da um jeito!“ – es gibt immer einen Ausweg, lautet das Credo der Brasilianer. Sie sind melancholische Berufsoptimisten: Auf Regen folgt Sonnenschein. Die meisten Probleme lassen sich durch Nichtstun lösen, zu viel Aktionismus schadet nur. Die Krise? Ach ja, die Krise. Morgen ist auch noch ein Tag. ---