Partner von
Partner von

Die nächste Generation

Was der Gründungswelle um die Jahrtausendwende fehlte, waren Geldgeber, die etwas vom Internet-Geschäft verstehen. Das hat sich geändert: Viele, die damals zu Geld gekommen sind, investieren es heute in junge Unternehmen. Und sie sehen in der aktuellen Lage vor allem eines: jede Menge Möglichkeiten.




Es sah aus wie immer bei diesen Branchentreffen: Unternehmensgründer und potenzielle Investoren tauschen Visitenkarten aus, klopfen sich auf die Schultern und reden über Geschäftsideen. Beim Berliner "Echtzeit"-Kongress Anfang Februar hielt Oliver Samwer eine kurze Rede, die schwer nach Zweckoptimismus und Durchhalteparolen klang: "Wir werden 2009 so stark investieren wie 2008."

Samwer ist ein Star in dieser Welt. Spätestens seit er und seine beiden Brüder das von ihnen mitgegründete Internet-Auktionshaus Alando für 50 Millionen Dollar an Ebay verkauft haben, dürften sie keine Geldsorgen mehr haben. Der Verkauf des ebenfalls von den Samwers mitgegründeten Klingeltonhändlers Jamba brachte 2004 noch einmal 273 Millionen Dollar. Seit drei Jahren investieren die Samwer-Brüder mit ihrem European Founders Fund in großem Stil in Start-ups. Seltsam ist nur, dass ein paar Stunden nach Oliver Samwers Rede über die schönen Zukunftsaussichten ein Branchenkenner beim Bier und im Vertrauen erzählt, dass sich die Brüder derzeit angeblich aus vielen Investments zurückzögen.

Ein anderer Insider, der Geschäftsführer einer Firma, an der die Samwers Anteile halten, weiß zu berichten, dass die Brüder intern in letzter Zeit gern alarmistische Berichte aus US-Weblogs wie Techcrunch.com zitieren. Zum Beispiel eine dort öffentlich gemachte Alarm-Mail, die die US-Risikokapitalfirma Sequoia Capital im vergangenen Oktober an die Chefs der Unternehmen, an denen sie beteiligt ist, geschickt hat. Tenor: Die schönen Zeiten sind vorbei. "Wenn es da draußen jemanden gibt, der euch kaufen will, macht das." Das Resümee: "Get real or go home" macht Geld oder verschwindet. Und: Reduziert die Kosten. Der deutsche Start-up-Geschäftsführer: "Das ist natürlich alles ein wenig übertrieben. Aber es beschreibt die Paranoia, die da gerade umgeht, ganz gut. Mein Lieblingszitat: Spend every dollar as if it was your last."

1. Entspannt in Jena

Die Nervosität der Samwers, über die in der Branche geredet wird, ist das eine. Internet-Unternehmer, die in den vergangenen Jahren viel Geld gemacht haben und unbeeindruckt von Rezessionsängsten gerade jetzt in junge Unternehmen investieren, sind das andere. Davon gibt es derzeit eine Menge. Und sie haben gute Gründe für ihre Engagements. " Jetzt ist der Zeitpunkt, auf den wir alle gewartet haben. Jetzt sind Unternehmensanteile bezahlbar. Jetzt bekommt man auch die guten Leute, die nicht mehr nur zu Siemens oder Jenoptik oder BMW wollen. Die kann man heute für junge Unternehmen begeistern, ohne dass sie gleich ein Einstiegsgehalt von 5000 Euro verlangen", sagt der Investor Karsten Schneider, 48. "Vor ein, zwei Jahren gab es im Markt teilweise völlig überzogene Preisvorstellungen. Gründer wollten Hunderttausend Euro für fünf Prozent eines Unternehmens, das noch kaum Umsatz und erst recht keinen Gewinn gemacht hat. Wer so auftritt, kann sich die Reisekosten sparen. 2009 werden die Preisvorstellungen deutlich realistischer werden."

Schneider, einst Mitgründer von Intershop und des Online-Fotodienstleisters Pixaco, ist ein Veteran, der während der ersten Internet-Welle reich geworden ist. Derzeit ist er mit einer Gesamtsumme von einer knappen Million Euro in insgesamt 21 Startups investiert, viele davon sind erst im vergangenen Jahr dazugekommen. "Ich weiß nicht, was die Beteiligungen heute wert sind", sagt Schneider entspannt. "Aber der Wert ist sicher nicht so stark gesunken wie der Dax im vergangenen Jahr. Mein Treiber ist nicht so sehr das Geld. Geld ist flüchtig. Der Treiber ist eher Anerkennung und zu sehen, dass eine Idee funktioniert."

Schneiders Büro im Intershop-Tower in Jena sieht nicht so ganz aus wie der Arbeitsplatz eines Multimillionärs: ein kleines Kabuff, Wände, die einen neuen Anstrich brauchen könnten, und ein provisorischer Schreibtisch, wie ihn anderswo Praktikanten zugewiesen kriegen. Schneider grinst gut gelaunt: "Ich bekomme immer das Büro, das gerade frei ist, weil ich so selten hier bin." Am Tag nach dem Interview verlässt er seinen Schreibtisch mal wieder, um zwei Wochen in der Karibik zu segeln.

Seine Investments sieht er ähnlich gelassen. "Ich mache das wenig strukturiert, ich entscheide eher aus dem Bauch." Eine seiner neuen Gründungen ist die Internet-Apotheke Greenapo.de, spezialisiert auf homöopathische Medikamente. Auf die Idee kam er durch eine befreundete Apothekerin. Schneider: "Man muss sich sicher anstrengen, die 500 Internet-Apotheken, die es schon gibt, zu toppen. Aber Naturheilmittel sind ein wachsender Markt. Es weiß keiner, ob das läuft. In den ersten drei Jahren sieht man nicht unbedingt, ob ein Unternehmen Geld verdienen wird."

Eine andere Gründung, an der Schneider beteiligt ist, ohne zu wissen, ob es sich lohnen wird, ist die Community-Plattform Uniturm, ein Portal, auf dem Studenten Wissen austauschen - von Vorlesungsmitschriften bis zu Prüfungsvorbereitungen. "Das ist mein Community-Steckenpferd", sagt der Investor, der sich offenbar immer noch in neue Ideen verlieben kann. "Das mache ich, weil ich die Leute gut finde. Derzeit ist das ganz klar nicht profitabel. Im Augenblick ist auch offen, wie sich die Community monetarisieren lässt. Das müssen die Betreiber rausfinden." Es klingt, als sei die beste Methode für neue Internet-Firmen: einfach auszuprobieren, was geht.

2. Resterampe

Ein handfesteres Schneider-Investment ist Preisbock.de, gegründet 2008. Der Gründer und Geschäftsführer Christian Otto Grötsch, 28, sitzt ebenfalls im Intershop-Tower und glaubt, dass ihm die Rezession eher nutzen als schaden wird. Preisbock ist eine Resterampe im Internet: jeden Tag ein anderes Produkt, vom Flachbildfernseher bis zur Plastikente für die Badewanne. Im ersten Jahr war der Umsatz siebenstellig, der Verlust lag bei etwa 15 Prozent vom Umsatz. Ganz neu ist das Live-Shopping-Modell nicht. Zwei Wettbewerber in Deutschland, iBood und Guut, sind größer als die Firma aus Jena. Ein anderer Anbieter, Schutzgeld.de, musste im November 2008 die Segel streichen. Der auf seiner Seite gepflegte Krawallstil war wohl eher hinderlich. Dass Firmen aufgeben, ist aus Sicht vieler Beobachter ein positiver Effekt der Rezession: Sie wirkt reinigend. Der Frankfurter Berater Andreas Thümmler analysiert das mitleidlos: "Es gibt in jedem Segment Dutzende von Anbieter. Die können nicht alle überleben. Die Auslese in der Rezession wird hart. Die ganzen Nachahmer werden es schwer haben. Die großen, gut gemachten und halbwegs profitablen Firmen werden davon auf Dauer profitieren, nicht nur bei Marktanteilen, sondern zum Beispiel auch bei der Suche nach guten Leuten."

Was anderen Firmen in der Rezession zu schaffen macht, war auch für Grötsch ein Problem: die Suche nach Kapital. "Seit Februar, März 2008 wusste man, dass die Finanzierung schwierig wird", berichtet der Preisbock-Gründer. "Wir haben im Dezember 2008 eine Million bei Venture-Capital-Gesellschaften eingesammelt, das war nicht ganz einfach. Aber jetzt brauchen wir nie wieder eine Finanzierung. Das ging nur, weil wir einen gewissen Erfolg vorweisen können." Laut Geschäftsplan will Preisbock bis Ende dieses Jahres rentabel werden. "Wir könnten theoretisch ab heute profitabel sein", sagt Grötsch. "Aber wir investieren stark ins Marketing, zehn Prozent vom Umsatz des Vormonats, um das Geschäftsmodell bekannt zu machen."

Grötschs Unternehmensidee ist nicht besonders aufregend: keine technischen Wunder, keine große Community, die irgendwann mal in ferner Zukunft für Umsätze und Gewinne sorgen soll - stattdessen die Fortsetzung des Ramschhandels im Internet. Damit ist Grötsch auf der Höhe der Zeit: konkretes Geschäft statt vager Visionen, Cashflow statt Internet-Sciene-Fiction. Wer in der Krise anfängt, weiß, dass er ums Überleben kämpft. Das ist gesund. "Unternehmen, die in schwierigen Zeiten gegründet werden, sind von Anfang an realistisch und nicht ganz so anfällig dafür, sich von den Millionen der Investoren erst mal schicke Büros einzurichten und voreilig mit Geld um sich zu werfen", sagt Andreas Thümmler. "Das sind häufig die, die sich langfristig durchsetzen."

3. Monetarisierung 2.0

Thümmler ist Gründer und Haupteigentümer der Frankfurter Beratungsgesellschaft Corporate Finance Partners (CFP). Die bringt junge Unternehmen aus der Internet-Branche und potenzielle Investoren zusammen, berät bei Übernahmen und begleitet erfolgreiche Start-ups beim Verkauf - damals zum Beispiel die Samwer-Brüder bei Jamba. Der Berater ist ein wichtiger Spieler in der deutschen Internet-Branche. Allein 2008 hat CFP nach Thümmlers Angaben "Deals im neunstelligen Bereich" abgeschlossen. Bei aller professionellen Vorsicht redet er auch gern mal Klartext. Zum Beispiel mit der T-Shirt-Aufschrift, mit der er schon vor gut einem Jahr provozierte: Bubble 2.0. Derzeit beobachtet er, dass die Geldzuflüsse austrocknen: "Viele Investoren haben in den vergangenen Jahren sehr große Portfolios angesammelt, und viele dieser Beteiligungen verbrennen noch Geld. Deren Investoren sind derzeit nicht unbedingt aufgeschlossen für neue Deals. Sie konzentrieren sich auf ihr Portfolio und schießen notfalls nach; man versucht eben zu retten, was zu retten ist. Viele haben auch an der Börse Geld verloren." Im Augenblick sei es sicher schwierig, Investoren für Start-ups zu finden. Und auch wenn E-Commerce ein Wachstumssegment bleibe, falle das Wachstum in nächster Zeit wohl schwächer aus. Thümmlers Prognose: "In Zukunft werden jene Firmen interessant sein, die es anderen Firmen ermöglichen, ihre großen Kundenstämme zu monetarisieren, und zwar nicht nur durch Werbung."

Er sieht durchaus Chancen: "Wir haben jetzt erstmals einen Fonds aufgelegt, den CFP & Founders Investment. Darin sind derzeit neben uns 110 Entrepreneure investiert, darunter viele, die als Gründer selbst zur ersten Internet-Generation gehören." Schon vor zwei, drei Jahren sei er immer wieder mit zum Teil sehr verlockenden Angeboten zur Auflage eines solchen Fonds animiert worden. "Aber damals waren die Unternehmen so hoch bewertet, dass wir das nicht wollten. Dass wir den Fonds Ende 2007 aufgelegt und 2008, also im Vorfeld der Rezession, dafür die Mittel eingesammelt haben, war klar antizyklisch. Wir wollen in die Down-Phase investieren, 2009 und 2010. Wir haben derzeit 23 Millionen eingesammelt, seit Kurzem investieren wir, bisher 4,5 Millionen. Wir gehen langsam rein, weil die Bewertungen noch fallen."

Thomas Hessler, Heiko Rauch und Jens Hewald haben sich mit einem einstelligen Millionenbetrag am CFP-Fonds beteiligt. Die drei sind die Gründer des Berliner Internet-Unternehmens Zanox und kennen Thümmler schon länger. 2007 hat CFP den Verkauf von Zanox an den Springer-Verlag begleitet. Kaufpreis: 214,9 Millionen Euro zuzüglich einer erfolgsabhängigen Bonuszahlung, an deren Höhe Hessler, Rauch und Hewald heute als Zanox-Vorstände arbeiten. Thümmlers Theorie, dass Gründungen in der Krise kein Fehler sind, können sie nur bestätigen. "Wir sind 2000 gestartet, knapp vor dem Absturz", berichtet Thomas Hessler. "Am Ende war das vielleicht einer der Erfolgsfaktoren. Wir waren gezwungen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und keine großen Luftschlösser zu bauen. Auch jetzt ist der nötige Realismus da. Das ist gesünder, als die gleiche Welle wie alle zu reiten, in der Hoffnung, dass sich irgendwas ergeben wird. Wir haben von Anfang an sehr darauf geachtet, kein Geld zu verbrennen und ein profitables Geschäftsmodell zu entwickeln."

Für sein Unternehmen hat Hessler die Parole "Monetarisierung 2.0" ausgegeben. Zanox hat von Anfang an so funktioniert. Wer eine gut besuchte Internet-Seite hat, kann am Besucherstrom mithilfe der Firma verdienen. Mit ihrer Software schalten Werbetreibende nach Zanox-Angaben weltweit auf mehr als einer Million Internet-Seiten ihre Werbung. Geld fließt erst, ähnlich wie bei Google, wenn jemand online etwas kauft. Der Werbende geht, zumindest theoretisch und wenn keine Kriminellen die Seitenzugriffe manipulieren, kein Risiko ein. Anders als in der klassischen Markenpflege kann er Werbeausgaben und den durch sie erzeugten Umsatz in direkte Relation setzen. Am Ende gewinnen alle: Das Unternehmen, das die Werbung schaltet, der Seitenbetreiber - und die Firma Zanox, die an jeder Transaktion mit einer Provision beteiligt ist. "Wenn in der Rezession die Marketing-Etats zurückgehen, ist das eine Chance für uns", spekuliert Vorstand Rauch. Er hofft darauf, dass 2009 mehr und mehr Investitionen vom Marketing in den Verkauf gehen - und die Kunden realistischer werden: "Es geht um Monetarisierung, nicht um viele Klicks und große Communities."

Die Zanox-Gründer sind davon überzeugt, dass die Rezession in vielen Branchen den Veränderungsdruck erhöht und davon noch einige internetbasierte Unternehmen profitieren können: "Uns interessiert, wie jede Art von Arbeit im Netz verfügbar gemacht werden kann", sagt Thomas Hessler. "Wir sehen eine echte Welle an Gründungen. Diese Welle ist substanzieller als in den vergangenen Jahren. In jeder Industrie gibt es Chancen für Internet-Unternehmen, sich Marktanteile zu sichern."

Um die Möglichkeiten ihres eigenen Geschäftsmodells auszudehnen, haben die Vorstände ab Mitte 2008 gemeinsam mit dem CFP-Fonds einen ungewöhnlichen Wettbewerb für Gründer veranstaltet, bei dem eine Million Euro Risikokapital zu gewinnen sind. "Wir haben für die gut hundert Teilnehmer die Schnittstellen zu unserem System geöffnet", erklärt Jens Hewald. "Start-ups können auf unserem etablierten System aufsetzen, unsere Kundenbasis und unsere Technologie nutzen. Wir bieten die Basis-Infrastruktur, nutzen die kollektive Intelligenz, profitieren von den Ideen, die auf diese Weise von außen kommen. Das macht unsere Plattform attraktiver, und wir verdienen an den so entstehenden neuen Geschäftsmodellen mit." In einem nächsten Schritt soll Zanox lernen, "wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass jemand, der auf eine Seite kommt, dort etwas Bestimmtes kauft. Je mehr man über den Nutzer weiß, desto bessere Angebote kann man ihm logischerweise machen."

Genau dabei kann das Berliner Unternehmen Webtrekk helfen, das an dem Wettbewerb teilgenommen und sehr gute Chancen hat, ihn zu gewinnen. "Wir bieten Statistiken für Web-Seiten. Bei uns geht es darum, den Anbietern und Nutzern Instrumente zur Verfügung zu stellen, mit denen sie ihren Traffic analysieren können", sagt Webtrekk-Gründer, Hauptaktionär und Geschäftsführer Christian Sauer, 35. " Jemandem, der immer bei Douglas gekauft hat, kann man vielleicht mal etwas von Esprit anbieten." Ein Prinzip, das man von Amazon kennt. Nun gehe es darum, "die Datenmengen zu durchleuchten - mit dem Ziel, dem Besucher der Seiten passgenaue Angebote zu machen und so den Umsatz zu erhöhen. Die Klick-Pfade werden verfolgt, man kann sehen, was für Browser und was für Bildschirmgrößen verwendet werden." So sei es für Zeit.de, einem Webtrekk-Kunden, beispielsweise interessant zu wissen, welche Artikel wie oft gelesen werden, wie die Leute auf die Seite kommen, über Suchmaschinen oder direkt, welche Suchbegriffe sie verwendet haben. "Wonach gefragt wird", so der Gründer selbstbewusst, " ist dabei viel ausdifferenzierter als bei Google Analytics und auf die jeweiligen Kundenbedürfnisse zugeschnitten."

Die Folgen der Rezession sieht Sauer ähnlich optimistisch wie die Zanox-Vorstände: "Die Wirtschaftskrise nützt uns tendenziell. Viele Unternehmen wollen in ihrem Marketing gern sehen, welchen Umsatz sie mit welcher Maßnahme machen. Dabei helfen wir ihnen. Wir schließen derzeit große Verträge ab, zum Beispiel mit der Dresdner Bank."

4. "Spray and Pray"

Nicht jeder Investor geht bei der Suche nach dem nächsten großen Ding so systematisch vor. Lukasz Gadowski, 31, zum Beispiel ist eigenen Angaben zufolge an mehr als 50 Start-ups beteiligt, davon "zirka 15, um die wir uns stärker kümmern". "Spray and Pray" nennt man diese Methode: einsteigen und beten, dass irgendeine der vielen Unternehmen sehr schnell sehr wertvoll wird. Gadowski ist Gründer der E-Commerce-Plattform Spreadshirt. Viel Geld dürfte er als Mitgründer und -besitzer des Community-Portals StudiVZ verdient haben, das für geschätzte 80 Millionen Euro an Holtzbrinck verkauft wurde. Gadowski nimmt die Rezession sportlich: "Ich schätze, dass ich im Jahr 2009 sicher eine Million Euro in Start-ups investieren werde. Die Krise hat auch ihre Vorteile. Die Konkurrenzsituation ist entspannter. Es gibt viele Chancen, und es wäre dumm, die nicht zu nutzen." Das Risiko? Nimmt er gelassen: "Einfach nichts zu tun und vom Geld zu leben, das man aus Unternehmensverkäufen bekommen hat, macht auf Dauer keinen Spaß. Wenn es sehr schlecht läuft, könnte ich theoretisch auch wieder alles verlieren. Ich bin hoch investiert."

Eine Firma, die Gadowski zusammen mit den Gründern initiiert und mitfinanziert hat, hat ein ähnlich simples Geschäftsmodell wie die digitale Resterampe Preisbock. Das Mitte 2008 gegründete Käuferportal will Mittelständlern bei der Suche nach Kopierern, Telefonanlagen, Event-Agenturen, Webdesign-Anbietern oder Kassensystemen helfen. Robin Behlau und Mario Kohle, die beiden 24-jährigen Gründer und Geschäftsführer, berichten, dass sie nach drei Monaten auf dem Markt immerhin einen fünfstelligen Umsatz im Monat machen. Ende des Jahres wollen sie die Gewinnschwelle erreichen. "Ich weiß, was für Probleme ein Mittelständler mit zehn oder fünfzig Mitarbeitern hat, wenn er zum Beispiel einen Kopierer braucht. Eine Sekretärin, die wenig über Kopierer weiß, holt Angebote ein. Am Ende muss irgendwer entscheiden, was gekauft wird, und eigentlich hat niemand Zeit, sich um das Problem wirklich zu kümmern", sagt Behlau. "Wir fragen ab, was zum Beispiel der Kopierer genau können muss, was er kosten darf, welcher Service benötigt wird, und so weiter." Diese Anfrage eines potenziellen Käufers wird ins Netz gestellt. Bis zu drei Einzelhändler, die ihm die gewünschte Ware verkaufen wollen, können von Käuferportal die Kontaktdaten kaufen und dem Kunden in spe ein Angebot machen. Behlau: "Wir sind ein Marketing-Kanal, der nur für die Vermittlung konkreter Kunden Geld verlangt. Wir verdienen, wenn wir den Verkäufern echten Umsatz bringen - deshalb nutzen sie uns gern."

Der in London lebende Stefan Glänzer sieht die Situation ähnlich wie Gadowski oder Schneider. Er investiert derzeit "recht aktiv. Aber ich selektiere stärker als früher. Meine Investitionen in Start-ups gehen von 25 000 bis 250 000 Euro. In einigen Fällen investiere ich nach der Startphase weiter." 2008 stieg Glänzer bei fünf Unternehmen ein, insgesamt mit einem höheren sechsstelligen Betrag. Aktuell schaut er sich zwei Unternehmen an, wobei für ihn zählt, "dass das Angebot irgendwann mal einen Wert für Menschen hat und nicht l'art pour l'art ist". Er müsse nicht von Anfang an verstehen, wie ein Geschäftsmodell genau funktioniert: "Meine Entscheidungen sind bauchgesteuert. Ich mache keine Marktforschung, um meine Investment-Entscheidungen abzusichern. Und selbst wenn ich das wollte: Bei vielen innovativen Projekten wüsste ich gar nicht, wie Marktforschung aussehen könnte." Und dass es "in den nächsten zwei, drei Dekaden im Internet enorme Innovationen geben wird", davon ist Glänzer überzeugt. "Die Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgereizt."

Glänzer nennt sich mit einem der branchenüblichen Anglizismen Serial Entrepreneur, Serien-Gründer. Sein erfolgreicher Start war das Internet-Auktionshaus Ricardo.de. Beim Internet-Radio Last.fm, das 2007 für 280 Millionen Dollar an CBS verkauft wurde, war er Miteigentümer und Geschäftsführer. Heute ist er in der angenehmen Lage, nicht mehr für seinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Dass er weiter in junge Firmen investiert, hat einen simplen Grund: "Es ist einfach spannend zu sehen, wie ein neues Geschäftsmodell funktioniert und ob es überhaupt funktioniert. Ich liebe diese Phasen. Als wir damals mit Internet-Auktionen oder einem Internet-Radio angefangen haben, wusste kein Mensch, wie das geht. Man muss in einem neuen, unbekannten Gelände viel entscheiden, und hoffentlich trifft man am Ende ein paar mehr richtige als falsche Entscheidungen."

Dass die Rezession Glänzer nicht nervös macht, hat außer seinem finanziellen Polster noch einen Grund: Er kennt das Auf und Ab. "Bei Ricardo haben wir vor dem Börsengang zwei Millionen Euro an Kapital aufgenommen, beim Börsengang gut ein Jahr nach der Gründung 1999 haben wir 100 Millionen erlöst", erinnert er sich. "Auf dem Höhepunkt lag der Börsenwert bei zwei Milliarden, ein paar Jahre später war die Firma noch 1,3 Millionen Euro wert. Wieder ein paar Jahre später, 2007, wurde sie für 1,8 Milliarden in Cash verkauft. So viel zur Wahrnehmung, was Firmen zu einem bestimmten Zeitpunkt wert sein können."

Eines seiner aktuellen Lieblingsprojekte fällt aus dem Rahmen der auf Nützlichkeit getrimmten Start-ups, denen die meisten Investoren derzeit am ehesten trauen. Im November ist Glänzer in die britische Firma RjDj eingestiegen, das eine iPhone-Applikation anbietet, von der keiner weiß, ob es für sie einen Markt gibt. RjDj, kennenzulernen unter anderem auf Youtube, verkauft "reaktive Musik". Glänzer: "Wir glauben, dass das Mobiltelefon der Walkman des 21. Jahrhunderts ist. Das Mikrofon, die Reaktion auf Bewegung und GPS-Daten werden genutzt; die Musik verändert sich mit der Umgebung. Wir nutzen all diese Input-Faktoren, um etwa aus den Geräuschen, die über das Mikrofon reinkommen, Musik zu generieren. Bei schnellen Bewegungen wird die Musik schneller, in einer leisen Umgebung wird sie ruhiger. Wir liefern die nötige Software und Musikstücke, die dafür komponiert sind, sich mit jedem Hören mit der Umgebung zu verändern."

Als Einstiegsdroge gibt es Gratisangebote. Wer mehr mutierende Musikstücke haben will, zahlt 2,99 Euro pro Sound-Datei. Umsatzzahlen nennt Glänzer nicht, nur so viel: "In den ersten drei Monaten hatten wir mehr als 150 000 Downloads. Ich war erstaunt über die Bewegung von gratis zu Pay." Kein Zweifel, Glänzer, früher mal Discjockey, mag die Neuerfindung: "Ich glaube, es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit den Jungs spreche, weil ich das Projekt so spannend finde."

Faszination gehört auch künftig zum Gründergeschäft. -