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Suburbia im Zentrum

Alle reden von den Metropolen. Aber wenn Menschen nach der Lebensqualität ihres Wohnortes gefragt werden, liegen die Klein- und Mittelstädte vorn. Warum das so ist und was die Großstädte daraus lernen können, erklärt die Stadtplanerin Irene Wiese-von Ofen.




brand eins: Was macht eine Stadt attraktiv?

Wiese-von Ofen: Für jemanden, der für sich persönlich eine Entscheidung zu treffen hat, sind die Wohnwelten und natürlich die Arbeitsmöglichkeiten entscheidend. Wobei sich die Bedürfnisse der Menschen unterscheiden: Für eine Familie mit kleinen Kindern sind Schulen, Kindergärten oder Einkaufsmöglichkeiten sicher wichtiger als für einen Vorstandschef oder einen Studenten.

Für Kindergärten kann eine Stadt sorgen, beim Schaffen von Arbeitsplätzen ist ihr Einfluss begrenzt.

Das ist tatsächlich seit 30, 40 Jahren die besondere Herausforderung der Stadtentwicklung. Die traditionellen Muster, die seit der industriellen Entwicklung bis in die sechziger Jahre stabil waren, haben sich aufgelöst. Heute kann niemand mehr davon ausgehen, seinen Arbeitsplatz am selben Ort bis zur Rente zu behalten.

Auf der anderen Seite ist es auch eine Frage der Tradition und der regionalen Unterschiede. In Baden-Württemberg gibt es bis heute viele kleinere Unternehmen, oft noch in der Hand einer Familie. Im Ruhrgebiet und im Saarland boten vor allem Großunternehmen Arbeit an. Das prägt die Mentalitäten. In Regionen, die über Jahrzehnte an Großstrukturen gewöhnt waren, fällt es den Menschen schwerer, Eigeninitiative zu entwickeln. Es fehlen die Erfahrungen, die Vorbilder. Ein Strukturwandel dauert lange.

Allzu lange können die Städte aber nicht warten, sonst fehlen ihnen sehr bald die Menschen, die sie eigentlich für einen solchen Wandel bräuchten ...

Deshalb initiieren die Städte Planungswerkstätten und Gesprächskreise quer durch die Bevölkerung, veranstalten Wettbewerbe oder versuchen, alte Produktionsgebäude mit IT-Unternehmen oder einem Gesundheitscampus neu zu beleben. Das Ruhrgebiet oder auch Berlin locken mit günstigen Mieten ein kreatives Milieu an, das neue Arbeitsplätze und -bedingungen schafft. Hier geht es vor allem darum, zu moderieren. Die Stadtplaner müssen den Kämmerer und die Eigentümer alter Gebäude überzeugen, dass es langfristig profitabler ist, heute auf Gewerbesteuer und maximale Miete zu verzichten - zugunsten des Aufbaus eines kreativen Milieus.

Durch neue Techniken ist es für viele Menschen aber gar nicht mehr erforderlich, am Arbeitsort zu wohnen.

Das beobachten wir auch. Arbeitszeitflexibilisierung und Informationstechnologie haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen zumindest teilweise von zu Hause aus arbeiten. Was natürlich bedeutet, dass der Wohnort und das Lebensumfeld an Bedeutung gewonnen haben. Darüber hinaus beobachten wir, dass immer längere Wege zum Arbeitsplatz in Kauf genommen werden. Vor allem, wenn die Wohnumgebung ein stabiles Lebensumfeld bietet, was die Arbeitswelt heute oft nicht mehr tut.

Städte mit hohem Wohnwert sind demnach im Vorteil gegenüber jenen, die nur ein Arbeitsumfeld bieten?

Der Wohnort hat eine stärkere Bedeutung bekommen als bisher. Aber für sehr viele Menschen ist die Nähe zum Arbeitsplatz trotzdem das entscheidende Kriterium. Die moderne Stadtplanung steht vor dem Problem, dass sich die Gesellschaft immer weiter ausdifferenziert und sich kaum noch einheitliche Lebensmuster erkennen lassen. Man kann also immer nur Schwerpunkte setzen.

So wie Sun City in Arizona, das sich auf ältere Bevölkerungskreise konzentriert?

Alle, die Verantwortung für Stadtentwicklung tragen, versuchen das in deutschen Städten zu vermeiden. Auch wenn es natürlich gewisse Schwerpunkte gibt. Baden-Baden ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie eine Stadt beliebter Standort für betuchte Ältere ist und bleibt. Aber es ist trotzdem eine offene Stadt. Gated Communities wollen wir Stadtplaner in Deutschland nicht. Aber natürlich versuchen etliche Städte für bestimmte Bevölkerungsgruppen attraktiv zu sein. Und da gibt es eine Fülle von Stellschrauben. Städte, die sich auf Familienfreundlichkeit eingestellt haben, geben Kindergärten Priorität, haben lange Ladenöffnungszeiten, einen kinderwagenfreundlichen Nahverkehr, gute Radwege. Ob eine solche Strategie erfolgreich ist, hängt aber dann noch ganz wesentlich von den Einrichtungen vor Ort ab. Arbeitet zum Beispiel das Theater in fantasievollen Projekten mit Kindergärten zusammen? Gibt es eine Schulwegsicherung? Ist die Schule mehr als eine Schule: ein zentraler Ort in der Stadt?

Was bedeutet, dass plötzlich Standorte eine Chance bekommen, die früher kaum eine gehabt hätten.

Eindeutig. Denken Sie an kleinere Kommunen im Umfeld von Metropolen. Das hat damit zu tun, dass die kleinere Stadt mit der überschaubareren Versorgung für Familien mit Kindern ein beliebterer Wohnstandort ist als Großstädte. Nehmen Sie etwa Buxtehude. Ich kenne Beispiele, wo der eine Elternteil nach Hannover und der andere nach Hamburg zur Arbeit fährt. Stadtplaner sehen solche Entwicklungen gar nicht gern.

Wieso ist für Fachleute unbefriedigend, was offenbar den Bedürfnissen vieler Menschen entspricht?

Weil Sie eine optimale Versorgung mit Schulen, Gesundheitsvorsorge, Sozialbetreuung, Krankenhäusern, Einkaufsmöglichkeiten und vieles mehr nur organisieren können, wenn durch eine gewisse Konzentration der Einzugsbereich hinreichend tragfähig ist. Bei zersplitterten Siedlungsstrukturen klappt das nicht. Hinzu kommen die hohen Kosten durch die Anbindung und Erschließung mit Straßen und der Flächenverzehr. Zudem lassen sich Mehrfamilienhäuser sehr viel energiesparender beheizen, mit Wasser und Kanalisation versorgen als allein stehende Einzelhäuser.

Die konzentrierte Stadt entspricht übrigens der traditionellen europäischen Stadt mit ihren gemischten Strukturen. Und gemischte Strukturen sind der große Vorteil der Großstädte. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass Leipzig einen echten Aufschwung erlebt. Es ist genau wie Berlin eine Gründerzeitstadt. Wenn Sie dort durch die Straßen gehen, haben Sie überall kleine Geschäfte in den Erdgeschossen, die alles Mögliche anbieten. Von der Kleinkunst und selbst gebackenen Keksen bis hin zu exklusiven Schuhen. Diese Vielfalt fehlt in den Neubau-Städten. In Halle-Neustadt beispielsweise haben Sie rund 50 000 bis 60 000 Einwohner auf einer Fläche, auf der bequem drei Mittelstädte Platz finden könnten. Da gibt es ein abgezirkeltes Einkaufszentrum, und das war es dann. Vielfalt bekommen Sie erst ab einer gewissen Konzentration von Menschen im Einzugsgebiet, die die unterschiedlichen Angebote in Anspruch nehmen und vielleicht auch erst kreieren. Konzentration ist ein starker Treiber von Vielfalt. Und Vielfalt ist ein ganz wesentliches Element von Attraktivität.

Auf der anderen Seite gibt es offensichtlich Menschen, die Halle-Neustadt attraktiv finden.

Ohne Zweifel ist der Städtebau der sogenannten "gegliederten und aufgelockerten Stadt" auch heute noch attraktiv. Halle versucht deshalb die Strategie der Doppelstadt und bemüht sich, die Neustadt zu stabilisieren und besser an die historische Altstadt anzubinden. Nicht zuletzt, damit im Altstadtkern der Stadt noch genügend Menschen unterwegs sind, um ihn erhalten zu können.

Es gibt die Befürchtung, dass wegen der Karstadt-Insolvenz ganze Stadtkerne veröden, wenn kein Kaufhaus mehr da ist. Ist die Sorge berechtigt?

Darüber gibt es viele Untersuchungen. Fast alle kommen zu dem Schluss, dass das, was die Kaufhäuser traditionell geboten haben, nämlich das gemischte Warenangebot aus einer Hand unter einem Dach, für die Kundschaft ein wichtiger Anziehungspunkt war -und Orientierung für die umliegenden kleineren Einzelhandelsgeschäfte, die ihr Sortiment ergänzend aufgebaut haben. Insofern waren Kaufhäuser eine wichtige Voraussetzung dafür, dass der Einzelhandel funktionieren konnte.

Inzwischen hat sich das Einkaufsverhalten gleich mehrfach verändert. Denken Sie an die großen Einkaufszentren auf der sogenannten grünen Wiese. Inzwischen aber sind auch diese Zentren keine Selbstläufer mehr. Die erfolgreichen stützen sich vor allem auf Fachmärkte mit einer enormen Sortimentstiefe, weil die Kenntnisse der Käufer nicht zuletzt durch das Internet immer größer werden und damit die Ansprüche steigen. Kaufhäuser mit ihrem Allround-Angebot entsprechen den Kaufwünschen der heutigen Generation einfach nicht mehr.

Trotzdem ist in kleineren Städten eine Schließung des Kaufhauses ein herber Verlust, weil Kaufhäuser vielfach eben doch noch zentraler Versorgungspunkt waren und das Gleichgewicht zwischen den traditionellen Einzelhandelsgeschäften und einem auch überörtlich interessanten Angebot sichergestellt haben.

Der Handel ist und bleibt ein ganz wesentliches Element einer attraktiven Stadt.

Was können Städte für einen attraktiven Handel tun?

Dabei hilft uns das Planungsrecht. Das ist das Instrument, mit dem Städte bestimmte Entwicklungen steuern, begünstigen oder begrenzen können. Mit diesem Instrument lassen sich auch unterschiedliche Nutzungen planen und untereinander verträglich machen. Das Planungs- und Bauordnungsrecht definiert den rechtlichen Rahmen, in dem sich Händler, Kino- und Spielhallenbetreiber oder Gastwirte dann bewegen können. Dazu gehören autofreie Zonen, das regulierte Parken oder etwa die Zeiten, in denen Waren angeliefert werden können. Es mag auf den ersten Blick sehr kleinteilig erscheinen, aber diese Fülle an regulierenden unterschiedlichen Möglichkeiten hat einen ganz erheblichen Einfluss auf das Erscheinungsbild und die Atmosphäre in einer Stadt.

Inzwischen werden in Innenstadtquartieren Wohnungen gebaut, nicht zuletzt, um sie wieder zu beleben.

Viele Stadtplaner hoffen sehr darauf, dass wieder mehr Menschen in die Innenstädte ziehen. Das trifft sich mit den Wünschen gerade auch der älteren Bevölkerung, die erkennt, dass die Versorgung in ländlichen Regionen lange und mühsame Wege bedeutet.

Die städtische Architektur ist nicht für jeden attraktiv, viele Menschen leben lieber im Grünen. Wie lässt sich das vereinbaren?

Das ist die nächste Anforderung, der sich die Städte stellen müssen. Sie müssen Wohnangebote zulassen und fördern, die zwar keine Einfamilienhäuser sind, aber doch zumindest ähnliche Qualitäten haben, was private und öffentliche Freiräume betrifft. In Essen haben wir festgestellt, dass die meisten Menschen, die die Stadt verlassen haben, im Umland gar nicht in Einfamilienhäuser mit großem Garten gezogen sind, sondern in zweigeschossige Wohnhäuser für sechs bis acht Familien, mit geräumigen Terrassen oder Balkonen und Blick ins Grüne.

Verbraucht eine solche Bebauung nicht viel zu viel Fläche?

Wir haben in den Innenstädten noch nie so viele Flächen gehabt wie jetzt. Denken Sie an die Areale der Bahn oder der Post, die nicht mehr genutzt werden. Oder an ehemalige Militärgelände und ehemalige Produktionsanlagen der Industrie. Zugegeben, das sind nicht die Flächen, die wir uns auf den ersten Blick als ideale Wohnquartiere vorstellen; häufig sind die Böden kontaminiert oder noch mit Altanlagen bebaut, aber es gibt sie.

Diese Flächen bieten viel Potenzial - sind aber für die Städte ein bislang ungelöstes Problem: An die Bahnflächen kommen sie oft nicht ran, weil die Bahn in Anbetracht der Innenstadtlage Kaufpreise aufgerufen hat, die die Städte häufig nicht bezahlen konnten, bei anderen Flächen ist die Aufbereitung sehr teuer. Aber die Bereinigung dieser Lagen, sie neu zu bebauen, sie anders zu nutzen, als sie weiter brachliegen zu lassen, würde viele Innenstädte sicher attraktiver machen. Der Krupp-Park mitten in Essen ist ein gutes Beispiel dafür, dass so etwas gelingen kann. Dort wurde gerade eine jahrzehntelange Industriebrache in ein Naherholungsgebiet umgewandelt. Auch Wohnungen werden dort entstehen. Davon profitieren die umliegenden Stadtteile ganz enorm.

Gibt es so etwas wie die optimale Größe einer Stadt?

Nein. Für jemanden, der sich für einen Wohnort entscheidet, ist die optimale Größe eine persönliche Entscheidung. Das Gros der Stadtplaner geht davon aus, dass eine Geschossflächenzahl von 2 bis maximal 2,5 ein gutes Maß für eine städtische Bebauung ist. Diese Kennzahl gibt an, wie viel Quadratmeter Geschossfläche auf einen Quadratmeter Grundstück kommen, und dieses Verhältnis zwischen den privaten Wohnbereichen und Freiflächen wird von den meisten Menschen noch als angenehm empfunden. Auch die Versorgung mit öffentlichen Einrichtungen und Einkaufsmöglichkeiten lässt sich ganz gut organisieren. Bei Geschossflächenzahlen, die darüber liegen, wird es schwierig mit dem Parken, mit privaten Spielplätzen und anderen Freiflächen. Wobei man sehen muss, dass viele der heute beliebten Gründerquartiere in Berlin wie Kreuzberg Geschossflächenzahlen von vier oder fünf aufweisen.

Wäre das bei Neubauten heute noch vertretbar?

Eher nicht. Allerdings ist die Geschossflächenzahl für uns nur eine Krücke, denn heute leben viel weniger Menschen auf der gleichen Fläche als früher. In den fünfziger Jahren lebte eine Person rechnerisch auf 14 Quadratmeter, heute sind es im Durchschnitt 47 Quadratmeter. Was natürlich bei der Planung von Schulen oder des öffentlichen Nahverkehrs bedacht werden muss. In vielen Städten wird es da wohl noch empfindliche Einschnitte geben müssen, denn der öffentliche Nahverkehr lässt sich natürlich nur einigermaßen kostendeckend betreiben, wenn genügend Fahrgäste zusammenkommen. Gerade hier aber müssen Einschnitte sorgfältig geplant sein, denn durch den Individualverkehr haben wir schon eine Menge Stadtzerstörung erlebt. Davon abgesehen, ist die Möglichkeit, mit öffentlichen Bussen und Bahnen überall gut hinzukommen und vielleicht sogar ganz aufs Auto verzichten zu können, ein starkes Argument für die Stadt als Lebens- und Wohnort. Genauso übrigens wie Kultur.

Das mag schon sein. Aber braucht wirklich jede Stadt ein eigenes Stadttheater?

Kultur ist für eine Stadt generell ein ungeheuer wichtiger Faktor, und sie manifestiert sich nicht nur im Stadttheater. Ich rechne zur Kultur genauso die schönen Altstädte, von denen es ja bei uns immer noch viele gibt. Kultur ist aber auch das, was die Menschen selber initiieren, sei es eine Foto- oder Theatergruppe, Mal- und Musikkurse oder Ausstellungen. All das stabilisiert das Heimatgefühl. Und das Stadttheater oder die Oper haben auch auf diejenigen eine identitätsstiftende Wirkung, die sich keine Eintrittskarte leisten können oder wollen. -