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Keine Frage der Größe

Eine Volkswirtschaft muss wachsen. Die Frage ist nur, wie.




1. Der Parkplatz

Der Auto-Terminal der Bremer Lagerhausgesellschaft (BLG) in Bremerhaven ist einer der größten der Welt. Mehr als zwei Millionen Fahrzeuge können dort jährlich in gigantische Parkhausfrachter rangiert werden, bis zu 1600 dieser Schiffe legen dort jedes Jahr an. Doch kurz vor Weihnachten staute es sich am Überseehafen. Autos der Marken Mercedes-Benz, BMW und VW waren in der Welt plötzlich nicht mehr gefragt, und in Bremerhaven wusste die BLG nicht mehr, wohin mit all dem Blech. 90 000 Fahrzeuge verstopften die Abstellflächen, weltweit sind es gegenwärtig 27 Millionen.

Ohne Abwrackprämie gelten Autos derzeit beinahe als unverkäuflich. Doch Teil der Wertschöpfung der Länder, in denen sie gefertigt wurden, sind sie trotzdem. In den Reifen und Radios, Rädern und Rückspiegeln stecken gekauftes Material und bezahlte Arbeitsstunden - sie sind damit Teil des Bruttoinlandsproduktes (BIP). In Deutschland betrug es im vergangenen Jahr 2,5 Billionen Euro, immerhin noch 1,3 Prozent mehr als 2007. Mit Blick auf den Parkplatz in Bremerhaven ergibt sich aber ein verzerrtes Bild: Wachstum trotz Stillstand.

Das Wachstum des BIP misst den Fortschritt einer Volkswirtschaft, die Höhe des BIP bestimmt ihre Größe. Zwar ist das BIP nicht die einzige Messzahl für die Wirtschaftskraft eines Landes, doch sie ist die allgemein gültige, da sie dank standardisierter Rechenmethoden schnell einen internationalen Vergleich erlaubt. Dabei lässt das BIP einige Fragen offen. Denn auch bei der volkswirtschaftlichen Leistung gilt: Größe ist nicht alles.

2. Die Berechnung

Weil das Hochhaus am Gustav-Stresemann-Ring 11 in Wiesbaden derzeit saniert wird, sind die Mitarbeiter des Statistischen Bundesamts über die ganze Stadt verteilt. Auch Norbert Räth musste vorübergehend umziehen. Seit 1981 beschäftigt er sich von Amts wegen mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Alles, was für die ökonomische Entwicklung in Deutschland relevant ist, wird von Räth und seinen Kollegen berücksichtigt. Bezahlte Umzüge, Verkäufe von Sonnencremes, produzierte Autos. "Sämtliche solcher Vorgänge bilden das Bruttoinlandsprodukt. Ob die Autos jetzt schon verkauft sind oder nicht, spielt keine Rolle. Beim Produktionsansatz zählen wir, was gefertigt wurde, und sprechen in einem solchen Fall dann vom Lageraufbau. Werden die Autos später exportiert, steigt der Export, und die Lager werden rückläufig. Im Inland gilt dasselbe: Wird etwas verkauft, steigt der Konsum, der Lagerbestand sinkt."

Räth ist Volkswirt und leitet beim Statistischen Bundesamt die Gruppe I I I A, Entstehung und Verwendung des Inlandsproduktes. Etwa hundert Personen arbeiten in der Großabteilung "Gesamtrechnungen, Arbeitsmarkt", die das Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik berechnet. Jedes Quartal liefern die Statistiker neue Wachstumszahlen ab, bereits im Januar des Folgejahres gibt es das erste Jahresergebnis. Errechnet wird es aus den verschiedenen Konjunkturindikatoren: Arbeitsmarkt, Einzelhandelsumsatz, Industrieproduktion, Warenausfuhr. Aber auch die Umsatzsteuerstatistik gibt Aufschluss darüber, wie die Wirtschaft vorankommt.

Die amtlichen Zahlenzähler berechnen das BIP mit zwei Methoden. Beim Produktionsansatz ziehen sie vom Produktionswert jedes Bereichs die bezogenen Vorleistungen ab und kommen so zur Bruttowertschöpfung, aus deren Summe sich schließlich das BIP ergibt. Die Vorleistungen müssen abgezogen werden, damit ein Autoreifen nicht zweimal gerechnet wird: wenn er vom Zulieferer ausgegeben wird und wenn er vom Hersteller als Teil des Fahrzeugs verkauft wird. Beim Ausgabenansatz addieren Räth und seine Kollegen die Summen aus Konsum, Investitionen und Exporten minus Importen und kommen so wieder auf das BIP. Beide Ergebnisse werden dann einander angeglichen. "Es ist eine makroökonomische Rechnung, die nicht alle Transaktionen in Deutschland einzeln erfasst", sagt Räth. "Wichtig ist, dass die Zahlen über einen längeren Zeitraum sowie auch international vergleichbar sind."

3. Der Sinn

Zwischen 1992 und 2008 ist das BIP Deutschlands jährlich im Schnitt um 1,6 Prozent moderat gewachsen, weniger als das der USA, das jährlich um 3,2 Prozent vorankam. In den Jahren 1993 und 2003 waren zwei sanfte Einbrüche zu verzeichnen. Selbst im vergangenen Jahr lag das Wachstum noch mit 1,3 Prozent im Plus. Verglichen mit den Wachstumsraten, wie sie China verzeichnet, ist das sehr niedrig. Im Jahr 2007 legte die Wirtschaft dort um 11,4 Prozent zu. Das chinesische BIP lag mit 2,2 Billionen Euro knapp unter dem deutschen. Für einen Staat wie China hat Wachstum eine andere Bedeutung. In China geht es um eine aufholende Entwicklung und schließlich darum, die Bevölkerung besser zu versorgen.

Aber auch ein entwickeltes Land wie Deutschland braucht Wachstum. Das sagt zumindest Jan Priewe, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin: "Unter normalen Bedingungen haben wir jährlich einen Produktivitätszuwachs von ein bis zwei Prozent, und um diese Rate vermindert sich jährlich der Bedarf an Beschäftigten. Um dies auszugleichen, müssen wir jährlich wachsen, sonst braucht die Volkswirtschaft jährlich weniger Beschäftigte, was im Klartext nichts anderes bedeutet als Arbeitslosigkeit. Deshalb ist der Rückgang von Wachstum immer schädlich, egal, ob er nun ein Quartal dauert oder vier. Ohne Wachstum steckt unser System in einer Krise. Der Beschäftigungsrückgang könnte nur durch permanente Arbeitszeitverkürzung oder durch kontinuierlich steigende Einkommensumverteilung aufgefangen werden. Zwar war das System in den vergangenen 200 Jahren zu einem positiven Wachstumstrend fähig, aber es gab immer wieder Rückfälle, also Krisenzyklen."

Die deutsche Wirtschaft hat ein zusätzliches besonderes Problem: ihre starke Ausrichtung auf den Export. Wachstum in Deutschland wird vor allem durch Nachfrage im Ausland erzeugt. Also dadurch, dass Chinesen, Amerikaner und Brasilianer gern deutsche Autos fahren. Etwa ein Viertel der deutschen Wirtschaftsleistung wird im Export erzeugt, eine Krise der Weltwirtschaft trifft Deutschland daher hart. Der inländische Konsum kann die wegbrechenden Märkte im Ausland unmöglich auffangen jedenfalls nicht kurzfristig.

Damit steckt Deutschland in der Zwickmühle. Wer international Erfolg haben will, muss im Inland konkurrenzfähig produzieren - das heißt: preisgünstig. In den vergangenen Jahren haben deutsche Unternehmen in neue Technik investiert und an den Löhnen gespart. Deutschland hat daher, ähnlich wie China und Japan, hohe Exportüberschüsse. "Wenn bei einer solchen Entwicklung die Löhne nicht mitziehen, ist das kein nachhaltiges Wachstum", sagt Priewe. Denn gerade in der Krise zeigt sich, dass der Binnenkonsum wichtig ist, um die Folgen der Turbulenzen abzufedern. Solange die Menschen konsumieren, verkaufen und produzieren die Unternehmen.

4. Der Unsinn

Die Frage, was nachhaltiges Wachstum ist, stellt sich aber nicht nur in der Volkswirtschaft, sondern auch im Unternehmen. Die Internetblase zur Jahrtausendwende ist dafür ein gutes Beispiel. Firmen mit Namen, die heute schon keiner mehr kennt, wuchsen rasant: Technik, Mitarbeiter, Büroräume - und plötzlich war alles weg. "Im Prinzip ist das ganz einfach: Schnelles Wachstum wird meist über Pump finanziert statt über Eigenkapital. Wenn dann der Absatz einbricht, können die Kredite nicht mehr bedient werden, und das war es dann häufig", sagt der Ökonom Priewe.

Ein Stück nach diesem Muster wird gegenwärtig im Sauerland aufgeführt. Die Werft Dehler, gegründet von den Brüdern Heinz und Willi Dehler, baut seit 1963 Segeljachten. 1998 wurde sie zum ersten Mal insolvent und 2004 von dem Niederländer Wilan van den Berg übernommen. Der wollte vor allem eines: größer werden. Dieser Tage arbeiten auf dem Firmengelände gerade noch vier Personen: zwei Mitarbeiterinnen der Buchhaltung und zwei Betriebsräte. Dehler ist seit Ende vergangenen Jahres insolvent. "Das Unternehmen ist einfach zu schnell gewachsen", sagt der Betriebsrat Stefan Odoj.

In der Zentrale in Freienohl sucht man nun nach Investoren für die Werft. Odoj ist "vorsichtig optimistisch". Aber er sagt: "Ich hoffe, dass ein Unternehmer kommt, der nicht ein reiner Marketingmann ist, sondern einer, der die Produktionsabläufe versteht." Denn genau das sei das Problem van den Bergs gewesen. Zwischen 80 und 90 Jachten habe Dehler gebaut, als der neue Investor die Firma übernahm. Im Folgejahr seien es 120, dann 140 gewesen. Es wurde immer mehr verkauft.

Doch im Bootsbau ist es Usus, dass die Werft Teile des Schiffes vorfinanziert. Bestellt ein Segler ein Schiff, zahlt er einen geringen Teil der Kaufsumme an. Geht es in die Produktion, muss er noch mal Geld überweisen. Mehr als die Hälfte des Kaufpreises muss die Werft vorstrecken. Erst wenn die Jacht auf einen Lastwagen geladen und zum Kunden transportiert wird, überweist der Käufer das restliche Geld. Bei Booten, die 100 000 bis 200 000 Euro kosten, ist das noch zu stemmen. Bei den teuren Jachten, die um die 400 000 Euro liegen, wird es schwer. "Wenn ich gerade kein Geld in der Kasse habe und den Zulieferer nicht bezahlen kann, dann liefert der nicht - und dann habe ich ein Boot in der Werft stehen, an dem ich nicht weiterbauen kann, weil die Teile fehlen. Und so kommt durch mangelnden Geldfluss die ganze Produktion früher oder später zum Erliegen", sagt Odoj.

Van den Berg hatte sich offenbar bei der Planung verrechnet. Denn Geld war zunächst da, es floss nur in die falschen Kanäle, glaubt Odoj. Die Entwicklung der neuen Dehler 60, einer Luxusjacht, verschlang einen siebenstelligen Betrag. Auf den ersten Blick wirkte es so, als könnte sich Dehler dies leisten. Die Auftragsbücher waren voll. Die Konten aber waren leer. Zwar seien neue Arbeiter eingestellt, aber nicht genügend Werkzeuge gekauft worden. Die Banken erinnerten sich, dass Dehler zehn Jahre zuvor schon einmal insolvent war, und geizten mit Krediten, bis Dehler noch nicht mal mehr die Angestellten bezahlen konnte.

"Dass ein Unternehmen wächst, ist ja gut", sagt Odoj. "Wachstum in kleinen Schritten wäre aber besser gewesen." Dann zählt er auf, wie das seiner Meinung nach hätte funktionieren können: "Habe ich den Platz für die erhöhte Produktion? Wenn nein: Muss ich Hallen neu bauen? Habe ich genügend qualifiziertes Personal? Wenn nicht: Wie lange brauche ich, bis ich neues Personal angelernt habe? Habe ich ausreichend Kapital, um Material für den Bau der Boote vorzufinanzieren? Erst dann kann ich abschätzen, wie viele Boote ich in diesem Jahr bauen und ab welchem Zeitpunkt die Produktionssteigerung umgesetzt werden kann. So stelle ich mir vernünftiges Wachstum vor."

Van den Berg gesteht ein, "kein Fabrikmensch zu sein, eher ein Verkäufer". Er habe jedoch nicht erwartet, bei Dehler ein veraltetes Computersystem vorzufinden und Fehler in den Stücklisten. "Die Managementinformationen, die es gab, waren ungenügend. Mit solchen Problemen habe ich nicht gerechnet." Aber er sagt auch: "Vermutlich sind wir zu schnell gewachsen."

Da Dehler aber produziert hat, spielt die Insolvenz statistisch für das Jahr 2008 keine Rolle. So sind die halb fertigen Dehler-Jachten Teil des deutschen BIP - auch wenn sie noch in Freienohl auf dem Hof stehen.

5. Unsinnige Zahlen?

Dabei stellt sich die Frage: Wie aussagekräftig ist die Kategorie Bruttoinlandsprodukt überhaupt? Als sich Robert Kennedy vor 40 Jahren in den USA um das Amt des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten bewarb, sagte er, das Bruttoinlandsprodukt "misst alles, nur nicht das, was das Leben lebenswert macht". Ähnliche Skepsis empfindet offenbar auch der französische Präsident Nicolas Sarkozy. Anfang vergangenen Jahres setzte er eine Kommission aus 24 Wissenschaftlern ein, die eine bessere Buchhaltungsmethode für Staaten finden soll. Angeführt wird dieses Gremium von den beiden Wirtschaftsnobelpreisträgern Amartya Sen und Joseph Stiglitz.

Dass es ausgerechnet Sarkozy ist, der einen anderen Maßstab für volkswirtschaftliche Leistung etablieren will, mag daran liegen, dass Frankreichs Wachstum seit Jahren nur sehr schwach vorankommt. Trotzdem ist es durchaus sinnvoll, darüber nachzudenken, wie die Leistung einer Volkswirtschaft genauer gemessen werden kann. Wenn Autos, Segeljachten und Fernseher, die in einer Fabrik gefertigt werden, zum BIP hinzugerechnet werden, warum nicht auch Bildungsabschlüsse, Lebenserwartung und Wasserqualität? Schließlich sind diese Faktoren mindestens ebenso aussagekräftig für die wirtschaftliche Zukunft eines Landes wie die Zahl der Automobile, die in Bremerhaven auf ihre Verschiffung warten.

"Wir sind in den USA erst am Anfang, zu verstehen, dass das Bruttoinlandsprodukt sehr stark täuschen kann und dass etwas getan werden muss, um bessere Messmethoden für Wohlstand zu finden", sagt der Nobelpreisträger Amartya Sen. Priewe ergänzt: "Wohlstand ist nicht gleich Wachstum: Ob ich Waffen produziere oder Butter, das ist durchaus ein Unterschied. Beides steigert das Bruttoinlandsprodukt. Aber nicht jedes Wachstum erzeugt automatisch Wohlstand."

Wohlstand entsteht auch dadurch, dass möglichst viele Menschen von einem steigenden BIP einen Teil abbekommen. In den vergangenen 16 Jahren stieg das BIP in den USA durchschnittlich um drei Prozent. Doch die Löhne wuchsen nicht mit. Das BIP sagt nichts darüber aus, wie der Reichtum einer Gesellschaft verteilt ist. Hinzu kommt, in den Augen des Nobelpreisträgers Stiglitz, dass hohe Wachstumsraten darüber hinwegtäuschen können, was tatsächlich in einer Volkswirtschaft geschieht. "Viele Leute schauten auf das BIP-Wachstum der USA nach der Jahrtausendwende und sagten: 'Wie schnell wachst ihr? Wir müssen euer Modell kopieren.' Aber es war kein nachhaltiges Wachstum, kein gerechtes Wachstum. Für viele Amerikaner war es eine Dekade des Niedergangs", sagt er.

Das Problem ist, dass das BIP als Index absolut gesetzt wird. "Es wird beim Thema Wachstum nur noch auf die Zahlen geschaut, es wird nicht wirtschaftshistorisch gedacht und nicht überlegt, was dahintersteht", sagt der emeritierte Aachener Wirtschaftsprofessor Karl-Georg Zinn. Und so spiegeln auch in Frankreich die BIP-Zahlen nicht das wider, was vielen Bürgern durch den Kopf geht, wenn sie auf ihre Kontoauszüge blicken.

Jean-Philippe Cotis, Chef der französischen Statistik-Behörde und Mitglied der BIP-Kommission von Sarkozy, untersuchte für den Zeitraum 2001 bis 2006 die Einkommen der Haushalte in seinem Land. Er wollte wissen, was die Franzosen nach Abzug von Miete, Nebenkosten und Steuern übrig hatten. Sein Ergebnis: Nach den Fixkosten blieben den einkommensschwachen Haushalten im Jahr 2001 von ihren Einkünften 45 Prozent. Im Jahr 2006 waren es gerade noch 25 Prozent. "Vor allem, weil die Mieten so stark gestiegen waren", sagt Cotis. Viele glaubten stattdessen, ihr Einkommen wäre gesunken, obwohl das BIP stieg.

Daher versuchen die Ökonomen in der von Sarkozy eingesetzten BIP-Kommission, neue Parameter für die Berechnung der volkswirtschaftlichen Stärke zu etablieren und auch Werte wie soziale Sicherheit, Umweltschutz oder Bildung mit einzubeziehen. Gut möglich, dass dabei nicht ein ganz neuer Index herauskommt, sondern neue Indikatoren, die das BIP ergänzen. "Man kann schon auf mehrere Zahlen gucken, um sich einen Überblick zu verschaffen", sagt Amartya Sen. Schon heute misst das Statistische Bundesamt in Wiesbaden die Umwelteinflüsse in der Umweltökonomischen Gesamtrechnung. Doch Güter wie saubere Luft lassen sich wirtschaftlich schwer bewerten. Einfacher wäre es, etwa die Leistungen für Kindererziehung auszurechnen, wenn man einen bestimmten Stundenlohn zugrunde legt. Bislang sind Kinderbetreuung und Hausarbeit nicht Teil des BIP, weil sie unentgeltlich verrichtet werden.

Berücksichtigt wird hingegen die Betreuung von Gefangenen in den Gefängnissen eines Landes, weil sich die Kosten dafür beziffern lassen - jede Verhaftung steigert das BIP also, ebenso wie ein Hausbrand oder ein Verkehrsunfall, denn ein kaputtes Auto muss schließlich repariert werden. Das ist die statistische Logik. Schwierig wird die BIP-Berechnung jedoch bei der Ausbeute von Rohstoffen. Muss Kupfer, wenn es in einem Bergwerk abgebaut wird, auf der Soll- oder der Haben-Seite der Volkswirtschaft stehen? Der Verkauf von Rohstoffen fließt in das BIP ein und fördert das Wachstum, obwohl Kupfer, Blei, Zink oder Erdöl danach unwiederbringlich weg sind. "Dabei muss man wissen: Wachstum ist immer auch Umwelteingriff und Ressourcenverbrauch", sagt der Aachener Ökonom Zinn. Ob es den von Sarkozy einbestellten Wissenschaftlern gelingen wird, dieses Problem zu lösen, wird sich im April zeigen, wenn die Kommission ihre Ergebnisse vorstellen will.

6. Dogma Wachstum?

Aber vielleicht ginge es auch ohne neue Berechnungen. Der Human Development Index der Vereinten Nationen misst bereits den Wohlstand der Staaten. Der Gini-Index bestimmt die Einkommensverteilung. Und mehrere Forscher haben sich darangemacht, das Glück in den unterschiedlichen Gesellschaften zu erforschen (siehe brand eins 12/2008). Denn es ist längst klar, dass Wachstum eine sehr beschränkte Kategorie ist: "Sie bedeutet, dass über Märkte monetäres Einkommen entsteht, das wieder in den Wirtschaftsprozess eingeht", sagt der Berliner Ökonom Priewe. Und so ist es vielleicht einfach eine Frage der politischen Gewichtung, welchen Index man heranzieht.

Dass es Wachstum allein nicht sein kann, hat der kalifornische Autor Jonathan Rowe vergangenes Jahr dem US-Senat bei einer Anhörung vorgerechnet. Er fand nämlich ein sehr einfaches Mittel, der Krise zu entkommen: Krankheit. Der Verkauf von Medikamenten und medizinischen Dienstleistungen steigert das BIP. "Um die Wirtschaft zu beleben, müssten wir also den Leuten sagen: Werdet schwer krank - so erzeugen wir Wachstum! "