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Es passiert nichts Gutes, außer du tust es

Die Menschen im Libanon kennen kaum etwas anderes als Krisen. 20 Jahre Bürgerkrieg; regelmäßige Interventionen der mächtigen Nachbarn Syrien und Israel; eine entlang der Konfessionen gespaltene Gesellschaft; staatliche Institutionen, die nicht funktionieren. Doch es gibt auch Lichtblicke: Menschen, die sich mit den Verhältnissen nicht abfinden. Sie nutzen Freiräume unternehmerisch, sie kämpfen für ihre Rechte und für eine bessere Zukunft ihres Landes. Drei Porträts.




Der Stromverkäufer

Abu Imad hat aus der Not ein Geschäft gemacht: Weil auf die staatliche Elektrizitätsfirma kein Verlass ist, versorgt er sich und seine Nachbarn selbst.

Heute von 12 bis 15 Uhr. Morgen von 15 bis 18 Uhr. Übermorgen von 9 bis 12 Uhr. Manchmal auch von 6 bis 9 Uhr. Das sind die Zeiten, zu denen die staatliche libanesische Elektrizitätsfirma in einem Bezirk von Westbeirut den Strom abschaltet. Abu Imad, der dort wohnt und zwei Geschäfte betreibt, lässt das kalt: "Sie sollen von mir aus den Strom abschalten, wann sie wollen und so oft sie wollen. Mich kümmert das nicht, ich habe meinen Generator."

Wenn es so weit ist, schließt Abu Imad das Eisentor zu seinem Lager auf. Links am Ende der Rampe steht ein großer blauer Generator der englischen Marke Perkins. Mit einem Knopfdruck nimmt der 78-Jährige ihn in Betrieb. In seinem Schuhgeschäft, im 500-LL-Laden (Libanesische Lira, eine Bezeichnung für Billigläden) und in seiner Wohnung brennen wieder die Birnen. Und in 50 weiteren Geschäften, Büros und Wohnungen in seiner Nachbarschaft ebenfalls.

Der Dienst, den Abu Imad anbietet, wird "Strom-Abonnement" genannt und ist weitverbreitet in einem Land, in dem Elektrizität knapp ist. In Beirut sind drei Stunden Stromausfall am Tag üblich, in den südlichen Vororten der Hauptstadt können es bis zu sechs Stunden werden. Die E-Abos sind auch die Erklärung für die vielen bunten Kabel, die quer über Innenhöfe und Straßen gespannt sind. Hotels, Einkaufszentren oder große Firmen haben ihre eigenen Generatoren.

Die Namen seiner Kunden hat Abu Imad ordentlich in ein großes rotes Heft eingetragen: Adresse, Telefonnummer, Stromstärke, Kontostand. Kassiert wird immer in bar. Der Schuhhändler hätte wie sein Nachbar Bassam, der ein Internetcafé betreibt, es bei einem kleinen Generator für den persönlichen Bedarf belassen können. Aber die lange Erfahrung mit den Maschinen und sein unternehmerisches Gespür haben ihn auf die Idee gebracht, sich den Perkins mit 300 Ampere Leistung anzuschaffen.

Der weißhaarige Mann sitzt in seinem Laden hinter einem kleinen Schreibtisch und schildert die Vorteile seines Generators: "Früher während des Bürgerkriegs haben wir viel gelitten. Wir hatten manchmal nur wenige Stunden am Tag Strom. Damals hatte ich zu Hause einen kleinen benzinbetriebenen Generator auf dem Balkon stehen. Wir hatten immer Angst, ihn zu bedienen. Wenn er noch heiß war und wir Benzin nachfüllen mussten, kam es vor, dass er brannte. Als ich umzog und genug Platz hatte, wollte ich unbedingt einen Diesel-Generator. Dann habe ich beobachtet, dass es die Gegend hier nach Elektrizität regelrecht dürstet. Also habe ich gleich einen großen genommen."

Sowohl während des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 als auch in den Jahren danach bei israelischen Luftangriffen wurden Elektrizitätswerke immer wieder beschädigt oder zerstört, zuletzt 2006 die Öltanks im Kraftwerk Jiyeh. Doch die regelmäßigen Stromausfälle gehen Experten zufolge vielmehr auf das Konto des veralteten Netzes, von Personalmangel beim Stromversorger und Korruption. Abu Imad hält sich jedoch nicht lange mit Kritik an den Verantwortlichen auf und gibt sich sogar verständnisvoll: "Ich mache niemandem einen Vorwurf. Wenn es in ihrer Macht stünde, würden die da oben es schon richten. Aber die vielen Kriege und die innenpolitischen Probleme des Landes verhindern das. Wir als Libanesen haben keine andere Wahl. Wir müssen mit der Situation fertig werden und selber aktiv werden. Mittlerweile sind wir daran gewöhnt."

Diese Einstellung ist weitverbreitet im Libanon. Die Menschen haben parallel zu den ungenügenden staatlichen Leistungen eine zweite Versorgung aufgebaut. Es mangelt nicht nur an Strom, sondern auch an Wasser, weshalb die Leute eigene Tanks auf Balkonen oder Dächern aufstellen. Auch private Wasserverkäufer machen gute Geschäfte.

Es sind die langen, bitteren Jahre des Bürgerkrieges, die die Menschen erfinderisch gemacht haben. Zudem gibt es im Libanon von jeher große Freiräume und nur minimale staatliche Eingriffe. Die Erwartungen an den Staat sind überaus bescheiden; eine Rundumversorgung erwartet niemand. Einfallsreiche Geschäftsleute füllen mit ihren Angeboten die Lücken der öffentlichen Versorgung.

Abu Imads Investition in den Perkins hat sich seit seiner Anschaffung etliche Male ausgezahlt. Für je fünf Ampere verlangt der clevere Schuh- und Stromhändler den stolzen Preis von umgerechnet 50 US-Dollar. Damit ist er ungefähr siebenmal teurer als das staatliche Elektrizitätsunternehmen. Aber die Nachfrage ist da, und im Gegensatz zum staatlichen Versorger wirtschaftet Imad mit Gewinn. Abzüglich der Dieselkosten verdient er jeden Monat 1000 Dollar.

Die Kämpferin

Sylvana Lakkis lässt sich nicht von den Hindernissen abhalten, auf die sie überall stößt. Sie verändert die Gesellschaft - häppchenweise.

Auch Sylvana Lakkis hat ein E-Abo bei einem Stromverkäufer in Byblos, einem Küstenstädtchen nördlich von Beirut. An diesem sonnigen, milden Wintermorgen macht sie sich mit ihrem für Querschnittsgelähmte umgerüsteten Auto zu einem wichtigen Termin in die Hauptstadt auf. Mobile Behinderte sind ungewöhnlich im Libanon. Lakkis' Ziel ist Hamra, die große Einkaufs- und Flaniermeile im Westen der Stadt. Vor einem Hoteleingang am Ende der Straße haben sich Polizeiautos und Sicherheitskräfte postiert. Der Innenminister Ziad Baroud wird kommen. Sylvana Lakkis erwartet ihn in ihrem Rollstuhl; sie trägt einen dunkelbraunen Hosenanzug und eine weiße Bluse.

Für die 47-jährige Präsidentin der Lebanese Physical Handicapped Union (LPHU) und ihre Mitstreiter ist es ein großer Tag. Der Verband und der Innenminister geben offiziell die Umsetzung des Paragrafen 98 des Gesetzes für Behinderte bekannt: Die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung müssen bei den Parlaments- und Kommunalwahlen berücksichtigt werden. Das heißt, Wahllokale müssen so umgebaut werden, dass Rollstuhlfahrer oder Blinde ihr Grundrecht wahrnehmen können.

Ein großer Fortschritt. Das Behindertengesetz ist zwar schon vor neun Jahren - nach mühseliger Lobbyarbeit der Behindertenverbände - verabschiedet worden, aber es existierte bislang nur auf dem Papier. Zum ersten Mal werden nun Teile davon umgesetzt. Ungefähr zehn Prozent der Libanesen haben ein Handicap, schätzt die LPHU. Genaue Zahlen gibt es nicht.

Wer bei libanesischen Politikern etwas durchsetzen will, braucht Geduld, Ausdauer und Einfallsreichtum. Lakkis suchte nach einem Weg, damit das jahrelang zwischen verschiedenen Ministerien hin- und hergeschobenene Behindertengesetz häppchenweise Realität würde. Der Paragraf 98 war ein Ansatzpunkt. Die Jobcenter der LPHU, die in verschiedenen Teilen des Landes aufgebaut wurden, sind ein weiterer. Sie vermitteln qualifizierte Behinderte an private Arbeitgeber. Und sollen dem Arbeitsminis terium vor Augen führen, dass die gesetzlich vorgesehene Quote von drei Behinderten pro Unternehmen durchaus erreichbar ist.

Das Leben von Lakkis ist eine lange Geschichte von Kämpfen. Im Alter von einem Jahr erkrankt sie an Polio; seitdem ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Dass sie eine normale Schule besucht hat, ist ungewöhnlich. Dass sie die Universität abgeschlossen hat und arbeitet, ist noch ungewöhnlicher. Seit zwölf Jahren leitet Lakkis die LPHU. Finanziert wird der Verband von den Mitgliederbeiträgen und internationalen Organisationen, die bestimmte Projekte fördern.

"Meine Eltern spielten in meinem Leben eine entscheidende Rolle", sagt Lakkis. "Besonders meine Mutter bestand darauf, dass ich den gleichen Weg ging wie meine Geschwister." Noch heute kann die Hälfte der Behinderten im Libanon weder lesen noch schreiben. Und nur 26 Prozent gehen einer geregelten Arbeit nach. Bei den Frauen ist die Quote noch schlechter. Menschen mit Behinderung werden oft von ihren Familien aus Scham und Hilflosigkeit daran gehindert, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Und der Staat überlässt ihre Betreuung karitativen Organisationen.

Mitleid war lange das Einzige, was Behinderte im Libanon erwarten durften. Sylvana Lakkis kämpft um Rechte: das Recht auf Bildung, das Recht, sich als Mensch mit Behinderung auf Bürgersteigen bewegen zu können, oder das Recht auf Arbeit. Sie mag keine Hürden. "Überall, wo man in diesem Land hinschaut, stößt man auf Hindernisse, sodass man nicht umhin kann, sich dagegen aufzulehnen. Zum Beispiel dieses konfessionelle System, das wir haben. Die Menschen wenden sich nicht an staatliche Institutionen, wenn sie etwas brauchen oder Forderungen haben, sondern an die Vertreter ihrer christlichen oder islamischen Konfession. Aber auf diese Weise können wir nie die Belange durchsetzen, die die gesamte Gesellschaft betreffen. Irgendwann habe ich entdeckt, dass meine Behinderung nicht mein privates Problem ist, sondern sehr viel mit der Gesellschaft da draußen zu tun hat. Deswegen ist mein Engagement auf mehreren Ebenen nur logisch für mich."

Die LPHU ist eine der aktivsten und bekanntesten Nichtregierungsorganisationen im Libanon. Das liegt auch an den vielen spektakulären Aktionen, die Lakkis und andere Mitglieder immer wieder organisieren. Es geht ihr darum, sich Gehör zu verschaffen, Menschen und Politiker aufzurütteln. Die Präsidentin mit Büro im Hauptsitz des Verbandes unweit der russischen Botschaft erzählt gern von einer Antikriegsdemonstration Mitte der achtziger Jahre an der Demarkationslinie zwischen dem östlichen und westlichen Teil der Stadt. Oder vom Umbau der Bordsteine an einem Teil der Beiruter Strandpromenade zum ersten behindertengerechten Bürgersteig im Libanon. Am 16. Mai 2008 gingen die Bilder von Sylvana Lakkis und ihrer Mitstreiter sogar um die Welt. Ungefähr zwei Dutzend Rollstuhlfahrer postierten sich an der Flughafenautobahn und hielten Plakate hoch mit der Aufschrift: "Wenn ihr euch nicht geeinigt habt, kommt nicht zurück! "

Gemeint waren die libanesischen Politiker, die das Land an den Rand eines neuen Bürgerkrieges gebracht hatten. Mehrheitlich schiitische und sunnitische Milizionäre lieferten sich in den Straßen Westbeiruts und in einigen umliegenden Ortschaften Gefechte. Der Emir von Katar vermittelte und lud die Politiker nach Doha zu einem Versöhnungsgespräch ein. Das Ergebnis dieses Gesprächs mündete in die "Erklärung von Doha" und machte den Weg frei für eine neue Regierung und die Wahl des Staatspräsidenten. "Es gab ein großes Echo auf unsere Aktion", sagt Lakkis. "Vielleicht weil wir unabhängig sind und unsere Parolen eine breite Bevölkerungsschicht ansprachen. Wir haben zum Schluss die Politiker gewarnt und gesagt, dass wir sie beobachten und dass wir jederzeit noch mal aktiv werden würden, wenn Gewalt drohen sollte."

Der Genießer

Auf dem Markt von Kamal Mouzawak kann man gute Sachen kaufen. Und eine gute Sache bestaunen: ein Beispiel friedlichen Zusammenlebens.

Der Mann kann sehr hartnäckig sein, wenn es um seinen Markt geht. Als das Land im vergangenen Mai kurz vor dem Ausbruch eines neuen Bürgerkrieges stand, sorgte Kamal Mouzawak dafür, dass das Geschäft auf dem Parkplatz im schicken Galerienviertel im neuen und alten Zentrum Beiruts weiterging. Und im Sommer 2006, als der Krieg zwischen der radikal-islamischen Hisbollah und Israel Tausende Libanesen zur Flucht zwang, verlegte Mouzawak den Marktbetrieb von Beirut in die Berge: "Nicht alle Bauern konnten kommen. Aber einige haben es geschafft. So haben wir weitergemacht."

Souk el Tayeb heißt Markt des Guten und des Schmackhaften. Seinem Gründer geht es um die Unterstützung von kleinen Bauern und Lebensmittelproduzenten, um den Verkauf von hochwertigen Produkten und um die Botschaft, dass traditionelles libanesisches Essen prima schmeckt. Und es geht ihm darum, ein Zeichen gegen Gewalt und verantwortungslose Politik zu setzen.

An jedem Samstag verwandelt sich der Parkplatz in einen lebendigen Markt. Der Platz liegt am Schnittpunkt zwischen östlichem und westlichem Teil der Stadt und wurde in den vergangenen Jahren aufwendig restauriert. Im Hintergrund steht noch ein Relikt des Bürgerkriegs, ein ausgebranntes Kino, das die ungewöhnliche Form eines platt gedrückten Eies auf Stelzen hat. Auf dem asphaltierten Platz haben Gemüse- und Obsthändler ihre Stände aufgebaut. Kooperativen bieten Honig, eingelegte Oliven und saure Gurken an. Eine Menschenschlange bildet sich vor dem Stand einer Bäuerin, die Manaish zubereitet: dünne Fladen auf einem abgerundeten Brotblech gebacken, belegt mit Kräutern, gesalzenem Quark oder Fleisch.

Die Bauern kommen aus allen Teilen des Landes, dem armen Akkar im Norden, aus der Küstenstadt Sidon im Süden oder aus dem Chouf-Gebirge. Ungefähr die Hälfte der Stände bietet biologisch-organische Produkte an, noch eine sehr kleine Nische im Libanon. Die Kunden des Marktes sind Städter, die frische Ware schätzen, und Ausländer, die das orientalische Flair lieben.

Auf einer Holzbank sitzt mittendrin Kamal Mouzawak und nippt an einem Orangensaft mit einem Schuss Granatapfelsaft. "Wir wissen inzwischen, wohin uns Religion und Politik gebracht haben", sagt er. "Das haben wir zur Genüge erfahren. Jeder kann von mir aus das glauben, was er will. Aber ich denke, dass wir darüber hinaus etwas gemeinsam haben: diesen Boden, die Produkte dieses Bodens und den Traum, etwas Schönes daraus zu machen. Das Ergebnis können wir hier sehen. Die Menschen, die hier arbeiten, gehören verschiedenen Konfessionen an und sympathisieren mit unterschiedlichen Parteien. Während des Bürgerkriegs haben sie sich vielleicht bekämpft. Aber bei uns sitzen sie in den gleichen Komitees zur Organisation des Marktes. Ihre Kinder spielen miteinander. Wenn ich das sehe, denke ich: Das geht doch mit dem Zusammenleben."

Gerade in Zeiten großer innenpolitischer Spannungen will Mouzawak an dieser Überzeugung festhalten. Souk el Tayeb ist für den 38-Jährigen eine lebensfrohe und schmackhafte Demonstration gegen Gewalt.

Kamal Mouzawak ist ein Kind des Krieges. Die blutigen Jahre zwischen 1975 und 1990 verbrachte er zum größten Teil in einem kleinen christlichen Dorf in den Bergen, unweit der berühmten Tropfsteinhöhlen von Jeita nördlich von Beirut. Als Jugendlicher, wenn er manchmal das Gefühl des Eingesperrtseins in seiner kleinen Welt nicht mehr ertrug, machte er sich zu einem Abenteuer auf. Er besuchte das Feindesland, Westbeirut, den mehrheitlich von Muslimen bewohnten Teil der Stadt.

Das ganze Land konnte er erst nach dem Ende des Krieges kennenlernen: "Zwei Jahre lang habe ich immer wieder mit meinem Auto Teile des Libanons erkundet. Was mich am meisten überrascht hat während meiner Touren, war die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen. Diese Leute, die vielleicht noch vor kurzer Zeit Kämpfer in irgendwelchen Milizen waren."

Mouzawak entstammt einer Familie von Landwirten. Die Männer arbeiteten auf den Feldern, die Frauen in der Küche, wo sie um die beste Taboula (Salat mit viel Petersilie und Burghul) oder Mamul (eine Backware, mit Nüssen gefüllt) konkurrierten. Die Liebe zum Essen hat Mouzawak Jahre später zu seinem Beruf gemacht. Er schrieb darüber und machte eine Talkshow zum Thema. Als er auf einer Gartenschau einen Minimarkt mit zehn Bauern veranstaltete, kam ihm die Idee, daraus eine Dauereinrichtung zu machen. In nur zehn Tagen hatte er sämtliche Genehmigungen in der Tasche - im bürokratischen Libanon eine unglaubliche Geschwindigkeit.

Das ist nun fünf Jahre her. Inzwischen leben 70 Familien dank Mouzawak vom Handel mit den Delikatessen. Es sind Kleinbauern und Kleinproduzenten, die in der Hauptstadt einen neuen Markt erschlossen haben. Dort bekommen sie für ihr Olivenöl oder für ihre Orangen 50 Prozent mehr als in ihren weit entfernten Dörfern und den umliegenden Ortschaften.

"Am Anfang haben uns viele belächelt", erinnert sich der Gründer. "Sie haben gesagt: , Schaut diese Verrückten an, sie veranstalten einen Markt auf einem Parkplatz. Wie komisch! ' Aber inzwischen haben sogar die bekannten libanesischen Weinhersteller bei uns Stände."

Kamal Mouzawak plant nun, den Wochenmarkt täglich auf einem dauerhaft gemieteten Platz in Buden stattfinden zu lassen. Dafür hatte er einen Termin mit dem Ministerpräsidenten Fuad Siniora vereinbart: "Als ich zu ihm ging, wollte ich mich vorstellen, aber er sagte: , Nicht nötig, ich kenne Sie! ' Das ging runter wie Öl."

Der Libanon Fläche: 10 400 Quadratkilometer (etwa halb so groß wie Hessen) Lage: Das Land grenzt im Westen ans Mittelmeer, im Norden und Osten an Syrien und im Süden an Israel Bevölkerungszahl: Knapp vier Millionen Einwohner, darunter 417 000 Palästinenser

Religionen: 17 staatlich anerkannte Religionsgemeinschaften (11 christliche, 5 muslimische und eine kleine jüdische Minderheit). Die Christen machen 40 Prozent aus, die Muslime 60 Prozent. Da seit 1932 keine Volkszählung mehr stattgefunden hat, sind alle demografischen Angaben Schätzungen.

Politisches System: Der Libanon ist eine parlamentarische Republik mit stark konfessionellen Zügen. Die Besetzung der höchsten Ämter im Staat ist an die Religionszugehörigkeit gekoppelt. Der Staatspräsident muss maronitischer Christ sein, der Premierminister s unnitischer Muslim und der Parlamentspräsident schiitischer Muslim. Auch die Parlamentssitze werden proportional zur zahlenmäßigen Stärke der Religionsgemeinschaften vergeben. Die jüngere Geschichte des Libanons war blutig. 1975 kam es zum Bürgerkrieg zwischen mehrheitlich christlichen Gruppierungen auf der einen und linken, palästinensischen und muslimischen Gruppierungen auf der anderen Seite. Die Bündnisse wechselten allerdings immer wieder; die Armeen der Nachbarländer Syrien und Israel mischten sich in den Konflikt ein. Beirut wurde in einen östlichen christlichen und einen westlichen muslimischen Teil gespalten. Das restliche Land unterstand verschiedenen Kriegsherren. Diese Teilungen sollten erst mit dem Friedensvertrag am Ende des Bürgerkriegs im Herbst 1989 aufgehoben werden. Mehr als 150 000 Menschen, die meisten von ihnen Zivilisten, sind während dieses Krieges getötet, 300 000 verwundet worden. In den neunziger Jahren erlebte der Libanon eine Phase des Wiederaufbaus. Der Mord an dem damaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri im Februar 2005, zahlreiche weitere Attentate gegen Politiker und Journalisten und die kriegerische Auseinandersetzung der Hisbollah mit Israel im Sommer 2006 führte erneut zu innenpolitischer Instabilität. Viele Libanesen hatten die Befürchtung, ein neuer Bürgerkrieg könnte ausbrechen. Mit der Wahl des neuen Staatspräsidenten Michel Sulaiman und der Gründung einer funktionsfähigen Regierung im Sommer 2008 entspannte sich die Lage wieder. Im Juni 2009 wählt der Libanon ein neues Parlament.