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Slowenisch – Deutsch

Übung 9: 
Von Jugo-Nostalgie und Balkan-Schwaben




Zu den Slowenen gibt es zwei Meinungen. Aus der Ferne betrachtet gelten sie als sympathisch. Der EU und Nato sind sie das liebste Kind im Osten, und auch der restlichen westlichen Welt gelten sie als „Musterschüler“.

[vzorna ucenec] | Musterschüler, der
Aus nächster Nähe werden die Meinungen manchmal abfällig. Der kroatische Nachbar verunglimpft die Slowenen als geizig, humorlos und langweilig. Die Slowenen selbst nennen sich Balkan-Schwaben. [balkanski Svabi]Balkan-Schwaben, die
Eine Klassifizierung, die freilich keine von beiden Ansichten wirklich ausräumt, sondern sie eher miteinander verbindet. Wie auch die Behauptung, besonders strebsam und ordentlich zu sein. [redoljubni]ordentlich
Was man damit eigentlich sagen möchte: Man ist besser als die Nachbarn. Doch auf dem Balkan behaupten das alle von sich. Die Kroaten sind die Besten, die Slowenen sowieso, vor allem aber die Serben. Der Hang zur Selbstüberschätzung ist in dieser Weltgegend latent. Da an Slowenien wirtschaftlich niemand vorbeikommt, müssen für diese Balkanmeisterschaft auch Kriterien wie Fußball- oder Handballspielen herhalten, je nachdem, wer was am besten kann. Sogar die Gunst der Frauen zählt als Maßstab. Danach sollen die slowenischen Männer ganz schlecht sein. Sagen die Kroaten. Kein Wunder, dass sich die Slowenen bei solchen Nachbarn lieber nach Westen orientieren. [Zahod]Westen, der (dort, wo man die Slowenen mag)
Schon zu Titos Zeiten landeten zwei Drittel des slowenischen Exports im Westen. Heute behaupten die Balkan-Schwaben, in Deutschland werde kein Auto gebaut, in dem nicht mindestens ein Teil aus Slowenien stecke. In ihr eigenes Land allerdings lassen sie Fremde nicht gern die Nase stecken. Fast alle Unternehmen wurden in einheimische Hände hineinprivatisiert. [nacionalni interes]nationales Interesse
Nach einer Studie der Universität Ljubljana ist das sinnvoll. Ein Vergleich von acht osteuropäischen Staaten zeigt, wie stark Investitionen aus dem Ausland das Wirtschaftswachstum beeinflussen. Slowenien konnte in der Vergangenheit mit satten Zuwächsen glänzen (siehe Musterschüler) und bekommt entsprechend häufig Besuch. Allein in der Bau-Branche von rund 45.000 Gastarbeitern, meist ungeliebten Nachbarn. Die Slowenen nennen Gastarbeiter einfach nur Bosnier. [bosanci]Bosnier, die (meint Kroaten, Serben, Montenegriner, Kosovaren, Mazedonier – und Bosnier)
Die Slowenen würden gern in deren Herkunftsländer expandieren. Doch so gut man mit dem fernen Westen Geschäfte macht, so schlecht klappt das mit den unmittelbaren Nachbarn. Dabei wird die Bedeutung des Balkanmarktes mit seinen 20 Millionen Konsumenten von den Politikern fast mantrahaft wiederholt. [balkanski trg]Balkan-Markt, der (liegt so nah und ist doch so fern)
In dieser ganz besonderen Wirtschaftsregion fühlen sich die Balkan-Schwaben eigentlich heimisch, schließlich kennt man sich mit der Balkan-Mentalität bestens aus. [balkanska mentaliteta]Balkan-Mentalität, die
Eine Mentalität, in der ein Konferenztisch wenig zählt, sondern wichtige Beschlüsse am Tisch einer Gastwirtschaft gefasst werden – wegen des Alkohols auch darunter. Die gleichwohl nichts zählen, selbst wenn noch eine lesbare Unterschrift gelang. Der Balkan bleibt unverbindlich. Man muss damit leben, dass sich alles immer wieder ändert. Da sind die Schwaben auf dem Balkan nicht anders als die Bosnier. Auch spricht für Slowenien, dass seine Sprache – neben Serbokroatisch und Mazedonisch eine der drei Hauptsprachen in Ex-Jugoslawien – überall verstanden wird. Doch aus Chancen wird wegen Streitereien nichts. [kregarija] | Streitereien, die (was alle Balkanstaaten gut können)
So ruft Kroatien regelmäßig zum Boykott slowenischer Produkte auf. Etwa weil die Nova Ljubljanska Banka noch immer auf Spareinlagen kroatischer Bürger in Höhe von geschätzten 600 Millionen Dollar aus der Zeit Jugoslawiens sitzen soll. Ebenso streiten beide Staaten über den Grenzverlauf - es geht um ein kleines Wäldchen und ein Stückchen Meeresbucht. Dazu gibt es bereits seit 1991 Verhandlungen (siehe Balkan-Mentalität). Sloweniens Präsident Danilo Türk aber sagte jüngst, man habe immer noch keine gemeinsame Sprache gefunden. Und wenn sie sich doch einmal in ihrer früher gemeinsamen Sprache unterhalten, bestellen sich Slowenen, Kroaten, Serben oder Bosniern häufig trotzdem einen Dolmetscher. [tolmacDolmetscher, der (übersetzt, was man eh versteht, um sich besser nicht zu verstehen)
Die stehen dann Verhandlungsführern zur Seite, die einander offenkundig verstehen, so aber Nichtverstehen vortäuschen. Kein Wunder, dass in der slowenischen Bevölkerung Sehnsucht nach den Zeiten aufkommt, als sich noch alle Menschen auf dem Balkan verstanden. Es wird von einer regelrechten [Jugonostalgija]Jugo-Nostalgie, die (im Sinne von: Früher war alles besser) 
gesprochen. Aus Slowenien pilgern jedes Jahr mehr als 30 000 Menschen an das Grab des einstigen jugoslawischen Staatspräsidenten Tito. Dabei ist die richtige Zuordnung Titos gar nicht einfach. Sein Vater war Kroate, die Mutter Slowenin. Geboren wurde er in Kroatien. Gestorben ist er in Slowenien. Und begraben liegt er in Serbien. Diese Bosnier! 

Als einziges Land Osteuropas wehrt sich Slowenien gegen ausländische Mehrheiten im Bankensektor. Dieser Protektionismus verschnupfte sogar die guten Freunde im Westen. Slowenien spricht von einer Ökonomie des „nationalen Interesses“. ---