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Die Leisetreterin

Nana Mouskouri. Klar kennt man die. Große Brille, dunkle Haare, schlichte Roben. Die Frau, die nach Madonna weltweit die meisten Tonträger verkauft hat. Obwohl sie so ganz anders ist - oder weil?




NürnbergMesse, Frankenhalle. Ein Mittwoch im Dezember, kalt und windig, der Himmel grau wie nasser Beton. Sie sitzt in einem kleinen Raum hinter einem großen, leeren Foyer. Kein Bodyguard, kein Begleitpersonal, kein Chauffeur, der auf sie wartet. Ein Sofa, ein Tisch, darauf eine Schale mit Obst, eine Vase mit Blumen. Die beiden Kleider für ihre Auftritte hängen an einer Stange. Sie sagt, die Elli, ihre Managerin, müsse irgendwo in der Nähe sein. Aber wo, ist jetzt nicht wichtig. Sie braucht diese Momente der Stille, die Auszeit zwischen Alltag und Scheinwerferlicht. Sie wird erst das rote Kleid tragen, danach das schwarze.

Es ist 19 Uhr, und Nana Mouskouri wirkt müde. Tags zuvor ist sie aus Athen gekommen. In Griechenland herrschte Generalstreik, weshalb sie von Olympic Airlines auf Swiss umbuchen musste, fünf Stunden Aufenthalt in Zürich. Erst in Nürnberg wurde sie abgeholt. Elke Balzer, in der Branche von allen Elli genannt, eine herzliche, gewissenhafte, zierliche Dame, war dabei, als die Sängerin gegen halb neun zum Soundcheck in die Halle kam; sie war dabei, als sie um zehn ins Hotel fuhr und auch um elf, als sie den Reporter im Restaurant traf. Um halb eins saß man immer noch zusammen. Sie konnte kein Ende finden in ihrer Melange aus Deutsch und Englisch; hier und da eine französische Vokabel.

Nana Mouskouri hat für den Schah von Persien gesungen, für Jackie und Robert Kennedy; sie war mit dem früheren griechischen Premierminister Konstantinos Karamanlis befreundet und mit König Konstantin I I. bekannt. Sie war Botschafterin der Unicef und Europa-Abgeordnete, Dichter und Intellektuelle suchten ihre Nähe. Als Künstlerin kennt sie alle berühmten Bühnen der Welt. Olympia. Royal Albert Hall. Carnegie Hall. Bob Dylan, dessen "A Hard Rain's A-Gonna Fall" sie auf Französisch singt und der ihr ein Lied widmete, nennt auf die Frage nach seiner Lieblingssängerin stets die Ägypterin Oum Kalsoum und die Griechin Nana Mouskouri. Zu ihrem 70. Geburtstag schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Ihr flirrender, zuweilen heiser grundierter Sopran ... war pure Kunst."

Was also macht sie in Nürnberg? Bei der "Sternstunden-Gala", einer Advents-Show des Bayerischen Fernsehens? Dafür die Strapazen? Überhaupt: Ist sie nicht nach einer mehr als vier Jahre dauernden Welttournee, 85 Stationen, alle Kontinente, zurückgetreten mit einem Konzert im Odeon des Herodes Atticus, zu Füßen der Akropolis, im Publikum die Bürgermeister von Berlin, Paris und Luxemburg? Im Restaurant des Hotels sagte sie: "Ich wollte immer nur singen." Jetzt, in ihrer improvisierten Umkleide, blickt sie in sich gekehrt an die Wand. Bald wird sie zum ersten ihrer beiden Auftritte auf die Bühne gehen, zwischen der Spider Murphy Gang und der Blaskapelle Petershausen, und sie wird singen, was man von ihr kennt: "Guten Morgen, Sonnenschein" und, es geht an diesem Abend um Spenden für notleidende Kinder in aller Welt, "Gib einem Kind deine Hand".

Bei Nana Mouskouri denkt man zwangsläufig an süße Melodien und sentimentale Texte. Die dunkelhaarige Griechin mit der schwarzen Brille und der Schlager: ein Dauerhit. So ist das, seit sie 1961 die Single "Weiße Rosen aus Athen" aufnahm, die in den ersten sechs Monaten 1,5 Millionen Mal verkauft wurde. Doch in Deutschland wurde ihr erster großer Erfolg gleich zum Stigma. Wen interessierte danach, dass Quincy Jones sie nach New York holte, um eine Jazz-LP zu produzieren ("The Girl from Greece Sings"); dass sie an der Seite von Harry Belafonte in den USA auf Tournee ging; dass sie in Frankreich gefeiert wurde als Erbin von Edith Piaf und Juliette Greco; in Großbritannien zehn Jahre eine Show auf BBC hatte; ein Weltstar wurde von Kanada bis Korea?

"Es ist nicht fair", sagt Friedrich Kraemer, "bei uns wird Nana immer auf einen Miniteil ihres Repertoires reduziert." Kraemer ist bei der Universal Music Group in Berlin, ihrer deutschen Plattenfirma, zuständig für Medienbetreuung; er hat die Zahlen. Nana Mouskouri hat 1600 Lieder aufgenommen, in 15 Sprachen gesungen, allein die Ausgabe ihrer französischen Titel umfasst 34 CDs. Sie sang Gospel und Opernarien, Chansons und Blues, Pop und Folk, Kinder- und Weihnachtslieder. Ein Balanceakt zwischen Flach- und Tiefsinn, monierten die Kritiker. Selbst Heinz Hoffmann, deutscher Statthalter des N. A. N. A Nana Mouskouri International Fan Club, stellt fest: "Da gibt es schon Sachen, die sie vielleicht nicht hätte machen sollen." Doch dem Geschäft hat es nicht geschadet. In ihrer Wohnung in Genf hängen mehr als 300 Goldene Schallplatten; bis heute hat die Mouskouri etwa 250 Millionen Tonträger verkauft. Nur Madonna kommt auf mehr.

Wenn sie zurückblicke auf ihr Leben, sagt Nana Mouskouri spätabends in Nürnberg, erscheine ihr das alles wie ein Traum. "Sicher, ich wollte so werden wie Judy Garland oder Ginger Rogers, ich wollte einen Namen haben, aber ich dachte nie, dass möglich wäre, was geworden ist." Zu bizarr war diese Vorstellung in einem konservativen Land wie ihrem, in einer Zeit, in der aus braven Mädchen erst gesittete junge Frauen und dann Ehefrauen und Mütter wurden. "Die Welt war klein damals", sagt sie. "Es gab keine Möglichkeiten wie heute. Ich verdanke alles dem Singen, das Singen war meine Wahrheit, und es war meine Freiheit." Wenn sie die Augen schließe und singe, trete sie immer noch in eine andere Welt. Es sei eine Art Psychoanalyse, ein Dialog mit dem Publikum, "ein Mittel, den Menschen meine Geschichte zu erzählen". Sie hält kurz inne, dann sagt sie: "Es war nicht so glücklich, mein Leben."

Nana Mouskouri verkörpert, was die Musikindustrie einmal war

Nana Mouskouri wird am 13. Oktober 1934 als Ioanna Mouskhouri in Chania auf Kreta geboren. Sie ist die zweite Tochter des Filmvorführers Konstantin und seiner Frau Aliki. Ihr Vater wird später sagen: "Schade, dass du kein Junge bist." Die Familie zieht nach Athen, wo der Vater Arbeit findet und das Mädchen Krieg, deutsche Besatzung und Hunger erlebt. Der Vater ist ein krankhafter Spieler, die Mutter muss für Essen das Mobiliar versetzen. Die Mouskouris leben in besseren Baracken, sind bettelarm, angewiesen auf Gefälligkeiten. Eine bedrückende Kindheit. Nana Mouskouri erinnert sich an einen Traum ihrer frühen Jugend. Sie läuft verzweifelt um einen Brunnen, vor dem sie panische Angst hat. Wo ist der Ausweg? Sie läuft und läuft und kommt und kommt nicht weg. Ihr Magen droht zu zerreißen, das Herz droht zu platzen, sie fürchtet, den Verstand zu verlieren.

Wenn die kleine Nana Zerstreuung findet, dann im Kino, in dem der Vater arbeitet. Sie liebt den Zauberer von Oz. Sie beobachtet die Menschen, wenn sie nach der Vorführung aus dem Saal kommen, und bemerkt, dass das Kino ihre Gesichter verändert, sie glücklich gemacht hat. Sie träumt davon, Gesichter zu verändern. Sie will auf die Bühne. Die Mutter singt gern, sie fördert den Gesangsunterricht der Töchter. Als sie ihn nicht mehr bezahlen kann, unterrichtet die Lehrerin Nana unentgeltlich, fasziniert von der Leidenschaft ihrer Schülerin, die sich ihre Stimme mühsam einem angeborenen Alt und einem Stimmbandschaden abringt. Die sich später schämt, auf die Bühne zu gehen: "Ich war ein dickes Kind, fühlte mich hässlich." Ihren ersten Job in einem Athener Club verliert sie wegen ihres Aussehens. Ihre ersten Singles erscheinen ohne ein Foto von ihr. Doch sie gibt nicht auf. Sie studiert Ella Fitzgerald, Mahalia Jackson, Billie Holiday auf Radio Tanger. Sie bringt sich Englisch bei. Weiter, lernen, besser werden; auch als sie wegen Auftritten in Jazzlokalen vom Konservatorium fliegt.

Vielleicht braucht man dazu Mut, vielleicht Verzweiflung. Ihr erster Agent stöhnt, als er sie sieht. Sie hat schon Preise gewonnen, als der Chansonnier Georges Brassens sie eine "griechische Bäuerin" nennt. Man will ihr die Brille ausreden. Nicht schick. Man will ihr den Namen ausreden. Zu sperrig. Man will ihr die schwarzen Kleider ausreden. Zu traurig. Sie behält Brille, Namen, Kleider. Je mehr man sie bedrängt, umso sturer wird sie. Sie fährt nach Deutschland, obwohl ihr griechischer Komponist, Manos Hadjidakis, es ihr verbieten will; sie lässt sich in New York nicht überreden, Jazzsängerin zu werden; sie verlässt ihren ersten Ehemann, den Gitarristen ihrer Begleitband, weil er will, dass sie ihre Karriere für die Familie aufgibt. "Sie überleben", sagte sie 2006 in einem Zeitungsinterview, "wenn Sie Ihren Stil, Ihre Identität bewahren. Gegen die Moden, gegen äußere Einflüsse, gegen die Versuchung." Da zeigen Plakate für ihre Konzerte längst nur noch ein rotes Samtkissen mit einer schwarzen Brille.

Sie ist ein Anachronismus. Nana Mouskouri verkörpert, was die Musikindustrie einmal war. Als sie anfing, produzierte man für lokale Märkte, kümmerte sich um die USA anders als um Europa, um Deutschland anders als um Frankreich und um Asien oder Lateinamerika gar nicht. So kam es, dass die Mouskouri insgesamt etwa 300 Alben veröffentlichte, jährlich im Schnitt 100 bis 120 Konzerte gab. Nebenher schickte sie handgeschriebene Glückwünsche zur Hochzeit oder Weihnachtsgrüße an ihre treuesten Fans. Dabei hatte sie nie Personal. "Nana brauchte nie eine Entourage von zehn Leuten wie andere Weltstars", sagt Elke Balzer. Neben ihr gehört lediglich der Produzent André Chapelle, ihr zweiter Ehemann, zum engsten Team. "Ich kenne keine", sagt Ralf Schedler, "die so unprätentiös, so zuverlässig, so engagiert ist, bei der es immer um die Sache geht; Geld, Konditionen sind sekundär."

Ralf Schedler ist Geschäftsführer von Koch Universal Music, dem Label, das Nana Mouskouris Platten in Deutschland vertreibt. Und er kann ausführlich erklären, was aus der Musikindustrie geworden ist. "Wer sich heute etablieren will, braucht vor allem PR, Marketing, Promotion." Früher machte der begabte Künstler Karriere, heute macht die Industrie den Künstler, und die Halbwertzeiten der Karrieren werden immer kürzer. Gestern Whitney Houston und Mariah Carey. Heute Britney Spears und Christina Aguilera, und die Frage ist längst: Wer kommt morgen? Nicht relevant, wenn es nach Nana Mouskouri geht. Sie könne die Lieder von heute ohnehin "kaum voneinander unterscheiden. Sie hören sich alle an, als wolle man Waschpulver verkaufen", sagt sie. Mit einer Ausnahme: Madonna. "Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie man sich in einer globalisierten Welt sinnstiftend neu erfinden kann."

Die Mouskouri und Madonna. "Ist das nicht ein schöner Vergleich?", fragt Ralf Schedler. Die eine, die sich immer treu geblieben ist. Die andere, die sich ständig neu erfindet. "Ausgerechnet diese beiden sind die kommerziell erfolgreichsten Sängerinnen der Geschichte." Die eine ein Synonym für Bescheidenheit, Beständigkeit und Sehnsucht; eines ihrer ersten Lieder hieß "Kapou iparhi agapi mou". Irgendjemand liebt auch mich. Die andere der Inbegriff des Material Girl, das die Kunst der Provokation perfektioniert, das schockiert mit Sex und Blasphemie, ein Kunstwerk aus Moden und Mythen, global vermarktet mittels MTV, Pressekonferenzen von New York bis Tokio und bombastischen Bühnen-Shows.

Wer ein Interview mit Nana Mouskouri will, ruft bei Elke Balzer in Stuttgart an, bekommt so viel Zeit, wie er braucht, und wird zum Abschied an die Brust gedrückt. Wer ein Interview mit Madonna bekommt, wurde vorher nach Auflage und Reichweite des Mediums ausgewählt, hat oft nur 20 Minuten und erlebt, so Jochen Siemens, wie eine kleine Frau "von oben auf einen herabredet". So war es, als der Reporter des "Stern" sie einmal bei Dreharbeiten traf. Siemens sagt: "Sie hat sich immer genommen, was sie wollte, nach dem Motto: 'Mir gehört die Welt.'"

Alle Vergleiche ergeben keinen Sinn, auch wenn die Erfolge beider Damen nicht zuletzt auf Vielseitigkeit basieren. Nana Mouskouri singt alles, Madonna macht alles, inklusive Kinderbücher schreiben und die Kabbala studieren. Doch sie würde nie wie die Griechin freimütig bekennen, dass sie ihre Scheidung als Schmach empfand, als Scheitern; Nana Mouskouri heiratete Monsieur Chapelle erst, nachdem beide ihre Liaison 15 Jahre vor der Öffentlichkeit geheim gehalten hatten. Sie werde immer, sagt sie, darunter leiden, nicht mehr Zeit für ihre beiden Kinder gehabt zu haben. Madonna zelebriert dagegen ihre privaten Dramen und erotischen Neigungen öffentlich; gern, wenn mangels aktuellem Album oder Tournee Bedarf für Schlagzeilen besteht. Das jedenfalls hat Jamie Anderson beobachtet. Anderson hält an Wirtschaftsakademien das Seminar "Strategy on a Dancefloor", in dem er behauptet: "Madonnas Weg zum Erfolg würde in jedem Unternehmen funktionieren."

Die Welt gehört Madonna, Nana Mouskouri gehört der Welt

Mitte November 2008. Berlin, eine Nebenbühne des Admiralspalastes. Vier Tage hat Nana Mouskouri die deutschsprachige Ausgabe ihrer Biografie mit dem Titel "Die Stimme der Sehn sucht" in Hamburg und Berlin vorgestellt. Sie war bei Beckmann in der Talkshow, hat ein Interview nach dem anderen gegeben und stundenlang Autogramme in Buchhandlungen. Jetzt sitzt sie in einem glutroten Fauteuil und erzählt von ihren Begegnungen mit Jazzlegenden, von ihrer Arbeit mit Jones und Belafonte, von ihrem Freund Leonard Cohen und wie sie Dylan kennenlernte. Und natürlich, wie sie einmal in Athen in einem kleinen Club sang, wie die Callas, die sie verehrte, Platz nahm, wie sie in der Pause an ihren Tisch gerufen wurde. Wie die Callas sagte: "Wichtig ist nicht, was du machst, sondern wie du es machst." Sie genießt die Anerkennung im Spätherbst einer langen Karriere. Kraemer sagt: "Früher erschien sie nur in der Yellow Press, wo sie die Rezepte ihrer Weihnachtsplätzchen verriet."

Nach der Veranstaltung signiert die Sängerin geduldig Bücher und CDs. Eine zierliche Dame mit schwarzem lockigem Haar sorgt im Gedränge dafür, dass niemand übersehen wird. Die Elli. Hinter dem Podium steht Oliver Schwarzkopf. Ihr deutscher Verleger ist immer noch ergriffen von den Erfahrungen der vergangenen Tage. Schwarzkopf schwärmt von Nana Mouskouri. Schwarzkopf schwärmt von Elke Balzer. Schwarzkopf schwärmt, dass die Lektorin in Paris bei der Familie Mouskouri/Chapelle wie ein Familienmitglied aufgenommen und sogar zum orthodoxen Osterfest eingeladen worden sei. Sein Fazit: "Unkompliziert, professionell, toll! Wow! " Schwarzkopf kann es beurteilen. Er hat auch schon Bücher über die Rolling Stones, Udo Lindenberg, von Eminems Mutter und Madonnas Bruder verlegt. Seiner Erfahrung nach lassen alle Stars "irgendwann ihre Maske fallen, weil sie schlecht geschlafen haben, erschöpft sind, das Hotel nicht passt. Nana war in jedem Moment liebenswert." Alle, die sie kennen, erzählen solche Geschichten. Und sie alle nennen sie Nana, mit einem Timbre in der Stimme, das man von Verliebten kennt.

Die Welt gehört Madonna, Nana Mouskouri gehört der Welt. Ist das die Geschichte? Musikmanager Schedler sagt: "Nana steht für populäre Musik, für Emotion, für Herz, auch das ist eines der großen Bedürfnisse des Marktes. Was spricht dagegen, ein schönes Lied zu hören?" Und Fanklub-Funktionär Hoffmann, der zwölf war, als er Nana Mouskouri zum ersten Mal im Fernsehen singen hörte, das Lied hieß "Alles, was du brauchst, ist Liebe", Hoffmann, von Beruf Beamter, der von Verdi bis Heavy Metal alles mag, sagt: "Natürlich geht es bei Nana um Heile-Welt-Wünsche, Heile-Welt-Denken." Und, mal ehrlich, das hat jeder. Der Berliner Liedermacher Funny van Dannen erzählt in seinem Song "Nana Mouskouri" von coolen Erfolgstypen, die behaupten, für Gefühle keine Zeit zu haben. Bis sie einem im Refrain wieder begegnen: "Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert/ Ich hab' dich gesehen, mein Freund/Gib es zu, du warst im Nana-Mouskouri-Konzert/ Ich war auch da, und du hast geweint."

Es ist viertel nach zehn, als Nana Mouskouris zweiter Auftritt in Nürnberg ansteht. Sie verlässt den Umkleideraum, geht durch ein großes, leeres Foyer, vor der Glasfront ist die Nacht schwarz wie Pech. Sie geht vorbei an mausgrauen Wänden in ihrem schwarzen Kleid. Sie geht durch eine Eisentür, einen dunklen Vorhang, hinein ins gleißende Licht. Jetzt steht sie am Mikrofon. Die Musik setzt ein, "Die Rose". Nana Mouskouri schließt die Augen, ihr Oberkörper, die Hüften wiegen sich zur weichen Melodie. "Ich hätte vielleicht eine andere Sängerin werden können", hatte sie vorher gesagt, "aber so ist das Leben. Ich bin stolz, dass ich die Welt auf meine Art vereint habe." Sie wollte immer nur singen. Und deshalb ist sie hier und singt: "Doch vergiss nicht, an dem Zweig dort, der im Schnee beinah' erfror/ Blüht im Frühjahr eine Rose, so schön wie nie zuvor."

Am Ende ist die Erklärung für den Erfolg von Nana Mouskouri gar nicht so schwer. Sie ist alles, was Madonna nicht ist, über die die Berliner Romanautorin Sarah Khan in der Essaysammlung "Madonna und wir - Bekenntnisse" schreibt: "Sie ist und bleibt gesund, schön, dominant, selbstbestimmt und heldisch wie eine antike Statue. Den Mut, den schweren Weg des Verfalls und Wandels gemeinsam mit allen Sterblichen zu gehen, hat sie nicht. Wenn man mich fragt: Sie verdient unsere Liebe nicht. Genau deshalb."