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Was Wirtschaft erregt

Der Schein der Zahl

Die Deutsche Bank schloss das vergangene Jahr mit einem Verlust von 3,9 Milliarden Euro ab - und startete in das neue Jahr mit einem Plus von fast drei Milliarden Euro. Ein bilanzielles Wunder.




Die Zahlenwelt der Banken hat eine Dimension erreicht, die sich dem Urteilsvermögen von Normalsterblichen entzieht. Das zeigte sich zuletzt, als die Deutsche Bank im Februar ihren Abschluss für das katastrophale Jahr 2008 präsentierte. Mit einem Minus von 3,9 Milliarden Euro wies das Institut sein erstes Verlustjahr seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Josef Ackermann beeilte sich zu erklären, mit diesem Ergebnis "absolut unzufrieden" zu sein. Doch fast im selben Atemzug betonte der Konzernchef, dass das Geschäftsmodell seiner Bank nach wie vor "intakt" sei und er von einem "erfolgreichen Start" in das Jahr 2009 berichten könne: Die Deutsche Bank habe im Januar bereits wieder Erträge von 2,8 Milliarden Euro erzielt.

Seit die Finanzkrise tobt, sind Milliardenbeträge zur inhaltsleeren Chiffre verkommen. Sie stehen für unfassbare Verluste, Wertberichtigungen oder auch für die Höhe von staatlichen Maßnahmen zur Stütze der Konjunktur. Die Schweizer Großbank U BS etwa erlitt im vergangenen Jahr einen Verlust von umgerechnet 13 Milliarden Euro. Der amerikanische Staat wiederum will ein Hilfspaket für seine Banken von 2000 Milliarden Dollar schnüren - unvorstellbar viel Geld.

Je schlechter es der Finanzwelt geht, desto mehr schafft sie Konfusion. Hat die Deutsche Bank nun ein Problem oder nicht, wenn sie bereits in den ersten paar Wochen des Jahres fast drei Milliarden Euro verdient hat? Zwischen den düsteren Prognosen der Crash-Propheten und den optimistischen Reden der im Amt verbliebenen Bankoberen rund um den Globus ist die Antwort schwer zu finden.

Doch das erstaunt nicht. Die Finanzkrise hat bereits einiges über die enormen Dimensionen des Geldgeschäfts offenbart. Ende 2007 betrugen die ausstehenden Finanzderivate, selbst konservativ geschätzt, 400 000 000 000 000 Dollar. Das sind 400 Billionen. Dieser Wert - selbst wenn er inzwischen wieder etwas geschrumpft ist - entspricht ungefähr dem siebenfachen Bruttoinlandsprodukt der Welt. In diesen Sphären bewegt sich die Finanzindustrie heute. Anders ausgedrückt: Geld ist abstrakt geworden, weil es in solchen Dimensionen keinen greifbaren Gegenwert mehr besitzt. Welche Folgen das haben kann, veranschaulichte der Börsenhändler Jérôme Kerviel Anfang 2008. Der Angestellte der französischen Bank Société Générale brachte es fertig, binnen weniger Tage mehrere Milliarden Euro zu verspekulieren, und stürzte so seinen Arbeitgeber in eine schwere Krise.

Gerade die so schwer fassbaren Größenverhältnisse erlauben es den Top-Bankern, immer wieder neue Verheißungen zu machen. Denn das beflügelt die Börsen. Und es ist der Grund dafür, dass Josef Ackermann das miserable Ergebnis von 2008 mit einer einzigen, zukunftsgerichteten Bemerkung beinahe neutralisieren konnte - eine rhetorische Meisterleistung, solange niemand derlei Aussagen hinterfragt.

Klar, fast drei Milliarden Euro an Erträgen in den ersten Wochen dieses Jahres klingen beeindruckend. Allerdings erlitt die Deutsche Bank allein im vierten Quartal 2008 einen Verlust von 4,8 Milliarden Euro. In diesem Zusammenhang sind die Milliarden relativ und die Einschätzungen mancher Bankchefs umso profaner, wie Josef Ackermanns Worte, wonach die Zeiten nun "schwierig" seien und große "Herausforderungen" bevorstünden.

Das ist viel heiße Luft und zeigt, wie ahnungslos selbst die Experten dem Finanz-Universum gegenüberstehen. In der Krise offenbart sich die Banalität vieler Verlautbarungen. Noch am 10. Juli 2007 verkündete Charles Prince, der damalige Chef des US-Finanzkonzerns Citigroup: "Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und tanzen. Und wir sind immer noch am Tanzen." Wenige Wochen später musste Prince wegen milliardenschwerer Abschreibungen im amerikanischen Immobiliengeschäft zurücktreten. Der Rest ist Geschichte.

So bleibt zu hoffen, dass Ackermann sich im Dickicht seiner Vokabeln nicht verheddert. "Es wäre eine Schande", könnte man hier anfügen; also jene markigen Worte, die Ackermann selber benützte, als er ausschloss, dass die Deutsche Bank staatliches Geld zur Rettung annähme.