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Die Lichtpiraten

Zwei Außenseiter entdecken das Potenzial der LED-Technik. Setzen alles auf eine Karte - und erobern einen neuen Markt. Die märchenhafte Geschichte der Zwillingsbrüder Opolka.




"Kommen Se mal mit." Ungeduldig läuft Harald Opolka die alte Kellertreppe hinunter. Schließt die Stahltür auf. Licht aus, Taschenlampe an. Breiter Lichtkegel fällt auf weiß getünchte Wand. Mit zwei Fingern schiebt er den Lampenkopf nach vorn. "Speed Focus, kann ich mit einer Hand bedienen." Der Strahl fokussiert zu einem schmalen, blendend hellen Lichtbündel. "Müssen Se heut' Nacht mal draußen ausprobieren. Leuchtet 500 Meter weit."

Der Mann, der wie ein überdrehter Junge seine Taschenlampe vorführt, ist 53 Jahre alt. Er sagt von sich, er habe die Welt der Taschenlampen revolutioniert. Vor neun Jahren verkaufte er seine erste Mikroleuchte, er nannte sie Photonenpumpe V8. Heute demonstriert er im Keller seiner Firma in Solingen sein neuestes Produkt, den LED Lenser P7. Dazwischen liegt eine strahlende Erfolgsgeschichte: Opolkas Firma Zweibrüder Optoelectronics GmbH verkauft in 70 Ländern Taschenlampen im Wert von bislang mehr als 200 Millionen Euro. Alle haben eines gemeinsam: Ihr Licht kommt aus Leuchtdioden.

"Halten Se mal." Jetzt nimmt er ein Konkurrenzprodukt, doppelt so groß wie die P7. Dreht am Lampenkopf, um das Licht zu bündeln. "Seh'n Se, dazu brauch' ich schon mal beide Hände." Die Lampe der Kultmarke aus Kalifornien leuchtet nicht nur deutlich schwächer. Wenn man das Licht ihrer Glühbirne fokussiert, bildet sich im Zentrum des Kegels ein dunkler Fleck. Der Erfinder, befriedigt: "Die Mag-Lite kriegt das schwarze Loch nicht weg."

Harald Opolka wurde 1955 als Sohn eines Bergmanns in Bottrop geboren, eine Viertelstunde vor seinem Zwillingsbruder Rainer. Aber er ist sich seiner Erstgeburt nicht sicher. "Die Schwestern haben uns bestimmt ein paar Mal verwechselt, so ähnlich wie wir uns sehen." Dieses Merkmal pflegen die Zwillinge bis heute. Beide tragen den Kopf kahl. Das Gesicht von Harald ist etwas schmaler. Seine Augen schauen ernst und ruhelos, seine Stirnfalte setzt sich in einer Ader fort, die schräg zum Ohr hinüberläuft. Der Mann ist hager, trägt ein braunes Freizeithemd und Jeans.

Die Zwillinge machten eine Lehre als Starkstromelektriker. Dann holten sie das Abitur nach und studierten, Soziologie und Psychologie. Nach einem wenig erfolgreichen Versuch in den neuen Bundesländern gründeten sie 1994 in Solingen mit 1000 Mark Startkapital ihre eigene Firma. Sie machten, was in Solingen viele machen: Messer. Mit einem Zeichenblock und einem alten Atari-Computer entwarfen sie Sushi-, Angler-, Käsemesser. Die Klingen waren aus Kruppstahl, die Hölzer für die Griffe importierten sie aus Nordamerika, gefertigt wurde in China. "Wir haben ein robustes Selbstvertrauen", sagt Harald Opolka, "das ist unverzichtbarer Bestandteil unserer Firmenphilosophie."

1962 produzierte General Electric die ersten kommerziellen Leuchtdioden, kurz LED genannt. Sie erzeugen Licht aus der Sperrschicht eines Halbleiters. Die ersten LEDs waren nicht besonders hell, konnten nur rotes Licht abgeben und wurden als Signallämpchen oder Kontrollleuchten eingesetzt. Der Fortschritt der Dioden war nicht gerade rasant. Es dauerte neun Jahre, bis sie grünes Licht erzeugen konnten. 1992 kam die blaue LED dazu. Der Durchbruch kam 1997 mit den ersten weißen Leuchtdioden.

1998 las Harald Opolka einen Bericht. Darin war von einer neuen Generation von Leuchtdioden die Rede, die Dank des chemischen Elements Gallium bedeutend heller strahlten. "Da hatten wir das Gespür: Dies ist das Licht der Zukunft." Er witterte "einen Megamarkt".

Die kühne Idee für ein neues Produkt bekam eine solide handwerkliche Grundlage. Opolka zeigt auf eine kleine grüne Heim-werker-Drehbank. Sie steht im heutigen Labor der Firma, neben einer computergesteuerten Fräsmaschine. Mit diesem bescheidenen Werkzeug hat er einen Prototypen gebaut: einen kreisrunden Zylinder aus gehärtetem Edelstahl, nicht dicker als ein Kugelschreiber, gut sechs Zentimeter lang. Die Kanten sauber abgerundet, das Ganze vernickelt. Sieht aus wie eine Patrone, von einem Designer überarbeitet. Diese hat Opolka mit drei Batterien und einer blauen Leuchtdiode bestückt.

Der Erfinder mag schillernde Begriffe. Sich selbst nennt er einen Lichtpiraten, seiner Mikrolampe für die Hosentasche gab er einen Namen wie aus einer Science-Fiction-Serie: Photonenpumpe V8. "Ich fuhr damals einen Sechszylinder-Audi, das Geschäft mit den Messern lief nicht schlecht. Wenn ich die Motorhaube aufmachte, sah man: V6. Das machte was her. Und da dachte ich: V8 ist noch besser."

Mit dem Prototyp gingen die Opolka-Zwillinge zur Deutschen Bank. Sie wollten einen Kredit über 300 000 Mark, um ihre Erfindung in Serie produzieren zu können. Der Geschäftskundenberater schickte sie schnell nach Hause. "Davon verkauft ihr keine zehn Stück", erinnert sich Opolka an die Demütigung.

Um flüssig zu sein, verschleuderten die beiden Brüder einen Großteil ihrer Messer zu Sonderpreisen. Im Mai 2000 kam die erste V8 auf den Markt. "Mit dem blauen Licht konnte man ein bisschen Polizei spielen", erinnert sich Opolka, "das hatte sonst keiner." 2001 wurde die Mikrolampe mit einem Designpreis ausgezeichnet. Inzwischen hat die Firma etwa zwölf Millionen Photonenpumpen verkauft. Eine V8 ist ab zehn Euro zu haben.

Die zwei Brüder bezeichnen sich als Weltmarktführer bei den LED-Taschenlampen. Ihre Produktpalette reicht vom zahnstocherkurzen Winzling bis zum schlagstockgroßen Gerät, bestückt mit sieben Terminator-Linsen. Nach Steuern haben die Opolkas bislang 40 Millionen Euro verdient. Die Raiffeisenbank freut sich über diesen guten Geschäftskunden.

Leuchtdioden haben im Vergleich zur Glühbirne überzeugende Vorteile. Sie verbrauchen 90 Prozent weniger Energie und halten deutlich länger. Eine Glühlampe brennt 1000 Stunden, eine LED bis zu hundertmal länger. Trotzdem blieben die großen Hersteller noch in den neunziger Jahren äußerst skeptisch, was die Anwendungsmöglichkeiten betraf. Leuchtdioden taugen nicht zur Wohnraumbeleuchtung, lautete die allgemeine Einschätzung. Sie seien nicht hell genug, und ihr Licht wirke technokratisch kühl. Zwei Pioniere ließen sich nicht abschrecken. Der Niederländer Marcel Vos und der Hamburger Stefan Rossow statteten 2001 ein Designer-Apartment in London ausschließlich mit Leuchtdioden aus. 2006 folgte eine Villa in Portugal. Die Räume wirken wie von einem anderen Stern: Über Touchpanels lässt sich das Licht vom Swimmingpool bis zum Billardzimmer durch alle Farben des Spektrums variieren. Es ist stufenlos dimmbar, die stecknadelkopfgroßen LEDs sind unter anderem in Sockelleisten verbaut und strahlen von unten nach oben. Auch Leuchtpunkte im Fußboden sind kein Problem: Weil sie nicht heiß werden, kann auch ein Kleinkind gefahrlos darauf krabbeln.

"Seh'n Se unsere Fahne?" Harald Opolka zeigt die hohe Außenwand hinauf. Sie wurde vor gut hundert Jahren aus Backstein gebaut, ist mit Efeu bewachsen. Bis zu ihrem Konkurs wurde in der Mathildenhütte in Solingen Glas geblasen. Vor sieben Jahren kauften die beiden Brüder die Anlage um den gepflasterten Hof. Knapp 70 Angestellte haben hier ihren Arbeitsplatz: Entwicklung und Design, Marketing und Verwaltung. Über dem Dach weht die schwarze Piratenflagge. "Wir sind die Freibeuter auf dem Ozean der Ökonomie", sagt Harald Opolka. Seine Sprachmelodie erinnert an die des Comedian Rüdiger Hoffmann. Er lispelt ein wenig, das macht seine vollmundigen Aussagen erträglich. "Psychologie und Erfolg stehen in einem Zusammenhang. Wenn ich Erfolg erwarte, dann kommt er auch."

Die Zwillinge haben die Fabrik unter der Piratenflagge großzügig renoviert. Die alten Eisengeländer wurden erhalten und neue Balken eingezogen, Terrakottafliesen gelegt und die Fenstersprossen weinrot gestrichen. Für die Mitarbeiter ließ man Küchen und Badewannen einbauen, im großen Sozialraum steht ein Billardtisch. "Was der Kapitalismus auseinandergerissen hat, bringen wir wieder zusammen: Arbeiten, Wohnen und Spielen", sagt Harald Opolka. " Je besser die äußeren Bedingungen sind, desto größer ist die Produktivität. Wer sich bei seiner Arbeit nicht konzentrieren kann, der heult das Lied eines Idioten in den Wind."

Im Erdgeschoss befindet sich eine Werkstatt der ungewöhnlichen Art. An einem Ende des 150 Quadratmeter großen Raums plätschert ein Springbrunnen, um das achteckige Bassin stehen weinrote Polstermöbel. Am anderen Ende steht Erich Buhl an der Kreissäge und längt Latten ab. Er trägt Blaumann, macht ein verschmitztes Gesicht und spricht mit polnischem Akzent.

Buhl nennt sich schlicht Erfinder. Er stammt aus Oberschlesien, hat als Kfz-Mechaniker in Solingen gearbeitet und in seiner Freizeit einen Magnetschalter entwickelt, der jetzt an den Taucherlampen der zwei Brüder verbaut ist. Das Teil wirkt simpel, vereint aber mehrere wichtige Eigenschaften: Der Hebel ist mit einer Hand zu bedienen, aber so konstruiert, dass er die Lampe nicht durch versehentliche Berührungen aus- oder einschaltet. Und weil man nicht am Lampenkopf drehen muss, dringt kein Wasser ein. "Für diesen Schalter hab' ich vom Chef einen Opel Vectra V6 bekommen", sagt Buhl stolz.

Die Opolkas waren offen für diesen Kauz, dessen Schalter sich andere Firmen wohl gar nicht erst angeschaut hätten. Seit vier Jahren arbeitet Buhl für die zwei Brüder. Weil er als Kfz-Mechaniker schon in den unmöglichsten Stellungen unter Autos lag und schraubte, hat er "Worker's Friend" entwickelt. Das ist eine Arbeitslampe, etwa doppelt so groß wie die V8. Sie lässt sich mit zwei beweglichen Magnetfüßen verbinden. Die haften an jeder Metalloberfläche und lassen sich so verstellen, bis der Lichtstrahl auf die gewünschte Stelle fällt. Der Arbeiter hat beide Hände frei. Buhl fühlt sich wohl in dieser Firma: "Wenn man hier eine Idee hat, wird sie sofort umgesetzt."

Vor drei Jahren brachte die österreichische Firma Luccon ein neues Baumaterial auf den Markt: Lichtbeton. Dünne optische Fasern werden in Blöcke aus Feinbeton eingearbeitet, Leuchtdioden lassen diese wie Adern unter einer zarten Haut schimmern. Architekten und Inneneinrichter spielen mit diesem Werkstoff. Für das Guggenheim Museum in New York arbeiten Designer an einem Tresen aus leuchtendem Beton.

Harald Opolka hockt auf der Kante des Billardtisches. Sein Handy klingelt. Rainer Opolka, der die Produktion in China leitet, ist dran. Von Anfang an ließen die beiden ihre Lampen dort bauen. Mittlerweile beschäftigen sie in Südchina gut 1000 Mitarbeiter. Vor einem Jahr warfen sie das chinesische Management hinaus, "es gab zu viel Korruption und Vetternwirtschaft". Rainer Opolka leitet jetzt die beiden Fabriken. Er ist mit einer Chinesin liiert. "Das öffnet ihm das Tor zur chinesischen Mentalität", sagt sein Bruder. Die Zwillinge telefonieren täglich. "Unsere Beziehung ist unzerbrechlich", sagt Harald Opolka. "Mit einem anderen Partner hätte ich diese Firma nicht aufbauen können."

Leuchtdioden sind sehr robust. Jogger und Bergsteiger wissen das bei Stirnlampen zu schätzen, Radfahrer bei ihrer Beleuchtung, die selten ausfällt. Die Automobilindustrie bestückt Bremsleuchten mit LEDs, seit 2007 auch Frontscheinwerfer. Ein Test des Schweizer Touring Clubs kam zum Ergebnis, dass LED-Frontscheinwerfer solchen mit Halogen- oder Xenonlicht überlegen sind.

Harald Opolka nimmt eine V8 und wirft sie mit voller Wucht auf den Fliesenboden. Hebt sie auf und schaltet sie an - die Photonenpumpe leuchtet. Schraubt sie auf, zeigt die hartvergoldeten Kontakte, die nicht korrodieren, selbst wenn die Batterie ausläuft. Dann geht er zu einer Vitrine, nimmt ein Plagiat heraus, fummelt daran herum - der Knopf fällt ab. Seit Jahren bauen Konkurrenten billige Imitate dieses Klassikers. Opolkas Anwalt hat 250 Abmahnungen geschrieben. "Für Plagiate von der Photonenpumpe haben wir 600 000 Euro Schadenersatz kassiert", sagt er.

Ingenieure und Forscher erhoffen sich einen Entwicklungssprung von der OLED, der organischen Leuchtdiode. Das Material dieses Leuchtmittels ist hauchdünn und biegsam. Es soll Glasscheiben leuchten lassen, Monitore beschichten und für spektakuläre Effekte in der Wohnraumbeleuchtung eingesetzt werden. 2003 entwickelte Kodak eine Digitalkamera mit einem OLED-Bildschirm.

"Die OLED ist wie die Brennstoffzelle", urteilt Harald Opolka, "ständig gibt's Ankündigungen und werden Hoffnungen geweckt. Aber bisher ist noch nichts Brauchbares auf den Markt gekommen. Die Kunststoffe halten nicht lange genug und geben zu wenig Licht ab." Er hat mit der OLED ein Spaßprodukt ausgetüftelt, das in der Weihnachtszeit leuchten sollte. "Aber das war ein Rohrkrepierer, den haben wir wieder aus dem Sortiment genommen." Genauso unsentimental lässt er demnächst "Moppel" sterben. Das ist eine Spaßleuchte, die sich mit flexiblen Beinen und Armen zu Lichtfiguren formen lässt. Das gehört zu Opolkas Selbstverständnis: "Es ist besser zu scheitern, als gar nix zu tun."

2007 erhalten Klaus Streubel und Stefan Illek (Osram) gemeinsam mit Andreas Bräuer (Fraunhofer-Institut) den Deutschen Zukunftspreis. Sie haben ein Herstellungsverfahren für LED-Chips entwickelt, mit dem erstmals eine Metallschicht als Spiegel in die Diode eingebaut werden kann. Dies führt zu einer deutlich besseren Lichtausbeute.

Harald Opolka hat sich auf der Kanaren-Insel La Palma eine Finca mit Meerblick gekauft. Im vergangenen Jahr war er neunmal dort, dieses Jahr will er sechs Monate am Stück bleiben. Er schreibt an drei Büchern: einem Gedicht- und einem Aphorismenband sowie an einem Ratgeber zum Thema Liebe. "Wenn wir nur grobe Gefühle haben, kommen auch grobe Gedanken dabei heraus", sagt er. In seinem Gedicht "Kaputalismus" heißt es:

Geld lädt ein, es zu missbrauchen
Sich und andere zu verkaufen
Geld wird verdient, geraubt, geerbt
Egal, wenn man Ferrari fährt.

Opolka will sich von seiner Firma abnabeln. Ein Leitungsteam mit einem halben Dutzend Leuten soll ihn und seinen Bruder ersetzen. Trotz dieses Plans hat er klare Vorstellungen, in welche Richtung sich die Firma entwickeln soll, die er, gewohnt vollmundig und mit einer Geste zur Leuchte an der Decke so beschreibt: "In der Wohnraumbeleuchtung liegt die Zukunft der LED. Das ist die Siegesgöttin, die mit ihrem Siegeswagen durch die Welt rauscht. Auch mit Feuer und Schwert ist sie nicht aufzuhalten."

In zwei, drei Jahren werden LED-Leuchten fürs Wohnzimmer erschwinglich sein, prophezeit der Lichtpirat. "Diesen Megamarkt wollen wir nicht General Electric und Osram überlassen. In Zeiten technologischer Umbrüche sind die Chancen günstig. Da können die kleinen Raubfische den Großen Stücke aus den Flanken reißen." -